Lafontaine und die Linke
[Druckversion] Thema: WASG - Die Wahlalternative, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 44, veröffentlicht: 22.02.2006
Eine Bewertung der Entwicklungen in WASG und Linkspartei/PDS
Mit ihren Vorstößen gegen junge Erwerbslose und alte Erwerbstätige
(Kürzung des ALG II für unter 25-Jährige und Heraufsetzung des
Renteneinstiegsalters auf 67 Jahre) und den Arbeitszeitverlängerungen im
öffentlichen Dienst setzen SPD und CDU/CSU die Offensive von Regierung
und Kapital fort. Die Kapitalisten wiederum verschärfen ihre Strategie
der Werksschließungen und Arbeitsplatzvernichtung trotz steigender
Profite. Vor diesem Hintergrund kommt der Schaffung einer starken linken
Partei eine wachsende Bedeutung zu.
von Sascha Stanicic, Berlin
Der Widerstand von Belegschaften nimmt mit den bundesweiten Streiks im
öffentlichen Dienst und einer ganzen Reihe von betrieblichen Streiks und
Arbeitskämpfen zu. Die Chance, diese vielen, aber weitgehend isolierten
Kämpfe zu verbinden und zusammen zu fassen, wird von den
Gewerkschaftsführungen bisher ignoriert. Jeder kämpft für sich alleine.
Auch WASG und Linkspartei/PDS und ihre Bundestagsfraktion haben bisher
keine konkreten Initiativen entwickelt, um die betrieblichen Kämpfe mit
dem notwendigen politischen Widerstand gegen die Maßnahmen der Großen
Koalition zu verbinden.
Die Arbeitskämpfe sind ein wichtiger Hintergrund für die Entwicklungen
in WASG und Linkspartei/PDS. Zum einen, weil sie einen – oft
unsichtbaren – Druck auf die Linke ausüben, denn viele WASG-Mitglieder
sind gewerkschaftlich engagiert und selber von den Angriffen der
Unternehmer betroffen. Diese erwarten von ihrer Partei Unterstützung
beziehungsweise spüren die Erwartung anderer KollegInnen. Zum anderen,
weil sie die Notwendigkeit einer gemeinsamen politischen Perspektive für
den Widerstand deutlich machen. Nur ein politisches Programm, das die
gesellschaftlichen Ursachen von zum Beispiel Arbeitsplatzabbau bei AEG
und Arbeitszeitverlängerung im öffentlichen Dienst zum Ausgangspunkt
nimmt, kann diese unterschiedlichen Kämpfe vereinigen.
Polarisierung in WASG
Die Entwicklungen in der WASG und der Linkspartei/PDS sind
widersprüchlich, aber es gibt eine Entwicklung. Es tut sich etwas! Die
entscheidenden Ereignisse sind die Auseinandersetzung um die Frage des
eigenständigen Wahlantritts der WASG bei der Berliner
Abgeordnetenhauswahl im September und der radikalere Ton in den
Äußerungen Oskar Lafontaines und anderer WASG-Führungsfiguren. Ersteres
verhält sich zu letzterem wie Ursache zu Wirkung. Neben der Zunahme an
betrieblichen Kämpfen ist es der ungebrochene Widerstandsgeist des
Berliner Landesverbands der WASG, der eine enorme Polarisierung in der
gesamten Bundespartei, eine veränderte Positionierung bei Lafontaine und
der WASG-Führung in einigen Fragen und selbst eine gewisse Zunahme von
Debatten innerhalb der Linkspartei/PDS ausgelöst hat.
Die Berliner WASG ist nicht bereit, die Grundsätze der Partei über Bord
zu werfen und eine gemeinsame Kandidatur mit der als Teil des Senats für
arbeitnehmerfeindliche Politik mitverantwortlichen Berliner
Linkspartei/PDS durchzuführen. Sie geht zu Recht davon aus, dass sie
erstens eine gute Chance hat, als soziale Opposition ins Berliner
Abgeordnetenhaus einzuziehen und zweitens dies ein Beitrag dazu sein
wird, den bundesweiten Neuformierungsprozess der Linken auch auf eine
linke Grundlage zu stellen. Beide Annahmen haben schon in den letzten
Wochen eine Bestätigung gefunden: Nach einer Meinungsumfrage vom 13.
