Wer war Leo Trotzki?
[Druckversion] Thema: Leo Trotzki, Geschichte, veröffentlicht: 13.12.2005
Kämpfer gegen Kapitalismus und Stalinismus - für Sozialismus
Im Auftrag Stalins wurde der Revolutionär Leo Trotzki am 20. August 1940
ermordet. Heute sind Leben und Werk Trotzkis weit weniger bekannt als
das der Sozialisten Marx, Engels, Lenin. Das, obwohl er zweifellos in
einer Reihe mit diesen genialen Theoretikern und Kämpfern für den
Sozialismus steht. Seine Unterbewertung in der Geschichtsschreibung
befindet sich im krassen Gegensatz zu seiner führenden Rolle in der
sozialistischen Arbeiterbewegung in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts: Trotzki war anerkannter Arbeiterführer in der Russischen
Revolution 1905 und stand mit Lenin an der Spitze der Oktoberrevolution
1917 in Russland. Der begeisternde Redner Trotzki organisierte und
mobilisierte die Rote Armee, die die junge Sowjetunion nach dem Sturz
des Kapitalismus in den darauf folgenden Jahren des Bürgerkrieges
erfolgreich verteidigte. Trotzki ist der Verfasser der Manifeste der
ersten fünf Kongresse der 1919 gegründeten Kommunistischen (III.)
Internationale. Er führte den unversöhnlichen Kampf der linken
Opposition gegen Stalin und die Bürokratisierung der Sowjetunion an.
von Stephan Kimmerle, Stuttgart (zuerst erschienen in der VORAN 216 -
Juli/August 2000)
Trotzki war nach Lenins Tod die herausragende revolutionäre
Persönlichkeit seiner Zeit. Mit dieser Charakterisierung werden
keineswegs die großen Verdienste von hunderttausenden Mitkämpfern der
sozialistischen Arbeiterbewegung geschmälert.
Kapitalismus bedeutet heute weltweit Armut, Massenarbeitslosigkeit,
Umweltzerstörung, Rüstung und Kriege. Die Herrschenden dieser Welt
fürchten zu recht, dass das Totenglöckchen für dieses wahnsinnige
Profitsystem geläutet hat, sobald die Menschen eine Alternative zu
diesem System sehen. Deshalb versuchen sie alles, um die
Oktoberrevolution und die Idee des Sozialismus zu verleumden. Sie
behaupten, der Stalinismus sei die logische Fortsetzung der Politik der
Bolschewiki unter Lenin und Trotzki gewesen. Allein die Tatsache, dass
an erster Stelle die Verteidiger der Ziele der Oktoberrevolution, die
„Trotzkisten“, und am Ende Trotzki selbst, die Opfer der stalinistischen
Diktatur wurden, straft diese Behauptung Lügen.
Trotzkis Bedeutung für die internationale Arbeiterbewegung entsteht
nicht nur aus der Rolle, die er in der Russischen Revolution 1917 und im
Kampf gegen die stalinistische Zerstörung der Revolution spielte.
Entscheidend - auch für seine Aktualität heute - ist Trotzkis
Verständnis des Marxismus als Methode zur Analyse der gesellschaftlichen
Entwicklungen von einem internationalistischen Standpunkt aus. Auf
dieser Grundlage war er in der Lage, Entwicklungen, wie Stalinismus und
Faschismus nicht nur zu verstehen, sondern auch Perspektiven für die
weiteren Abläufe und damit Handlungsmöglichkeiten für SozialistInnen zu
entwickeln. Dabei vertraute er auf die Möglichkeiten der Arbeiter und
Jugendlichen, der „normalen“ Menschen, sich zu organisieren, aktiv zu
werden, die Gesellschaft in ihre Hände zu nehmen und zu leiten. Dreh-
und Angelpunkt seiner Ideen war die Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse,
ihre Fähigkeit die Gesellschaft grundlegend umzugestalten und eine
sozialistische Demokratie aufzubauen.
