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Zur Schrift von Michael Heinrich, „Wie das Marxsche Kapital lesen“

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Eine Kritik von Wolfram Klein


 

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Einleitung

Die „Kapital-Lese-Bewegung” der letzten Jahre brachte Hunderte und Tausende in Berührung mit einem der wichtigsten Werke der Arbeiterbewegung. Dies kommt zu einem wichtigen Zeitpunkt: Die Krise des Kapitalismus unterstreicht erneut die dringende Notwendigkeit mit diesem auf Ausbeutung beruhenden System Schluss zu machen.

Für diesen Kampf stellte Marx mit dem Kapital eine Methodik und ein ganzes Instrumentarium der Analyse des Kapitalismus zur Verfügung. Kein Wunder, dass diese Analyse und ihre Methoden selbst Feld der Auseinandersetzung sind.

Michael Heinrich leistete einen wichtigen Beitrag zur Belebung der Kapital-Lese-Bewegung und zur erneuten Diskussion um dieses Hauptwerk des Marxismus. Seine Schriften werden vielfach als Hilfe für NeueinsteigerInnen in die Kritik der politischen Ökonomie genutzt.

Heinrich bricht bei seiner Darstellung allerdings mit Grundlagen der Methode und des Verständnisses von Marx. Während Marx seine geistige und praktische Tätigkeit in den Dienst der Arbeiterbewegung stellte, will Heinrich mit dem “Arbeiterbewegungs-Marxismus” brechen. Während Marx führender Kopf der ersten Internationale war, sieht Heinrich wenig Veranlassung, eine revolutionäre Organisation oder Arbeiterorganisationen aufzubauen.

Heinrichs Theorie beruht auch auf seiner Interpretation des Kapital: Heinrich unterstellt vom Tauschakt (Arbeitskraft gegen Geld) geblendete ArbeiterInnen, die genauso systemimmanent agieren, wie die ihnen gegenüber stehenden Kapitalisten.

Mit Heinrichs Darstellung wird der Sozialismus von einer Wissenschaft (beruhend auf dem Verständnis der Rolle der Arbeiterklasse) wieder zu einer Utopie: Ob und wer den Kapitalismus durchschaut und dagegen handeln wird, wird zum reinen Zufall der persönlichen Erkenntnis.

Der vorliegende Diskussionsbeitrag beschränkt sich dabei auf die von Heinrich in Bezug auf das Kapital vorgenommenen Interpretationen, die all diese Schlussfolgerungen stützen sollen. Ich will hier darstellen, wie Heinrich dabei anfangs kaum merkbar, dann immer deutlicher in scharfen Gegensatz zu Marx tritt – ohne dies offen zu legen.

Michael Heinrich gehört seit einer ganzen Reihe von Jahren zu den bekanntesten Interpreten von Marx ökonomischen Theorien. Es war eine beachtliches Verdienst, in den 90er Jahren grundlegende marxistische Ideen zu verteidigen – als bürgerliche Autoren das „Ende der Geschichte“ verkündeten, als Kohls Arbeitsminister Norbert Blüm erklärte „Marx ist tot, Jesus lebt“ …

Der Autor dieser Kritik weiß das zu würdigen, weil er selber auch in dieser Zeit aktiv war, aber im Unterschied zu Heinrich das Glück hatte und hat, Mitglied einer revolutionären Organisation, der Sozialistischen Alternative (SAV) und damit des Komitees für eine Arbeiterinternationale (englisch: CWI), zu sein, in der wir uns dem Druck der bürgerlichen Ideologie und Propaganda kollektiv entgegenstellen. Trotzdem hat dieser ideologische Druck bei Heinrichs Ansichten zu wichtigen Fragen der Marxschen Theorie seine Spuren hinterlassen. Deshalb besteht die Gefahr, dass Heinrich zunehmend eine bremsende und in die Irre führende Rolle spielen wird, weil inzwischen eine neue Generation die Marxschen Ideen kennen zu lernen will. Vor diesem Hintergrund ist der Gedanke von Heinrich, dem ich am meisten zustimmen kann, der Appell, Marx im Original zu lesen. Und deshalb werde ich mich auch in dieser Kritik mich darauf konzentrieren, Heinrichs Interpretation der Marxschen Ideen mit dem Marxschen Original zu konfrontieren.

