Der Kampf um Arbeiterrechte in der Bolivarianischen Republik
[Druckversion] Thema: Mittel- und Süd-Amerika, veröffentlicht: 20.05.2006
Kampagne für Arbeiterrechte in Venezuela
Unterstützung der internationalen Arbeiterbewegung erbeten Venezuela,
18. Mai 2006
Venezuela ist in den letzten Jahren wieder und wieder in den
Schlagzeilen. Während der Großteil der Medien Chávez anklagt, nur einen
Schritt entfernt von einer „kommunistischen“ Diktatur zu sein, stellt
sich das tatsächliche Bild in Venezuela etwas anders dar. Die Regierung
Chávez hat damit begonnen, ein umfangreiches Sozialprogramm und eine
Umverteilung des Reichtums umzusetzen. Venezuela, ein Land mit immensen
Reichtümern, ist historisch von einer schreiend ungerechten Verteilung
des Wohlstands gekennzeichnet. Unter der Fuchtel von multinationalen
Konzernen und des Imperialismus hat der Besitz Venezuelas seinen Weg in
die Taschen der reichen Eliten unzähliger Länder gefunden. Niemals
blieben auch nur die Brosamen übrig, um etwa Lebens- und
Arbeitsbedingungen der Bevölkerungsmehrheit und der Arbeiterklasse in
Venezuela selbst zu verbessern.
Seit Chávez´ Amtseinführung 1998 hat die Regierung etliche
Sozialprogramme aufgelegt, die unter dem Begriff missiones
bekannt wurden und dafür sorgen, dass die Bevölkerung einen freien
Zugang zu Bildung erhält, ihr eine kostenlose Gesundheitsversorgung zur
Verfügung steht und subventionierte Lebensmittel für Millionen verarmter
Menschen bereit gestellt werden.
Die Workers’ Rights Campaign Venezuela (Kampagne für
Arbeiterrechte in Venezuela) begrüßt die positiven Maßnahmen und
Reformprogramme, die darauf abzielen, die Armut auszurotten sowie die
Arbeiterklasse, die Bauern und die verarmten Massen darin zu
unterstützen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.
Die Workers’ Rights Campaign Venezuela setzt sich selbst
das Ziel, auf Landesebene wie auch im internationalen Maßstab Kampagnen
zu führen, um ArbeiterInnen dabei zu unterstützen, ihre eigenen
Organisationen und Gewerkschaften aufzubauen, die dazu dienen, ihre
Rechte zu verteidigen. Die Workers’ Rights Campaign Venezuela
ist im April 2006 von venezolanischen GewerkschafterInnen ins Leben
gerufen worden. Gründungsmitglieder sind die Gewerkschaft SIRTRASALUD
(Krankenhausbeschäftigte im Distrikt Caracas), die UNT-Gliederung der
Beschäftigten der Elektrofirma CADAFE und der geschäftsführende Vorstand
der SURPOFARD (Gewerkschaft der Beschäftigten im Pharma-Sektor).
Die Kampagne gründet sich auf ein Zehn-Punkte-Programm, das darauf
abzielt, zunächst die aktuell bevorstehenden Aufgaben der
venezolanischen Arbeiterklasse zu ermitteln, um diese dann ins eigene
Programm zu übernehmen.
In diesem Zusammenhang bitten wir um Unterstützung aus der
internationalen Arbeiterbewegung zur Verteidigung von Arbeiterrechten in
Venezuela und zur Bildung unabhängiger Repräsentativorgane der
ArbeiterInnen in Form einer Ausweitung der Gewerkschaften in alle
Unternehmen und in Form von politischen Repräsentationsorganen wie
Organisationen und/oder Parteien.
