Venezuela: Chávez kündigt weitere Verstaatlichungen an
[Druckversion] Thema: Mittel- und Süd-Amerika, veröffentlicht: 24.01.2007
Chávez: „Wir bewegen uns in Richtung einer sozialistischen
Republik Venezuela“ von Karl Debbaut,
Komitee für eine Arbeiterinternationale, 10. Januar 2007
Nach der Vereidigung seines neuen Kabinetts kündigte Hugo Chávez in
einer im Fernsehen übertragenen Ansprache die Verstaatlichung von
Electricidad de Caracas, Venezuelas größtem privaten Stromversorger, und
dem Telekommunikations-Riesen CANTV an. Beide Firmen wurden von der
Vorgängerregierung in den frühen neunziger Jahren privatisiert.
„Die Nation sollte ihr Eigentum an strategischen Sektoren der Wirtschaft
wieder erlangen“, sagte Chávez. „Alle privatisierten Betriebe sollen
verstaatlicht werden.“ Der Spott, der in der internationalen Presse über
Chávez ausgeschüttet wird, ist nur Ausdruck der Angst des Imperialismus
vor einer Radikalisierung in Venezuela und deren Auswirkungen auf den
Rest von Lateinamerika.
Die Ankündigung Electricidad de Caracas und CANTV zu verstaatlichen und
die lukrativen Ölprojekte im Orinoco-Becken unter die Kontrolle der
Regierung zu stellen, kommt nach der dritten Wiederwahl von Chávez bei
den Präsidentschaftswahlen im Dezember. Während des Wahlkampfes hatte er
angekündigt, im Falle seiner Wiederwahl radikalere Veränderungen
einzuleiten. In seiner Rede vom 9. Januar sagte er nicht nur: „Wir
bewegen uns in Richtung einer sozialistischen Republik Venezuela“. Er
bezog sich auch auf die Ideen von Marx, Lenin und Trotzki: „Ich bin sehr
deutlich auf (Leo) Trotzkis Linie – der permanenten Revolution.“
Es ist positiv, dass Chávez Trotzki zitiert und dadurch Trotzki und den
Trotzkismus Millionen von Menschen in Venezuela näher bringt. Aber er
hat noch nicht die Methode und das Programm von Totzki angewendet,
insbesondere nicht im Hinblick auf die entscheidende Rolle der
Arbeiterklasse und der revolutionären Partei in der sozialistischen
Revolution und hinsichtlich der Frage der Arbeiterdemokratie.
Die Umgruppierung seines Kabinetts in der letzten Woche und die
Absetzung des Vize-Präsidenten Vicente Rangel und des Innen- und
Justizministers Jesse Chacón kündigten einen Linksruck von Chávez an.
Vicente Rangel wurde generell als die Person betrachtet, die der
Koalition von nicht weniger als zwanzig Pro-Chávez-Parteien politische
Stabilität bringt. Rangel ist ein Veteran des venezolanischen
politischen Lebens und spielte eine pro-kapitalistische Rolle in der
letzten Regierung. Er hat Wirtschaftsführer wiederholt aufgefordert
„institutionelle politische Posten“ zu übernehmen.
Internationale Bedeutung
Die Stellungnahmen von Chávez und sein Vorschlag Venezuela in
„sozialistische bolivarianische Republik“ umzubenennen sind von
außerordentlicher Bedeutung für die Arbeiterbewegung in Lateinamerika
und international. Nach den als die „ersten Verstaatlichungen des 21.
Jahrhunderts“ benannten Neuverhandlungen der Verträge mit
multinationalen Gaskonzernen durch den Präsidenten von Bolivien, Evo
Morales, könnte Venezuela formal die „erste sozialistische Republik des
21. Jahrhunderts“ werden. Dies ist Ausdruck davon, wie weit die
Ablehnung von Neoliberalismus und Imperialismus durch die Massen auf dem
lateinamerikanischen Kontinent geht. Es drückt aber auch aus, dass die
Idee des Sozialismus im Kampf gegen kapitalistische und imperialistische
Ausbeutung zurück gekehrt ist.