Februar liegt die WASG schon – noch bevor sie überhaupt beschlossen hat
zu kandidieren – bei 4,3 Prozent. Vor allem aber hat ihre
prinzipienfeste Haltung eine bundesweite Debatte über Sinn und Unsinn
der Regierungsbeteiligungen der Linkspartei/PDS bewirkt und innerhalb
der WASG geradezu einen Aufruhr gegen eine schnelle und zentralistisch
durchgeführte Fusion beider Parteien ausgelöst.
Neue Haltung bei Lafontaine
Während Oskar Lafontaine noch im November 2005, zeitgleich zum damaligen
Landesparteitag der WASG Berlin, die Regierungsbeteiligung der
Linkspartei/PDS in Berlin verteidigt hat, steht mittlerweile Kritik an
den politischen Maßnahmen des Berliner Senats im Vordergrund seiner
Aussagen (siehe Kasten). Klaus Ernst, Mitglied im geschäftsführenden
Bundesvorstand der WASG, sagte den Delegierten der Berliner Partei noch
im November: „Das, was Ihr hier macht, geht nicht!“ Mittlerweile ruft er
aus: „Privatisierung und Tarifflucht in Landesregierungen geht nicht!“
Und: „Der Wahnsinn sitzt in Berlin auf der anderen Seite!“ – gemeint ist
die Linkspartei/PDS.
Lafontaine und Ernst argumentieren weiterhin für eine gemeinsame
Kandidatur in Berlin, allerdings bedienen sie sich dabei mittlerweile
der politischen Argumente der BefürworterInnen einer eigenständigen
Kandidatur: Opposition gegen Privatisierung, Lohnkürzungen, Sozialabbau.
Insbesondere Lafontaine will den Eindruck erwecken, dass er den
Führungsanspruch für die neue Partei erhebt und diese sich deutlich
linker positionieren wird, als es die PDS in der Vergangenheit getan hat.
Bedeutung des Linksschwenks
Sicher hat der verbale Linksschwenk Lafontaines auch ein wichtiges
taktisches Element. Scheinbar soll nach der Devise „Umarmung statt
Konfrontation“ die Berliner WASG-Basis von einer eigenständigen
Kandidatur abgehalten werden. Aber seine veränderte Positionierung geht
doch darüber hinaus und ist von erheblicher Bedeutung für die
Entwicklung einer neuen linken Partei in der Bundesrepublik.
Man muss zur Kenntnis nehmen, dass Lafontaine sich in einer ganzen Reihe
von Fragen deutlich links von der Sozialdemokratie und der
Regierungs-PDS positioniert hat. Das gilt für seine Ablehnung des
Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr, seine Forderung nach der Rücknahme
von Agenda 2010 und Hartz IV, seine Unterstützung von deutlicheren
Lohnerhöhungen und des Flächentarifs und seine Ablehnung von
Privatisierungen öffentlichen Eigentums. Außerdem spricht er davon, eine
antikapitalistische Partei aufbauen zu wollen.
Und man muss zur Kenntnis nehmen, dass er versucht, seine Ideen und
Positionen in die Linke und die Bevölkerung zu vermitteln. Die Bedeutung
seines Auftritts auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt im
Januar, seiner Besuche bei streikenden und protestierenden Belegschaften
und der gegen die Mehrheit der Linkspartei/PDS-Stadtratsfraktion
gerichteten Veranstaltung in Dresden ist nicht zu unterschätzen.
Fritz Schmalzbauer, WASG-Bundesvorstandsmitglied, berichtete von
Lafontaines Auftritten bei protestierenden ArbeiterInnen und sagte, dass
habe er seit der Begeisterung für Willy Brandt zu Beginn der siebziger
Jahre nicht mehr erlebt: stehende Ovationen und „Oskar,
Oskar“-Sprechchöre. Diese Resonanz alleine drückt das Potenzial für eine
Partei der Lohnabhängigen und Erwerbslosen aus. In der positiven
Reaktion der KollegInnen zeigt sich die Erleichterung, dass endlich mal
wieder ein prominenter Politiker der Linken deutlich sagt: Es reicht!
