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"Wir wollen leben – na klar"

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ewo2 – einfach nur gute linke Musik


 

Schon das erste Album des „kleinen elektronischen Weltorchesters“ ewo2, das im Mai 2007 erschienene „avantipopolo1“ überraschte mit einer interessanten Auswahl von Arbeiterliedern in kreativer Interpretation und eingehenden eigenen Stücken des Mannheimer Liedermachers Bernd Köhler, der das Herz von ewo2 ist. Das vor wenigen Monaten erschienene Folgealbum „…in dieser Zeit avantipopolo2“ ist eine ebenso spannende Zusammenstellung internationaler Arbeiterlieder und Köhler-Songs – nur besser!

von Sascha Stanicic

Köhler singt auf dem neuen Album Italienisch, Deutsch und Französisch. Er singt Lieder aus der 1848er Revolution, von Brecht und Eisler, das „Bella Ciao“ der italienischen Partisanen und eigene in den Kämpfen der 1970er und 1980er Jahren entstandenen Songs. Dies macht deutlich, was ewo2 gelingt: musikalisch den Internationalismus der Arbeiterbewegung zum Ausdruck zu bringen und die Brücke aus den Kämpfen der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen.

‚avantipopolo2’ beginnt mit einem traditionellen Lied der italienischen Arbeiterbewegung: ‚La Lega’. Die Melodie ist auch dem deutschen Zuhörer bekannt: O li o li o la … wir sind miteinander da …in der italienischen Ursprungsfassung besingen LandarbeiterInnen die Gründung der ‚Lega’ – der Arbeiterbünde im Kampf gegen die Ausbeutung auf den Reisfeldern. Gefolgt wird dieses stimmungsvolle Kampflied von zwei Stücken aus der 1848er Revolution: ‚Bet und arbeit’ – getextet von Georg Herwegh mit der legendären Strophe: Mann der Arbeit aufgewacht / und erkenne deine Macht / alle Räder stehen still / wenn dein starker Arm es will – und das ‚Heckerlied’ über den badischen Revolutionär Friedrich Hecker mit der wunderschönen Textzeile ‚Schmiert die Guillotine mit Tyrannenfett / reißt die Konkubine aus des Pfaffens Bett / Ja 33 Jahre währt die Knechtschaft schon / Nieder mit den Hunden von der Reaktion’!

Den musikalischen Höhepunkt des Albums erreicht man schon beim vierten Lied (was aber nicht gegen die darauf folgenden Stücke spricht): eine fantastische Version des US-amerikanischen Folk-Klassikers ‚Sixteen Tons’ über die Arbeitsbedingungen in den Kohlegruben. Wer den Song in der kraftvollen Version der Redskins liebt, wird von dieser langsameren, aber nicht minder kraftvollen, Fassung gesungen von ewo2-Gitarrist Hans Reffert, begeistert sein.

In dem CD-Booklet schreibt das Plattenlabel ‚Jump Up’, bei dem die ewo2-Alben erscheinen, das Motto der CD könne ‚Electronic music trifft Hanns Eisler’ sein. Mit dem ‚Solidaritätslied’, der ‚Resolution der Kommunarden’ und dem weniger bekannten ‚Oh, Fallada, da du hangest oder, ein Pferd klagt an’ sind gleich drei Brecht/Eisler-Stücke auf ‚avantipopolo2’ zu finden. ewo2 ‚bürstet diese Lieder gegen den Strich’, wie es in dem Booklet heißt. Das ist zumindest gewöhnungsbedürftig, kommt das ‚Solidaritätslied’ doch weniger als Kampfhymne denn als nachdenklich rüber. Aber wahrscheinlich ist es genau das, was ewo2 will – zum Nachdenken, und zum Widerstand, anregen.

Ewo2 vertonen auch den großen Wladimir Majakowski und leisten so hoffentlich einen Beitrag, dass dieser revolutionäre Poet und Dramatiker nicht in Vergessenheit gerät.

Es ist kein Zufall und mehr als gerechtfertigt, dass die Gruppe schon zwei überregionale Musikpreise erhalten haben: den Sonderpreis “Prix Courage“ beim Weltmusikfestival Creole-Südwest und kürzlich den renommierten “Preis der deutschen Schallplattenkritik“ in der Sparte Lied und Chanson.

Der politische Höhepunkt des Albums ist jedoch, zumindest für den Autor dieser Zeilen, der ‚Stahlwerkersong’, geschrieben für die große Stahlarbeiterdemo im Jahr 1983. In schlichten Worten drückt dieser Song die Stärke, die Kollektivität und gesellschaftliche Bedeutung der Arbeiterklasse aus: Aus unseren Händen entsteht dieser Stahl / aus ihm werden Kabel gedreht / Und Schiffe gebaut, die die Meere befahrn / und Masten für Elektrizität / Wir kommen aus Hamburg, Salzgitter und Kiel / wir kommen von der Ruhr, von der Saar / Und wir sind Stahlarbeiter und haben ein Ziel / wir wollen Leben – na klar.

Genau so war es 1983 und genau so ist es auch noch heute. Und angesichts von Krise, Kurzarbeit und Entlassungen ist es höchste Zeit, dass ArbeiterInnen dem im ‚Stahlwerkersong’ dargelegten Aufruf folgen: Die Regierungen ham uns in die Krise gehetzt / Regierung und Kapital / Nun wird von uns eine Marke gesetzt / du hast die Wahl – Kopf oder Zahl.

Hoffen wir, dass ewo2 bald einen Autoarbeitersong schreiben können und ihn auf einer gemeinsamen Demonstration der Autoarbeiter in Deutschland – aus Bremen, Sindelfingen und Köln – vortragen können. Höchste Zeit dafür ist es.

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Mehr Infos: www.ewo2.de