Eine andere WASG war möglich
[Druckversion] Thema: Lucy Redler, WASG - Die Wahlalternative, veröffentlicht: 22.03.2007
Mit bürokratischen Strukturen und einer Fixierung auf parlamentarische
Arbeit zur neuen Linkspartei. Chancen für eine an Gewerkschaften und
sozialen Bewegungen ausgerichtete Politik gibt es aber immer noch
von Lucy Redler
Dieser Artikel erschien in der jungen Welt, 20.3.2007
Was für ein Widerspruch: Einerseits der rasante Aufbau der
Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) und der Erfolg
der gemeinsamen Kandidatur von WASG und Linkspartei.PDS bei der
Bundestagswahl 2005. Wie viele euphorische Reden über die »historische
Chance der Einheit der Linken« haben wir seitdem gehört! Auf der anderen
Seite heute die Realität: Die Dynamik des WASG-Aufbaus ist vorbei. Die
Ausstrahlungskraft der Idee einer vereinigten Linken hat sich
verflüchtigt. Beide Parteien verlieren in der Gesamtbilanz Mitglieder.
Statt der Wahrnehmung einer historischen Chance werden wir Zeuge einer
verpaßten Chance.
Anfangs große Ausstrahlung
Die WASG begann nicht widerspruchsfrei. Von ihren Gründervätern war sie
als Top-Down-Projekt konzipiert. Ihre Programmatik ging nicht über die
Grenzen des Kapitalismus hinaus, sondern verharrte in keynesianischen
Umverteilungswünschen. Und doch war sie für die Arbeiterbewegung und die
Linke in Deutschland ein wichtiger Schritt voran. Sie setzte die Idee
auf die Tagesordnung, daß abhängig Beschäftigte und Erwerbslose eine
eigene politische Interessenvertretung brauchen, die nicht auf
Regierungsbeteiligung mit neoliberalen Parteien setzt. Das führte zu
ihrer großen Ausstrahlungskraft, vor allem auch unter Gewerkschaftern
und Aktiven der Bewegung gegen »Hartz IV«.
Die WASG war Opposition und erschien als neue, unverbrauchte Kraft. Sie
zog in ihrem Gründungsprogramm und in Wahlprogrammen eine zentrale
politische Lehre aus der Rechtsentwicklung von SPD, Grünen und
Linkspartei.PDS: Sie lehnte Regierungsbeteiligungen ab, die zu
Sozialabbau und Privatisierungen führen. Dies war der zentrale Punkt,
der die WASG von allen anderen Parteien unterschieden hat. Zudem hatte
sie eine enge Verbindung zu Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Die
WASG war nicht Teil des Establishments.
Die damalige PDS war dagegen eine Partei im Niedergang, unfähig, größere
und vor allem aktive Unterstützung in der Masse der arbeitenden
Bevölkerung und der Jugend zu erlangen. Auf dem Papier noch
sozialistisch, hatte sie die Marktwirtschaft nicht nur akzeptiert,
sondern betätigte sich in Landesregierungen und Kommunalparlamenten als
Verwalterin von Sozialabbau und Privatisierungen. Dominiert vom
hauptamtlichen Apparat und den Parlamentsfraktionen und überaltert,
fehlte ihr ein demokratisches Innenleben. Für viele Menschen in West und
Ost, die sehr wohl offen für eine antikapitalistische Alternative sind,
war und ist die Linkspartei.PDS keine glaubwürdige Alternative aufgrund
ihrer Vergangenheit als stalinistische DDR-Staatspartei.
Deshalb war die Gründung der WASG richtig und ein Fortschritt für die
Arbeiterbewegung und die Linke. Sie bot die Chance, eine kämpferische
und antikapitalistische Partei zu entwickeln, während die
Linkspartei.PDS in ihrem Anpassungskurs an den Kapitalismus schon so
weit gegangen war, daß es unmöglich erschien, einen Kurswechsel zu
erreichen.