Diese Kritik kann teilweise als Zitatenhuberei oder kleinkarierte Flohknackerei wirken. Ich hoffe aber, dass im Verlauf der Untersuchung deutlich werden wird, dass es sich um ernste Differenzen handelt. Diese Differenzen haben auch wichtige politische Folgen. Ich werde in den nächsten Monaten versuchen, das bei einer Kritik an Heinrichs beiden anderen Büchern „Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition“ (Münster ²1999) und „Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung“ (Stuttgart ³2005)1 zu belegen, die hier nur soweit diskutiert werden, wie sie den gleichen Gegenstand wie „Wie das Marxsche Kapital lesen“ behandeln.

Hier sollen nur drei zentrale Differenzen kurz angedeutet werden: Heinrich folgert aus der Marxschen Analyse des “Fetischismus”, dass ArbeiterInnen ebenso wenig wie Kapitalisten die Verhältnisse im Kapitalismus durchschauen können. Diese Einschätzung ist doppelt falsch. Es ist zwar richtig, dass die meisten ArbeiterInnen kein revolutionäres Bewusstsein haben (und auch in den meisten Phasen der Geschichte nicht hatten). Wenn es anders wäre, hätten sie den Kapitalismus schon längst gestürzt. Wir ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass die Arbeiterklasse den Kapitalismus nicht spontan stürzen kann, sondern sich organisieren muss und auch eine revolutionäre Massenpartei aufbauen muss. Falsch ist aber erstens, dass dieses nichtrevolutionäre Bewusstsein sich so direkt aus dem Fetischismus ableiten ließe. Die Verbreitung nationalistischer, rassistischer, sexistischer etc. Ideen spielt dabei auch eine ganz nette wichtige Rolle. (Hier geht es nicht darum, dass solche Ideen irgendwie auch mit dem Fetischismus zu tun haben, sondern darum, dass sich das Bewusstsein nicht direkt aus dem Fetischismus ableiten lässt.) Falsch ist zweitens auch, dass daraus, dass die Masse der ArbeiterInnen in normalen Zeiten kein revolutionäres Bewusstsein hat, sich ergibt, dass die Arbeiterklasse in nicht normalen Zeiten ebenso schwer wie die Kapitalisten zu einem revolutionären Bewusstsein gelangen kann. Lenin machte in seiner Schrift „Was tun“ 1902 den Fehler, dass er unter dem Einfluss von Karl Kautsky schrieb, die Arbeiterklasse könne nur zu einem „trade-unionistischen“ (gewerkschaftlichen) Bewusstsein gelangen und das revolutionäre Bewusstsein müsse von außen in sie hineingetragen werden. Lenin hat diesen Fehler schon während der Revolution 1905 wieder korrigiert. Aber Heinrich, der Lenin und Kautsky als Traditionsmarxisten (s. u.) verdammt und meint, sie weit hinter sich gelassen zu haben, propagiert genau diesen Fehler von ihnen in anderen Formulierungen.

