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Sieben Wochen Streik für die 35-Stunden-Woche

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Vor 20 Jahren wurde nach jahrelangem Kampf durch einen Streik der Durchbruch geschafft

 

Nach dem Abbruch des Streiks für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland im Sommer 2003 lamentierten IG-Metall-Funktionäre über die „harte Abwehrlinie“ der Arbeitgeber und haderten mit der „öffentlichen Meinung“. Der Streik für die 35-Stunden-Woche vor 20 Jahren ist aber der klassische Beweis dafür, dass eine Gewerkschaft wie die IG Metall auch unter vermeintlich widrigen Umständen einen offensiven Streik führen und gewinnen kann.

Die Rezession 1980 / 82 hatte die Arbeitslosigkeit gegenüber der Rezession 1974 / 75 auf zwei Millionen verdoppelt. In der Autoindustrie gab es nach wie vor Überkapazitäten. Zwei Jahre zuvor hatte die deutsche Gewerkschaftsbewegung auf der Wahlebene eine herbe Niederlage erlitten: Kohl war Bundeskanzler.

Die Gewerkschaften im europäischen Ausland waren zu diesem Zeitpunkt bereits in die Defensive geraten. In Großbritannien war Thatcher gerade dabei der Bergarbeitergewerkschaft eine vernichtende Niederlage beizubringen. Wegen dieser internationalen Lage verfolgten die Arbeiter in ganz Europa gespannt die Offensive der deutschen Metaller und Drucker.

Die herrschende Klasse wollte die 40-Stunden-Woche um jeden Preis halten und IG Metall, IG Druck und die Gewerkschaften insgesamt in die Knie zwingen. Kohl bezeichnete die 35-Stunden-Woche als „dumm und töricht“. Die bürgerliche Presse allen voran die Bild-Zeitung produzierte 1984 täglich Schlachtzeilen gegen Arbeitszeitverkürzung, gegen IG Metall und IG Druck.

 

Stimmung

 

Im März 1984 veröffentliche Emnid eine Umfrage, wonach nur 27 Prozent der Bevölkerung die Forderung nach der 35-Stunden-Woche für richtig fanden. Für Streik dafür sprachen sich nur 20 Prozent aus. Sogar 49 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder waren nach dieser Umfrage gegen einen Streik für die 35-Stunden-Woche. Zwei Monate nach dieser Umfrage stimmten bei der Urabstimmung der IG Metall über 80 Prozent für Streik.

Die Erwartungshaltung innerhalb der IG Metall war enorm und mit dem Streik entwickelte sich die Streikbereitschaft immer weiter.

Gerichtsurteile und Polizeieinsätze gegen Streikende sowie heiße und kalte Aussperrung steigerten die Kampfbereitschaft und stärkten das Klassenbewusstsein.

Bei Daimler in Sindelfingen kommt es am dritten Streiktag (16. Mai) zur Streikausweitung von unten. Die Belegschaft kam einer kalten Aussperrung zuvor und schloss sich dem Streik an. Bei Filter-Knecht in Lorch beantwortet die Belegschaft die Aussperrung mit Betriebsbesetzung. Als die hessischen Metallunternehmer trotz Aussperrungsverbot aussperren, kommt es zu einem eintägigen landesweiten Solidaritätsstreik aller 17 DGB-Gewerkschaften. 250.000 Metaller und Drucker aus ganz Westdeutschland demonstrieren am 28. Mai in Bonn gegen Aussperrung und die Weigerung, kalt Ausgesperrte durch das Arbeitsamt zu finanzieren.

Unternehmer verlieren

Nach sieben Wochen sahen die Metall- und Druckunternehmer keine Chance mehr, ihr Tabu 40-Stunden-Woche zu verteidigen und mussten sich angesichts der Stärke der IG Metall mit einer gewaltigen politischen Niederlage abfinden.

Der Streik in Ostdeutschland und die Metalltarifrunde 2004 zeigen, dass die IG Metall-Spitze nicht willens ist, die 35-Stunden-Woche zu verteidigen, geschweige denn für weitere Arbeitszeitverkürzung zu kämpfen. 20 Jahre nach einem historischen Streikerfolg sehen die Unternehmer deshalb die Chance, das Rad der Geschichte wieder zurückzudrehen. Das muss durch die Basis der Gewerkschaften verhindert werden.

 

von Ursel Beck, Stuttgart