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Marxismus und Zweiter Weltkrieg

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70 Jahre nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen


 

And I can’t help but wonder now Willie McBride

Do all those who lie here know why they died?

Did you really believe them when they told you the cause?

Did you really believe them that this war would end wars?

But the suffering, the sorrow, the glory, the shame –

The killing, the dying – it was all done in vain.

For Willie McBride, it’s all happened again

And again, and again, and again, and again.

© Eric Bogle

Der Text des tief bewegenden Liedes „No Man"s Land“ von Eric Bogle handelt von einem fiktiven jungen Soldaten der im Ersten Weltkrieg gefallen ist, und seine Aussagen sind heute am 70. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges ebenfalls hochaktuell.

von Peter Taaffe

Kriege hat es, wie es in dem Lied heißt „immer und immer wieder gegeben“. Dies wird auch so bleiben, solange der Kapitalismus noch existiert. Die Opferzahlen des Zweiten Weltkrieges stellten sogar die katastrophale Bilanz des Ersten Weltkriegs in den Schatten. Schätzungen zufolge kostete der Krieg 60 Millionen Menschen das Leben – 20 Millionen SoldatInnen und 40 Millionen ZivilistInnen.

Viele ZivilistInnen starben an Krankheiten, Hunger, Massaker, Bombenangriffen und vorsätzlichem Völkermord. Die nicht mehr existierende Sowjetunion verlor 27 Millionen Menschen, knapp die Hälfte aller Todesopfer des Krieges. 85 Prozent der Getöteten waren auf der „alliierten“ Seite (größtenteils Sowjetunion und China), 15 Prozent auf Seiten der „Achsenmächte“, Nazideutschland, das faschistische Italien und Japan. Einer Schätzung zufolge starben zwölf Millionen ZivilistInnen in den Konzentrationslagern der Nazis, während 1,5 Millionen durch Luftangriffe das Leben verloren. Sieben Millionen starben in Europa durch andere Todesursachen und 7,5 Millionen ChinesInnen wurden unter der brutalen Unterdrückung des japanischen Imperialismus umgebracht.

Die Grauen des Krieges hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck auf die Generationen, die sie erleben mussten. Dies wurde kürzlich unterstrichen durch die Beerdigung von Harry Patch, dem letzten überlebenden britischen Veteranen der Schützengräben im Ersten Weltkrieg, der im Juli im Alter von 111 Jahren starb. In seinen letzten Jahren wandelte sich Harry Patch zum erklärten Kriegsgegner. Der gelernte Klempner bestand darauf, dass bei seiner Beerdigung je zwei Soldaten aus Frankreich, Belgien und Deutschland seinen Sarg tragen sollten. Dies unterstreicht die Einstellungen derjenigen, die den Dreck und den Schlamm des Ersten Weltkrieges selbst erleben mussten, die den Nationalismus und Chauvinismus gegen die Männer und Frauen auf der „anderen Seite“ ablehnten, die in einen Krieg gezwungen wurden, der gegen ihre Interessen war und in dem viele das höchste Opfer erbringen mussten. Sogar in den USA während des Zweiten Weltkrieges ergab eine Meinungsumfrage, dass zwei Drittel der Befragten hinsichtlich der Kriegsschuld eine Unterscheidung vornahmen zwischen dem deutschen Volk und den Nazis.

Der Erste Weltkrieg sollte der Krieg sein, „der alle Kriege beenden sollte“ und wurde ferne als „Krieg für die Demokratie“ verkauft. Allerdings gab es in den meisten beteiligten Ländern nur begrenztes Wahlrecht für Männer, vor allem im zaristischen Russland, und kein Wahlrecht für Frauen auf nationaler Ebene in irgendeinem beteiligten Staat bis nach dem Krieg, und in den kolonialen Besitztümern der europäischen Mächte gab es überhaupt keine demokratischen Rechte für die Massen. In Wirklichkeit war es ein Kampf um die Neuaufteilung der Märkte der Welt, um Rohstoffquellen und ähnlichem, zwischen verschiedenen Schurkenbanden, und die „Sieger“, Großbritannien, Frankreich und die USA, zwangen Deutschland einen rachsüchtigen Frieden in Form des Friedensvertrages von Versailles auf, der wiederum die Grundlage für den nächsten Krieg 20 Jahre später schuf.

In Wirklichkeit sind Kriege in Laufe der Geschichte nicht unvermeidlich wenn die Arbeiterklasse Gelegenheiten bekommt, den Lauf der Geschichte zur verändern, und diese auch nutzt. Dies war unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg absolut der Fall, als die Russische Revolution den Anstoß gab für eine revolutionäre Welle in ganz Europa: in Deutschland, Ungarn und der Tschechoslowakei, mit einem mächtigen Echo in Großbritannien und den USA. Doch tragischerweise waren es genau die Organisationen der Arbeiterklasse, die im Vorfeld des Krieges die Arbeiterklasse auf die Veränderung der Gesellschaft vorbereitet hatten, die im entscheidenden Moment zu Bollwerken des Kapitalismus wurden, ihre „eigene“ Seite im Krieg unterstützten und bei der Unterdrückung von Revolutionen halfen. Dies war vor allem in Deutschland zwischen 1917 und 1923 der Fall. Eine erfolgreiche Revolution in Deutschland hätte mit Sicherheit eine revolutionäre Welle losgetreten, die Europa und die Welt verändert hätte.