Zweitens lehnt Heinrich nicht nur Marx’ Auffassung ab, im Kapitalismus gebe es eine „tendenziell fallende Profitrate“. Soweit Heinrich damit Vorstellungen bekämpft, der Kapitalismus würde irgendwie automatisch zusammenbrechen, hat er Recht. Aber er schüttet das Kind mit dem Bade aus. „Sind aber solche tiefen Krisen unvermeidbar, so wird damit auch immer wieder die gesamte Lebenslage der Arbeiterklasse prekär: für alle einmal erreichten Sicherungen und Standards besteht dann die Gefahr, dass sie den Erfordernissen der Kapitalverwertung geopfert werden. Indem jedoch die Bedingungen der Produktion von Profit immer wieder mit den elementaren Lebensinteressen der Mehrheit der Bevölkerung kollidieren, wird sich auch immer wieder von neuem die Frage nach der Legitimität dieses Gesellschaftssystems und nach der Möglichkeit einer gesellschaftlichen Alternative stellen.“ (Wissenschaft vom Wert, S. 370) Positiv ist, dass Heinrich hier ausdrücklich die Arbeiterklasse erwähnt und die Wirkung der Krisen auf ihre Lebenslage – offenbar ist die Arbeiterklasse doch nicht immer Teil eines Einheitsbreis mit durch den Fetischismus der kapitalistischen Verhältnisse irregeleitetem Bewusstsein. Aber für Heinrich gibt es keine Zuspitzung der Widersprüche, keine historischen Tendenzen des Kapitalismus, sondern nur ein „immer wieder“ der Krisen. Nachdem es seit etwa 1825 etwa alle zehn Jahre eine Konjunkturkrise gibt, ohne dass die Arbeiterklasse den Kapitalismus gestürzt hat, ist nicht zu verstehen, warum wir in Zukunft erfolgreicher sein sollten. Heinrich widerspricht hier zwar seiner Auffassung bei der Analyse des Fetischismus bezüglich der Rolle der Arbeiterklasse, aber in beiden Fragen fällt er in den vormarxschen utopischen Sozialismus zurück. Einmal wirft er die subjektiven Voraussetzungen der Überwindung des Kapitalismus über Bord (die Arbeiterklasse als Kraft, die den Kapitalismus stürzen kann), das andere Mal die objektiven Voraussetzungen (die Zuspitzung der Widersprüche im Kapitalismus, die Ansatzpunkte für diesen Sturz erzeugt).

Was noch „zu tun bleibt“, ist, den Sozialismus selbst über Bord zu werfen bzw. seines Inhalts zu berauben. Auch das macht Heinrich in der „Wissenschaft vom Wert“. Aber da Heinrich dabei direkt an Gedankengänge anknüpft, die seine Analyse von Ware und Geld betreffen, also den Gegenstand des hier kritisierten Buchs, ist hier ein passender Platz, um die zentralen Punkte meiner Kritik kurz anzuführen, die im Folgenden dann ausführlich begründet und belegt werden.

Heinrich stellt seine Lesart des „Kapitals“ in die Tradition der „neuen Marx-Lektüre“. Meine Kritik an Heinrich bedeutet nicht, dass ich sämtliche Aussagen dieser „neuen Marx-Lektüre“ für falsch halten würde (nicht einmal: entweder für falsch oder für längst bekannt). Z.B. halte ich es für ein großes Verdienst dieser Lektüre, die unverzichtbare Rolle, die Marx im Unterschied zur klassischen (und heutigen neoklassischen) Ökonomie dem Geld im Austausch zuerkannte, wesentlich stärker herauszustreichen als das bis dahin üblich war. (Backhaus prägte dafür die Begriffe „monetäre Werttheorie“ bei Marx und „prämonetäre Werttheorie“ bei der klassischen Ökonomie.) Ebenso richtig finde ich im Prinzip die Betonung, dass die Reihenfolge der Darstellung im Marxschen „Kapital“ durch den Zusammenhang der ökonomischen Kategorien innerhalb des Kapitalismus bestimmt ist und nicht durch eine historische Aufeinanderfolge der Entstehung. Allerdings gibt es bei der Frage des „Historischen“ im „Kapital“ in der „neuen Marx-Lektüre“ Tendenzen, das Kind mit dem Bade auszuschütten, das Auftreten von Waren in vorkapitalistischen Gesellschaften zu leugnen.

Es ist vielleicht sinnvoll, Marx Gedanken in einer kurzen Zusammenfassung zu zitieren, die er in den „Theorien über den Mehrwert gibt“ – auch weil das Zitat in der Literatur meines Wissens wenig beachtet wurde.