Votum für Parlamentarismus
Ironischerweise zitierte damals gerade Oskar Lafontaine im
Bundestagswahlkampf den französischen Schriftsteller Victor Hugo
(1802–1885) mit dem Satz »Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit
gekommen ist.« Aber für was war eigentlich die Zeit gekommen? Für einen
Beitritt der WASG in die Linkspartei.PDS? Für bürokratische Methoden und
eine hauptsächlich parlamentarisch orientierte Politik? Oder war die
Zeit gekommen für eine kämpferische Mitgliederpartei, die in Opposition
zu den Herrschenden steht, sich an keinen Regierungen mit neoliberalen
Parteien beteiligt und einen Schwerpunkt auf den außerparlamentarischen
Widerstand legt?
Trotz radikaler Reden von Oskar Lafontaine stehen er und die große
Mehrheit im WASG-Bundesvorstand für den ersten Weg und haben in der
Partei einen bürokratischen Kurs durchgesetzt. Dieser fand seinen
Höhepunkt in der Absetzung der Landesvorstände in Berlin und
Mecklenburg-Vorpommern im vorigen Jahr, weil beide nicht bereit waren,
die Regierungspolitik der jeweiligen Landesverbände der Linkspartei.PDS
zu unterstützen.
Die Politik der WASG wird mittlerweile in der Bundestagsfraktion
gemacht. In der Programm- und Strukturdebatte hatte die Parteibasis kaum
Möglichkeiten, Entscheidungen zu beeinflussen. All das hat viele
Mitglieder frustriert; teilweise verlassen sie die Partei auch. Sogar um
die Beschlüsse des letzten Bundesparteitags im November 2006 zum
Programm der neuen Partei wurde von der Mehrheit des Vorstandes nicht
gekämpft und die Inhalte dementsprechend in den Entwürfen der Dokumente
auch nicht berücksichtigt. In der politisch zentralen Frage hat sich die
Position der Linkspartei.PDS durchgesetzt: Regierungsbeteiligungen mit
neoliberalen Parteien, die zu Sozialabbau und Privatisierungen führen,
werden nicht ausgeschlossen. Damit fällt die neue Partei programmatisch
hinter das zurück, was die Wahlalternative erreicht hatte.
Das Einknicken in der Frage der Regierungsbeteiligung hat seinen
politischen Ursprung zweifellos in der begrenzten keynesianischen
Programmatik, in der eine Mitgestaltung des Kapitalismus angelegt war.
Ich habe in den Programmdebatten in der Partei immer die Position
vertreten, daß die Forderungen im Rahmen einer kapitalistischen
Gesellschaft nicht dauerhaft erreichbar sind und deshalb ein
sozialistisches Programm und eine Perspektive zur Überwindung des
Kapitalismus nötig sind. Um diese Frage gab es lebendige Debatten und
Auseinandersetzungen. Die Prämisse, nicht an Sozialabbau betreibenden
Regierungen teilzunehmen, war aber nahezu unumstritten. In der
politischen Praxis hätte diese bei weiterer gemeinsamer politischer
Aktivität und Debatte, die Frage einer sozialistischen Programmatik
zwangsläufig auf die Tagesordnung der WASG gesetzt.
Dies wurde durch die Orientierung der Mehrheit des Bundesvorstandes auf
eine Vereinigung mit der Linkspartei.PDS untergraben. Der Höhepunkt war
der Aufruf, im Berliner Wahlkampf 2006 die Berliner Linkspartei.PDS zu
unterstützen. Deren Niederlage war deshalb auch eine für die
WASG-Führung. Hätte sie den Berliner Landesverband unterstützt, gäbe es
heute eine kämpferische, linke Oppostion im Abgeordnetenhaus.
Alternativen zum neoliberalen Weg
Der Unmut über die Art der Fusion und die Politik der Linkspartei.PDS in
Berlin ist in der WASG weiterhin groß. Das Selbstvertrauen der
Mitglieder, einen eigenen Weg gehen zu können, ist jedoch gebrochen.
