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Was sind Hedgefonds und was treiben sie?

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Hedgefonds sind kein raffgieriger Fremdkörper sondern Ausdruck des allgemeinen Niedergangs des Kapitalismus
 
Im Mai stürzte der Hedgefonds TCI (The Children’s Investment Fund) den Vorstandschef Seifert und den Aufsichtsratsvorsitzenden Breuer der Deutschen Börse AG. Im NRW-Wahlkampf versuchte Müntefering, den Kapitalismus vor Kritik abzuschirmen, indem er einzelne ausländische Hedgefonds und andere „Heuschrecken“ zum Sündenbock machte (was absurderweise „Kapitalismus-Kritik“ genannt wurde). Was sind diese merkwürdigen Hedgefonds wirklich?
Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte der Spekulation, der platzenden Spekulationsseifenblasen und der Skandale. 1715 gab es den „Südseeschwindel“ (nach dem Vorbild der „Ostindischen Kompanie“ war eine „Südseegesellschaft“ gegründet worden, aber komischerweise gab es in der Südsee weniger Reichtum auszuplündern als bei indischen Großmoguln), 1873 brach im deutschen Gründerkrach auch das Strousberg-Eisenbahnimperium zusammen.
Trotzdem hat auch die Spekulation ihre Konjunkturen. Als vor dreißig Jahren das System der festen Wechselkurse zusammenbrach, Devisenkurse und Rohstoffpreise Achterbahn fuhren, erfanden Industrieunternehmen Mittel, um sich durch „Gegengeschäfte“ vor unfreiwilliger Spekulation zu schützen. Bildlich gesprochen: Man wirft eine Münze und wettet zugleich, dass man beim Münzewerfen verliert. Auf die Weise hat man immer einmal gewonnen und einmal verloren, entweder beim Münzewerfen oder beim Wetten, so dass es sich gegenseitig ausgleicht.
Zugleich führten die Wirtschaftskrisen Mitte der siebziger und Anfang der achtziger Jahre zu einem Einbruch der Profite. Industriekonzerne wie Daimler („eine Großbank, die nebenher Autos produziert“) oder Siemens erzielten mehr Gewinn mit Geldgeschäften als mit Industrieprodukten. Die Mittel gegen unfreiwillige Spekulation ließen sich da genauso gut für freiwillige Spekulation verwenden, um durch Spekulationsgewinne mangelnde Industrieprofite auszugleichen.

Eine Erfolgsstory?

Der erste Hedgefonds wurde 1949 von Alfred Winslow Jones gegründet. In den siebziger Jahren gab es einige Hundert. Sie machten überdurchschnittliche Profite durch riskante Anlagestrategien. Sie spekulierten auf fallende Kurse, indem sie Wertpapiere liehen, verkauften, nach einer Weile – wenn es klappte, zu einem niedrigeren Kurs – zurückkauften und ihrem Eigentümer zurückgaben. Da sie juristisch keine Firmen waren, sondern private Clubs von Superreichen (Mindesteinlage meist ein bis zwei Millionen Dollar), unterlagen sie keinen Regulierungen. Inzwischen wurden in den USA Regulierungen eingeführt, anderswo werden sie diskutiert, aber man kann ja in Steueroasen ausweichen… Sie verwendeten neben den Einlagen ihrer Investoren auch umfangreiche Kredite. Bei Erfolgen gab das höhere Profite, bei Misserfolgen auch riesige Verluste. Aber wenn es ganz schlimm kam, wie 1998 bei der Pleite von LTCM (Long Term Capital Management), sprang der Staat – in diesem Fall die US-Notenbank – ein, getreu dem Motto „Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren“.
Die Hedgefonds-Manager strichen hohe Gebühren ein und wurden stinkreich. In den letzten Jahren näherten sich die Profite der Hedgefonds aber denen anderer Anlagefonds an. Die Zahl der Hedgefonds und damit die Konkurrenz unter ihnen nahm zu und verringerte die Profite, andere Fonds übernahmen die Hedgefonds-Methoden oder legten ihr Geld einfach in Hedgefonds an – mit der Folge, dass zum Beispiel Pensionsfonds (und damit die Altersrenten von Millionen Menschen weltweit) von hochriskanten Börsenoperationen abhängen.

Stagnation oder Wirtschaftskrach?

Die neunziger Jahre waren eine Kette von Spekulationskrisen. 1992 brach das Europäische Währungssystem zusammen, zwei Jahre später folgte die „Tequila-Krise“ in Mexiko. 1997-99 gab es einen Flächenbrand von Währungszusammenbrüchen: Es begann mit dem thailändischen Baht, breitete sich in Südostasien aus, griff auf Lateinamerika über, stürzte dann den russischen Rubel in den Keller und riss dabei den LTCM-Hedgefonds mit. US-Notenbank-Chef Greenspan rechtfertigte sein Eingreifen damit, dass es sonst einen Supergau der Finanzmärkte gegeben hätte. 2001 platzte die dot.com-Seifenblase und zog die Aktienbörsen mit nach unten. Durch massive Zinssenkungen in den USA und das Pumpen von Geld in die Wirtschaft wurden die Finanzmärkte stabilisiert. Die gewaltige Kapitalvernichtung verringerte die Spekulation vorübergehend, aber in den letzten Jahren nahm sie wieder zu. Das ist typisch für die Endphase eines Aufschwungs, bevor die Wirtschaft in die Krise kippt.
Die beiden Lokomotiven der Weltwirtschaft, die USA und China, haben zunehmende Probleme. Die Frage ist nicht, ob der Aufschwung weitergeht, sondern ob ihm eine kleinere Krise oder ein tiefer Wirtschaftskrach folgt. Die Regierungen und Notenbanken werden wie Ende der neunziger Jahre alle Hebel in Bewegung setzen, um einen Supergau des Finanzsystems zu verhindern. Aber werden sie es schaffen? Eine Folge der Entwicklung von Hedgefonds und von neuen Finanzinstrumenten wie Derivaten ist, dass die verschiedenen Märkte (Aktien, Devisen oder Rohstoffe) viel enger verbunden sind. Eine Folge kann sein, dass bei einer Krise nicht nur ein Kartenhaus zusammenbricht, sondern mehrere.
Nach dem Sturz von Seifert und Breuer von der Deutschen Börse wurde spekuliert, dass das traditionelle Netzwerk von Konzernen und Banken in Deutschland zunehmend zerstört wird. Diesen Trend gibt es, aber bei einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise kann das Pendel leicht zurück schwingen zu staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft (zum Beispiel Rüstungsaufträge oder Prestigeprojekte), Protektionismus (insbesondere auf der Ebene von Wirtschaftsblöcken) und Handelskriegen.
Der Kapitalismus bietet uns nur noch die Wahl zwischen der Pest von Deregulierung, Privatisierung, Ausschlachtung von aufgekauften Firmen, Produktionsverlagerung in Billiglohnländer oder der Cholera von Aufrüstung, Protektionismus und Handelskriegen (oder einer Kombination von beidem) – und in jedem Fall Umverteilung von unten nach oben.

von Wolfram Klein, Weil der Stadt