Die Wurzeln des Krieges

Aufgeschreckt durch die Erfahrung der Deutschen Revolution, intervenierte vor allem der US-amerikanische Kapitalismus in Form des Dawes-Planes, um die Wirtschaft in Deutschland und Europa in den 1920er Jahren zu stützen. Aber dies löste nicht die fundamentalen Widersprüche des Kapitalismus und des Imperialismus, die zum Ersten Weltkrieg geführt hatten. Die Wurzeln lagen in der kolossalen Entwicklung der Produktivkräfte – die Organisation von Arbeit, Wissenschaft und Technik – die dem Privateigentum durch eine Handvoll Monopolkapitalisten und der Existenz von Nationalstaaten entwachsen waren. Wladimir Lenin hatte verkündet „Kapitalismus bedeutet Krieg“, und er wies darauf hin, dass wenn der Erste Weltkrieg nicht durch eine erfolgreiche sozialistische Veränderung der Gesellschaft beendet werden würde, ein zweiter und einer dritter Weltkrieg folgen würden.

Die teilweise Stabilisierung in Deutschland nach dem Scheitern der Revolution von 1923 schien dieser und anderer marxistischen Analysen der Situation zu widersprechen. Die deutsche Industrie entwickelte sich in wirtschaftlicher Hinsicht, war aber durch den Vertrag von Versailles stark eingeengt, vor allem durch das Fehlen von Kolonien und Absatzmärkten für die Produkte. Diese hatten sich die älteren Kolonialmächte, vor allem Großbritannien und Frankreich, gesichert, vor allem in den „Halbkolonien“ Osteuropas, und in zunehmendem Maße drängte der neue „Riese“, der US-Imperialismus, auf den Plan. Beim einsetzen der Weltwirtschaftskrise 1929 hatte der deutsche Kapitalismus genug wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, um fast die ganze Welt zu versorgen, doch die Vorherrschaft der imperialistischen Rivalen verhinderte dies. Dies führte zu einer scharfen Krise mit Revolution und Konterrevolution die, wie wir wissen, zum Sieg von Adolf Hitler und den Nazis im März 1933 führte, weil die feigen Führer der Sozialdemokratischen und Kommunistischen Parteien es versäumten, ihm den Weg zu versperren.

Direkt danach fasste Leo Trotzki den marxistischen Standpunkt zusammen und sagte voraus, dass ein Wiederaufleben des deutschen Imperialismus und ein Versuch, nach Kolonien und Rohstoffen zu greifen zu einem neuen Weltkrieg führen würde, wenn Hitler nicht gestoppt werden würde. So groß waren die Gefahren für die Arbeiterbewegung, nicht nur in Deutschland sondern weltweit, dass Trotzki die Idee formulierte, dass ein Arbeiterstaat seine militärische Macht mobilisieren und vielleicht sogar mit einer Intervention in Deutschland drohen würde.

Der Arbeiterstaat in Russland war allerdings von der Arbeiterdemokratie Lenins und Trotzkis zum diktatorischen Regime Josef Stalins und der ihm stützenden Bürokratie degeneriert. Was die Idee des Kampfes für Sozialismus weltweit betraf, war Stalin mit der Parole „Sozialismus in einem Land“ an die Macht gekommen und war damit die Personifizierung des Aufgebens der ursprünglichen Ziele der Russischen Revolution durch die emporkommende bürokratische Elite, die den Staat und die Gesellschaft immer mehr dominierten. Anstatt sich Hitler entgegen zu stellen, schwankte Stalin zwischen dem Versuch, Bündnisse mit den sogenannten „demokratischen“ imperialistischen Mächten zu schließen, und geheimen Bemühungen für eine Übereinkunft mit dem Nazi-Regime.

Trotzkis Schriften über diesen Prozess, der zum Zweiten Weltkrieg führte, sind von unschätzbarem Wert für das Verständnis des Charakters des Kapitalismus, vor allem seiner modernen Ausdrucksforms, des Imperialismus, vor allem wenn es darum geht, wie der Kapitalismus unter bestimmten Umständen auf Kriege zusteuert. Er wies darauf hin, dass der sogenannte „Frieden“ von Versailles die Grundlage dafür geschaffen hatte, dass der deutsche Kapitalismus die Aufgabe der „nationalen Vereinigung“ der deutschsprachigen Völker auf Grundlage seines imperialistischen Programms angehen konnte. Dies ermöglichte den Aufstieg von Hitlers faschistischen Kräften, die vor allem aus der Mobilisierung der verzweifelten Kleinbürger bestanden. Hitlers Forderungen nach der „Heimführung“ der über drei Millionen Sudetendeutschen, die nach 1918 innerhalb der Grenzen der Tschechoslowakei lebten, sowie Österreichs, wurde lediglich zu den ersten Schritten für den deutschen Kapitalismus als es darum ging, die Macht des britischen und französischen Imperialismus vor allem in Osteuropa herauszufordern.