Eine Rede, wie Lafontaine sie vor den streikenden AEG-KollegInnen in
Nürnberg gehalten hat, stellt eine Ermutigung für solche Kämpfe dar.
Darin hatte er unter anderem gesagt, dass das Werk ja eigentlich ihnen
gehöre und nicht ohne ihre Zustimmung geschlossen werden dürfe.
Gleichzeitig zeigt sich auch, dass die Erwartungshaltung – angesichts
des sonstigen neoliberalen Einheitsbreis – relativ gering ist. Eine
glaubwürdige Haltelinie gegen die Angriffe von Regierung und Kapital und
gegen den Neoliberalismus reicht zur Zeit aus, um sich von allen anderen
Parteien zu unterscheiden und dementsprechend zu profilieren. Lafontaine
scheint mittlerweile verstanden zu haben, dass aber die Politik der
Linkspartei/PDS an den Landesregierungen genau diese Haltelinie
überschreitet und deshalb nicht dazu dienlich ist, Unterstützung für
eine neue Partei zu mobilisieren, sondern einen gegenteiligen Effekt
hat. Diese Erkenntnis, zusammen mit der wachsenden Klassenpolarisierung
und den beginnenden betrieblichen Kämpfen, ist die Grundlage für seine
offensive Kritik an kommunalen Privatisierungen. Das bedeutet allerdings
nicht, dass er sich grundsätzlich dagegen ausspricht, durch eine
Strategie von Regierungsbeteiligungen auf Landesebene die erwünschte
„Regierungsfähigkeit“ im Bund zu erlangen. Auf einer Veranstaltung am
20. Februar in Berlin hat er eine Politik des „kleineren Übels“ offensiv
verteidigt. Nach dieser Logik sind Regierungsbeteiligungen, die
Sozialabbau und Privatisierungen beschließen, gerechtfertigt, wenn sie
zu erwartende schlimmere Maßnahmen durch eine andere Regierung
verhindern. Dieser Logik liegt der Gedanke zugrunde, dass soziale Kämpfe
und selbst Generalstreiks nicht den nötigen Druck zur Verhinderung von
Angriffen ausüben können und Regierungsbeteiligungen entscheidend sind,
um der neoliberalen Offensive Einhalt zu gebieten.
Worte statt Taten
Gleichzeitig sind den radikalen Worten bisher zu wenig Taten gefolgt.
Vor allem die Bilanz der Arbeit der Bundestagsfraktion ist dünn. Nicht
einmal ein Antrag zur kompletten Rücknahme von Hartz IV wurde bisher
gestellt. Bundestagsabgeordnete der Linken drücken zwar ihre Solidarität
mit den streikenden ver.di-KollegInnen und anderen Belegschaften aus,
haben aber bisher kaum eigenständige Initiativen für die bessere
Vernetzung und Ausweitung von Kämpfen ergriffen.
Wenn aber aus passiver Wahlunterstützung eine wachsende aktive
Mitgliedschaft werden soll, bedarf es mehr als Worte und Gesten:
Kampagnen und Mobilisierungen. Und es bedarf eines demokratischen
Entstehungsprozesses einer neuen Partei, statt des sich bisher
abzeichnenden zentralistischen Fusionsprozesses zwischen WASG und
Linkspartei/PDS unter Ausschluss anderer linker Kräfte. In der WASG hat
die paradoxe Entwicklung eingesetzt, dass eine Art demokratischer
Aufbruch gegen die bürokratischen Methoden der Führung eingesetzt hat
und gleichzeitig die aktive Beteiligung an Versammlungen zurückgeht.
Quo vadis WASG?