Breite Unterstützung für Chávez, aber nicht für seine Politiker
Chávez gewann die Wahlen mit 63 Prozent der Stimmen gegen den Kandidaten
der, seit einigen Jahren erstmals einheitlich agierenden, Opposition,
Manuel Rosales. Kein anderer Präsident auf der Welt, am wenigstens Bush
junior, kann von sich behaupten, drei aufeinanderfolgende
Präsidentschaftswahlen mit wachsendem Stimmenanteil gewonnen zu haben.
Bei einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent, erzielte Chávez sechs Prozent
mehr Stimmen als bei seiner ersten Wahl im Jahr 1998. Jedoch zeigt die
persönliche Unterstützung für Chávez nicht die Gesamtsituation in der
venezolanischen Politik bzw. der Politik und dem Ansehen der Regierung.
Es gibt ein tiefsitzendes Misstrauen gegen die politischen Parteien in
Chávez` Umfeld und es gibt die weitverbreitete Überzeugung, dass eine
Schicht von Bürokraten sich bereichert. Das führte anfangs zu einer
vergleichsweise geringen Beteiligung an der Wahlkampagne. Erst als der
Oppositionskandidat Rosales es schaffte, die größte
Oppositionsdemonstration in Caracas seit einigen Jahren zu organisieren,
führte die Angst vor einer Rückkehr der pro-USA-Opposition zu einem
Anstieg in der Wahlbeteiligung.
Obwohl die Sozialprogramme der Chávez-Regierung den Armen geholfen
haben, weist das wachsende Gefühl der Frustration und des Misstrauens
darauf hin, dass die Politik bisher scheiterte, die fundamentalen
Probleme der Mehrheit der VenezolanerInnen zu lösen. 25 Prozent der
Bevölkerung leben weiterhin von weniger als einem US-Dollar am Tag.
Während die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung über fünfzig Prozent
des Nationaleinkommens verfügen, sind es für die ärmsten zehn Prozent
lediglich zwei Prozent. Der Zufluss von Öl-Einnahmen in die Wirtschaft
führte zu einem Anstieg der Bankeinlagen von 84 Prozent im letzten Jahr.
Seit 2003 ist das Bankvermögen um 20 Milliarden US-Dollar angestiegen.
Davon haben vor allem die reiche Mittelklasse und Oberschicht
profitiert. Gleichzeitig haben ArbeiterInnen und Arme relativ wenige
Verbesserungen der Infrastruktur erlebt und gibt es einen Anstieg von
Gewaltkriminalität. Die Mordrate ist seit 1999 um 67 Prozent gestiegen
und Venezuela hat laut UNESCO eine der höchsten Raten an Todesfällen
durch Schussverletzungen weltweit.
Schwung nach Links
Die ideologische Offensive, die Chávez nun zur Frage der Notwendigkeit
des Sozialismus und mit der Ankündigung der Verstaatlichungen
eingeleitet hat, markiert eine klare Linksverschiebung. Damit reagiert
Chávez sicherlich teilweise auf den Druck von unten für weitergehende
Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und für eine stärkere Kontrolle der Macht
der wachsenden Bürokratie. Dieser Druck wächst, da immer mehr Menschen
von der Bereicherung einer Schicht von Pro-Chávez-Bürokraten und
zeitweiligen Freunden der Regierung angewidert sind. Diese machen viel
Geld mit Projekten, die von der Regierung subventioniert werden.
