15.000 gegen Sozialabbau in Berlin auf der Straße
[Druckversion] Thema: Deutschland: Politik allgemein, veröffentlicht: 07.06.2006
Unter dem Motto „Schluss mit den „Reformen“ gegen uns!“ fand am
vergangenen Samstag in Berlin eine bundesweite Demonstration gegen die
Angriffe der Großen Koalition statt, an der etwa 15.000 Menschen
teilnahmen.
Zu der Demo hatte ein Bündnis aus Erwerbslosen- und Sozialinitiativen,
Studierendengruppen, Untergliederungen der Gewerkschaften, der WASG und
der Linkspartei.PDS aufgerufen. Wichtige Forderungen der Demonstranten
waren der sofortige Stopp der Umverteilung von unten nach oben u. a.
durch die Einführung eines Mindestlohnes von 10,- Euro und einer
30-h-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich sowie die Rücknahme
der Agenda 2010 und der Hartz-IV-Gesetze. Die Demonstration richtete
sich ausdrücklich gegen die geplante Erhöhung des Renteneintrittsalters
auf 67 Jahre, eine Senkung der Arbeitgeberbeiträge zur Kranken- und
Arbeitslosenversicherung, die Verlängerung der Probezeit auf zwei Jahre,
den Ausbau von Kombilöhnen, gegen Massenentlassungen, Sozialabbau,
innere Aufrüstung und Krieg.
Wut in Widerstand verwandeln!
Besonders wütend waren die Demonstranten - unter denen sich viele
Erwerbslose befanden - auch über die jüngsten Beschlüsse der
Bundesregierung, erwerbslose Empfänger von Hartz IV noch stärker zu
schikanieren. So können beispielsweise ab dem 1. August jedem Empfänger
von Hartz IV, der innerhalb von 12 Monaten drei Mal eine „zumutbare„
Beschäftigung oder Qualifizierung ablehnt, jegliche Zahlungen – also
auch Wohnkostenzuschüsse - gestrichen werden. Erwachsene bis 25 Jahre
bekommen bereits ab der zweiten Job-Ablehnung alle Gelder gekürzt.
Stattdessen gibt es dann nur noch Lebensmittelgutscheine. Zur
Erinnerung: als zumutbar gilt seit Hartz IV jede Arbeit, die nicht
„sittenwidrig“ ist. Dabei ist es für die Jobcenter egal, ob ein Lohn
unter dem Existenzminimum liegt. Weitere Angriffe der Bundesregierung
auf Erwerbslose sind geplant, so die Kürzung bei den Regelsätzen der
Empfänger von Hartz IV. Entsprechend kämpferisch und lautstark war dann
auch die Demonstration. Die Demonstranten ließen sich dabei auch nicht
vom starkem Regen abschrecken, der den ganzen Zeitraum über anhielt und
bestimmt viele Berlinerinnen und Berliner von einer Beteiligung an der
Demonstration abgehalten hatte. Aber auch bei schönem Wetter hätte die
Demo bestimmt nicht an die Teilnehmerzahlen der Demonstration vom 1.
November 2003 herangereicht, wo 100.000 in Berlin gegen die Agenda 2010
der damaligen rot-grünen Bundesregierung auf die Straße gingen. Die
damalige Demonstration führte zu einer Aufbruchstimmung, die sich
unmittelbar in Streiks von Studierenden gegen die Einführung von
Studiengebühren und auf betrieblicher Ebene gegen Sozialabbau und die
Angriffe auf die Tarifautonomie äußerten. Sie führte dazu, dass die
Gewerkschaften am 3. April 2004 Demonstrationen mit 500.000
Teilnehmerinnen und Teilnehmern organisierten und dass im Sommer 2004
zehntausende Erwerbslose und Beschäftigte gegen die Einführung von Hartz
IV auf die Straße gingen. Das alles läutete letztendlich das Ende der
rot-grünen Bundesregierung ein und führte auch zur Gründung der neuen
Partei Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG).
Französisch reden!
Eine Stärke der Demo vom 1. November 2003 war gewesen, dass ein Großteil
der Demonstranten aus Betrieben und Gewerkschaften kamen. Die Demo vom
letzten Samstag wurde hingegen hauptsächlich von Erwerbslosen- und
Sozialinitiativen sowie Mitgliedern der WASG und LP.PDS geprägt. Wenig
vertreten waren auch die Studierenden, die sich derzeit immerhin in
vielen Bundesländern u. a. unter dem Motto „Französische Verhältnisse,
jetzt!“ gegen die Einführung von Studiengebühren wehren. Damit nehmen
die Studierenden Bezug auf den Erfolg der französischen Jugendlichen und
Beschäftigten, die gemeinsam durch massive Proteste auf der Straße und
in den Betrieben den Einstellungsvertrag CPE verhindert haben, der für
Jugendliche unter 26 Jahren eine zweijährige Probezeit vorsah und somit
für Jugendliche jeglichen Kündigungsschutz abschaffen sollte! Und genau
diese Gemeinsamkeit ist es, die bei der Demo vergangenen Samstag noch
fehlte. Die massiven Straßenproteste und die Androhung eines
unbefristeten Generalstreiks der französischen Gewerkschaften waren es
gewesen, die die französische Regierung zum Rückzug gezwungen hatte.
„Französisch reden!“ ist also auch bei uns nötig. Die fehlende
Mobilisierung aus den Betrieben trug dazu bei, dass die
Gewerkschaftsführung die Demo letzten Samstag regelrecht ignorieren
konnte. Ver.di-Chef Bsirske sagte seine Rede bei der Auftaktkundgebung
sogar kurzfristig „aus terminlichen Gründen“ ab.
Polizeiknüppel ins Gesicht
Die Herrschenden hingegen scheinen die Demonstration als für sie
gefährlich genug eingeschätzt zu haben. Denn anders sind die massiven
Polizeiübergriffe auf die friedlichen Demonstranten nicht zu verstehen.
So knüppelte die Polizei sogar auf eindeutig nicht „autonom“ aussehende
ältere Demonstrationsteilnehmerinnen und -teilnehmer ein. Als
fadenscheinige Begründung wurden zusammengeknotete Transparente (!)
angeführt, später auch angebliche Farbbeutelwürfe. All das sind keine
ausreichenden Gründe dafür, dass etliche Demonstranten schwer verletzt
wurden. Einem Demonstranten wurden sogar die Zähne mit dem Knüppel
ausgeschlagen! Diese Polizeiübergriffe fanden immer wieder und selbst
noch bei der Abschlusskundgebung statt und dienten eindeutig dazu, die
Demonstration zu provozieren, zu kriminalisieren und einzuschüchtern.
Dass die Demo aber nicht auseinanderlief und sich der Großteil der
Demonstranten solidarisch mit den von der Polizeigewalt Betroffenen
solidarisierten, zeigt, dass ihr Vorhaben nicht gelungen ist. Die
Mehrheit der Demonstranten nahm jedenfalls nicht nur das Gefühl der
Solidarität, sondern auch die Erkenntnis mit nach Hause: Jetzt erst
recht! Und das macht Hoffnung.
von Ronald Luther und Krischan
Reichow, Berlin
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