Streik bei Bosch-Siemens in Berlin
[Druckversion] Thema: Bosch-Siemens: Hausgeräte-Werk Berlin-Spandau, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 19.10.2006
Dramatische Wende bahnt sich an – Fortsetzung des Streiks gegen
IGM-Beschluss
Seit Monaten kämpft die Belegschaft des Bosch-Siemens-Hausgerätewerks um
den Erhalt der Fabrik in Berlin-Gartenfeld. Im August kam die Nachricht,
dass die Geschäftsleitung die Produktion zum Jahresende stilllegen will.
Seit drei Wochen befinden sich die Arbeiterinnen und Arbeiter im Streik.
Sie organisierten einen Marsch der Solidarität quer durch die Republik,
der sie zu anderen von Arbeitsplatzvernichtung betroffenen Belegschaften
und den anderen BSH-Werken führte. Die Resonanz, vor allem in Kamp
Lintfort, wo BenQ vor der Schließung steht, und bei den AEG-KollegInnen
in Nürnberg war hervorragend. Auch die internationale Solidarität wurde
durch die BSH-Belegschaft entwickelt. Gewerkschaftsvertreter aus den
BSH-Werken in Polen und der Türkei wurden nach Berlin eingeladen und in
beiden Werken haben in den letzten Tagen erste Flugblatt-Aktionen zur
Solidarität stattgefunden.
Die Siemens-Bosse stehen zur Zeit, unter anderem wegen der BenQ-Pleite,
unter erheblichem öffentlichem Druck. In der arbeitenden Bevölkerung
wächst die Wut auf millionenschwere Manager und Kapitalisten, die
Profite anhäufen und gleichzeitig Werksschließungen und
Massenentlassungen vornehmen. Deshalb wollte der Siemens-Vorstand eine
Demonstration vor der Konzernzentrale in München – die als Abschluss des
Marsches der Solidarität für den heutigen Donnerstag geplant war –
verhindern. Diese hätte Arbeiterinnen und Arbeiter aus verschiedenen
Belegschaften zusammen bringen und die Perspektive eines gemeinsamen
Kampfes aufzeigen können.
Versuch des Streik-Abbruchs
So gelangten Geschäftsleitung und Verhandlungsführer von IG Metall und
Betriebsrat am Mittwoch zu einer Einigung und die Kundgebung in München
wurde schnell abgesagt. Die IG Metall beeilte sich das Ergebnis als
einen Erfolg zu verkaufen: zum ersten Mal sei ein Stilllegungsbeschluss
rückgängig gemacht worden, das Werk bleibe erhalten.
Bei genauerem Hinsehen blieb den Kolleginnen und Kollegen aber die
Freude im Halse stecken. Die Vereinbarung sah 216 betriebsbedingte
Kündigungen, zwanzig Prozent Lohnkürzungen für die verbleibenden
Mitarbeiter und mäßige Abfindungen für die ausscheidenden KollegInnen
vor. Hinzu kommt, dass eine Aussicht für eine Fortführung der Produktion
nach 2010 überhaupt nicht besteht und viele KollegInnen zurecht die
Sorge äußerten, dass die Geschäftsleitung schon vorher versuchen könnte
diese Vereinbarung zu brechen, um einer dann geschwächten Belegschaft
das Rückgrat zu brechen. Die Zustimmung zu dieser Vereinbarung und
insbesondere die Absage der in München geplanten Demonstration wurde von
vielen KollegInnen massiv kritisiert. Darunter auch von Mitgliedern des
Betriebsrats und dem Vertrauenskörperleiter Hüseyin Akyurt. Auch der für
den Betriebsrat tätige Rechtsanwalt Thomas Berger kritisierte die
Vereinbarung öffentlich und bezeichnete sie als „schlecht“.
Erste Diskussionen am Mittwoch verliefen entsprechend kontrovers. Doch
vor allem wussten viele KollegInnen gar nicht, was genau vereinbart
wurde, da der Text der Vereinbarung nicht an alle verteilt wurde.
Gleichzeitig wurde für den Donnerstag schon die Urabstimmung
durchgesetzt.