Aufgrund des Fehlens einer wirklichen Arbeitermitbestimmung und
-kontrolle gibt es einen Anstieg der Korruption. Teile der
Chávista-Bürokratie sind mit unabhängigen Bewegungen der Arbeiterklasse
kollidiert. Solche Bürokraten agieren gegen jede unabhängige Bewegung
der Arbeiterklasse und gegen Kritik an der Regierung. Sie verteidigen
ihre persönlichen Privilegien indem sie unabhängige
ArbeiteraktivistInnen als vom Imperialismus bezahlt bezeichnen. Im Laufe
der Wahlkampagne wurden verschiedene unabhängige ArbeiteraktivistInnen,
darunter auch Mitglieder von Socialismo Revolucionario (Sektion des
Komitees für eine Arbeiterinternationale in Venezuela), von Teilen der
Bürokratie als „ausländische Agenten“ bezeichnet, weil sie die
bürokratischen Elemente des Regimes kritisierten. Das selbe geschah mit
Fischern in Guiria, die den Hafen im Kampf um ihre von einer Koalition
privater Firmen und der Hafenverwaltung bedrohten Lebensgrundlagen
besetzt hatten.
Die Ankündigung von Chávez eine Vereinigte Sozialistische Partei
Venezuelas zu bilden, die die verschiedenen Parteien der
Pro-Chávez-Koalition ersetzen soll, ist auch ein Versuch der Kritik an
der Bürokratie zu begegnen und unpopuläre Politiker zu entfernen. In
seiner Ankündigung der neuen Partei, betonte er, diese müsse von unten
aufgebaut werden und ehrlich und demokratisch sein. Er sagte, es wäre
eine Täuschung, wenn die neue Partei aus den Gesichtern bestünde, die
die alten Parteien führen. Er lobte außerdem die Bolschewistische
Partei, die die Russische Revolution von 1917 führte und kritisierte die
stalinistische „Abweichung kurze Zeit danach“. Tatsächlich hat er ein
Ultimatum an die bestehenden Parteien, inklusive der Kommunistischen
Partei, gestellt: löst Euch auf und tretet der neuen Partei bei oder ihr
werdet euch außerhalb der Regierung wieder finden. Gleichzeitig wurde
erstmals ein Mitglied der Kommunistischen Partei ins Kabinett
aufgenommen.
Es ist unsicher, wie sich diese Vereinigte Sozialistische Partei
Venezuelas entwickeln wird. Man weiß nichts über ihr zukünftiges
Programm, ihre Struktur und Arbeitsweise. Sicher ist der Aufbau einer
neuen revolutionären Arbeiterpartei, die einen unabhängigen
Klassenstandpunkt einnimmt und ein revolutionär-sozialistisches Programm
hat, eine der grundlegenden Aufgaben, um eine sozialistische Revolution
in Venezuela zu vertiefen und zu beenden.
Eine solche Partei muss jedoch von unten aufgebaut sein, mit einer
aktiven Beteiligung der Arbeiterklasse und der Armen. Ein
Zusammenschluss verschiedener Bürokraten der alten Parteien, wird eine
Top-Down-Herangehensweise reproduzieren, die die Entwicklung der Partei
blockieren wird.
Stattdessen müsste die Partei demokratische Beteiligung, Debatte und
Entscheidungsprozesse garantieren. Sie müsste Minderheitstendenzen das
Recht geben, sich zu artikulieren und zu organisieren, und auf der Basis
gewählter VertreterInnen agieren, die nicht mehr verdienen dürfen, als
einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn, und die abwählbar sind.
Da die Arbeiterklasse die Schlüsselrolle bei der Veränderung der
Gesellschaft spielen muss, muss ihre Partei auch in der Arbeiterklasse
verankert sein und deren Klasseninteressen zum Ausdruck bringen. In
einer Partei der Klassenversöhnung würde die Arbeiterklasse automatisch
gezwungen, eine zweitrangige Rolle zu spielen und wäre nicht in der Lage
eigene Erfahrungen zu sammeln, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen und
ein eigenes revolutionäres Programm zu entwickeln
Wirklicher Sozialismus ist nötig
Das Komitee für eine Arbeiterinternationale unterstützt jede
Errungenschaft und jeden Schritt voran, den die ausgebeuteten Massen in
ihrem Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und imperialistische
Dominanz gehen. Wir stehen in unversöhnlicher Opposition gegen den
US-Imperialismus und die venezolanische Bourgeoisie, die versuchen die
Chávez-Regierung zu stürzen und das Rad der Geschichte zu den Zeiten der
offenen internationalen Ausplünderung des Landes zurück zu drehen.