Zu seinen hervorragenden theoretischen Beiträgen gehören seine
- Analyse und Perspektive für den Verlauf der Revolution in einem
unterentwickelten Land (Theorie der permanenten Revolution)
- wissenschaftliche Erklärung für den Aufstieg Stalins und den Charakter
der Sowjetunion
- Schriften über das Wesen und die Ursachen des Faschismus und wie er
bekämpft werden kann.
Geboren wurde Trotzki (sein richtiger Name war Leo Dawidowitsch
Bronstein) am 7. November 1879, (26. Oktober nach dem alten russischen
Kalender), in der heutigen Ukraine, die damals zu Russland gehörte.
Russland war - von einzelnen hoch-industrialisierten Zentren abgesehen
- von Großgrundbesitz und verarmten Bauern geprägt.
Die Permanente Revolution
Weil der Sozialismus die Gesellschaftsform ist die den Kapitalismus
ablösen soll, erwarteten Marx und Engels, dass die sozialistische
Revolution in einem der Länder beginnt, in dem der Kapitalismus am
weitesten entwickelt ist. Anfang des 20. Jahrhunderts waren Bürgerliche
aber auch Sozialisten der Meinung, in den rückständigen,
unterentwickelten Ländern, in denen noch Adel und Großgrundbesitzer
herrschten, stünde nur die klassische bürgerliche Revolution, nicht aber
die sozialistische Revolution auf der Tagesordnung.
Trotzki erkannte schon vor 1905 die Unmöglichkeit für halbfeudale Länder
wie Russland sich auf kapitalistischer Grundlage weiter zu entwickeln,
auch weil die mächtigen imperialistischen Staaten dies verhindern
würden. Heute, ein ganzes Jahrhundert später, haben sich die
„Entwicklungsländer“ dieser Welt noch immer nicht entwickelt.
Stattdessen herrschen in ihnen Armut und Hunger: Eine schlagende
Bestätigung dieser Analyse.
Trotzki zog aus seinen Feststellungen die Schlussfolgerung, dass in
einem Land wie Russland die Revolution nicht bei den Aufgaben der
bürgerlichen Revolution (Landverteilung, Schaffung eines einheitlichen
Nationalstaates, Entmachtung von Adel und Großgrundbesitz) stehen
bleiben kann, sondern übergehen muss in eine sozialistische Revolution,
in der der Kapitalismus gestürzt wird (Diesem Übergang, der „Permanenz“
der Revolution, verdankt diese Theorie ihren Namen: Permanente
Revolution). Diese sozialistische Revolution könnte also durchaus in
einem unterentwickelten Land beginnen, aber nur durch den Sieg des
Sozialismus international vollendet werden.
1905 kam es in Russland zu einem ersten Aufstand gegen das zaristische
Regime. Diese Revolution, in deren Verlauf Trotzki zum Vorsitzenden des
Petrograder Arbeiterrates (Sowjet) gewählt wurde, war gewissermaßen die
Generalprobe für die Revolution von 1917.
Russische Revolution 1917
Die Februarrevolution 1917 setzte an, wo die Revolution 1905 aufgehört
hatte: Sie fegte beeindruckend schnell die alte zaristische Herrschaft
beiseite. Aus den Erfahrungen von 1905 zogen die ArbeiterInnen die
Schlussfolgerung, im ganzen Land Sowjets zu errichten. Parallel dazu
bildete sich eine bürgerliche Regierung. In der Zeit von Februar bis
Oktober wurde deutlich, dass Trotzkis Analyse richtig gewesen war:
Zusammen mit den Bürgerlichen gelang es nicht, auch nur eines der
grundlegenden Probleme der russischen Gesellschaft zu lösen: Statt den
Krieg zu beenden, setzten die Bürgerlichen ihre Hoffnungen in die
Zusammenarbeit mit den imperialistischen Mächten Frankreich und
Großbritannien im Krieg. Die drängenden Fragen einer Landreform wurden
aus Rücksichtnahme auf die Großgrundbesitzer und Adligen verschoben. Dem
Hunger der Bevölkerung hatte diese Regierung nichts entgegen zu setzen.