„Wir gehen von der Ware – von dieser spezifischen gesellschaftlichen Form des Produkts – als Grundlage und Voraussetzung der kapitalistischen Produktion aus. Wir nehmen einzelne Produkte in die Hand und analysieren die Formbestimmtheiten, die sie als Ware enthalten, die sie zur Ware stempeln. Vor der kapitalistischen Produktion – in frühren Produktionsweisen – tritt ein großer Teil des Produkts nicht in Zirkulation, wird nicht auf den Markt geworfen, nicht als Ware produziert, nicht zur Ware. Andrerseits ist dann ein großer Teil der Produkte, die in die Produktion eingehen, nicht Ware und geht nicht als Ware in den Prozess ein. Die Verwandlung der Produkte als Waren findet nur an einzelnen Punkten statt, erstreckt sich nur auf den Überschuss der Produktion etc. oder nur auf einzelne Sphären der­selben (Manufakturprodukte) etc. Die Produkte gehen weder dem ganzen Umfang nach als Handelsartikel in den Prozess ein, noch kommen sie ihrer ganzen Breite nach als solche aus ihm heraus. Dennoch ist die Entwicklung des Produkts zur Ware, Warenzirkulation und daher Geldzirkulation in be­stimmten Grenzen, daher ein bis zu gewissem Grad entwickelter Handel Voraussetzung, Ausgangspunkt der Kapitalbildung und der kapitalistischen Produktion. Als solche Voraussetzung behandeln wir die Ware, indem wir von ihr als dem einfachsten Element der kapitalistischen Produktion ausgehen. Andrerseits aber ist das Produkt, das Resultat der kapitalistischen Produktion, Ware. Was als ihr Element erscheint, stellt sich später als ihr eignes Produkt dar. Erst auf ihrer Basis wird es allgemeine Form des Produkts, Ware zu sein, und je mehr sie sich entwickelt, desto mehr gehen auch die Produkte in der Gestalt der Ware als Ingredienzien in ihren Prozess ein. Die Ware, wie sie aus der kapitalistischen Produktion herauskömmt, ist verschieden von der Ware, wie von ihr als Element der kapitalistischen Produktion ausgegangen wird. Wir haben nicht mehr die einzelne Ware, das einzelne Produkt vor uns. Die einzelne Ware, das einzelne Produkt erscheint nicht nur reell als Produkt, sondern auch als Ware, als nicht nur reeller, sondern auch ideeller Teil der Gesamtproduktion. Jede einzelne Ware [er­scheint] als Träger eines bestimmten Teils des Kapitals und des von ihm geschaffnen Mehrwerts.“ (MEW 26.3, S. 108f.)2