Aber auf halber Strecke zwischen Kapitalismus und Sozialismus stehen zu
bleiben, gefährdet die Errungenschaften für die Arbeiterklasse und lädt
die Konterrevolution dazu ein, sich zu organisieren und Schläge
auszuführen. Bisher hat es nur sehr begrenzte Verstaatlichungsmaßnahmen
in solchen Fällen gegeben, wo die Regierung unter dem Banner der
„cogestión“ (Mitbestimmung) zwischen Staat und ArbeiterInnen
Mehrheitsanteile an Fabriken übernommen hat. Chávez hat auch davon
gesprochen, eine staatliche Kontrolle der Zentralbank, mehr
Preiskontrollen, Kontrollen über Zinsraten und Außenhandel einzuführen.
Der neue Finanzminister, Rodrigo Cabezas, sagte, „Regulierung der
Einkommen ist für uns eine Priorität. Wir bitten um Verständnis bei den
Finanz- und Wirtschaftssektoren, aber wenn es kein Verständnis gibt ...
werden wir die notwendigen Reformen einleiten.“
Bisher wurden aber die entscheidenden Bereiche der Wirtschaft noch nicht
verstaatlicht. Mark Weisbrot vom Centre for Economic und Policy Research
in Washington wurde im englischen Guardian zitiert: „Nach fast acht
Jahren der Chávez-Regierung hat der private Sektor heute einen größeren
Anteil an der Wirtschaft. Dies mag sich nun ändern aber nicht sehr
schnell oder drastisch.“
Chávez und seine Minister haben wiederholt erklärt, dass es nicht ihr
Ziel ist die gesamte Wirtschaft zu übernehmen und haben die den
Privatsektor eingeladen zu kooperieren. Die jetzt angekündigten
Verstaatlichungen würden nur diejenigen strategische Bereiche betreffen,
die in den frühen neunziger Jahren privatisiert wurden. CANTV ist die
größte Gesellschaft, deren Aktien frei gehandelt werden und Venezuelas
einziges Unternehmen, das an der New Yorker Börse notiert ist. CANTV
wurde erlaubt mehrere Gerichtsurteile zu brechen, um seine
Rentenzahlungen dem derzeit geltenden Mindestlohn-Niveau anzupassen. Es
ist unklar, was die Ankündigung der Verstaatlichung von CANTV und des
Energiekonzerns in der Praxis bedeuten werden. In den letzten Jahren hat
es die Chávez-Regierung vorgezogen, Verträge neu auszuhandeln oder sich
an Joint-Ventures zu beteiligen, anstatt direkte Verstaatlichungen
durchzufühen. Diese Politik wurde von der Morales-Regierung in Bolivien
aufgegriffen, die die Verstaatlichung der Erdgasindustrie ankündigte,
aber in Wirklichkeit nicht weiter ging, als die bestehenden Verträge neu
auszuhandeln, um dadurch die Position des Staates im Vergleich zu den
internationalen Energiekonzernen zu verbessern.
Es gibt historische Lehren der Allende-Regierung in Chile. Diese
verstaatlichte vierzig Prozent der Wirtschaft. Die Sandinisten in
Ncaragua verstaatlichten 25 Prozent der Industrie. In beiden Fällen
bedeutete der Verzicht darauf die Expropriateure zu expropriieren [= die
Enteigner zu enteignen – Anmerkung des Übersetzers], dass die
kapitalistische Klasse weiterhin die Wirtschaft kontrollieren konnte.
Auch wenn die Konterrevolution in Chile und Nicaragua unterschiedliche
Formen annahm, so waren doch die Voraussetzungen gleich, die diese
ermöglichten. Nachdem die Bourgeoisie in Angst und Schrecken versetzt
wurde, weil die Massenbewegungen unterstützt und einige Maßnahmen gegen
ihre Interessen ergriffen wurden, führte der Verzicht auf die völlige
politische und wirtschaftliche Entwaffnung der herrschenden Klasse zur
Möglichkeit der Konterrevolution. In Chile und Nicaragua startete die
herrschende Klasse, in Zusammenarbeit mit dem US-Imperialismus, eine
Kampagne zur wirtschaftlichen Sabotage, verbreitete Chaos und bereitete
so den Weg für die Niederlage der Sandinisten in Nicaragua und die
Militärdiktatur in Chile.