Donnerstag früh um 6.30 Uhr wurde der Text der Vereinbarung dann von
SAV-Mitgliedern an die Kolleginnen und Kollegen verteilt, zusammen mit
einem Flugblatt
mit dem Titel „Sagt Nein!“, das zur Ablehnung des
Verhandlungsergebnisses bei der Urabstimmung aufrief. Beides wurde uns
aus der Hand gerissen und „Sagt Nein!“ wurde zur Parole des Tages. Die
Empörung über den tatsächlichen Text der Vereinbarung überstieg die
Kritik des Vortages um ein vielfaches. Noch vor der Eröffnung der
Streikversammlung ergriffen Kollegen das Wort im vollbesetzten
Streikzelt und wiesen darauf hin, dass die Behauptung, es habe keine
bundesweite Solidarität für den Streik gegeben (die von einigen
Befürwortern der Vereinbarung als ein Grund für den Abschluss genannt
wurde) nicht der Wahrheit entspricht. Ein Kollege, der am Marsch der
Solidarität teilgenommen hatte, wies darauf hin, wie viele
Unterstützungsunterschriften zum Beispiel gesammelt wurden. Ein
Betriebsratsmitglied forderte auch dazu auf, dass es keine Urabstimmung
geben dürfe, bevor nicht alle KollegInnen den Text der Vereinbarung
gelesen haben und alle Fragen dazu beantwortet sind.
Streikversammlung am Donnerstag
Dann ergriff der Betriebsratsvorsitzende Güngör Demirci das Wort, der
den Verlauf der Urabstimmung erklären wollte. Er versuchte auch noch
einmal zu begründen, warum er der Vereinbarung zugestimmt hat. Daraufhin
rief der VK-Leiter Akyurt unter tosendem Applaus der versammelten
Belegschaft aus, dass es sich um einen faulen Kompromiss handelt. Seine
Frage „wollt Ihr weiter kämpfen?“ wurde ebenso begeistert wie lautstark
bejaht. Bei zum Teil tumultartigen Szenen wurde der Versuch die
Urabstimmung vor einer allgemeinen Aussprache und Klärung der offenen
Fragen zu beginnen, verhindert.
Nach einer Pause wurde die Streikversammlung fortgesetzt, um die Punkte
der Vereinbarung durchzugehen und die Fragen der KollegInnen zu
beantworten. Direkt zu Beginn dieser Aussprache wies Hüseyin Akyurt noch
einmal darauf hin, dass eine Annahme nur zu einer Schwächung der
Belegschaft führt und es eine Illusion ist zu glauben, man könne dann
2010 noch effektiven Widerstand gegen eine Schließung leisten. Den
Vereinbarungstext in die Luft haltend sagte er: „Schlimmer als das, was
wir jetzt haben, kann es nicht kommen!“ Wieder tosender Applaus. Nach
einer, teilweise langatmigen, Diskussion über die Einzelheiten der
Vereinbarung spitzte sich die Versammlung wieder zu, als der Punkt 9
aufgerufen wurde. In diesem hatten sich IG Metall und Betriebsrat
verpflichtet keine weiteren Aktionen außerhalb von Berlin durchzuführen,
womit vor allem die Kundgebung in München gemeint war. Der erste
Kollege, der dazu sprach schloss mit dem Satz: „Wir hatten unsere Hand
an der Gurgel der Geschäftsleitung. Und die IG Metall hat uns auf die
Hand geschlagen.“ Tosender Applaus. Der Begriff „Verrat“ machte die
Runde. Kollegen wiesen darauf hin, dass der Kampf mit dem Versprechen
geführt wurde für alle Arbeitsplätze zu kämpfen und man nun auch
diejenigen enttäuscht, die solidarisch waren. Dann ergriff ein Mitglied
der Tarifkommission das Wort und sagte, er habe mit seiner Zustimmung zu
der Vereinbarung einen Fehler gemacht und beendete dies mit der
Bemerkung „Scheiß IG Metall“. Der verantwortliche IG Metall-Sekretär
Luis Sergio zog den Zorn der KollegInnen auf sich, als er behauptete,
man hätte in München nur mit ein paar hundert Leuten demonstrieren
können und dies wäre ein Zeichen der Schwäche gewesen. Dieser
Einschätzung versprachen vor allem solche Kollegen vehement, die am
Marsch der Solidarität durch das Land teilgenommen hatten. Als ein
Kollege dann sagte, dass man zumindest symbolisch hätte demonstrieren
können und Sergio daran erinnert wurde, dass er noch vor wenigen Tagen
sagte, dass man auf jeden Fall die Demonstration in München durchführen
werde, erklärte Sergio, Symbolik sei ihm „scheiß-egal“.