Revolution in Spanien

Trotzki argumentierte daher stets, dass ein Weltkrieg drohte, sollte die einzige Kraft, die dies zu verhindern in der Lage war, nämlich die organisierte Arbeiterklasse, nicht handeln, um die Gesellschaft auf revolutionärem Weg zu verändern. Hierzu boten sich große Chancen vor allem in Spanien und Frankreich, in den entscheidenden Kämpfen die demokratische sozialistische Revolution zu vollenden, die mit dem Massenaufstand gegen General Franco begonnen hatte. Dies würde die Gefahr eines neuen Weltkrieges mit seinen Bergen von Opfern und dem damit verbundenen Leid endgültig bannen. In der Tat fand in Spanien eine „Generalprobe“ für den Zweiten Weltkrieg statt. Zwei der Achsenmächte, Deutschland und Italien, waren auf der Seite Francos beteiligt und testeten militärische Ausrüstung und Taktiken, wie etwa den „Blitzkrieg“ gegen Guernica, der später während Hitlers Überfall auf Russland 1941 in einem noch größeren Maßstab wiederholt wurde.

Die spanische Revolution von 1931 bis 1937 bot allerdings nicht nur eine, sondern gleich mehrere Gelegenheiten für die Arbeiterklasse, an die Macht zu kommen. Im Juli 1936 traten die spontanen Aktionen der katalanischen Arbeiterklasse eine Bewegung gegen Franco in ganz Spanien los, die dazu führten, dass ursprünglich vier Fünftel des Landes sich in der Hand der Arbeiterklasse befanden. Der Staatsapparat der Kapitalisten lag am Boden und die wahre Macht lag in den Händen der Arbeiterorganisationen mit ihren bewaffneten Verbänden. Die Kapitalisten flohen auf die Seite Francos, nur ein Schatten von ihnen blieb im „Republikanischen“ Spanien.

Entscheidend bei der Entgleisung der Revolution war die verräterische Rolle der Kommunistischen Partei, die völlig der Führung der stalinistischen Bürokratie in Moskau unterlag. Außerdem vergab die POUM, deren Führer wie Andre Nin und Juan Andrade aus der trotzkistischen Bewegung stammten, die außergewöhnlich günstige revolutionäre Situation zur Mobilisierung der Arbeiterklasse und Bauern zur Ergreifung der Macht und sorgten so dafür, dass diese Gelegenheit den Massen durch die Hände glitt.

Eine erfolgreiche Revolution in Spanien, kaum ein Monat nach massiven Sitzstreiks in Frankreich, hätte eine revolutionäre Welle losgetreten, welche die faschistischen Regime von Hitler und Benito Mussolini zunächst erschüttert und dann gestürzt hätte, das gleiche gilt für das brutale stalinistische Bürokratenregime in Russland. Es war kein Zufall dass die großen „Säuberungen“ und die Moskauer Prozesse, in denen Leo Trotzki und sein Sohn Leo Sedow die Hauptangeklagten waren, im Schatten der Spanischen Revolution stattfanden. Die Russische Bürokratie führte einen „einseitigen Bürgerkrieg“ durch, um die letzten Überbleibsel von Lenins Bolschewistischer Partei und die Erinnerung an die heroische Revolution von 1917 auszulöschen. Diese tragische Niederlage schwächte die Arbeiterklasse enorm und schuf die Grundlage für den späteren Krieg.

Zynische Manöver

Wenn moderne HistorikerInnen sich mit den Ereignissen befassen, die zum Zweiten Weltkrieg führten, versuchen sie ein Bild zu zeichnen, in dem die westlichen Demokratien eine konstante und unerbittliche Feindseligkeit gegenüber den Regimes von Hitler und Mussolini einnahmen. Die Kommunistischen Parteien, nach Moskaus Pfeife tanzend, versuchten in dieser Periode ebenfalls zwischen der "fortschrittlicheren" Rolle und Motivationen der kapitalistischen Demokratien einerseits und den "faschistischen Mächten" andererseits eine Unterscheidung vorzunehmen. Als dann aber Stalin eine Übereinkunft mit Hitler suchte und diese auch fand, behaupteten sie auf einmal das Gegenteil, nämlich dass es keinen fundamentalen Unterschied zwischen den verschiedenen kapitalistischen Regimes gäbe. In Wahrheit war es so, dass hinter dem sehr unterschiedlichen Charakter der politischen Regime des "Faschismus" und der "Demokratie" die Hauptursache für den Zweiten Weltkrieg der +Konflikt zwischen unterschiedlichen imperialistischen Interessen all dieser Regime war.