Trotzki, der sich 1917 den Bolschewiki angeschlossen hatte, nachdem
frühere Meinungsverschiedenheiten mit der Entwicklung der Revolution
beseitigt worden waren, kämpfte nun mit ihnen unter der Parole „Brot -
Friede - Land“ für die Lösung dieser Fragen. Die Bolschewiki waren 1917
unter Lenins Führung ebenfalls zu der Schlussfolgerung gekommen, dass
nur die Arbeiterklasse, gestützt auf die Bauern, diese Aufgaben lösen
und gleichzeitig mit diesem Kampf den Auftakt zur sozialistischen
Revolution in West-Europa und weltweit geben könnten.
Unter der Führung der Bolschewiki, mit Lenin und Trotzki an der Spitze,
eroberte die Arbeiterklasse Russlands in der Oktoberrevolution 1917 die
Macht. Die neue Regierung gab das Land der Großgrundbesitzer an die
Bauern und übertrug die Industrie in die Hände der Arbeiter.
Trotzki wurde Kommissar für Äußeres und begann sofort die
Friedensverhandlungen mit der deutschen Heeresleitung in Brest-Litowsk.
Weltrevolution
Nach Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution und durch die Praxis
von 1917 war deutlich geworden, dass die sozialistische Revolution in
einem unterentwickelten Land wie Russland beginnen konnte. Doch niemand
ging damals davon aus, den Sozialismus in einem Land, schon gar nicht in
einem rückständigen, aufbauen zu können.
So richteten sich die Hoffnungen zur Verteidigung der Russischen
Revolution in erster Linie in ihre Ausdehnung nach Europa, in die
Entwicklung der Weltrevolution. Die Oktoberrevolution in Russland hatte
den ArbeiterInnen in anderen Ländern gezeigt, dass es möglich ist, das
verhasste kapitalistische System zu stürzen.
Die durch dieses Beispiel entstandene Bedrohung schockte die
Herrschenden in den kapitalistischen Staaten. Sie schickten Truppen
gegen Russland und unterstützten mit Geld und Waffen die reaktionären
Kräfte im Land, die die Herrschaft von Großgrundbesitz und Kapitalismus
wiederherstellen wollten.
Trotzki wurde Leiter der Roten Armee, die aus dem Nichts aus dem Boden
gestampft werden musste, um diesen imperialistischen Truppen etwas
entgegen zu setzen. Das war nur erfolgreich, weil die ArbeiterInnen und
BäuerInnen in Russland die Erfahrung mit der Oktober-Revolution gemacht
hatten, weil da etwas entstanden war, das sich zu verteidigen lohnte.
Die Russische Revolution trat eine Welle von Revolutionen los, die ganz
Europa erfasste. Die deutsche Revolution 1918 und Räte in Ungarn und
Österreich waren Teile dieser Kette. Durch das Fehlen einer
revolutionären Führung gelang es den Führern von SPD und Gewerkschaften
immer wieder, sich an die Spitze dieser Bewegungen zu stellen und einen
Sturz des Kapitalismus zu verhindern. Nicht aus Mangel an revolutionärem
Willen der Arbeiterklasse sondern wegen des Fehlens einer Partei wie den
russischen Bolschewiki scheiterten diese Revolutionen. Die russische
Revolution blieb isoliert.
Bürokratisierung
Die Voraussetzungen für die Entwicklung einer sozialistischen
Gesellschaft ist die durch die kapitalistische Entwicklung möglich
gewordene Überflussproduktion. Mit den weltweit vorhandenen Ressourcen
wäre es möglich, allen Menschen genügend zu Essen, eine gute
Gesundheitsversorgung, Bildung und materiellen Wohlstand zugute kommen
zu lassen. Russland 1917 war allerdings von diesem Zustand des
Überflusses weit entfernt. Im Gegenteil: Nachdem die Hilfe durch weitere
erfolgreiche sozialistische Revolutionen ausblieb, spitzte sich die Lage
in Russland zu. Geschwächt von dreieinhalb Jahren Weltkrieg und dem
dreijährigen Kampf gegen die konterrevolutionären Armeen im
Bürgerkrieg, in Kombination mit der schon vorher vorhandenen
Rückständigkeit der Wirtschaft, verschlechterten sich die
Lebensbedingungen bis hin zu Hungersnöten und barbarischen Zuständen.