Die Ware ist also „eine spezifische gesellschaftliche Form des Produkts“. Marx geht von der Ware „als Grundlage und Voraussetzung“, als „einfachstes Element der kapitalistischen Produktion“ aus. Historisch, in vorkapitalistischen Gesellschaften, war ein Großteil der Produkte keine Waren. Auch Produkte, die schließlich als Waren verkauft wurden, wurden nicht als Waren produziert, sondern erst nachträglich als Waren verwendet. Diese Verwandlung in Waren, Warenzirkulation und Geldzirkulation sind die Voraussetzung, der Ausgangspunkt der Kapitalbildung und des Kapitalismus. Das alles ist der Ausgangspunkt der Marxschen Analyse, der Gegenstand der ersten Kapitel des Kapitals. Später (nämlich im dritten Band des Kapitals) behandelt Marx dann die Ware „als eignes Produkt“ der kapitalistischen Produktion, die „Ware, wie sie aus der kapitalistischen Produktion herauskömmt“. Der entscheidende Unterschied zwischen der Ware als Grundlage, Voraussetzung und Element der kapitalistischen Produktion im ersten Band und der Ware als Produkt der kapitalistischen Produktion im dritten Band des Kapitals ist, dass Marx im dritten Band den Begriff des Produktionspreises der Ware einführt. Womit wir es im Kapitalismus real zu tun haben ist aber (bis auf wenige zu vernachlässigende Ausnahmen) die Ware als Produkt der kapitalistischen Produktion. Die Ware als Grundlage, Voraussetzung, Element der kapitalistischen Produktion ist ein notwendiger Analyseschritt, aber eine nichtempirische Theorieebene. Dass es diese Ebene bei Marx gibt und eine entscheidende Rolle spielt, weiß Heinrich auch. In der „Wissenschaft“ hat er es zu Recht betont. Nur: Wenn der Kauf und Verkauf von Waren in der empirischen Wirklichkeit gar nicht zu ihren Werten stattfindet, sondern zu von ihnen verschiedenen Produktionspreisen (oder genauer: zu Marktpreisen, die um die Produktionspreise pendeln), dann ist die Annahme sinnlos, die Werte würden erst durch den Tauschakt fixiert. Aber das ist Heinrichs Position – oder vielmehr, das ist in zwei der drei Positionen beinhaltet, zwischen denen Heinrich schwankt. Nach seiner extremen Lesart ist die Produktion im Kapitalismus eine Produktion von Gütern, die erst im Moment des Tauschakts in Waren verwandelt werden. Nach seiner gemäßigten Lesart ist die kapitalistische Produktion Warenproduktion. Wie groß der Wert der Waren ist, entscheidet sich aber erst im Austausch. Und gelegentlich vertritt er auch die wirkliche Marxsche Position, wonach der Wert durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird. Zu diesen Schwankungen kommen noch Differenzen zwischen Heinrichs aktuellem Buch und seinen früheren Büchern:

Weiter: da die Ware im ersten Abschnitt des „Kapitals“ als Grundlage, Voraussetzung und Element der kapitalistischen Produktion untersucht wird, ist ihre Untersuchung nicht Selbstzweck. Sie bereitet die Analyse des Kapitals vor. Das Kapital im Marxschen Sinne (nicht im Sinne bürgerlicher Ökonomen, die sich meist einbilden, Produktionsmittel – Maschinen etc. – seien von Natur aus Kapital oder „Kapitalgüter“, unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen) ist ein gesellschaftliches Verhältnis, „sich selbst verwertenden Wert“, „prozessierender Wert“. Dazu gehört, dass Kapital aus der Geldform in die Warenform übergehen kann und umgekehrt, aus der Produktionssphäre in die Zirkulationssphäre und umgekehrt. Dabei weiß Marx natürlich, dass diese verschiedenen Käufe und Verkäufe misslingen können, dass ein Verkäufer seine Waren nicht oder nur zu einem niedrigeren Preis verkaufen kann (in den letzten Monaten haben wir dafür genügend Beispiele erlebt). Genauso kann es einem Käufer passieren, dass er für seine Waren wesentlich mehr Geld hinblättern muss, als er vorgesehen hatte. Marx bezeichnet daher den Verkauf als den „Salto mortale der Ware“ (Marx, S. 120) Aber der Salto mortale von Zirkusartisten gelingt in der Regel. Auch eine Gesellschaft, die zugleich auf einer hochgradigen Arbeitsteilung und Produktion von Waren für einen Markt beruht, könnte nicht bestehen, wenn dieser Salto mortale nicht in der Regel gelingen würde. Deshalb geht Marx davon aus, dass sich die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus analysieren lassen, indem man von den Abweichungen abstrahiert und voraussetzt, dass die Waren zu ihren Werten (bei der Analyse der Ware als Grundlage, Voraussetzung und Element der kapitalistischen Produktion) bzw. zu ihren Produktionspreisen (bei der Analyse der Ware als Produkt der kapitalistischen Produktion) verkauft werden.