Unter WASG-Mitgliedern wird viel spekuliert, welche Folgen eine
eigenständige Kandidatur der WASG Berlin haben wird. Manche fürchten
administrative Maßnahmen der Parteiführung gegen den Berliner
Landesverband, eventuell sogar die Absetzung des Landesvorstands oder
einen Komplett-Ausschluss. Andere sehen die Möglichkeit, dass der Flügel
um Lafontaine und Ernst einfach zum Übertritt in die Linkspartei/PDS
aufruft, die WASG also links liegen lässt. Beides ist nicht
auszuschließen, aber unter den gegebenen Bedingungen doch nicht das
Wahrscheinlichste.
In der WASG hat sich in nahezu allen Landesverbänden eine erhebliche
Kritik an der Politik der Mehrheit des Bundesvorstands entwickelt. Diese
richtet sich vor allem gegen mangelnde Transparenz und undemokratische
Entscheidungsprozesse. Es gibt aber auch große Sorgen, dass der
Gründungskonsens der Partei – gerade im Hinblick auf die Beteiligung an
Sozialkürzungen betreibenden Landesregierungen – aufgeweicht werden
könnte.
Der Bundesvorstand steht unter dem Druck von Rücktrittsforderungen aus
verschiedenen Richtungen. Eine Mehrheit für ein administratives Vorgehen
gegen den Berliner Landesverband gäbe es wahrscheinlich weder bei einem
Bundesparteitag noch innerhalb des bundesweiten Länderrats. Viele
Mitglieder unterstützen eine Kandidatur in Berlin oder sagen zumindest,
dass dies die Entscheidung der Berliner WASG ist.
Jeder Schritt in diese Richtung beinhaltet die Gefahr einer Spaltung.
Die meisten WASG-Funktionäre brauchen aber eine Hausmacht, um in einer
vereinigten linken Partei Einfluss und Posten zu bekommen. Ohne tausende
WASG-Mitglieder liefe die Vereinigung auch in Westdeutschland auf einen
Anschluss an die Linkspartei/PDS hinaus.
Deshalb ist es möglich, dass eine eigenständige Kandidatur der WASG
Berlin politisch, organisatorisch und finanziell sabotiert wird, aber
durchgeführt werden kann. Dieser zu erwartenden Sabotage der Führung
würde sehr wahrscheinlich die aktive und praktische
Wahlkampfunterstützung von hunderten WASG-Mitgliedern gegenüber stehen,
die sich auf den Weg nach Berlin machen werden.
Schafft die WASG Berlin die Fünf-Prozent-Hürde und fliegt die
Linkspartei/PDS zudem noch aus der Landesregierung, wird das enorme
Rückwirkungen auf den bundesweiten Neuformierungsprozess haben und den
linken Flügel dabei stärken. Dies würde nicht nur für die WASG gelten.
Auch in der Linkspartei/PDS würde sich auf dieser Basis etwas bewegen
können. Auch wenn diese Partei nur eine sehr schwache aktive Basis hat
(nach Schätzungen gibt es kaum aktive Mitglieder, die nicht in
Funktionen oder Mandaten sind), kann sich äußerer Druck durch die WASG
und durch soziale Bewegungen und Arbeitskämpfe auswirken. Erste
Anzeichen davon sind schon heute sichtbar bei den Auseinandersetzungen
innerhalb der Dresdener PDS über die Privatisierung der öffentlichen
Wohnungen, bei den Auseinandersetzungen in der PDS
Mecklenburg-Vorpommern und selbst bei Aussagen Berliner PDS-Funktionäre,
die nun die Privatisierung der Wohnungsbaugesellschaft Mitte in Frage
stellen und einen Wiedereintritt in den kommunalen Arbeitgeberverband
prüfen wollen. Aber wohlgemerkt: Erstens ist Wahljahr und da täuschen
alle Parteien gerne sozial und links an; zweitens geschieht diese
minimale Bewegung nur durch maximalen Druck durch die WASG Berlin.