Vor dem Hintergrund dieser besonderen Situation entwickelte sich eine
privilegierte, parasitäre Bürokratie in der Sowjetunion. Die
Einschränkungen der demokratischen Rechte, die aus der Not des
Bürgerkrieg heraus gemacht und als vorübergehende Maßnahmen gedacht
waren, wurde von dieser sozialen Schicht zementiert, um die eigene
Herrschaft zu ermöglichen.
Trotzki begann mit Lenin - kurz vor dessen Tod - den Kampf gegen diese
Form der Konterrevolution in Russland. Sein wichtigstes Instrument in
diesem Kampf, war eine klare marxistische Analyse der Entwicklungen in
der Sowjetunion:
Marx und Engels hatten eine solche Entwicklung nicht vorhergesehen. Sie
waren von der Entwicklung des Sozialismus in entwickelten Ländern
ausgegangen. Marx schrieb einmal über die Notwendigkeit des
gesellschaftlich vorhandenen Wohlstands: Die „Entwicklung der
Produktivkräfte [=Fabriken, Werkzeuge, Ausbildungsniveau der
ArbeiterInnen ...] ist auch deswegen eine absolut notwendige praktische
Voraussetzung [für den Sozialismus], weil ohne sie nur der Mangel
verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das
Notwendigste wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen
müsste.“
Stalinismus
Trotzki wandte dies auf die Entwicklung Russlands an. „Grundlage des
bürokratischen Kommandos ist die Armut der Gesellschaft an Konsumgütern
mit dem daraus entstehenden Kampf aller gegen alle. Wenn genug Waren im
Laden sind, können die Käufer kommen, wann sie wollen. Wenn die Waren
knapp sind, müssen die Käufer Schlange stehen. Wird die Schlange sehr
lang, muss ein Polizist für Ordnung sorgen. Das ist der Ausgangspunkt
für die Macht der Sowjetbürokratie.“ (Trotzki in „Verratene Revolution“,
seinem Hauptwerk über und gegen die stalinistische Bürokratie).
Diejenigen, die sich über die Gesellschaft erheben, um den Mangel zu
verwalten (die „Polizisten“, die „Ordnung“ schaffen), sorgen dabei
dafür, dass sie nicht zu kurz kommen. So entstehen aus einer
Mangelsituation neue Privilegien.
Dabei stützte sich die Bürokratie auf die sozialen Errungenschaften der
Oktober-Revolution: Verstaatlichung der Banken und Konzerne, der Beginn
einer geplanten Wirtschaft, der Schutz dieser Wirtschaft gegenüber den
Imperialisten bzw. dem Weltmarkt durch ein Außenhandelsmonopol - all
dies wurde zunächst nicht angetastet. Denn nur auf dieser ökonomischen
Grundlage war der Aufbau der sowjetischen Wirtschaft von einer
rückständigen Ökonomie zur späteren Super-Macht möglich. Nur so konnten
die Grundlagen gelegt werden, die es im Zweiten Weltkrieg ermöglichten,
den Angriff des hochgerüsteten Hitler-Deutschland siegreich zurück zu
schlagen. Auch wenn die Bürokratie nie besonders weitsichtig war, war
für sie fassbar, dass die Möglichkeit, für sich Privilegien zu erhalten,
von dieser schnellen Entwicklung der Wirtschaft abhing. Andererseits
hätte die unmittelbare Wiedererrichtung kapitalistischer, halbfeudaler
Verhältnisse diese Privilegien bedroht. Die erste Gefahr bestand für die
Bürokratie allerdings im Wiederaufleben der Sowjets, der Räte. In diesem
Sinne brach die Bürokratie voll und ganz mit den Traditionen der
Oktober-Revolution: Ihre Macht beruhte auf der Entmachtung und
Entmündigung der Arbeiterklasse. Jede Form von Arbeiter-Demokratie - in
Gewerkschaften, Parteien, Streik-Komitees usw. - war eine unmittelbare
Bedrohung ihrer Macht. Entsprechend brutal versuchten die Stalinisten
ihre Herrschaft zu sichern. Diese Unterdrückung jeglicher Initiative der
ArbeiterInnen führte zu einer ökonomischen Erstickung der Planwirtschaft
durch die Bürokratie und zum Zusammenbruch der stalinistischen Systeme
kaum 70 Jahre später - trotz der zwischenzeitlich enormen, nur durch die
Planwirtschaft möglich gewordenen Fortschritte.