Wenn es ihren Zwecken entsprach und wenn sie durch Revolutionen bedroht waren, konnten die Kapitalisten einen Wechsel von "Demokratie" zur "Diktatur" vornehmen mit der gleichen Leichtigkeit mit der ein Mensch sein Hemd wechselt. So übergab beispielsweise in der Tschechoslowakei die "Demokratische" Regierung von Edvard Beneš die Macht einfach einer Militärdiktatur und flüchtete selbst nach London, nachdem sein Land durch das Münchener Abkommen vom September 1938 durch die Repräsentanten des britischen und französischen Imperialismus (Neville Chamberlain and Édouard Daladier) auf der einen und Hitler und Mussolini auf der anderen Seite ausverkauft worden war.

Was die "unerbittliche Feindseligkeit" des britischen Imperialismus gegen Hitler betrifft, schrieb ihr berühmtester Vertreter, Winston Churchill, 1939 in seinem Buch "Große Zeitgenossen" die folgende Passage über Hitler: „Ich habe immer gesagt dass wenn Großbritannien einen Krieg verlieren würde, dass ich hoffen würde, dass wir einen Hitler finden würden, der uns zu unserem rechtmäßigen Platz unter den Nationen zurück führt." Die Nazis wurden durch die britische herrschende Klasse finanziert und ihnen wurde mit massiver Unterstützung der britischen Wirtschaftsvertreter geholfen, so lange sie sich "nach Osten" wendeten, also auf einen Angriff auf die Sowjetunion abzielten. So unterstützte Großbritannien effektiv Hitlers Wiederaufrüstung im Rahmen des Britisch-Deutschen Flottenabkommens von 1935, das eine Vergrößerung der Deutschen Kriegsmarine über die im Versailler Vertrag vorgesehenen Grenzen erlaubte.

David Lloyd George, der berühmte „liberale" Staatsmann, bezeichnete Hitler als "Bollwerk" gegen den Bolschewismus. Churchill überhäufte bei einer Rede in Rom 1927 Mussolinis Faschisten mit Lob: „Wäre ich Italiener, bin ich mir sicher, dass ich vom Anfang bis zum Ende aus ganzem Herzen auf Ihrer Seite gewesen wäre in Ihrem triumphalen Kampf gegen die bestialischen Triebe des Leninismus." In anderen Worten: wenn die fundamentalen Interessen des Kapitalismus bedroht werden – das heißt die Aufrechterhaltung und Verbesserung von Profit und Märkten, wird man unabhängig von den vorherigen Beschwörungen der Demokratie auf die brutalsten diktatorischen Methoden zurückgreifen, wenn dies notwendig ist. Dies waren die Faktoren – ein tiefliegender Zusammenstoß zwischen verfeindeten imperialistischen Interessen – die zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges führten.

Vielleicht widerspricht die Tatsache, dass Hitler und Mussolini am Ende Krieg mit dem britischen und französischen Imperialismus und später auch mit den USA führten, dem oben Gesagten? Der Britische Kapitalismus versuchte zunächst, den deutschen Imperialismus zu besänftigen und sich mit ihm zu arrangieren, vor allem durch die Zugeständnisse in Bezug auf die Tschechoslowakei nach dem Münchener Abkommen. Aber Hitlers Einmarsch in Polen kam einer Überschreitung des Rubikon gleich, denn damit waren die britischen und französischen Halbkolonien in Osteuropa und in der restlichen Welt bedroht.

Es war gleichermaßen unglaublich und beschämend dass gerade in dem Moment, in dem die faschistischen Kräfte Hitlers sich auf die Vernichtung Polens vorbereiteten, Stalin Hitler zur Hilfe eilte, in dem er den berüchtigten Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnete, den Trotzki schon seit langem antizipiert hatte. Acht Tage später begannen die Nazis ihren Angriff und damit den Zweiten Weltkrieg. Auf diesem Wege hoffte Stalin, Russland vor einem Angriff der Nazi-Horden zu bewahren. Aber, wie wiederum Trotzki vorhersagte, sah Hitler den Pakt lediglich als Papierfetzen an, und er war nun frei um seine Flugzeuge und Panzer gegen Frankreich und letztlich auch Großbritannien loszulassen. Nach Vollendung dieser Aufgaben würde er sich der Sowjetunion und ihrer Rohstoffe zuwenden, wobei er es vor allem auf Öl und Getreide abgesehen hatte. Stalin half bei der Erfüllung dieses Planes in dem er massenweise die besten Militäroffiziere der Sowjetunion hinrichten ließ.

Brilliante Militärstrategen wie Michail Tuchatschewski, der die Deutschen Blitzkriegtaktiken schon vorausgesagt hatte, verloren in diesen "Säuberungen" ihr Leben.

Die Interessen der Arbeiterklasse

Die Haltung von MarxistInnen zu einem Krieg ist von äußerst großer Bedeutung. Diese Frage ist ein Lackmustest. Wir müssen immer die Frage stellen: welche Klasse führt den Krieg durch und in wessen Interesse wird der Krieg geführt? Schöne Phrasen über „Demokratie“ und „Kriegsschuld“ sind vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus gesehen nebensächlich. Diplomaten auf beiden Seiten schaffen es immer, den „Feind“ gegenüber den Massen im eigenen Land als „Agressor“ darzustellen. Aber der politische Überbau eines kapitalistischen Regimes welcher Art auch immer, verändert die reaktionären ökonomischen Fundamente des Imperialismus als hauptsächliche Treibkraft des Krieges nicht. In diesem Sinne war der Zweite Weltkrieg in erster Linie eine Fortsetzung des Ersten als Kampf zwischen rivalisierenden imperialistischen Mächten.