Obwohl die Massen Chávez in drei Fällen gerettet haben, ist die Gefahr
der Konterrevolution nicht verschwunden. Die Probleme des
US-Imperialismus im Irak mögen dazu führen, dass dieser vorübergehend
sein Eingreifen in Lateinamerika einschränken muss. Dies wird sich
jedoch ändern, wenn sich die Revolution in Richtung Sozialismus weiter
entwickelt. Der Imperialismus kann weiterhin über Stellvertreter
eingreifen. Er kann konterrevolutionäre Kräfte finanzieren und in Unruhe
versetzen, paramilitärische Organisationen entlang der kolumbianischen
Grenze unterstützen oder rechte Kräfte im Staatsapparat und im Militär
ausbilden.
Chávez scheint einigen Aspekten der kubanischen Revolution nachzueifern
– in Zeitlupentempo. Aber die historische Erfahrung der Arbeiterklasse
hat gezeigt, dass es nicht möglich ist, in Trippelschritten zum
Sozialismus zu gelangen. Eine sozialistische Revolution bedarf der
bewussten und konzentrierten Beteiligung der Arbeiterklasse, in einem
Bündnis mit der Bauernschaft, um die politische Macht zu ergreifen. Der
erste Schritt ist die herrschende Klasse von ihrer wirtschaftlichen und
politischen Macht zu stürzen und unabhängige Institutionen der
Arbeiterklasse aufzubauen. Dies kann nicht schrittweise, durch
aufeinanderfolgende im Sozialismus endende Reformen, erreicht werden.
Die permanente Revolution
Chávez liegt richtig, wenn er sich auf Trotzki und die Theorie der
Permanenten Revolution beruft. Es muss sich allerdings noch zeigen, ob
er diese in der Praxis auch anwendet. Dabei handelt es sich um die
Schlüsselfragen für Venezuela und ganz Lateinamerika. In ganz
Lateinamerika haben in den letzten Jahren riesige Bewegungen
stattgefunden. Tausende waren von Mexiko im Norden bis zu Ländern wie
Bolivien, Ecuador, Argentinien an Kämpfen und aufstandsähnlichen
Bewegungen gegen den Neoliberalismus und Imperialismus beteiligt. Die
Aufgaben, die sich diesen Bewegungen stellen, sind die Entwicklung der
Industrie, die Lösung der Landfrage, die Ausbeutung durch den
Imperialismus zu beenden und einen einheitlichen, unabhängigen
Nationalstaat mit einer stabilen parlamentarischen Demokratie zu
errichten. Dabei handelt es sich grundsätzlich um die Aufgaben der
bürgerlichen Revolution.
Wie Lenin und Trotzki erklärten, können diese Aufgaben in der heutigen
Epoche nicht durch den Kapitalismus gelöst werden. Das gilt umso mehr
für die schwachen, nationalen, kapitalistischen Klassen in den
kolonialen Ländern. Die einheimische kapitalistische Klasse ist nicht in
der Lage eine unabhängige Rolle zu spielen, weil sie aufs Engste mit dem
Imperialismus und dem einheimischen Großgrundbesitz verbunden ist. Die
Länder Lateinamerikas werden, wie auch die anderen neo-kolonialen
Länder, vom Imperialismus als Quellen billiger Arbeitskräfte benutzt;
ihre Rohstoffvorkommen werden ausgeplündert und sie werden in einer
unterwürfigen Rolle gehalten.