Aber Heinrich stellt das in den Mittelpunkt, was Marx nur der Vollständigkeit halber kurz anführt und wovon er im weiteren Verlauf der Analyse abstrahiert. In diesem Blickwinkel ist jeder Verkaufsakt ein unkalkulierbares Abenteuer und es ist ziemlich unverständlich, wie so ein Kapitalismus überhaupt Jahrhunderte lang bestehen könnte. Heinrich sieht dieses Problem nicht, denn sein Blickwinkel bei der Analyse der Ware ist der Blickwinkel des einzelnen Kapitalisten, der seine Waren verkaufen möchte, derselbe Blickwinkel, der auch in der bürgerlichen Ökonomie vorherrscht. Marx Blickwinkel dagegen ist die Frage, wie sich die kapitalistische Gesellschaft im Ganzen reproduzieren kann. Dass Heinrich in der „Wissenschaft vom Wert“ Marx vorgeworfen hat, nicht konsequent mit der bürgerliche Ökonomie gebrochen zu haben, ist dabei noch ein ganz besonderer Witz.

Aber ein Witz mit Konsequenz: Heinrich rechnet sich zu der „neuen Marx-Lektüre“, die zu Recht die grundlegende Bedeutung des Geldes für den Kapitalismus betont. Aber sein Irrglaube, dass der Wert der Waren durch den tatsächlich vollzogenen Austausch ermittelt werde, lässt ihn in den Marxschen Text Tauschakte hineinphantasieren, wo Marx tatsächlich nur von der Wertbestimmung der Waren durch den Vergleich von Waren schreibt und den Begriff des Geldes noch gar nicht entwickelt hat. So phantasiert er in Marx’ Text den Tausch Ware gegen Ware hinein, während Marx tatsächlich im Unterschied zur bürgerlichen Ökonomie betont, dass im Kapitalismus der Tausch Ware gegen Geld (also Kauf und Verkauf) das Normale ist.

Heinrich „löst“ dieses Problem, indem er an vielen Stellen die Bedeutung des Begriffs „monetäre Werttheorie“ verdreht und mit seinen Ansichten über die Bestimmung des Werts im Austausch identifiziert. Dabei hat die Frage, ob ich Waren gegen andere Waren oder gegen Geld tausche nichts zu tun mit der Frage, ob das quantitative Austauschverhältnis dieses Austauschs sich erst im Tauschakt ergibt oder seine Grundlage außerhalb des Austauschs (im Produktionsprozess) hat.