Gebetsmühlenartig wurde und wird von den Parteispitzen wiederholt, daß
es in Deutschland keinen Platz für zwei linke Parteien gibt. Warum die
Wahlalternative sich dann überhaupt gegründet hat, beantwortet ihr
Vorstand nicht.
Ich bin davon überzeugt, daß ein anderer Weg möglich gewesen wäre. Man
hätte die WASG als Oppositionspartei aufbauen und einige zehntausend
Mitglieder gewinnen können. Dafür hätte es einer Ausrichtung auf
Kampagnen und auf die praktische Unterstützung sozialer Bewegungen sowie
betrieblicher Kämpfe und einer konzentrierten Mitgliedergewinnung
bedurft. Eine solche Partei hätte das Vertrauen gewerkschaftlicher
Aktivisten, von Globalisierungskritikern, Antifaschisten und Aktiven
sozialer Bewegungen und linker Gruppen aufbauen und zu einer wirklichen
Sammlungspartei werden können. Sie wäre ein großer Schritt nach vorn
gewesen, um einen Beitrag zum Aktivwerden von Erwerbslosen und abhängig
Beschäftigten zu leisten.
Eine solche WASG hätte einen ganz einfachen Appell an die
Linkspartei.PDS richten können: Beendet Eure Beteiligung an Sozialabbau,
Privatisierungen, Lohnkürzungen und Arbeitsplatzvernichtung – und wir
können ein Zusammengehen beraten! Entweder hätte das die Linkspartei.PDS
so unter Druck gesetzt, sich zu ändern– was ich sehr bezweifle –, oder
aber die linken, antikapitalistischen Kräfte hätten sich der WASG
anschließen können.
Keine Einheit der Linken
Die neue Partei wird sich als die »Einheit der Linken« präsentieren.
Doch dies ist ein Mythos. Die Politik der Berliner Linkspartei.PDS, die
vom Parteivorstand und der Mehrheit der dominierenden Ost-Landesverbände
unterstützt wird, ist nicht links. Auch nicht, Wohnungen zu verkaufen
und den Blinden das Blindengeld zu kürzen. Es ist nicht links,
Tarifverträge zu untergraben. Eine Politik des kleineren Übels ist nicht
links. Links sein bedeutet, sich in der Klassengesellschaft klar auf der
Seite der Entrechteten, vom Sozialabbau und Arbeitgeberangriffen
Betroffenen zu positionieren, anstatt die Rolle des Vollstreckers
neoliberaler Politik zu spielen.
Deshalb werden viele linke Aktivisten der neuen Partei nicht beitreten.
Auch unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird die neue Partei nicht
die »Einheit der Linken« repräsentieren. Aus diesen Gründen ist der
Beitritt der WASG in die Linkspartei.PDS ein Schritt in die falsche
Richtung und wird den Prozeß hin zu einer kämpferischen
Interessenvertretung für Erwerbslose und abhängig Beschäftigte
verkomplizieren.
Der Landesparteitag der WASG Berlin hat am 10. Februar richtigerweise
beschlossen, die Mitglieder aufzurufen, in der kommenden bundesweiten
Urabstimmung gegen die Fusion zu stimmen.
Lafontaine und Berlin
Oskar Lafontaine hat jetzt die Privatisierung der Berliner Sparkasse zum
»Lackmustest« der neuen Linken erklärt. Die Privatisierung der Sparkasse
wird von der Berliner Linkspartei.PDS immer wieder als eine zwingende
EU-Auflage dargestellt. Diese Behauptung stimmt jedoch nicht. Es gibt
eine EU-Auflage, nach der die Berliner Bankgesellschaft verkauft werden
soll. An keiner Stelle ist jedoch davon die Rede, daß dies auch zwingend
auf die Berliner Sparkasse zutrifft. Im Gegenteil hat der Senat von SPD
und Linkspartei.PDS im Jahr 2005 erst ein Sparkassengesetz geschaffen,
was den Verkauf an private Investoren ermöglicht. Ähnlich wie der
Länderrat der WASG und neun Mitglieder der Bundestagsfraktion Die Linke
forderte Oskar Lafontaine die Berliner Linkspartei.PDS jetzt auf, die
Koalition zu verlassen, wenn es zur Privatisierung der Sparkasse kommt.