Eine Fortsetzung ist allerdings nicht das Gleiche wie eine Wiederholung. Die Existenz von faschistischen Regimen – dessen wesentliches Merkmal die komplette Auslöschung aller Elemente der Demokratie ist, vor allem was Arbeiterdemokratie, Gewerkschaften, Streikrecht, Versammlungsrecht und so weiter betrifft – hatte enorme Auswirkungen auf die politische Sicht der ArbeiterInnen auf den Krieg, vor allem in den „demokratischen“ Ländern Großbritannien, Frankreich und USA. Es gab keine Begeisterung für den Zweiten Weltkrieg unter der Masse der Arbeiterklasse, wie es in einigen Ländern am Anfang des Ersten Weltkrieges der Fall gewesen war. Der Grund hierfür war die Erfahrung aus diesem Krieg. Aber die Masse der Arbeiterklasse beispielsweise in Großbritannien, erkannte den arbeiterfeindlichen Charakter der Regime von Hitler und Mussolini und wollte kein faschistisches Regime und vor allem keinen fremden Unterdrücker über sich. Das gleiche galt für die Arbeiterklasse in Frankreich und im übrigen Europa. So befand sich nach Kriegsanfang der authentische Marxismus in der Position, eine politische Haltung zum Krieg entwickeln zu müssen.

Während des Ersten Weltkrieges drückte der Pazifismus die Feindseligkeit vieler Arbeiter zu Kriegsgemetzel aus. Daher gab es auch eine gewisse Toleranz gegenüber Kriegsdienstverweigerern. Es gab ebenfalls in einigen Ländern bedeutende und wachsende Gruppen von ArbeiteraktivistInnen, die gegen den Krieg waren. Vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es eine allgemeine Stimmung gegen Krieg und für „Frieden“. Aber nachdem der Krieg begonnen hatte, drängte sich die Frage nach der politischen Haltung zum Krieg für die MarxistInnen auf. Die bloße Wiederholung von Lenins Formeln aus dem Ersten Weltkrieg, die einige sektiererische Gruppen machten und bis zum heutigen Tag in vergleichbaren Situationen immer noch machen, war vollkommen unzureichend.

1914 hatte Lenin die unvorbereiteten und zerstreuten Kräfte des Marxismus und Sozialismus, die nach dem Debakel des Zusammenbruchs der Zweiten Internationale übrig blieben, mit der Politik des sogenannten „revolutionären Defätismus“ gesammelt. Dies war eine Politik für die Kader, die Vorhut der Vorhut und nicht für die Gewinnung der Masse der Arbeiterklasse. Karl Liebknechts Formulierung „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“ eignete sich besser zur Massenmobilisierung der Arbeiterklasse. Es ging Lenin allerdings darum, angesichts der chauvinistischen und nationalistischen Kapitulation der Führung der Zweiten Internationale, für die Annahme beziehungsweise Fortsetzung einer Politik des Klassenkampfes seitens der Arbeiterorganisationen während des Krieges sowie für die Vorbereitung auf die sozialistische Revolution, die nach dem Krieg eintreten würde, einzustehen.

SozialistInnen und Revolutionäre lehnten die Idee der Verteidigung des sogenannten „kapitalistischen Vaterlandes“ entschieden ab. Dies war vollkommen richtig. Aber dies reichte nicht aus um die Massen zu gewinnen oder, wie Trotzki es formulierte, „um Kader auszubilden, die wiederum die Massen gewinnen müssen, die keinen fremden Eroberer wünschen.“ Es war nicht Lenins Politik des „revolutionären Defätismus“, die dabei entscheidend war, dass die Bolschewiki die Arbeiterklasse für sich gewinnen und im Oktober 1917 an die Macht gelangen konnten, sondern die Parole „Alle Macht den Sowjets“, später verbunden mit der Idee von „Land, Frieden, Brot“. So arbeiteten marxistische Kräfte in Großbritannien, darunter die Workers" International League, in dessen Nachfolge sich die Socialist Party von heute sieht, nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges an der Formulierung einer klaren Politik des Klassenkampfes für die damalige Situation mit dem Ziel, die Massen zu gewinnen. Diese Bemühungen hatten bedeutsame Auswirkungen auf Teile der Arbeiterklasse während des Krieges.