Weil er wusste, dass eine Planwirtschaft ohne Demokratie auf Dauer nicht
lebensfähig ist, charakterisierte Trotzki die Sowjetunion im
historischen Sinn immer als Übergangsregime, für das es nur zwei
Perspektiven geben konnte: Entweder Sturz der Bürokratie durch die
sowjetische Arbeiterklasse in einer politischen Revolution, um dann im
Rahmen der internationalen Revolution zum Sozialismus zu kommen, oder
aber kapitalistische Konterrevolution. Vor zehn Jahren ist letzteres
eingetreten, allerdings erst nachdem mehrere Versuche der politischen
Revolution gescheitert waren (siehe auch Artikel über Arbeiteraufstand
in Polen 1980).
Sozialismus in einem Land?
Genauso wie innerhalb der Sowjetunion die Bürokratie sich vor der
eigenen Arbeiterklasse fürchten musste, entwickelten Stalin und seine
Helfer eine berechtigte Angst vor der Entwicklung der Revolution
weltweit. Da für die stalinistische Bürokratie der eigene Machterhalt
das einzige Ziel war, verwandelte sie die Parteien der Kommunistischen
Internationale, gegründet um die Revolution von Russland aus weltweit
weiterzutragen, in reine Außenagenturen des Kreml. Sie ordneten ihrem
nationalen, russischen Interesse die Interessen der internationalen
Arbeiterklasse unter. Dazu proklamierte Stalin 1926 die „Theorie vom
Sozialismus in einem Land“. Ganz offensichtlich im Gegensatz zu allem,
wofür Marx, Engels und Lenin eingetreten waren, sollte es jetzt möglich
sein, trotz Rückständigkeit, Isolation und materiellem Elend in Russland
den Sozialismus aufzubauen. Diese Theorie diente als „Argumentation“,
die Unterdrückung revolutionärer Bewegungen weltweit zu rechtfertigen,
da sie angeblich den Aufbau des „Sozialismus“ in Russland gefährden
würden.Diese Politik führte bis hin zur Rechtfertigung des
„Hitler-Stalin-Paktes“. Die Stalinisten übernahmen so eine
konterrevolutionäre Rolle in den sich entwickelnden Revolutionen.