Das führt uns zur Frage der Sozialismus-Vorstellung von Marx und Engels im Unterschied zu der von Heinrich zurück. Heinrich zitiert Engels „Anti-Dühring“ und Marx „Kritik des Gothaer Programms“. In diesem Text schreibt Marx: „Es herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas geben kann außer seiner Arbeit und weil andrerseits nichts in das Eigentum der einzelnen übergehen kann außer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern ausgetauscht.“ (MEW 19, S. 20, teilweise zitiert in „Wissenschaft vom Wert“, S. 390) Es sollte aus der Marxschen Darstellung der ersten Phase einer kommunistischen Gesellschaft (die später meist „Sozialismus“ genannt wurde) klar sein, dass Marx hier nicht über Waren und Warenaustausch schreibt, sondern um Produkte und ihre Verteilung, dass nur die Verteilung zunächst noch nach dem selben Prinzip wie früher der Warenaustausch stattfindet. Natürlich fand im Unterschied dazu im Stalinismus Warenkauf und -verkauf statt. Aber das ist nur ein weiterer Beleg, dass der Stalinismus kein Sozialismus im marxistischen Sinne war, sondern eine Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Heinrich zitiert aus Engels’ Anti-Dühring sogar unter anderem den Satz: „Die Leute machen Alles sehr einfach ab ohne Dazwischenkunft des vielberühmten "Werts".“ (MEW 20, S. 288, zitiert S. 388) Es ist schwer begreiflich, warum Heinrich nicht sieht, dass, wenn es im Sozialismus keinen Wert mehr gibt, auch weder eine nichtmonetäre noch eine monetäre Werttheorie gelten kann. Heinrich bezweifelt die Planbarkeit der Wirtschaft, weil in kürzester Zeit ungeheure „Koordinations- und Anpassungsleistungen“ erforderlich wären (a.a.O., S. 391) Was ist Heinrichs Alternative? „Die monetäre Werttheorie legt eher eine genossenschaftliche Produktion nahe, deren gesamtgesellschaftliche Koordination nicht durch eine (sowohl allwissende als auch zeitlos reagierende) Zentrale hergestellt werden kann, sondern die eigener vermittelnder Medien bedarf, die allerdings gesellschaftlich kontrolliert werden müssen, soll sich nicht wieder die alte Warenproduktion und damit schließlich auch das Kapitalverhältnis wiederherstellen.“ (a.a.O.) In einer Fußnote ergänzt er: „Insofern erscheinen auch Vorstellungen eines ‚Marktsozialismus’, wo statt kapitalistischer Unternehmen selbstverwaltete Genossenschaften am Markt konkurrieren, recht problematisch.“ (a.a.O., Fußnote 21) Aber was schlägt er anderes vor? Marx hatte im „Kapital“ den Frühsozialisten Robert Owen gelobt: „es fällt Owen nicht ein, die Warenproduktion vorauszusetzen und dennoch ihre notwendigen Bedingungen durch Geldpfuschereien umgehen zu wollen.“ (Marx, S. 109) Heinrich dagegen glaubt, durch „Geldpfuschereien“ die Warenproduktion zu überwinden und ihre Rückkehr zu verhindern. Denn „vermittelnde Medien“ müssen zwar nicht Geld sein – Kinokarten sind auch kein Geld. Aber Kinokarten dienen nicht der „gesamtgesellschaftlichen Koordination“. „Vermittelnde Medien“, die dieser Koordination dienen, sind Geld, egal wie man sie nennt. Zu glauben, dass man solche „vermittelnden Medien“ durch „gesellschaftliche Kontrolle“ daran hindern kann, wie Geld zu funktionieren, ist ein Rückfall in den utopischen Sozialismus à la Proudhon, dessen Widerlegung eines der Ziele von Marx’ „Kapital“ war. Heinrich spottet über die „gesamtgesellschaftliche Koordination“ durch eine „Zentrale“. Natürlich muss eine solche Koordination demokratisch sein, um eine Neuauflage des Stalinismus zu verhindern. Aber die Alternative dazu ist, dass sich die gesellschaftlichen Zusammenhänge hinter dem Rücken der Produzenten durchsetzen, wie Marx das im „Fetischkapitel“ des „Kapitals“ (das in diesem Text auch ausführlich behandelt wird) herausgearbeitet hat. Entweder die Produktion ist durch eine gesamtgesellschaftliche Planung unmittelbar vergesellschaftet, wobei diese Planung demokratisch sein muss und sehr dezentral sein kann (das Zentrale kann sich auf eine Rahmenplanung beschränken). Oder die Produktion besteht aus individuellen Privatarbeiten (wobei es keinen grundlegenden Unterschied ausmacht, ob die produzierenden Einheiten kleine Handwerksbetriebe, kapitalistische Betriebe oder Genossenschaften sind), die erst über den Markt vergesellschaftet sind. Dann bleiben aber Warenproduktion, Fetischcharakter der Ware, Konjunkturzyklen bestehen und keine Geldpfuschereien und gesellschaftlichen Kontrollen können die kapitalistische Dynamik stoppen.3