Trotzki fasste das Probleme einer marxistischen Militärpolitik während des Zweiten Weltkrieges zusammen: „Es wäre doppelt unsinnig, heutzutage eine rein pazifistische Position zu vertreten. Die Massen haben das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Wir müssen sagen: „Roosevelt sagt, das Land muss verteidigt werden: gut, aber es soll unser Land sein, und nicht das Land der 60 Familien und von Wall Street.“ ArbeiterInnen in Großbritannien wie in Amerika, so fuhr Trotzki fort, „wollen nicht von Hitler erobert werden und zu denen, die sagen "lasst uns ein Friedensprogramm haben" sagen die ArbeiterInnen: "Aber Hitler will kein Friedensprogramm". Daher sagen wir, wir verteidigen die USA (oder Großbritannien) mit einer Arbeiterarmee, mit Arbeiteroffizieren, mit einer Arbeiterregierung usw.“ Deshalb gingen die MarxistInnen-TrotzkistInnen mit ihrer Klasse in die Armeen und verfolgten geschickt einen Kurs der Entwicklung und Verbesserung der Politik und des Programms des Klassenkampfes sowohl dort als auch in der Industrie.

Die Kapitalisten, vor die Wahl gestellt zwischen der Arbeiterklasse und einem fremden Unterdrücker, entschieden sich unweigerlich für letzteres, wie sich im Fall der Pariser Kommune 1871 zeigte. Damals bekamen die feigen französischen Kapitalisten Unterstützung seitens der preußisch-deutschen Kräfte gegen die eigene Arbeiterklasse. Während Frankreich im Zweiten Weltkrieg im Begriff war, an die Nazis zu fallen, weigerten sich die französischen Kapitalisten hartnäckig, entsprechend der Forderung der MarxistInnen die ArbeiterInnen zu bewaffnen, genau aus dem Grund, weil sie eine Wiederholung der Pariser Kommune fürchteten.

Brutalität auf allen Seiten

Der militärische Verlauf des Krieges ist wohlbekannt und muss an dieser Stelle nicht wiederholt werden. Die Intervention des US-Imperialismus und der heroische Widerstand der Russischen Massen – trotz Stalins Verbrechen – schafften es, Hitlers militärische Kräfte sowie die Mussolinis und des japanische Imperialismus aufzuhalten, zurück zu drängen und letztlich zu besiegen. Dieser Prozess bedeutete aber eine riesige Verwüstung der Erde, was an den Opferzahlen sowie anhand der zerstörten Werte und Industrie deutlich wird.

Doch selbst heute, 70 Jahre nach Kriegsausbruch, ist die ganze Geschichte des Krieges nicht vollständig erzählt worden, wie Anthony Beevor in seinem neuen Buch über die Alliierten Landungen in der Normandie betont. Brutale und gefühllose Militäraktionen waren nicht ausschließlich Hitler und Mussolini vorbehalten. Beevors Buch über die Auswirkungen der Landung in der Normandie verdeutlichen die brutalen, flächendeckenden Maßnahmen die in einem Krieg dieser Art von allen Beteiligten ergriffen werden. Er argumentiert, dass die Anzahl von 70.000 Französische ZivilistInnen, die in den ersten fünf Monaten des Jahres 1944 durch Alliierte Bombenangriffe getötet wurden, die Gesamtanzahl der britischen Opfer deutscher Bombenangriff für den gesamten Krieg übersteigt. Die Kampagne von Bombardements in Vorbereitung auf die Landungen in der Normandie wurden von „Bomber“ Harris organisiert, der später für die Verwüstung Dresdens verantwortlich sein würde.

Der Krieg brachte, wie von Trotzki prognostiziert, den Anfang einer revolutionären Welle und eine enorme Radikalisierung der Massen, angestoßen durch die italienische Revolution von 1943 und den Sturz von Mussolini sowie seinem Nachfolger Marschall Badoglio, sowie die Kämpfe der Arbeiterklasse in Norditalien. Die heroische Pariser Arbeiterklasse befreite ihre Stadt während General De Gaulle noch 50 Meilen davon entfernt war. Er wurde im Eiltempo von den Amerikanern hingebracht um zu verhindern, dass die Befreiung zum Funken für eine neue französische Revolution – diesmal mit einem sozialistischen und proletarischen Charakter – würde.

Die britischen Parlamentswahlen 1945 brachten, zum Erstaunen vieler Kommentatoren, die Abwahl des „Kriegsgewinners“ Churchill. Dies war im wesentlichen der massiven Ablehnung der Konservativen und ihrer Gesellschaft seitens der Massen geschuldet. Die Soldaten lehnten es ab, in die Bedingungen der 1930er Jahre, die zum Ausbruch des Krieges geführt hatten, zurück zu kehren. Christopher Bailey und Tim Harper kommenieren in ihrem epochalen Werk „Vergessene Kriege: Das Ende des Britischen Imperiums in Asien“: „Vor der Wahl war Churchill entsetzt als er von Sir William Slim zu hören bekam, dass 90 Prozent der Soldaten im Osten Labour wählen wollten, und dass die restlichen 10 Prozent gar nicht wählen wollten.“ Und weiter schreiben sie: „Labour-Unterstützer, die es satt hatten mit Durchfall, Malaria und schlechter Bezahlung zu leben, wollten die schöne neue Welt sehen, die ihnen die linken Lehrer aus dem Bildungskorps der Armee versprochen hatten. Zudem gab es von Karatschi bis Singapur Meutereien in der Britischen Armee.

