BSH: Bericht von der letzten Streikversammlung
[Druckversion] Thema: Bosch-Siemens: Hausgeräte-Werk Berlin-Spandau, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 22.10.2006
von Sascha Stanicic
Nachdem sich 67 Prozent der Streikenden bei BSH für eine Fortsetzung des
Streiks und eine Ablehnung der zwischen IG Metall und Geschäftsleitung
ausgehandelen Vereinbarung ausgesprochen hatten, hat die IG
Metall-Führung dieses eindeutige Votum der Belegschaft ignoriert und den
Abbruch des Streiks durchgesetzt. Und das, obwohl eine Streikversammlung
nach Ende der Urabstimmung einstimmig für die Fortsetzung des Streiks
votierte und die Gewerkschaft aufrief dieses Votum zu respektieren.
Nachdem auf der Streikversammlung unmittelbar nach der Urabstimmung die
Stimmung unter den Streikenden auf dem Siedepunkt war, führte die
Unterbrechung der Versammlung und die Durchführung eines gemeinsamen
Abendessens im Streikzelt mit Beteiligung von IGM-Funktionären und
Spitzenpolitikern (Wowereit, Gysi, Dieter Dehm) zu einer veränderten
Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen. Die Dynamik der gemeinsamen
Rebellion gegen das Vorgehen der IG Metall-Führung war nicht mehr da und
es dominierte das Gefühl, dagegen selbständig nichts ausrichten zu
können.
Eine um 21 Uhr einberufene Streikversammlung verlief dann auch ganz
anders, als die Versammlungen am Nachmittag und am Vortag. Die
kritischen Kolleginnen und Kollegen, die für Fortsetzung des Streiks
waren, meldeten sich kaum oder zu spät zu Wort. Wahrscheinlich, weil sie
nicht wussten, welche praktischen Vorschläge sie machen können.
Stattdessen gab es viele Unmutsbekundungen aus dem Saal durch
Zwischenrufe, die aber immer wieder zu Auseinandersetzungen im Saal
führten. Dies wurde dadurch verstärkt, dass von Seiten der
Betriebsratsvorsitzenden Güngör Demirci, der die Versammlung leitete, am
Anfang der Debatte keine Vorschläge gemacht wurden, sondern erst einmal
„die Meinungen der Kollegen gehört“ werden sollten. Daraufhin meldeten
sich dann vor allem Kollegen zu Wort, für die der Streikabbruch nicht
mehr in Frage zu stellen war. Den meisten Applaus erhielt die kleine
Tochter eines Streikenden, die sich darüber beschwerte, dass sich die
Kollegen nun untereinander stritten und sagte: „Wenn es um meinen
Arbeitsplatz gehen würde, würde ich weiter kämpfen.“
Als der zuständige IGM-Sekretär Luis Sergio dann den Streikabbruch
offiziell verkündete und sagte, „wir können stolz auf unseren Kampf
sein“, ergriff ein Kollege das Wort und sprach den Streikenden aus dem
Herzen, als er an Sergio gerichtet sagte: „Dein Stolz und unser Stolz
sind zwei verschiedene Dinge. Wir können stolz sein, Du nicht.“ Diese
deutlichen Worte in Richtung IG Metall-Führung ernteten starken Applaus
und Sergio erhielt damit die verbalen Prügel, die er zweifellos
verdient, weil er den Streikabbruch mit betrieben hat, die aber vor
allem die Verantwortlichen im IGM-Hauptvorstand beziehen sollten, die
den faulen Kompromiss ausgehandelt hatten.
Als dann Güngör Demirci sagte, dass das Streikzelt bis Sonntag stehe und
man weiter zusammen kommen solle, um zu diskutieren, wie es weiter gehen
soll, war klar, dass der Streik nicht weitergehen wird. Denn dies war
der letzte Moment, in dem ein Vorschlag für eine Fortführung des Kampfes
hätte kommen können. Die allgemeine Aufforderung zur Fortsetzung von
Diskussionen musste ins Leere laufen und gab für die Streikenden keine
Perspektive. So fand die Versammlung leider ein Ende, das das
Selbstbewusstsein und das Gefühl für das Erreichte nicht stärkte,
sondern die Kolleginnen und Kollegen eher vereinzelt nach Hause gehen
ließ.
Viel zu spät wurde dann in der Nacht noch entschieden zu einer
Diskussion am Samstag um 16 Uhr einzuladen. Diese Einladung wurde auf
der Gewerkschaftsdemonstration, an der sich über 50 KollegInnen
beteiligten, verteilt. Das führte aber dazu, dass an dieser Versammlung
mehr GewerkschafterInnen aus anderen Betrieben und Mitglieder
politischer Gruppen teilnahmen, als Streikende selber.
Hier war man sich einig, dass der Kampf der BSH-Belegschaft, trotz des
für die IG Metall unrühmlichen Streikabbruchs, als ein politischer
Erfolg zu bewerten ist und dass ein Weg gefunden werden muss, auf diesem
aufzubauen. „Der Streik ist beendet, der Kampf geht weiter.“ - das war
die Schlussfolgerung aller an der Diskussion Beteiligten.
Berlin, den 22.10.06
|