Das Zehn-Punkte-Programm
Die Workers’ Rights Campaign Venezuela steht für:
* die Wahrung des Rechts der ArbeiterInnen, sich in lokalen Communities
und Gewerkschaften zusammenzuschließen und zu organisieren, um auf
unabhängiger Grundlage die Interessen der Arbeiterklasse zu verteidigen. *
den Kampf gegen Entlassungen. Wir sagen nein zu aufgezwungener
Flexibilisierung am Arbeitsplatz, ja zur Kontrolle der ArbeiterInnen
durch ihre Organe und gewählten RepräsentantInnen über Neueinstellungen
und Entlassungen am Arbeitsplatz. * die sofortige Bezahlung nach dem
gesetzlich festgelegten Mindestlohn in allen Wirtschaftsbereichen als
erster Schritt hin zu einem Mindest-Lebensstandard, der sich an der
durchschnittlichen Inflationsrate orientiert und ein würdiges Leben von
ArbeiterInnen und ihren Familien ermöglicht. Für den sofortigen Zugang
zu sozialer Absicherung für alle VenezolanerInnen! *
gewerkschaftliche Demokratie. Für Vollversammlungen, in denen die
ArbeiterInnen ihre RepräsentantInnen frei wählen können. Für die
Möglichkeit, dass Gewerkschaftsmitglieder am Arbeitsplatz ihre
gewerkschaftlichen FunktionsträgerInnen sowohl auf lokaler, auf
regionaler wie auch auf nationaler Ebene wählen können. Alle Gewählten
sollen jederzeit der Abwählbarkeit durch ihre Wählerschaft unterliegen.
Nein zu Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Für eine
Generalversammlung der ArbeiterInnen, um über Verhandlungen zwischen
Gewerkschaften und Unternehmerverbänden bzw. der Regierung mitbestimmen
zu können. Für eine Begrenzung der Zuwendungen von
GewerkschaftsvertreterInnen, damit diese nicht besser gestellt werden
als einE durchschnittlicheR FacharbeiterIn.
-
die vollständige Gleichberechtigung von Mann und Frau am
Arbeitsplatz. Gewerkschaften und andere Organisationen der
Arbeiterklasse müssen aktiv für die Gleichstellung der Geschlechter
sowohl am Arbeitsplatz wie in der Gesellschaft insgesamt kämpfen.
Nein zur Diskriminierung aufgrund von Geschlecht,
Volkszugehörigkeit, sexueller Orientierung, Alter oder Religion.
-
für die sofortige Einführung eines Systems der Arbeiterkontrolle
über die Produktionsprozesse in Zusammenarbeit mit den lokalen
Communities. Das setzt die Wahl von KontrolleurInnen und
OrganisatorInnen durch die Generalversammlung der ArbeiterInnen
voraus. Diese gewählten KontrolleurInnen und OrganisatorInnen dürfen
ebenfalls nicht mehr verdienen als den durchschnittlichen
Facharbeiterlohn. Über die Neuplanung der Produktion sollen die
lokalen Communities und die ArbeiterInnen auf Grundlage der
ermittelten Bedürfnisse und Möglichkeiten in den Betrieben und in
den Communities entscheiden. Wir produzieren den Reichtum und
brauchen deshalb sofort die Kontrolle über die Produktion, um die
Sabotage, die Zweckentfremdung von Rohstoffen und die Ausbeutung der
ArbeiterInnen zu bekämpfen.
-
die Öffnung der Geschäftsbücher. Die ArbeiterInnen müssen in die
bisherigen Unternehmensgeheimnisse eingeweiht werden, um den Grad
ihrer Ausbeutung ermitteln zu können. Das muss am Arbeitsplatz
beginnen, um über die gesamte Branche und schließlich die gesamte
Volkswirtschaft ausgeweitet zu werden. Die ArbeiterInnen müssen
Kenntnis über den prozentualen Anteil des Landesvermögens haben, der
sich in den Händen der Kapitalisten und Großgrundbesitzer befindet.
-
für die sofortige Enteignung aller Betriebe, die unter ihren
Kapazitäten arbeiten oder sogar in den Bankrott getrieben werden
sollen. Diese müssen der Kontrolle der ArbeiterInnen unterstellt
werden.
-
den Aufbau einer politischen Partei, die die Klasseninteressen der
ArbeiterInnen und Armen verteidigt. Für eine Arbeiterpartei, die
eine aktive, kämpfende und demokratische Partei mit einem Programm
ist, das sich durch ernsthaften demokratischen Sozialismus
auszeichnet
-
für einen Sozialismus der ArbeiterInnen und Armen,
Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien und die sofortige
Ausarbeitung eines Notfallplans über die wirtschaftliche
Weiterentwicklung. Kein Vertrauen in die Maschinerie und die
Repräsentanten der Vierten Republik und ihre Überreste in der
Fünften Republik. Die Repräsentanten des Kapitals müssen von ihren
Ämtern in Regierung und Behörden zurücktreten!
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