Trotzkisten während des Krieges

MarxistInnen, vor allem TrotzkistInnen, intervenierten erfolgreich in den verschiedenen Armeen während der Krieges. Die TrotzkistInnen wandten sich gegen Desertation und gegen einen Verzicht auf politische Arbeit, sie wollten nach den Worten Trotzkis „die besten SoldatInnen“ sein. Beispielsweise im Soldatenparlament in Kairo konnten die Trotzkisten sehr erfolgreich arbeiten, trotz Versuche der Armeeführung, sie am Anfang der Krieges zu verfolgen.

Eine heroische Rolle spielten auch die TrotzkistInnen in Europa. In Griechenland beispielsweise, während der faschistischen Besatzung, richtete der Trotkistenführer Pontiles Poulipoulous, der Italienisch sprach, einen revolutionären Appell ein sein Hinrichtungskommando in ihrer eigenen Sprache. Es sprach die italienischen Soldaten als "Brüder" an und sagte: "Wenn ihr uns tötet, tötet ihr euch selbst – ihr bekämpft die Idee der sozialistischen Revolution." Die italienischen Soldaten weigerten sich zu schießen, aber der ihnen vorgesetzte faschistische Offizier führte daraufhin die Hinrichtung selbst durch. In der Industrie in Großbritannien, wo die Kommunistische Partei aus "Unterstützung für die Kriegsanstrengungen" Streiks verurteilte und zu unterdrücken versuchte, setzten sich die TrotzkistInnen für die berechtigten Forderungen der Arbeiterklasse während des Krieges ein und führte erfolgreiche Bewegungen von Lehrlingen, ElektrikerInnen und anderen ArbeiterInnen in Bezug auf Löhne und Arbeitsbedingungen an.

Die Situation entwickelte sich so, wie von Trotzki vorhergesagt. Eine revolutionäre Welle fegte von Italien aus über Europa und nach Großbritannien, wo sie zur Wahl der Labout-Regierung führte, zur massenhaften Radikalisierung der französischen ArbeiterInnen und vieles mehr. Leider waren die Kräfte des authentischen Marxismus nicht stark genug, um die sich bietenden Gelegenheiten zu nutzen. So war es dem Stalinismus – gestärkt durch den Krieg und die Ausweitung der Planwirtschaft in Osteuropa, auch wenn diese von einer bürokratische Kaste dominiert war, sowie durch den Erfolg der Chinesischen Revolution – und den Kräften des Reformismus möglich, die Bewegung zu verraten. Dies schuf die politischen Vorbedingungen für den Aufschwung der Weltwirtschaft in der Zeit von 1950 bis 1975.

Die 70 Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg waren nicht die friedliche Zukunft die versprochen wurde und sahen auch keinen neuen Weltkrieg – wenn man den sogenannten "Kalten Krieg" nicht als solchen zählt, vielmehr gab es eine Serie von blutigen neokolonialen Kriegen. Diese zwangen den Imperialismus, die direkte Kontrolle über die neokoloniale Welt aufzugeben, aber sein wirtschaftlicher Würgegriff ist heute sogar noch stärker als damals, zum Leidwesen der Massen in den betroffenen Ländern. In der jüngsten Periode haben wir den Irakkrieg gehabt, der die größte Flüchtlingswelle seit 1945 verursacht hat und nun das blutige Gemetzel in Afghanistan. Lenins Prognose, dass der Kapitalismus Krieg bedeutet, und dass er ein System des Horrors ohne Ende ist, wird in der heutigen Zeit vor unseren Augen bestätigt.

Es ist wahr dass ein neuer Weltkrieg im Sinne des Ersten oder des Zweiten angesichts des globalen Kräfteverhältnisses nicht wahrscheinlich ist. In der Ära der Atomwaffen würde ein neuer Weltkrieg nicht nur Barbarei nach den Worten von Rosa Luxemburg bedeuten, sondern die Auslöschung der Zivilisation durch die Zerstörung der Produktivkräfte, vor allem der allerwichtigsten Produktivkraft, nämlich der Arbeiterklasse. Daher würden die Kapitalisten keinen Krieg beginnen, der nicht nur ihr System vernichtet würde sondern auch sie selbst, ihre Familien und alles menschliche Leben und die Gesellschaft wie wir sie kennen. Die Existenz der kapitalistischen Demokratie – vor allem der Arbeiterorganisationen, Gewerkschaften und so weiter, sind die wichtigsten Faktoren, die ihn darin hindern. Wenn allerdings, als Folge des Scheiterns der Arbeiterklasse, die Macht zu erlangen, einer neuer Diktator auftaucht, beispielsweise in den USA, dann ist alles möglich. Dies ist unwahrscheinlich, weil die Arbeiterklasse zunächst auf die Krise reagieren und versuchen würde, in Richtung einer Veränderung der Gesellschaft zu gehen. Es würde also nicht nur einen Rückschlag oder eine Niederlage erfordern, sondern eine ganze Serie davon, bevor der Kapitalismus in der Lage wäre, der Gesellschaft ein reaktionäres Regime beziehungsweise eine Diktatur aufzuzwingen.