Isolation und Rückständigkeit in Russland waren die Grundlage auch für
die Erschöpfung und Demoralisierung der russischen ArbeiterInnen und
BäuerInnen, die aufopferungsvoll in Revolution und Bürgerkrieg für ihre
Interessen gekämpft hatten. Die durch sozialdemokratische und
stalinistische Führer weltweit verursachten Niederlagen stärkten die
Demoralisierung und damit – paradoxerweise – die Machtbasis der
Stalinisten. So endeten die revolutionären Kämpfe einer ganzen Periode
in Niederlagen: „Die Niederwerfung des bulgarischen Aufstandes und der
ruhmlose Rückzug der deutschen Arbeiterparteien im Jahre 1923, der
Zusammenbruch des estnischen Aufstandsversuches 1924, die heimtückische
Liquidierung des Generalstreiks in England und das unwürdige Verhalten
der polnischen Arbeiterparteien bei Pilsudskis Machtübernahme im Jahre
1926, die gräßliche Vernichtung der chinesischen Revolution 1927, später
die noch fürchterlicheren Niederlagen in Deutschland (1933) und
Österreich (1934), das sind die historischen Katastrophen, die in den
Sowjetmassen den Glauben an die Weltrevolution erlöschen ließen und es
der Bürokratie erlaubten, als einziger rettender Leuchtturm immer höher
aufzuragen.“ (Trotzki in „Verratene Revolution“, 1936)
Linke Opposition für Arbeiter-Demokratie und Sozialismus
Trotzki organisierte die Linke Opposition in der Sowjetunion und später
die Internationale Linke Opposition im Kampf gegen den Stalinismus. Sie
boten den AktivistInnen der Arbeiterbewegung nicht nur eine marxistische
Analyse des Stalinismus, sondern darauf aufbauend auch das Programm der
politischen Revolution: Um eine sozialistische Gesellschaft zu
erkämpfen, musste die Bürokratie gestürzt werden und die direkte
Ausübung der Macht durch eine Wiedereinführung der Räte, der Sowjets,
wieder in die Hände der ArbeiterInnen gelangen. Dazu forderten sie
- jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit aller FunkrionärInnen und
VertreterInnen.
- einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn für alle FunktionärInnen,
BeamtInnen usw. Ende aller bürokratischen Privilegien.
- Abschaffung der stehenden Armee und Ersetzung durch demokratische
Arbeiter-Milizen.
- für eine demokratische Kontrolle und Leitung der Betriebe, für die
Wiedererrichtung der Macht der Arbeiter- und Bauernräte, wie sie im
Oktober 1917 geschaffen wurden.
Die faschistische Gefahr
Je tiefer die wirtschaftliche Krise des Kapitalismus wurde, umso
brutaler versuchten die Herrschenden, sich der Bedrohung durch die
Arbeiterbewegung zu entledigen.
Beginnend mit den Ereignissen in Italien zeichnete sich in Europa eine
besondere Form der Konterrevolution ab: der Faschismus, eine
Massenbewegung der vom sozialen Abstieg bedrohten Kleinbürger, d.h. der
Handwerker, Bauern und kleinen Selbständigen.
Nach der Phase von Revolutionen und Konterrevolutionen nach dem Ersten
Weltkrieg galt für die Herrschenden: „Die Periode der
Halbmaßnahmen ist vorbei. Um zu versuchen, einen neuen Ausweg zu finden,
muss sich die Bourgeoisie [Kapitalistenklasse] vollends des Drucks der
Arbeiterorganisationen entledigen, sie hinwegräumen, zertrümmern,
zersplittern. Hier setzt die historische Funktion des Faschismus ein. Er
bringt jene Klassen auf die Beine, die sich unmittelbar über das
Proletariat erheben und fürchten, in dessen Reihen gestürzt zu werden,
organisiert und militariseirt sie unter Deckung des offiziellen Staates
mit den Mitteln des Finanzkapitals und treibt sie zur Zertrümmerung der
proletarischen Organisationen, der revolutionären wie der gemäßigten.
Der Faschismus ist nicht einfach ein System von Repression,
Gewalttaten, Polizeiterror. Der Faschismus ist ein besonderes
Staatssystem, begründet auf der Ausrottung aller Elemente proletarischer
Demokratie in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Aufgabe des Faschismus
besteht nicht allein in der Zerschlagung der proletarischen Avantgarde,
sondern auch darin, die ganze Klasse im Zustand erzwungener
Zersplitterung zu halten. Dazu ist die physische Ausrottung der
revolutionären Arbeiterschicht ungenügend. Es heißt, alle selbständigen
und freiwilligen Organisationen zu zertrümmern, alle Stützpunkte des
Proletariats zu zerstören und die Ergebnisse eines dreiviertel
Jahrhunderts Arbeit der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften zu
vernichten. Denn auf diese Arbeit stützt sich in letzter Instanz auch
die Kommunistische Partei.“ (Trotzki, „Was nun?“ 27.1.1932)
Die Stalinisten aber sahen im Faschismus nur eine weitere Form
kapitalistischer Herrschaft und stellten ihn auf eine Stufe mit anderen
bürgerlichen Regimen. So kam es zu der Äußerung, Sozialdemokratie und
Faschismus seien „Zwillinge“, d.h. eben nur zwei verschiedene Formen
bürgerlicher Herrschaft, der „Sozialfaschismus-Theorie“. Diese „Theorie“
verwirrte die Arbeiterbewegung: Wenn das eine so schlimm ist wie das
andere, worin liegt dann noch die Gefahr von Hitlers Aufstieg?