Streik fortsetzen!
In einer bewegenden Szene ergriff dann ein Kollege das Wort und sprach
über die familiären Probleme, die der Streik bei ihm schon zur Folge
hatte. Und er beendete seine Ausführungen mit dem Satz: „Scheiß" auf die
Probleme. Wir kämpfen weiter.“ Stehende Ovationen und Sprechchöre „Wir
kämpfen weiter – Solidarität“ waren die Folge. Auf der Bühne wurde ein
Transparent mit der Aufschrift „Sagt Nein!“ in die Höhe gehalten.
Kurze Zeit später ergriff Güngör Demirci noch einmal das Wort, um eine
persönliche Erklärung abzugeben. In dieser sagte er, er werde sich
niemals gegen die Kollegen stellen. Er wiederholte, dass er die
Vereinbarung als einen Erfolg sehe, dieser aber einen Haken habe,
nämlich die betriebsbedingten Kündigungen. An dieser Stelle müsse die
Vereinbarung aufgebessert werden. Er habe den Kollegen zugehört und sehe
das Ergebnis der Urabstimmung vor Augen. Mit dem Satz: „Wir werden
gemeinsam weiter kämpfen“ rief er faktisch zur Fortführung des Streiks
auf und konnte sich so wieder an die Spitze der Belegschaft stellen.
Allerdings diesmal, in dem er der Belegschaft folgte und nicht umgekehrt!
Die Urabstimmung läuft bis Freitag 12.00 Uhr. Der Großteil der
KollegInnen stimmt jedoch offen ab, so dass es zur Zeit (19:30 Uhr am
Donnerstag Abend) wahrscheinlich ist, dass die nötigen 75 Prozent für
die Fortsetzung des Streiks erreicht werden. Dies wäre ein Novum in der
Geschichte von Arbeitskämpfen der IG Metall und würde den Streik mit
einem Schlag zu einem Kampf von enormer bundesweiter Bedeutung machen.
Da eine Urabstimmung für den IG Metall-Vorstand nur empfehlenden
Charakter hat, wird sich die Frage stellen, wie dieser reagieren wird.
Vom Vorstand äußerte sich niemand in den Debatten. IGM-Sekretär Sergio
sprach nur davon, dass man das Ergebnis „respektieren“ werde, er aber
nicht für den Vorstand sprechen könne. Es wird von großer Bedeutung
sein, dass IGM-Funktionäre und -Mitglieder bundesweit in den nächsten
Tagen Solidaritätsbriefe für die BSH-Belegschaft an den IGM-Vorstand
schreiben und diesen auffordern, den Streik fortzusetzen.
Die Auseinandersetzung wird dann zweifelsfrei eine neue Qualität
annehmen und mit härteren Bandagen geführt werden. Sie wird aber auch
eine ganz neue Ausstrahlungskraft gewinnen können und zu breiterer
Solidarisierung führen können.
Entscheidend wird sein, dass die Belegschaft den eingeschlagenen Weg
weiter geht und die Kontrolle über den Streik gewinnt.
Entscheidend wird aber auch sein, ob GewerkschafterInnen, soziale
Bewegungen und Linke in Berlin und bundesweit die Bedeutung dieser
Auseinandersetzung erkennen und sofort eine bundesweite und intensive
Solidaritätsarbeit beginnen.
Sascha Stanicic, 19.10.2006
|