Es ist zu begrüßen, daß Oskar Lafontaine sich in dieser Form
positioniert. Ich lade ihn ein, die Kampagne der WASG Berlin gegen die
Privatisierung der Sparkasse sowie das geplante Volksbegehren aktiv zu
unterstützen. Wenn er es ernst meint, müßte er diese Auseinandersetzung
nutzen, um die kritischen Mitglieder beider Parteien gegen die Politik
des Berliner Senats zu mobilisieren, und eine ernsthafte
innerparteiliche Auseinandersetzung führen. Der Kampf gegen die
Privatisierung der Sparkasse müßte als Hebel genutzt werden, um die
gesamte Senatspolitik in Frage zu stellen und eine Kampagne für einen
Bruch der Linkspartei.PDS mit der SPD zu führen. Das geschieht nicht.
Lafontaine hat schon des öfteren radikale Forderungen aufgestellt und in
den entscheidenden Momenten dann doch die Regierungsbeteiligung der
Linkspartei.PDS in Berlin unterstützt. Im Interview mit der Welt vom 1.
März 2007 verteidigt er die Politik des Berliner Senats. Im Wahlkampf
attestierte er der Berliner Linkspartei.PDS sogar eine sozial
ausgewogene Politik.
Ist Berlin eine Ausnahme oder ein Präzedenzfall für die neue Linke? Zwei
Fragen sind hier entscheidend: 1. Wer wird in der neuen Partei das Sagen
haben? 2. Wird die neue Partei eine große Zahl von Arbeitern,
Erwerbslosen und Jugendlichen anziehen können, die Druck für eine andere
Politik machen könnten?
Es spricht viel dafür, daß der Parteiapparat und die Fraktionen die
Partei dominieren werden. Ich glaube, daß Berlin kein Einzelfall bleiben
wird, sondern ein Präzedenzfall ist. Bei der Versammlung der
Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei.PDS in Dessau im Februar hat sich
die Versammlung demonstrativ hinter den Kurs der Berliner Parteikollegen
gestellt. In Brandenburg steht die Linkspartei.PDS in den Startlöchern,
um in die Regierung zu kommen. Und selbst Oskar Lafontaine, der oftmals
gegen die Politik des Berliner Senats auftritt, kündigte auf dem letzten
WASG-Bundesparteitag an, daß er nach der nächsten Landtagswahl
Ministerpräsident im Saarland werden möchte – ohne dafür irgendwelche
inhaltlichen Bedingungen an eine Koalition zu knüpfen.
Aussichten für die neue Partei
Trotz der verlorenen Anziehungskraft wird die neue Partei in
Westdeutschland anders zusammengesetzt sein und vor allem anders
wahrgenommen werden als in Ostdeutschland oder in Berlin. Im Osten und
in Berlin ist sie an Regierungen im Land oder in den Kommunen beteiligt,
setzt dort unsoziale Politik um und wird als etablierte Kraft gesehen.
Sie ist in den Staatsapparat integriert und hat eine ausschließlich
parlamentarische Orientierung. Die neue Partei wird dadurch im Osten
eine reine Fortsetzung der alten Linkspartei.PDS sein.
Im Westen ist das anders. Hier ist die neue Partei in keiner Regierung
und wird als Teil der Linken und der Gewerkschaftsbewegung wahrgenommen.