Wie auch immer die Entwicklungen genau verlaufen werden, ist damit zu
rechnen, dass auf der Basis der neuen Rhetorik von Oskar Lafontaine die
neue Partei, die sehr wahrscheinlich 2007 gebildet wird, der einzige
Ansatzpunkt zu einer neuen Partei für Beschäftigte, Erwerbslose und
Jugendliche bleibt und für einen gewissen Zeitraum eine gewisse
Anziehungskraft auf sich radikalisierende ArbeiterInnen und Erwerbslose
wird ausüben können – unter der Voraussetzung, dass sie nicht in einem
Bundesland nach dem anderen in die Regierung eintritt und Sozialabbau
exekutiert.
Lafontaines Reformismus
Lafontaines Rede bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz der Tageszeitung junge
Welt im Januar hat große Aufmerksamkeit erregt. Besonders seine
Ausführungen zur Privatisierung kommunaler Dienstleistungen kam einer
offenen Kritik des SPD/PDS-Senats gleich. Letztlich vertrat Lafontaine
allerdings nur alten Wein im neuen Schlauch (WASG und Linkspartei/PDS).
Seine Ideen sind klassisch reformistisch und weisen, trotz
antikapitalistischer Rethorik, nicht über die Grenzen des Kapitalismus
hinaus, sondern zurück zur so genannten sozialen Marktwirtschaft. Doch
in Zeiten, in denen das Wort „Reform“ von den Neoliberalen gestohlen und
in seiner Bedeutung auf den Kopf gestellt wurde und in denen die
früheren Reformisten zu Sozialabbau und Privatisierung voran treibenden
Konterreformisten geworden sind, klingt eine klassisch reformistische
Rede ganz schön radikal und kann eine große Wirkung erzielen.
Privatisierungen
Klare Aussagen gegen Privatisierung, Deregulierung und Krieg sind zu
begrüßen. Sie können dabei helfen, Verteidigungskämpfe politisch zu
bewaffnen.
Doch es lohnt sich, Lafontaines Positionen etwas genauer zu betrachten.
In der Frage der Privatisierung klingen er und die Bundestagsfraktion
kompromissloser, als sie in Wirklichkeit sind. Das Nein zu
Privatisierungen öffentlichen Eigentums ist in Wirklichkeit ein Nein zur
Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge. Was aber gehört dazu?
Bei Strom, Wasser, Nahverkehr mag man sich da noch einig sein, aber wie
sieht es mit Wohnungen und Kitas aus? Und bedarf es hier nur eines
bestimmten Grundstocks öffentlichen Eigentums oder ist der gesamte
Bereich öffentlich zu organisieren? Und nicht nur das: Nach welchen
Gesichtspunkten soll in diesem Bereich gewirtschaftet werden?
Für Oskar Lafontaine gibt es in diesen Fragen offensichtlich viel
Spielraum: In Dresden schlug er verschiedene Kompromissmöglichkeiten für
die Auseinandersetzung um die Privatisierung städtischer Wohnungen vor:
erstens eine Teilprivatisierung des gesamten Bestandes, zweitens ein
Komplettverkauf nur von Teilen des Wohnungsbestands und drittens ein
Verkauf mit einer Sozialcharta. Solche Vorschläge bedeuten nach allen
Erfahrungen nichts anderes als schrittweise Privatisierung und eben
nicht Verteidigung öffentlichen Eigentums. In einem Interview zitierte
die Bundestagsabgeordnete Dagmar Enkelmann Lafontaine mit der Aussage:
Wenn Investoren privatisierte Objekte profitabel bewirtschaften können,
warum sollte das die öffentliche Hand nicht auch können? Dies stellt den
Sinn und Zweck öffentlicher Daseinsvorsorge von der Wasserversorgung
über den Nahverkehr bis zu den Krankenhäusern auf den Kopf. Für die
VerbraucherInnen und Beschäftigten macht es schließlich keinen
Unterschied, ob Gebührenerhöhungen beziehungsweise Lohnkürzungen durch
einen privaten oder öffentlichen Träger beschlossen werden. Öffentliches
Eigentum soll nicht nach marktwirtschaftlicher Profitlogik
funktionieren. Ziel ist eine kostengünstige und in manchen Fällen
kostenlose Bereitstellung lebenswichtiger Dienstleistungen, um eine
Grundversorgung und hohe Lebensqualität zu gewährleisten. Das bedeutet
auch, dass diese Bereiche durch Steuereinnahmen subventioniert werden
müssen, um die Dienstleistung für alle erschwinglich zu halten.