Trotzki erklärte, das in der modernen Ära die Arbeiterklasse die Aufgabe
hat, diese grundlegenden Aufgaben zu lösen, welche für die weitere
Entwicklung der Gesellschaft unentbehrlich sind. In der Russischen
Revolution zeigte sich, dass es die Aufgabe der Arbeiterklasse war, die
Ketten zu sprengen, die Russland mit dem ausländischen Imperialismus und
dem einheimischen Großgrundbesitz verband. Um dies erfolgreich zu tun,
konnte man nicht im Rahmen des Kapitalismus agieren. Um die
Produktivkräfte der Gesellschaft zur Entfaltung zu bringen, war es
notwendig die Wirtschaft zu verstaatlichen und einen zentralisierten
Produktionsplan zu erstellen, der auf einem System der
Arbeiterdemokratie basierte. Mit anderen Worten: um die Aufgaben der
bürgerlichen Revolution zu erfüllen, war es notwendig die
wirtschaftliche und sozialistische Kraft einer sozialistischen Revoluion
zu mobilisieren. Trotzki formulierte das so: „Das als Führer der
demokratischen Revolution an die Macht gelangte Proletariat wird
zwangsläufig und sehr schnell mit Aufgaben konfrontiert, deren Erfüllung
eng mit Eingriffen in das bürgerliche Eigentumsrecht verbunden ist. Die
demokratische Revolution geht direkt in die sozialistische Revolution
über und wird dadurch zur permanenten Revolution.“
Eine weitere Art, in der die Revolution permanent sein muss, ist ihr
Ziel aus dem Grenzen eines rückständigen, unterentwickelten Landes
auszubrechen. Die Vollendung der sozialistischen Revolution ist nicht im
Rahmen der nationalen Grenzen des Nationalstaates möglich. Um Trotzki
noch einmal zu zitieren: „Die sozialistische Revolution beginnt in der
nationalen und entfaltet sich in der internationalen Arena.“
Das bedeutet, dass die sozialistische Revolution internationalisiert
werden, aus der Isolation herausbrechen und sich auf andere
lateinamerikanische Länder ausdehnen muss – als Schritt hin zum Aufbau
einer weltweiten sozialistischen Föderation.
Wirklicher Internationalismus
Die heutigen Bedingungen in Lateinamerka sind sehr gut für eine
Kooperation und für gemeinsamen Kampf der lateinamerikanischen
ArbeiterInnen und Bauern / Bäuerinnen. Die Vollendung einer wirklichen
demokratisch-sozialistischen Revolution in Bolivien, Venezuela und Kuba
könnte den Beginn der Planung und Etablierung einer sozialistischen
Föderation ermöglichen, die ein erster Schritt wäre, den Rest des
Kontinents zu erfassen.
Selbst in ihrer ersten Phase könnte eine demokratisch-sozialistische
Föderation von Kuba, Venezuela und Bolivien enorme wirtschaftliche und
soziale Entwicklungen ermöglichen und ein Attraktionspol für
ArbeiterInnen und Jugendliche auf der ganzen Welt sein. Sie würde
verdeutlichen, was auf der Basis von wirklichem demokratischem
Sozialismus möglich ist und die Völker von Kuba, Bolivien und Venezuela
würden schnell einen höheren Lebensstandard als die Mehrheit der
Bevölkerung auf dem Kontinent genießen.
Aber diese enormen Aufgaben können nicht im Namen der Arbeiterklasse, in
ihrem Dienst durch gut-meinende Führer erfüllt werden. Es sind die
Aufgaben der Arbeiterklasse, die die völlige Beteiligung und Führung der
Arbeiterklasse verlangen. Viele Aspekte des durch Chávez initiierten und
geführten Prozesses beinhalten eine starke Top-Down-Herangehensweise,
die die unabhängige Initiative der Massen durch Gebote der Regierung
ersetzt. Viele der Errungenschaften, die Chávez erreichen konnte, wurden
durch den hohen Ölpreis ermöglicht. Aber der Ölpreis hat begonnen zu
fallen und könnte deutlich weiter fallen, wenn die Weltwirtschaft in
einen Abschwung gerät oder gar in Stagnation oder Rezession abrutscht.
