Banner zur Mobilisierung für den Schulstreik

In Nachbereitung des Schulstreiks für mehr Investitionen in Schulgebäude dokumentieren wir hier die Reden von Vanessa Diener und David Redelberger. Beide haben auf der Auftaktkundgebung vor dem Kasseler Rathaus für das Streikbündnis „Unsere Zukunft erkämpfen!“ geredet. Es gilt das gesprochene Wort.


Rede von Vanessa Diener:

Liebe Schülerinnen liebe Schüler, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,
wir, das Bündnis Unsere Zukunft erkämpfen, begrüßen euch zum heutigen Schulstreik.
Seit unserer Gründung im September, durch engagierte Schülerinnen und Schüler, haben wir mit verschieden Aktionen in der Öffentlichkeit auf uns aufmerksam gemacht und unser Anliegen nach außen getragen. Denn unser Thema – bessere Bildung für alle – ist von großer Bedeutung
In den wöchentlichen Bündnistreffen und während der Aktionen wurden wir durch die Gewerkschaft GEW und die Kasseler LINKE sowie die SDAJ und Linksjugend solid unterstützt, welche unser Anliegen – mehr Geld für Bildung- als ebenso wichtig erachten wie wir. Unser Protest wurde bei Kundgebungen, Demos und weiteren Veranstaltungen in die Öffentlichkeit getragen, um somit weitere Unterstützer*innen zu gewinnen und unser Anliegen bekannt zu machen.

Wir sind heute gemeinsam auf der Straße, weil der Schulstreik für uns das wirksamste Mittel darstellt, um auf die Abgeordneten der Kassler Stadtverordnetenversammlung Druck auszuüben, dem Haushaltsentwurf für 2018 in dieser Form NICHT zuzustimmen.
Dieser sieht nämlich eine weitere Kürzung der Mittel für die Sanierung der Schulen in Kassel vor – obwohl die Zustände in den Kasseler Schulen nicht länger tragbar sind.
Und der enorme Sanierungsstau soll weitgehend unangetastet bleiben, was für uns Schülerinnen und Schüler bedeuten würde, dass unsere Schulen weiterhin in einem absolut untragbaren Zustand bleiben würden! Das darf nicht sein! Wir fordern deshalb den Abbau des Sanierungsstaus und mehr Geld für Bildung!

Die Regierenden verlassen sich auf zweckgebundene Gelder vom Bund und wollen sich somit ihrer Verantwortung entziehen, selbst die nötigen Mittel bereitzustellen – das darf nicht sein!
Der Sanierungsstau bedeutet für uns Schülerinnen und Schüler marode Gebäude, nicht funktionsfähige Geräte und verfallendes Mobiliar.Unsere Schulen bieten weder eine motivierende Lern- noch die nötige Lehratmosphäre! Weder wir noch unsere Lehrerinnen und Lehrer können in diesen Räumen so Unterricht machen, wie wir es bräuchten! In der Schule soll eine stabile Basis für unsere Zukunft gelegt werden – in brüchigen Gebäuden ist das nicht möglich!
Deshalb sind wir heute auf der Straße, deshalb haben wir den Schulstreik ausgerufen! Lasst und gemeinsam der ganzen Stadt zeigen, dass wir viele und dass wir laut sind!

Wir sind hier und wir sind laut – weil man uns die Bildung raubt!

 

 

Rede von David Redelberger:

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

danke für die Einladung und die Möglichkeit hier sprechen zu können. Schon vor ziemlich genau 10 Jahren stand ich an dieser Stelle und war selbst Schüler. Da waren etwas mehr Leute da, aber auch heute sieht das schon sehr gut aus. Mein Name ist David Redelberger, ich war Sprecher des Bündnisses Bildungsblockaden einreißen Kassel und Anmelder mehrerer Schulstreiks in den Jahre 2007 bis 2010. Mit dem Blick von damals kann ich heute sagen: Ihr seid verdammt beeindruckend!

Wir haben damals im Jahr 2007 mit einem großen Schulstreik gestartet, wo 4000 Leute waren, weil auch damals schon die Lernbedingungen mies waren. Zusätzlich war gerade G8, also die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre, und das Zentralabitur eingeführt worden.

Allgemein brodelte es im Bildungsbereich. In Hessen wurden die Studiengebühren eingeführt und nach langen und heftigen Studiprotesten wieder abgeschafft. Wir sind so lange auf die Straße gegangen und haben Autobahnen blockiert, um politischen Druck zu entwickeln und die Abschaffung zu erzwingen. In Österreich gab es parallel die Unibrennt-Bewegung, die Hörsäle an den Unis besetzt hat.