Tarifbruch
In seiner Rede vor dem Landesparteitag der Linkspartei/PDS im Dezember
2005 hat Lafontaine auch explizit die mit drastischen Lohnkürzungen
einhergehende und ohne Neueinstellungen begleitete Arbeitszeitverkürzung
im öffentlichen Dienst Berlins unterstützt. Diese Argumentation lässt
völlig außer Acht, dass erstens die Beschäftigten des öffentlichen
Dienstes in Berlin nun dieselbe Arbeit in kürzerer Zeit, also bei
erhöhtem Stress verrichten müssen und zweitens, dass die Entscheidungen
des rot-roten Senats eine bundesweite Ab-wärtsspirale in der Frage der
Arbeitszeit ausgelöst haben. Der SPD/PDS-Senat hat hier eine
Vorreiterrolle gespielt, die mittlerweile unter anderem von der
Tarifgemeinschaft der Länder gefolgt wird. Folge ist auch die
Arbeitszeitverlängerung für Beamte auf bis zu 42 Stunden pro Woche,
deren Ausgangspunkt eine Bundesratsinitiative des Berliner Senats war.
Lafontaine begründet seine Unterstützung für diesen Tarifbruch mit der
höheren Zahl öffentlicher Beschäftigter im Vergleich zu anderen
Bundesländern. Mit genau demselben Argument rechtfertigt die PDS auch
die Gebührenerhöhungen bei den Kindertagesstätten, die Kürzung des
Blindengeldes und andere Sozialabbau-Maßnahmen – Berlin sei in diesen
Bereichen überdurchschnittlich ausgestattet gewesen und es handele sich
nur um eine Angleichung auf das Niveau anderer Bundesländer. Mit dieser
Logik müsste man im Rahmen der EU eine Angleichung der Sozial- und
Lohnstandards auf portugiesisches Niveau fordern. Schließlich sind diese
in den neuen Mitgliedsländern Osteuropas noch schlechter und Portugal
liegt wahrscheinlich im Mittelfeld.
Globalisierung
Lafontaine sagt, man solle den Begriff „Globalisierung“ durch
„Kapitalismus“ ersetzen – „und dann sind wir wieder auf der richtigen
Seite“. Klingt gut. Schließlich wird viel zu oft um die Tatsache herum
geredet, dass wir im Kapitalismus leben (müssen). Ist aber trotzdem
falsch. Auch wenn der Begriff „Globalisierung“ unscharf ist und als
Propagandabegriff dazu benutzt wird, nationale Regierungen von der
Verantwortung an Verarmung, Massenerwerbslosigkeit und Abbau von
Sozialstandards freizusprechen, so bezeichnet er doch eine
Entwicklungsrichtung der kapitalistischen Gesellschaft, welche auch an
Grenzen geraten und wieder reduziert werden kann. Wenn Lafontaine nun
von Kapitalismus statt Globalisierung spricht, hat das vor allem den
Effekt, dass sein Anti-Globalisierungs-Programm als Antikapitalismus
erscheinen soll. Das ist es aber nicht. Denn es stellt die Eckpunkte der
kapitalistischen Gesellschaft nicht in Frage: Privateigentum an
Produktionsmitteln, Konkurrenz, Marktwirtschaft, Profitmaximierung,
Ausbeutung der Lohnabhängigen durch private Aneignung eines Teils der
von ihnen geschaffenen Werte – und auf der Basis von all dem die
Spaltung der Gesellschaft in Klassen und die Existenz eines die
Interessen der herrschenden Klasse vertretenden Staates.
Lafontaines zentraler Gedanke ist die Möglichkeit eines sozial
gestalteten Kapitalismus. Diesen unterstreicht er immer wieder durch
Hinweise auf die angeblich bessere Lage in skandinavischen Ländern. Doch
auch für Skandinavien gilt, trotz tatsächlich existierender höherer
Standards in einigen sozialen Bereichen, dass es auch hier in den
neunziger Jahren zu massiven Privatisierungen und Sozialkürzungen
gekommen ist und die gesamtgesellschaftlichen Probleme und
Krisenpotenziale gestiegen sind.