So bestehen die Lehren des Zweiten Weltkrieges darin, dass dieser eine barbarische Seite in der Geschichte darstellt, die niemals wiederholt werden darf. Aber dies wiederum kann nur durch eine sozialistische Revolution und die Schaffung einer demokratischen sozialistischen Welt garantiert werden.

Postskript

Seitdem der obigen Artikel zur Veröffentlichung in "Socialism Today" abgegeben wurde, hat die aktuelle russische Regierung nach Meldung der Tageszeitung "Guardian" (Ausgabe von 22. August) geheime Dokumente aus der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes vor 70 Jahren zugänglich gemacht. Offensichtlich geschah dies, um den Pakt zu rechtfertigen. Ein Sprecher der Russischen Geheimdienstes, Lew Sotzki, argumentiert dass Stalin "keine Wahl" gehabt hätte und 1939 eine Übereinkunft mit Hitler treffen musste. Angeblich war dies deswegen der Fall, "weil der von den jeweiligen Außenministern Wjatscheslaw Molotow und Joachin von Ribbentrop unterzeichnete Vertrag dem Kreml Zeit brachte, nachdem der Westen Stalin verraten hatte." Die britische Regierung hat mit dem Münchener Abkommen die Tschechoslowakei Hitler preisgegeben. Aber die Idee, dass Stalin durch dieses Abkommen "verraten" worden sei, ist vollkommen falsch.

Ab 1933 erklärte Leo Trotzki wiederholt in der Weltpresse, dass das fundamentale Ziel von Stalins Außenpolitik eine Vereinbarung mit Hitler sei. Er wies darauf hin, dass obwohl Stalin zwischen den beiden Lagern manövrierte, seine Bemühungen um eine Allianz der "Demokratien" nur gespielt waren. Chamberlain versuchte mit ganzer Kraft, eine Allianz mit Stalin zu schmieden, scheiterte aber, weil "Stalin Hitler fürchtet", schrieb Trotzki. Er fügte hinzu: "Und es ist kein Zufall, dass er ihn fürchtet. Die Rote Armee ist enthauptet worden." Stalin bevorzugte zu diesem Zeitpunkt den "Status Quo" mit Hitler als Verbündeten. Dieser Pakt war nicht im Interesse der Arbeiterklasse der Welt – er sorgte für Wut unter den Mitgliedern der Kommunistischen Parteien, und führte in vielen Ländern zu Abspaltungen beziehungsweise Austritten. Der Pakt war auch nicht dazu geeignet, Zeit zu gewinnen oder um Russland im Falle eines Krieges irgendwelche Vorteile zu

bringen.

Tatsächlich war der Pakt von einem Handelsabkommen zwischen Russland und Deutschland begleitet. Dies war eine enorme Hilfe für die Deutschen "Kriegsanstrenungen", denn es stellte die Lieferung wichtiger Rohstoffe – Getreide und Öl – an Hitler sicher. Stalin betätigte sich als Hitlers Quartiermeister. Er half Hitler in seinem Krieg gegen Großbritannien und Frankreich und beging dabei das Verbrechen, die Deutschen Kräfte für ihren Angriff auf Russland zwei Jahre später zu stärken. Der ganze Sinn des Paktes war nicht die Verteidigung der Errungenschaften der Russischen Revolution, sondern der engen Interessen der Clique im Kreml und der durch ihre vertretenen Bürokratie, die befürchtete, dass sie im Falle eines Krieges von den wütenden russischen Massen zur Rechenschaft gezogen werden würden.

Die neuerliche Positionierung der russischen Regierung richtet sich gegen die Entscheidung des UdSSR-Parlamentes im Jahre 1989, den Hitler-Stalin-Pakt zu verurteilen. Die aktuelle Regierung Putins hat sich wahrscheinlich deshalb dazu entschlossen, 70 Jahre nach dem Ereignis die Handlungen Stalins nachträglich zu billigen, weil sie die Absicht hat, ihm in einigen Aspekten nach zu eifern. Auf Grundlage eines anderen sozialen Systems als das Stalins, nämlich einer kapitalistischen Wirtschaft und eines kapitalistischen Staates, möchte Putin dennoch den russischen Nationalismus und militärische Macht verwenden, wie schon Stalin es gemacht hatte, um in Zonen der "privilegierten Interessen" (Russlands Präsident Medwedew) einzugreifen. Es ist kein Zufall dass auch Stalins Interventionen in Estland, Lettland und Litauen rechtfertigt werden.

Trotz der Rechtfertigungsversuche des gegenwärtigen Putin-Regimes war der Hitler-Stalin Pakt ein Verbrechen gegen die Interessen der Sowjetunion und vor allem gegen die Interessen der Massen durch eine zynische Bürokratie ohne Interesse an der Meinung der Arbeiterklasse weltweit oder am Kampf für den demokratischen Sozialismus weltweit.

Peter Taaffe ist Generalsekretär der Socialist Party in England und Wales und Mitglied im Internationalen Sekretariat des Komitees für eine Arbeiterinternationale. Der Artikel erschien zuerst im Magazin "Socialism Today".

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