Tödliche Stille bei BSH?
[Druckversion] Thema: Bosch-Siemens: Hausgeräte-Werk Berlin-Spandau, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 15.12.2006
Fragen und Antworten zur aktuellen Lage (SAV-Flugblatt)
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
nachdem Euer Streik für den Erhalt des Werks und aller Arbeitsplätze
gegen Euren Willen von der IG Metall-Führung abgebrochen wurde, sind
fünf Wochen vergangen. Und keiner von Euch weiß, was genau jetzt auf
Euch zukommt. Es gibt keine ausreichenden Informationen der IG Metall
oder des Betriebsrats. Von Nachverhandlungen zur Vermeidung
betriebsbedingter Kündigungen kann keine Rede sein. Das Verfahren vor
der Einigungsstelle läuft und muss am 15.12. zum Abschluss kommen. Es
gibt viele Fragen. Wir bieten ein paar Antworten an:
1. Was kann man von der Einigungsstelle erwarten?
Die zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern ausgehandelte
Rahmenvereinbarung kann von der Einigungsstelle nicht durchbrochen
werden. Im Klartext heißt das: es sind keine Verbesserungen im Vergleich
zu dieser von Euch abgelehnten Vereinbarung zu erwarten. Der dort
festgelegte Abbau von 216 Arbeitsplätzen wird durch die Einigungsstelle
nicht in Frage gestellt werden. Hier geht es nur um die Verteilung der
für Abfindungen vorgesehenen 23,5 Millionen Euro. Nach unseren
Informationen hat sogar die vorsitzende Richterin der Einigungsstelle
darauf hingewiesen, dass ihr durch die Rahmenvereinbarung die Hände
gebunden sind. Die Geschäftsleitung sagt, der Betriebsrat solle einen
Vorschlag für die Umsetzung der Rahmenvereinbarung vorlegen und macht
damit deutlich, dass sie zu keinen Nachbesserungen bereit ist.
2. Wer muss gehen?
Bis zum 31. Januar 2007 können Kollegen sich entscheiden, freiwillig zu
gehen. Doch angesichts der Folgen ist nicht zu erwarten, dass eine
größere Anzahl diesen Schritt tätigen wird. Die Angst durch
Arbeitslosigkeit in die Hartz IV-Armut zu geraten ist berechtigterweise
bei den meisten zu groß. Hinzu kommt, dass die Abfindungen versteuert
und auf das Arbeitslosengeld angerechnet werden müssen. Da bleibt nicht
viel übrig. Die Abfindungen selber sind zudem mit einem realen Faktor
von 1,2 bis 1,3 nicht besonders hoch.
Es sind also betriebsbedingte Kündigungen zu erwarten. Davon werden vor
allem Kollegen der Euro-Washer-Produktion betroffen sein. Angesichts der
hohen Zahl von Kündigungen werden auch Kollegen darunter sein, die 20
Jahre und mehr im Betrieb sind. Nach unseren Informationen existiert
eine Liste der zu kündigenden Kollegen, die die Geschäftsleitung dem
Betriebsrat hat zukommen lassen. Wir sind der Meinung: der Betriebsrat
hat die Pflicht, die betroffenen Kollegen schnellstmöglich zu
informieren!
3. Ist Frühpensionierung der Ausweg?
Ein Kollege der Lohngruppe 3, der 40 Jahre im Betrieb ist, hat einen
Rentenanspruch von ca. 1.100 Euro netto, wenn er bis zum 65. Lebensjahr
arbeitet. Entscheidet er sich für eine Frühpensionierung, muss er mit 20
bis 30 Prozent weniger Rente rechnen. Übrig bleiben 800 bis 900 Euro. Da
ist es mehr als verständlich, dass dies für viele der älteren Kollegen
kein Ausweg ist.
4. Nachverhandlungen?
Güngör Demirci hat nach der Urabstimmung im Streikzelt davon gesprochen,
dass Nachverhandlungen zu drei Punkten geführt werden sollen: 1.
Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen, 2. Verbesserungen bei den
Abfindungen, 3. Verbesserungen bei den Renten-Regelungen. Die IG Metall
hat dies nicht aufgegriffen. Aber hat es von Seiten des Betriebsrats
Versuche in diese Richtung gegeben? Nicht vergessen: der Betriebsrat hat
sehr wohl Möglichkeiten zu handeln. Er muss auch jeder betriebsbedingten
Kündigung zustimmen.
5. Was tun?
Der Streikabbruch gegen Euren Willen war möglich, weil die Belegschaft
nicht organisiert genug war, um sich gegen den IG Metall-Apparat
durchzusetzen. Eure Losung danach war: "Der Streik ist zu Ende. Der
Kampf geht weiter!" Das gilt weiterhin, denn die Auseinandersetzung ist
noch nicht beendet. Der Siemens-Konzern gerät immer mehr unter
öffentlichen Druck. Auch bei BenQ musste Siemens mehr Zugeständnisse
machen, als sie anfangs vor hatten. Es ist Zeit bis Anfang Februar sich
auf den Kampf gegen betriebsbedingte Kündigungen vorzubereiten. Doch
dazu müssen die aktiven und kämpferischen Kollegen im Betrieb zusammen
kommen und sich organisieren, um praktische Schritte für Aktionen
ergreifen zu können, wenn die Geschäftsleitung die ersten Kollegen
rausschmeißen will.
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