Skandalöser Streikabbruch in Berlin
[Druckversion] Thema: Bosch-Siemens: Hausgeräte-Werk Berlin-Spandau, Arbeitskämpfe, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 52, veröffentlicht: 28.10.2006
IG Metall handelt gegen die Belegschaft von Bosch-Siemens-Hausgeräte
Nach 26 Tagen wurde der Streik bei Bosch-Siemens-Hausgeräte (BSH) in
Berlin-Spandau gegen Betriebsschließung und Entlassungen von der
IG-Metall-Führung gegen den Willen der Mehrheit der Streikenden
abgebrochen. Damit ist nicht nur eine Chance vertan worden, gegen
Unternehmerwillkür in die Offensive zu kommen. Der Verlauf des Streiks
ist auch ein Armutszeugnis für die Politik der IG-Metall-Oberen und ein
großes Kompliment an die Streikenden.
von Sascha Stanicic, Berlin
Im August hatte die Konzernleitung angekündigt, das Werk zum
Jahreswechsel schließen zu wollen. Der Schließungsbeschluss erging trotz
der Tatsache, dass der Konzern große Gewinne macht. Diese sind den
Bossen aber nicht hoch genug. Durch eine weitere Verlagerung der
Produktion in Niedriglohngebiete, in diesem Fall Polen und Türkei,
sollen die Profite maximiert werden – auf Kosten der Arbeiterinnen und
Arbeiter. So funktioniert der Kapitalismus - wenn man ihn lässt.
Sozialtarif?
Die Beschäftigten des Werks und ihre gewerkschaftlichen Vertreter
wollten ihn nicht „lassen“ und setzten sich gegen die Pläne der
Geschäftsleitung zur Wehr. Es wurde protestiert und verhandelt. Wieder
einmal stellte die Gewerkschaft die Forderung nach einem Sozialtarif
auf. Dies soll dazu dienen, einen legalen Streik führen zu können. Diese
Taktik führt aber auch dazu, dass öffentlich nicht für den Erhalt aller
Arbeitsplätze argumentiert werden kann, da ein Sozialtarif ja
zwangsläufig die Frage von Abfindungsregelungen für ausscheidende
MitarbeiterInnen behandelt, und es der Gewerkschaftsführung leichter
fällt, faulen Kompromissen zuzustimmen. Nach dem Scheitern von
Verhandlungen traten die ArbeiterInnen dann am 26. September in einen
unbefristeten Streik.
Streik und „Marsch der Solidarität“
Die KollegInnen wussten: Allein machen sie dich ein. Sie organisierten
einen „Marsch der Solidarität“, der sie über Zwischenstationen bei
verschiedenen anderen BSH-Standorten und von Arbeitsplatzvernichtung
betroffenen Belegschaften am 19. Oktober zu einer Kundgebung vor der
Konzernzentrale in München hätte führen sollen. Durch den Marsch
politisierten sie die Auseinandersetzung und knüpften direkte
Verbindungen zu anderen Belegschaften. Die Resonanz, vor allem bei den
BenQ-Beschäftigten in Kamp Lintfort, war groß.
Durch die BenQ-Pleite und die öffentlichen Debatten über
Manager-Gehälter und die „neue Unterschicht“ geriet die Konzernleitung
unter wachsenden Druck. Vor allem die geplante Kundgebung in München
machte ihnen Sorgen. Also wurde kurzerhand an den betrieblichen
Vertretern vorbei zwischen IG-Metall-Zentrale und Geschäftsleitung ein
Kompromiss ausgehandelt und dieser ultimativ zur Unterschrift vorgelegt.
„Unterschreiben oder Werksschließung“ war die Parole und Zeit für
Beratung oder gar Rücksprache mit der Streikversammlung blieb den
betrieblichen Vertretern nicht. Es wurde unterschrieben und die IG
Metall sagte die Kundgebung in München ab. So sollte für Ruhe gesorgt
werden – genau in dem Moment, in dem der Streik eine größere
gesellschaftliche und politische Wirkung entwickelte.