Lafontaines Programm der Re-Regulierung der Weltwirtschaft mittels
fester Wechselkurse und Kapitalverkehrskontrollen ignoriert erstens,
dass dieses keynesianische Regulierungsprogramm nicht auf Grund
politischer Entscheidungen abgeschafft wurde, sondern diese Regeln die
weltweite Rezession 1973-75 nicht verhindern konnten und durch eben
diese Krise außer Kraft gesetzt wurden. Es ignoriert auch die Tatsache,
dass es zwei wichtige Voraussetzungen gab, die eine keynesianische
Wirtschaftspolitik über einen so langen Zeitraum ermöglichten: erstens
die langanhaltende Aufschwungsphase der kapitalistischen Weltwirtschaft
nach dem Zweiten Weltkrieg und zweitens ein Kräfteverhältnis zwischen
Arbeit und Kapital, das sowohl innerhalb der Nationalstaaten durch
starke Arbeiterbewegungen, als auch auf Grund eines starken
nichtkapitalistischen Blocks international, den Druck auf die
Kapitalistenklassen für Zugeständnisse an die Massen steigerte.
Die Phase der kapitalistischen Entwicklung seit dem Ende des
Nachkriegsbooms zu Beginn der siebziger Jahre ist dominiert von einer
Verschärfung der internationalen Konkurrenz und von einem tendenziellen
ökonomischen Niedergang. Die Aufschwünge werden schwächer, die Krisen
tiefer. In den Aufschwüngen kann nicht mehr aufgeholt werden, was in der
Krise verloren ging: vor allem die Erwerbslosigkeit ist zu einem
permanenten Phänomen geworden. In jeder Krise hat sie sich in der
Bundesrepublik faktisch verdoppelt. Das Kapital kann seiner
Verwertungskrise nicht entkommen. Überkapazitäten und Überproduktion,
Spekulationsblasen und Ungleichgewichte aller Art sind die Folge. Auf
der Jagd nach größtmöglichen Profiten wüten die Konzerne über den ganzen
Erdball und setzen die ihnen hörigen Nationalstaaten dabei in Kriegen um
Rohstoffe, Transportwege und Märkte ein.
Die Vorstellung, dieser Kapitalismus ließe sich durch staatliche
Regulierungsmaßnahmen bändigen und in eine gerechte und friedliche
Marktwirtschaft verwandeln, ist eine Illusion. Der Spielraum für
Reformen ist objektiv kleiner geworden. Das führt einerseits dazu, dass
solche nur durch wirkliche Massenmobilisierungen erkämpft werden können,
aber im Rahmen der kapitalistischen Ordnung nicht abzusichern sind.
Andererseits ist die Instabilität reformistischer Parteien eine Folge
dieses Charakters der aktuellen Periode. Die Entstehung von über vielen
Jahrzehnten stabilen reformistischen Massenparteien, wie den
sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien Westeuropas der
Nachkriegsperiode, ist unmöglich. Wie mit der PDS geschehen, werden
diese Parteien, einmal an der Regierung, zur Exekution kapitalistischer
Angriffe gezwungen. Diesem Druck dauerhaft Stand halten können sie nur,
wenn sie eine sozialistische Programmatik und Perspektive entwickeln.
Sozialismus
Die Illusion einer Rückkehr zum so genannten Sozialstaat der
Vergangenheit schwächt zudem den sozialen Widerstand. Denn auch die
erfolgreiche Führung von Abwehrkämpfen beziehungsweise das Erringen von
Verbesserungen (Reformen im eigentlichen Sinne des Wortes) bedarf heute
mehr denn je einer sozialistischen Perspektive der
Gesellschaftsveränderung. Zum einen, weil man in vielen
Auseinandersetzungen die Eigentumsfrage aufwerfen muss, um zum Beispiel
den Erhalt von Fabriken oder die Rekommunalisierung von privatisierten
Wasserwerken zu erreichen. Zum anderen, weil sich nur durch eine
sozialistische Überzeugung eine neue Generation von AktivistInnen
entwickeln kann, die über den einen oder anderen Kampf hinaus blickend
neue kämpferische Gewerkschaftsstrukturen in den Betrieben und eine
wirkliche starke Partei der Arbeiterklasse aufbauen werden. Ohne die
Vision einer grundlegend anderen Gesellschaft bleibt niemand dauerhaft
aktiv, es sei denn, um die eigene soziale Frage zu lösen.