Mit meiner Kritik an Heinrich werde ich in seinen Augen zweifellos in die Schublade „traditioneller, weltanschaulicher Marxismus“ gehören. Ich würde es für eine Ehre halten, in der gleichen Schublade wie Trotzki oder Rosa Luxemburg untergebracht zu werden. Aber welchen Sinn macht eine Schublade, in die außer den genannten auch rechte Sozialdemokraten vor dem Ersten Weltkrieg oder Stalin gehören? Für einen Menschen, der glaubt, dass „zwei mal zwei“ nicht „vier“ ist (sondern „fünf“ oder „Waschmaschine“ oder was weiß ich), mag es Sinn machen, alle Menschen, die glauben, dass „zwei mal zwei“ „vier“ ist, in eine Schublade zu packen. Von daher mag es für Heinrich Sinn machen, alle Menschen, die seine Fehlinterpretation des „Kapitals“ nicht teilen, in eine Schublade zu stecken. Da ich aber glaube, im Folgenden deutlich zu zeigen, dass Heinrichs Interpretation des „Kapitals“ falsch ist, macht es keinen Sinn, Menschen, die nicht viel mehr gemein haben, als dass sie diesen bestimmten Fehler nicht gemacht haben (dafür andere Fehler und im Falle Stalins noch viel Schlimmeres als Fehler) in eine Schublade zu stecken.

Kann man Heinrichs Lesart des Kapitals überhaupt eine ‚Fehlinterpretation’ nennen? Heinrich selbst hat in seiner „Wissenschaft vom Wert“ bemängelt: „Überhaupt schien mir die häufige Rede von ‚Missverständnissen’ oder ‚Fehlinterpretationen’ (…) die Probleme unangemessen zu vereinfachen: auch eine ‚Fehlinterpretation’ muss eine Grundlage im interpretierten Text haben, ansonsten ist sie nur absurd und dann auch keine Interpretation mehr (was natürlich auch vorkommt).“ (a.a.O., S. 10) Aber er selbst schreibt kurz danach: Der Text ist „nicht einfach nur gegebenes Objekt, sondern ein sich historisch veränderndes: seine Überlieferung ist eingebettet in eine Rezeptionsgeschichte, die bereits eine Fülle von Konnotationen liefert, die nicht einfach vom Text entfernt werden können wie man Krümel vom Papier entfernt; diese Rezeptionsgeschichte hat vielmehr wesentlichen Anteil an der Konstitution des Textes als ‚Werk’. Ebenso wenig ist der Interpret eine tabula rasa; auch abgesehen von aller bornierten Interessiertheit, die mit vorgefassten Urteilen an die Arbeit geht, um zu einem bereits feststehenden Ergebnis zu gelangen, geschieht die Interpretation notwendigerweise im Hinblick auf bestimmte wissenschaftliche und politische Probleme, vor dem Hintergrund bestimmter Auseinandersetzungen, in einer bestimmten Perspektive. Statt einer bloßen Enthüllung ist die Interpretation ein konstruktiver Akt; sie zeigt nicht bloß auf ein vorhandenes Objekt, sie formuliert vielmehr innerhalb bestimmter Grenzen ein neues Objekt.“ (a.a.O., S. 26) Ob eine Lesart nur eine Fehlinterpretation oder absurd ist, kann daher nicht entschieden werden, indem man sie nur mit dem Text konfrontiert. Es müsste auch untersucht werden, ob im Kontext der Rezeptionsgeschichte Traditionen von Lesarten entstanden sind, die Interpretationen als plausibel erscheinen lassen, die LeserInnen, denen diese Tradition fremd ist, einfach nur absurd erscheinen mögen. Da eine Einbeziehung der Rezeptionsgeschichte hier jeden Rahmen sprengen würde, werde ich auf ein Urteil darüber verzichten, inwieweit Heinrichs Lesart eine Fehlinterpretation oder „nur absurd“ ist.

Auf der anderen Seite stellt die Bedeutung der Rezeptionsgeschichte Heinrichs Vorwurf gegen Marx infrage, dass die widersprüchlichen Interpretationen mit Unklarheiten des Marxschen Textes zusammenhängen müssen. Dass die Verdrehung des Verhältnisses von Produktion und Austausch erst rund hundert Jahre nach der Veröffentlichung des „Kapitals“ aufkam, ist schon ein Indiz, wie wenig Grundlage sie im Marxschen Text hat. Es erforderte die geistige Verödung durch den Stalinismus, damit eine Lesart plausibel erscheinen konnte, die unzähligen Aussagen von Marx widerspricht, aber eben auch der stalinistischen Lesart.