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Achtung: Kartenhaus! Einsturzgefahr!

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Düstere Aussichten bieten sich für die Weltwirtschaft
 
Die letzten Jahre hat sich die Weltwirtschaft leicht erholt. Aber das Wachstum ist ebenso instabil wie ungleichmäßig. Die USA waren die Lokomotive der Weltwirtschaft, China die Hilfslokomotive. Aber im bisherigen Tempo kann das Wachstum nicht weitergehen.
Nachdem 2001 ein paar Stockwerke des Kartenhauses der US-Aktienkurse einstürzten und der 11. September das ganze Kartenhaus bedrohte, heizten US-Regierung und Notenbank Wirtschaft und Spekulation mit einer drastischen Steigerung der US-Staatsausgaben (vor allem für Rüstung), Steuergeschenken für die Reichen und Zinssenkungen wieder an. Die niedrigen Zinsen führten zu einem Anstieg der Immobilienpreise, die viele Eigenheimbesitzer zur Aufnahme von Hypothekenkrediten nutzten. Die Sparquote sank auf Null. Aus einem Überschuss von 2,4 Prozent des Staatshaushalts wurde ein Defizit von 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das Geld dafür kam aus dem Ausland. Das Zahlungsbilanzdefizit der USA stieg auf 5,5 Prozent des BIP.
Es wird oft gesagt, dass dieses Doppeldefizit nicht durchhaltbar ist. Die Cambridger Ökonomen Godley und Izurieta haben es durchgerechnet (Londoner Financial Times vom 3. Dezember): Damit das Wachstum so weiter läuft, müsste das Zahlungsbilanzdefizit auf 8,5 Prozent 2008 ansteigen. Wenn die private Verschuldung nicht weiter wächst, müsste das Haushaltsdefizit auf 7,2 Prozent steigen. Wenn die Sparquote wieder auf 1,8 Prozent anstiege (in Deutschland beträgt sie etwa 11 Prozent), müsste das Haushaltsdefizit auf 10,3 Prozent ansteigen – zum Vergleich: das 3,4-fache der Maastricht-Obergrenze!

Ostasien

Bis 2001 floss vor allem privates Geld in die USA. Von den 1,3 Billionen Anfang 2002 bis Mitte 2004 kamen 43 Prozent von Regierungen beziehungsweise Notenbanken. Ostasiatische Notenbanken kauften Dollar, um den Wechselkurs konstant zu halten (während der Dollar gegenüber dem Euro 30 Prozent verlor) und weiter viel in die USA exportieren zu können.
Aber je länger eine Währungsanpassung verhindert wird, desto heftiger wird sie. Eine Abwertung des Dollar gegenüber dem chinesischen Renminbi um 40 Prozent würde jetzt schon dazu führen, dass die Dollar im Besitz des chinesischen Staats 200 Milliarden Dollar weniger Wert sind!
Der Geldfluss in die USA aus dem armen Ostasien mit höherem Wachstum (abgesehen von Japan, wo die Wirtschaft im II. Quartal 2004 schrumpfte und im III. stagnierte) ist ökonomisch nicht normal und wird auch durch Notenbanken nicht dauerhaft betrieben werden können. Der Investitionsboom in China ist ebenfalls instabil und kann bald zusammenbrechen wie der Boom in Südostasien 1997 / 98. Also auch von dieser Seite droht ein Einsturz des Kartenhauses.

Folgen

Das US-Wachstum in Bushs erster Amtszeit war geringer als unter Clinton. Die Realeinkommen von Arbeiterfamilien sanken um 1.500 Dolar im Jahr. Wenn das Kartenhaus zusammenbricht, werden sie mit niedrigerem Einkommen höhere Zinsen für ihre Schulden bezahlen und noch Schulden tilgen müssen. Der private Konsum muss drastisch zurückgehen. Statt die Exportüberschüsse des Rests der Welt aufzunehmen, müssten die USA Exportüberschüsse erwirtschaften, schon um die Zinsen für ihre Auslandsschulden aufzubringen.
Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt wächst; die dabei erfolglosen Staaten werden sich zunehmend in Protektionismus flüchten. Die Zinsen werden ansteigen und die Wirtschaft weiter abwürgen.
Wann das passiert, lässt sich nicht vorhersagen. Aber die gestiegenen Zinsen und Ölpreise machen das Kartenhaus noch instabiler. Sicher ist: je länger die Krise künstlich verzögert wird, desto schlimmer wird sie.

Und Deutschland?

2004 war die deutsche Wirtschaft gespalten: erfolgreich beim Export, während der Binnenmarkt stagnierte. Angesichts des fortgesetzten Sozialabbaus (zum Beispiel Inkrafttreten von Hartz IV) und der Erpressung vieler Belegschaften zu Lohnverzicht sowie durch den Arbeitsplatzabbau ist keine Erholung der Binnennachfrage zu erwarten. Im III. Quartal verlangsamte sich das Exportwachstum, eine zeitlich versetzte Folge des Eurokursanstiegs von Anfang 2004. Der seitherige Anstieg wird sich erst noch auswirken. Die deutsche Wirtschaft bremst die ganze Euro-Zone, wo die Wirtschaft im III. Quartal 2004 nur um 0,3 Prozent wuchs. Danach ging es weiter abwärts. Nach den Einkaufsmanager-Daten für Deutschland und Italien vom November schrumpfte in beiden Ländern die Industrieproduktion. Der Ökonom Joachim Fels von Morgan Stanley sah die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in der Euro-Zone im ersten Halbjahr 2005 bei 40 Prozent. Dabei ging er von hohen Ölpreisen und einem hohen Eurokurs aus, aber nicht von einer Krise in den USA. Wenn die auch noch kommt, dann ist eine schwere kapitalistische Konjunktur-Krise bei uns gewiss.

von Wolfram Klein, Weil der Stadt