Hier wiederum kann an Lafontaines positiven Äußerungen zum Sozialismus
angeknüpft werden. Beim Landesparteitag der WASG in Baden-Württemberg
hat er gesagt: „Es kann keinen Sozialismus ohne Demokratie geben. Es
kann aber auch keine Demokratie ohne Sozialismus geben.“ Dabei versteht
Lafontaine unter Sozialismus keine auf Gemeineigentum an
Produktionsmitteln basierende demokratisch geplante Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung, sondern eine soziale Marktwirtschaft, die die sich
widerstrebenden Interessen von Arbeit und Kapital ausgleicht. Nicht
überall, wo Sozialismus drauf steht ist, auch Sozialismus drin. Aber
dass gerade Lafontaine offensiv sich als Antikapitalist und Sozialist
präsentiert und Begriffe benutzt, die viele Linke über Jahre gescheut
haben, weist auf etwas Wichtiges hin: Diese Begriffe schrecken nicht ab!
Im Gegenteil: Der real existierende Kapitalismus hat zu einer
Radikalisierung in der Arbeiterklasse und zu einer Entfremdung mit den
herrschenden Institutionen geführt, der programmatisch und begrifflich
ein Ausdruck verliehen werden muss, wenn eine neue Linke erfolgreich
sein will.
Sascha Stanicic ist aktives WASG-Mitglied und Bundessprecher der SAV
Oskar Lafontaine und Klaus Ernst über die Frage der
Regierungsbeteiligung der Linkspartei/PDS
Oskar Lafontaine
„Es ist immer besser, wenn eine linke Kraft auch in schwieriger Zeit
mitregiert. Die Linke kann im Interesse der Menschen das eine oder
andere verbessern, auch wenn sie genötigt ist, unpopuläre Entscheidungen
mitzutragen. Die Alternative in Berlin wäre ein SPD/CDU/FDP-Senat, der
den sozial Schwächeren größere Probleme bringen würde.“ November 2005
„Wer ernsthaft sagt, wir wollen die Gesellschaft sozial gestalten,
der darf nicht Kernbereiche gesellschaftlicher Verantwortung in den
Gemeinden und in den Ländern immer weiter privatisieren. Das muss die
Grundlinie für die neue Linke sein, sonst sind wir unglaubwürdig.“
Januar 2006
„Es nutzt nichts, wenn man sich (...) zu bestimmten Prinzipien
bekennt, sondern man muss auch gegen Widerstände immer wieder die Kraft
aufbringen, diese Prinzipien im praktischen Handeln und Denken
durchzuhalten.“ Januar 2006
„Wer neoliberalen Politikinhalten anhängt, ich will das ja
respektieren, ist besser in einer anderen Partei als in der neuen Linken
aufgehoben. (...) Für alle, die Mandate in der Linken haben, muss klar
sein, dass sie sowohl eine Verpflichtung gegenüber den Wählern als auch
gegenüber ihrer Partei haben. Man kann diese Verpflichtung nicht kalt
lächelnd zur Seite schieben, wie es einige selbstherrliche Mandatsträger
tun.“ Februar 2006
Klaus Ernst
„Man kann über Sinn und Unsinn der Regierungsbeteiligung der PDS in
Berlin diskutieren.“ November 2005
„Wir werden uns an keiner Regierung beteiligen, an der unsere
Grundsätze nicht umgesetzt werden.“ Februar 2006
„Der Wahnsinn sitzt in Berlin auf der anderen Seite.“ Februar 2006
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