Fauler Kompromiss
Das Verhandlungsergebnis war äußerst schlecht. Es sah zwar die
Fortführung der Produktion bis 2010 vor und bedeutete damit erstmalig
eine Rücknahme eines Schließungsbeschlusses. Gleichzeitig wurde dies
aber mehr als teuer erkauft: 216 (von 570 in der Fertigung)
betriebsbedingte Kündigungen, Lohneinbußen von 20 Prozent, eine
Abfindungsregelung weit unter der Forderung der Gewerkschaft. Und
skandalöserweise verpflichtete sich die IG Metall in der Vereinbarung
dazu, keine Protestaktionen außerhalb von Berlin durchzuführen. Die
Belegschaft nahm diese Vereinbarung mit heller Empörung und offener
Ablehnung auf. Aus ihrer Sicht sollte der Kampf um alle Arbeitsplätze
geführt werden und war insbesondere das Hinnehmen von betriebsbedingten
Kündigungen inakzeptabel.
Rebellion gegen IGM-Führung
In einer offenen Rebellion gegen die Führung der IG Metall wurde das
Ergebnis von der Mehrheit der KollegInnen in der Streikversammlung
vehement zurückgewiesen und die Forderung nach Fortsetzung des Streiks
aufgestellt. Die folgende Urabstimmung brachte dann auch ein eindeutiges
Ergebnis: 67 Prozent der abgegebenen Stimmen für Weiterführung des
Streiks. Dies reicht aber nach der reichlich undemokratischen Satzung
der IG Metall nicht aus. Diese sieht vor, dass ein Streik nur bei
75-prozentiger Zustimmung geführt werden kann. Die Streikversammlung
votierte trotzdem einstimmig für eine Fortsetzung des Streiks für drei
konkrete Forderungen. Die IG Metall wurde zur Unterstützung einer
Streik-Fortsetzung aufgerufen. Doch diese ignorierte den Willen der
Streikenden und hielt an dem Beschluss zum Streik-Abbruch fest.
Dementsprechend wurde der Streik am 20. Oktober um Mitternacht beendet.
Bilanz
Das Ergebnis bei BSH steht in einer Reihe mit den Ergebnissen ähnlicher
Auseinandersetzungen, wie bei CNH in Berlin und AEG in Nürnberg. Die
Auseinandersetzung ging hier aufgrund des Selbstbewusstseins der
KollegInnen und des Einflusses kritischer GewerkschafterInnen aber
deutlich weiter. Doch trotzdem war die Belegschaft nicht auf den - zu
erwartenden - Ausverkauf durch die IGM-Führung vorbereitet. Sie hatte
keine ausreichenden Strukturen gebildet, die den Streik tatsächlich
vollständig unter die Kontrolle der Streikenden gebracht hätte. Und auch
die linken und kritischen GewerkschafterInnen hatten keine Gruppe
gebildet, die schnell und geschlossen hätte handeln und eine alternative
Führung hätte darstellen können.
Der einzige Weg wäre die Besetzung des Werks gewesen, doch im
entscheidenden Moment orientierten die Wortführer der Belegschaft
darauf, die IGM-Funktionäre zu überzeugen statt den Schritt zu einem
selbstständigen Streik zu gehen, sich an die Basis der Gewerkschaft in
anderen Betrieben zu wenden und so die Führung unter Druck zu setzen.
Eine Besetzung hätte zweifellos die Gefahr beinhaltet, dass die
Konzernchefs (erst einmal) ihre Bereitschaft zum Kompromiss
zurückgezogen hätten. Gleichzeitig hätte sie aber einen bundesweiten
Bezugspunkt für andere betroffene Belegschaften bilden können und eine
Welle der Solidarität und des gemeinsamen Kampfes auslösen können.
Was bleibt, ist trotzdem ein Erfolg. Denn die BSH-Bosse konnten sich mit
ihrem Schließungsplan nicht durchsetzen und der Kampf selber hat neue
Maßstäbe gesetzt. Darauf kann in zukünftigen Kämpfen aufgebaut werden.
Und der Streik kann auch ein Ausgangspunkt für die bessere Vernetzung
kritischer MetallerInnen im Kampf für eine kämpferische und
demokratische Gewerkschaft sein.
Sascha Stanicic ist SAV-Bundessprecher
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