Dies könnte die Reformen untergraben und die Reaktion stärken, was nur
durch eine sozialistische Politik verhindert werden kann, die die Macht
des Kapitalismus bricht und einen internationalen Appell aussendet. Wenn
die neue Partei und die Reformen die schon bestehende Tendenz zur
Machtkonzentration in den Händen von Teilen der Bürokratie und der
chavistischen Führung verstärkt, wird dies die aktive und bewusste
Beteiligung der Arbeiterklasse untergraben. Deshalb sollten die
vorgeschlagenen Verstaatlichungen Hand in Hand gehen mit der Einführung
von Arbeiterkontrolle als erstem Schritt zu Arbeiterverwaltung.
Arbeiterkontrolle bedeutet, dass gewählte VertreterInnen der
ArbeiterInnen die vollständige Kontrolle über Einstellungen und
Entlassungen, über Löhne und die tägliche Leitung der Betriebe erlangen.
Um Korruption zu bekämpfen, müssten Maßnahmen ergriffen werden, die
Löhne von Managern zu begrenzen und Manager und Vorgesetzte sollten
außerdem wähl- und abwählbar sein. Letztlich müssen die verstaatlichten
Betriebe Teil eines größeren nationale Produktionsplans sein, um die
wirtschaftlichen Kapazitäten vollständig auszuschöpfen.
Die Art und Weise, in der die Chávez-Regierung in der Lage war, in den
öffentlichen Dienst, Infrastruktur und das Bildungswesen zu investieren,
gibt eine Vorstellung davon, was auf Basis einer demokratisch geplanten
Wirtschaft möglich wäre – im Gegensatz zu der derzeitigen Politik, die
versucht die chaotischen Markt-Kräfte durch eingeschränkte staatliche
Regulierung und Intervention zu kontrollieren. Auf der Basis von
Arbeiterkontrolle und -verwaltung der Schlüsselbereiche der Wirtschaft
wäre es möglich, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt zu planen.
Der übergroße Anteil des Ölreichtums würde für den Wiederaufbau des
Lebens der einfachen VenezolanerInnen genutzt, anstatt in den Taschen
der privaten Vertragspartner zu landen. Eine demokratische
Planwirtschaft könnte die venezolanische Gesellschaft und das Leben von
Millionen ArbeiterInnen und Armen radikal verändern. Arbeiterdemokratie
kann nur erreicht werden auf der Basis massenhafter Beteiligung der
Arbeiterklasse an den politischen Prozessen und durch den Aufbau von
Instrumenten zur Kontrolle, Verwaltung und Planung der Wirtschaft und
vorhandenen natürlichen Ressourcen. In allen Betrieben, Universitäten
und Stadtteilen müssten Komitees gebildet werden. Diese würden
VertreterInnen wählen, die jederzeit abwählbar sind und nicht mehr als
einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn verdienen würden. Diese
VertreterInnen würden sich dann in lokalen, regionalen und nationalen
Strukturen treffen. Die Verbindung dieser Komitees auf Stadt-, Regional-
und Landesebene wäre die Basis für die Bildung einer Regierung der
ArbeiterInnen und Bauern / Bäuerinnen.
Ein sozialistischer gesellschaftlicher Fortschritt würde eine
elektrisierende Wirkung auf die Massen in Lateinamerika haben und eine
neue Sprache des Sozialismus verbreiten. Dies wäre die Sprache von
sozialem und wirtschaftlichem Fortschritt, die sich in den gebauten
Wohnungen, der Menge an verteilten Nahrungsmitteln, den geschaffenen
Arbeitsplätzen und gesicherter Demokratie artikulieren würde. Das wäre
der beste Garant für die nationale und internationale Verteidigung der
venezolanischen Revolution und die Basis für die Verbindung mit anderen
lateinamerikanischen Staaten zur Bildung einer sozialistischen
Föderation Lateinamerikas als erstem Schritt zu einer weltweiten
Föderation demokratisch-sozialistischer Staaten.
Übersetzung von Sascha Stanicic
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