In Kassel hat wir ein Schülerbündnis gegen Studiengebühren gegründet und auch an Schulen deutlich gemacht, warum das Thema nicht nur Studis angeht. Als die Studiengebühren abgeschafft waren, stellte sich die Frage nach dem wie weiter. Wir sind dann auf den Stadtschülerrat zugegangen, der offen war für Bildungsproteste. Im November 2007 gab es eine stadtweite Schülervollversammlung, zwei Wochen später den Schulstreik mit 4000 Leuten. Hauptforderungen waren die Rücknahme von G8, kleinere Klassen, eine Schule für alle statt des dreigliedrigen Schulsystems und eine echte Lehrmittelfreiheit.

Neben Kassel hatten sich damals in einigen wenigen Städten Gruppen gegründet, vor allem Berlin hatte eine gewisse Tradition mit Schulstreiks. In der Zeit nach dem ersten Streiks wurden es dann schnell mehr Bündnisse, die sich auf einer bundesweiten Konferenz im April 2008 in Berlin trafen. Im Juni 2008 waren es dann schon Streiks in 40 Städte, und die ersten Studigruppen beteiligen sich. Weitere Konferenzen und Städte kamen, im Juni 2009 waren es fast 100 Städte und 100.000 TeilnehmerInnen bundesweit. Wir hatten die ersten Kontakte zur Gewerkschaftsjugend geknüpft. Ein Jahr später im Juni 2010, wo wir eine expliziten Jugendstreik für alle Jugendlichen Kassels ausgerufen haben, waren neben SchülerInnen und Studis waren auch 1000 Azubis dabei.

Das war insgesamt eine ziemlich beeindruckende Bewegung, aber die Initiative ging damals wie heute von Schülerinnen und Schülern aus. Und wenn ich heute hier so runter schaue, dann sieht auch schon sehr, sehr gut aus, was ihr hier heute vollbringt.

Schon wir haben damals gesagt bekommen, wir wären unpolitisch und würden nur Schule schwänzen wollen. Bullshit! Wir wären angeblich gegen unsere Lehrerinnen und Lehrer. Nichts da, genauso unwahr! Wir hätten kein Recht, vormittags zu demonstrieren. Auch das ist falsch!

Die Lehrerinnen und Lehrer waren schon damals unsere Verbündete. Die Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft waren damals eine wichtige Unterstützung. In dem Zusammenhang finde ich es auch total super, dass die Gewerkschaft heute Nachmittag zum Protest aufgerufen hat. Heute Nachmittag werden die Lehrkräfte wie ihr jetzt für mehr Schulsanierungen protestieren. So geht Solidarität, das ist ein eigener Applaus wert, finde ich!

Wir haben damals gezeigt, dass es geht: Schülerinnen und Schüler nehmen ihr Recht auf Meinungsäußerung wahr. Wir hatten damals und ihr habt heute das verdammte Recht, auf die Straße zu gehen, auch und gerade vormittags!

Ich finde: Gegen Zustände wie die in den Schulen ist es nicht nur das Recht, sondern fast schon die Pflicht zu protestieren. Der Skandal ist nicht, dass ihr ein paar Stunden Unterricht in der Schule verpasst, der Skandal ist jeder Tag, in dem ihr länger in maroden Gebäuden und Klassenräumen sitzt! Nicht der Schulstreik ist der Skandal, sondern der Schulalltag ist der Skandal! Und ich meine, gegen solche Skandale gibt es das Mittel des zivilen Ungehorsams – und das nutzt ihr heute!

Der irische Sozialist James Connolly hat mal gesagt: Die Mächtigen erscheinen nur so groß, weil wir auf unseren Knien sind. Lasst uns aufstehen!

Hier in Kassel, da wollen die Mächtigen dieser Stadt, dass ihr aufsteht. Das zeigt uns die Debatte und die schmierige Kampagne gegen den Schulstreik in den letzten Tagen. Es ist aber verdammt notwendig, für bessere Schulen und bessere Bildung aufzustehen.

Was heute hier passiert, ist ganz praktischer Politikunterricht. Der ist hautnah, der ist live, der ist draußen und gut und vor allem ist er von euch selbst organisiert. Dafür lohnt es, sich einen Tag zu fehlen, und das Demonstrationsrecht zu nutzen. Das wurde in der Vergangenheit erkämpft und muss immer wieder neu erkämpft werden.

Wir sind damals auf die Straße gegangen und ihr geht heute genauso auf die Straße. Ich wünsche uns eine gute Demonstration. Seid laut, seid bunt, zeigt, dass wir Recht haben – denn wir haben Recht! Irgendwann sind wir dran, den Kampf zu gewinnen, und ihr gebt mir da verdammt viel Hoffnung. Dankeschön!