Auch Oskar Lafontaine gibt der Partei im Westen mit seinen oftmals
radikalen Reden und Auftritten vor streikenden Belegschaften ein anderes
Gesicht. Im Westen wird sich ein Teil von linken und
antikapitalistischen Aktivisten entscheiden, in der Partei für einen
Kurswechsel einzutreten. Dies ist angesichts einer fehlende
massenwirksamen Alternative nachvollziehbar. Aber die Politik der neuen
Partei wird auch im Westen von der parlamentarischen Orientierung ihrer
Führung geprägt sein, weshalb dort ebenso ein bürokratischer
Zentralismus das Parteileben dominieren wird. Das wird die
Ausstrahlungskraft begrenzen. Hinzu kommt, daß zu wenig zur praktischen
Unterstützung von sozialen Bewegungen oder betrieblichen Kämpfen
beigetragen und für solche nicht offensiv genug eine politische
Perspektive aufgezeigt wird.
Trotzdem wirkt die neue Partei auf die Gewerkschaften unterschiedlich.
Das wurde vom Landesparteitag der WASG Berlin wie folgt zusammen gefaßt:
»In den Gewerkschaften wird die neue Partei eine widersprüchliche
Wirkung haben. Einerseits hilft ihre Existenz, den Bruch von Teilen der
Gewerkschaft mit der SPD zu befördern, wie er sich jetzt zum Beispiel
bei der Frage des politischen Streiks zeigt. Andererseits betreibt die
Führung von WASG und Linkspartei.PDS einen unkritischen Schulterschluß
mit den sozialdemokratischen Gewerkschaftsführungen und hilft diesen so,
die Kontrolle über Proteste zu behalten und eine bremsende Rolle zu
spielen.«
Ob sich eine größere Zahl von Arbeitern und Jugendlichen der neuen
Partei anschließen wird, ist offen. Sie tun es sicher nicht, weil die
Politik der »neuen Linken« besonders attraktiv für sie wäre. Wenn es zu
weiteren Regierungsbeteiligungen kommt, wäre das noch
unwahrscheinlicher. Aber mangels einer starken, antikapitalistischen
Alternative wird die neue Partei bei Wahlen Erfolge erzielen und, vor
allem in Westdeutschland, neue Mitglieder anziehen können.
Offen ist auch, wie sich der neu zu gründende Hochschulverband der
Linken entwickeln wird. Erste Erfahrungen wie bei der
Studentenparlamentswahl in Hamburg im Januar 2007, wo der neue
Hochschulverband keinen einzigen Sitz eroberte und parteiunabhängige
linke Listen erfolgreich waren, machen den Wunsch nach
parteiunabhängigen Hochschulverbänden deutlich. Trotzdem kann die
Entwicklung nicht vorhergesagt werden, wenn sich der neue Verband ein
radikales, am Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) angelehntes
Image gibt. Auch die Landtagswahlen in Bremen können noch einmal zu
erhöhter Aufmerksamkeit und Eintritten in die Partei führen.
Ein qualitativ größerer Zulauf ist jedoch nur denkbar, wenn es zu großen
Klassenkämpfen kommt und aus diesen heraus eine Schicht von Aktivisten
die Schlußfolgerung zieht, sich politisch zu organisieren. Sollten sie
dann den Weg in die neue Partei finden, müssen Sozialisten dort sein, um
mit ihnen für einen Kurswechsel zu kämpfen. Ein Teil von linken und
sozialistischen Kräften, auch die Sozialistische Alternative Voran (SAV)
in Westdeutschland, werden deshalb aus der neuen Partei nicht austreten.
Andere werden sich gegen die Neugründung entscheiden. Aus meiner Sicht
ist es von großer Bedeutung, daß sich diese Kräfte in einem breiten
antikapitalistischen Netzwerk zusammenschließen und gemeinsam
handlungsfähig werden. Die bisher bestehenden kritischen Strömungen
innerhalb der beiden Parteien können diese Aufgabe alleine nicht
erfüllen.
Opposition in Berlin
Was ist die Aufgabe von sozialistischen und antikapitalistischen Kräften
in Berlin? Unter der Landesregierung von SPD und Linkspartei.PDS werden
der Sozialabbau und die Privatisierungspolitik fortgesetzt. Obwohl es
laut Koalitionsvertrag keine Verkäufe von Wohnungen mehr geben sollte
(nachdem in der vergangenen Legislaturperiode 120000 Wohnungen verkauft
wurden), wurden allein seit der letzten Wahl über 5000 Wohnungen
veräußert. Der Ladenschluß wurde faktisch abgeschafft. Die
Profilierungsprojekte der Berliner Linkspartei.PDS gehen ins Leere. So
will sie nun im Rahmen der Bildung eines öffentlichen
Beschäftigungssektors für Langzeitarbeitslose 2500 Jobs mit einem
monatlichen Bruttolohn von 1300 Euro schaffen. Es ist schon jetzt
abzusehen, daß dieser staatlich subventionierte Niedriglohnsektor dazu
führen wird, daß reguläre Stellen, zum Beispiel an Schulen, vernichtet
werden. Der öffentliche Beschäftigungssektor soll auch davon ablenken,
daß man in Berlin plant, die Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst von
acht bis zwölf Prozent in Form des sogenannten Solidarpakts 2009 weiter
fortzuschreiben. In dem Beschluß des Berliner WASG-Landesparteitags
heißt es folgerichtig: »Die Fortsetzung des Sozialabbaus in Berlin durch
den rot-roten Senat bedeutet, daß wir uns nach einer erfolgten
bundesweiten Fusion eigenständig organisieren müssen. Eine nennenswerte
innerparteiliche Opposition gegen die Politik der Führung der Berliner
Linkspartei.PDS ist auf absehbare Zeit nicht in Sicht. Die
Kräfteverhältnisse würden auch durch einen gemeinsamen Eintritt der WASG
Berlin in diese Partei nicht nennenswert verändert. Die in dieser Stadt
dringend nötige soziale Opposition wäre geschwächt. Wir sprechen uns
deshalb für die Bildung einer Regionalorganisation in Berlin aus, die
die politische Zielsetzung der WASG Berlin weiter verfolgt.«
50000 Menschen haben die WASG Berlin im Herbst 2006 gewählt. Die WASG
Berlin hat gerade eine Kampagne gegen die Privatisierung der Sparkasse
begonnen und beteiligt sich an einem Volksbegehren zur Novellierung des
Sparkassengesetzes. Wenn es in Berlin gelingt, eine starke
Oppositionskraft gegen alle im Berliner Abgeordnetenhaus vertretenen
Parteien aufzubauen, kann diese aufgrund des zu erwartenden Widerstandes
gegen die Politik von SPD und Linkspartei.PDS großen Zulauf erhalten.
Wichtig ist, daß die neue Organisation einen klaren Schwerpunkt in der
außerparlamentarischen Arbeit hat und zugleich die Arbeit der 14
Bezirksverordneten der WASG in sieben Bezirksverordnetenversammlungen
unterstützt. Ziel muß sein, bei den nächsten Berliner Wahlen eine linke
Kandidatur, möglichst mit weiteren oppositionellen Kräften,
vorzubereiten.
Das ist kein Rückzug in die Lokalpolitik oder eine »Berliner Brille«. Es
wird in den nächsten Jahren darauf ankommen, in vielfältigen Formen
linke und antikapitalistische Kräfte zu stärken. Eine Berliner
Regionalorganisation wäre nur landesweit organisiert, würde aber
politisch bundesweit ausstrahlen und in einem noch zu bildenden Netzwerk
mit antikapitalistischen Kräften bundesweit kooperieren. Die fusionierte
Partei ist nicht das Ende der Geschichte. Mit zunehmenden Klassenkämpfen
wird die Frage einer starken und sozialistischen Massenpartei wieder auf
die Tagesordnung kommen. Das wird auch in der neuen Partei zu
Differenzierungsprozessen führen und die nächste Runde im Kampf für eine
solche Partei, die tatsächlich konsequent die Interessen der abhängig
Beschäftigten und Erwerbslosen vertritt, einläuten.
Lucy Redler ist Mitglied im WASG-Bundesvorstand und in der
Sozialistischen Alternative, SAV
|