Volksfront führt zur Niederlage
Nach dem blutigen Scheitern ihrer Sozialfaschismus- „Theorie“ schwenkten
die Stalinisten um, und forderten eine „Volksfront“, d.h. die
Zusammenarbeit der Arbeiterorganisationen mit „fortschrittlichen“
Bürgerlichen gegen den Faschismus. Die Folgen dieser Wende zahlten die
ArbeiterInnen im Spanischen Bürgerkrieg mit ihrer Niederlage. „Die
Arbeiter und Bauern vermögen nur dann den Sieg zu erringen, wenn sie um
ihre eigene Befreiung kämpfen. Unterstellt man unter diesen Umständen
das Proletariat [Arbeiterklasse] der Führung der Bourgeoisie
[Kapitalistenklasse], so garantiert man ihm von vornherein eine
Niederlage im Bürgerkrieg.“ (Trotzki, „Die spanische Lehre“)
Genauso agierten allerdings in Spanien die Stalinisten: Aus Rücksicht
auf die Kapitalisten wurden Landbesetzungen und Betriebsbesetzungen im
Bürgerkrieg zurückgenommen, eine neue Front in den eigenen Reihen damit
eröffnet, RevolutionärInnen ermordet, die dagegen ankämpften. Dies
mündete im Sieg Francos.
Einheitsfront
Gegen „Sozialfaschismus“- und „Volksfront“-Theorie kämpfte die
Internationale Linke Opposition für eine Einheitsfront der
Arbeiterorganisationen. Auch wenn die sozialdemokratischen Führer schon
damals eine klare Politik im Interesse des Kapitals machten, so sahen
doch noch viele ArbeiterInnen die sozialdemokratischen Parteien als ihre
Parteien an. Sie stellten damals die Basis dieser Organisationen. Ein
Wesenszug des Faschismus lag in seiner existenziellen Bedrohung auch für
diese Arbeiterparteien mit bürgerlicher Führung. Das heißt auch für die
sozialdemokratischen Parteien bestand ebenso wie für Gewerkschaften und
Kommunistische Parteien die Bedrohung und damit die Notwendigkeit der
Selbstverteidigung gegen die faschistische Gefahr. Auf dieser Grundlage
forderte Trotzki die Bildung einer Einheitsfront: Gemeinsamer Kampf
gegen den Faschismus auf der Grundlage einer scharfen Trennung zwischen
den Organisationen der Arbeiterklasse auf der einen und den Parteien
des Kapitals auf der anderen Seite. Also eine scharfe Trennung auch
gegenüber den bürgerlichen Parteien, die aus Angst vor ihrer eigenen
politischen Entmachtung dem Faschismus ablehnend gegenüberstanden. Einem
solchen Appell zu einer Einheitsfront aller Arbeiterorganisationen
hätten sich auch sozialdemokratische Parteien und Gewerkschaften nicht
entziehen können – war die Bedrohung doch greifbar. Die Dynamik dieses
Bündnisses hätte auf der Grundlage des Interesses der Arbeiterklasse –
ohne falsche Rücksichtnahmen auf die „fortschrittlichen“ Bürgerlichen –
erfolgen können. Forderungen zur Verteidigung der ArbeiterInnen, zum
Beispiel eine Entmachtung der hinter den Faschisten stehenden
Kapitalisten, hätten sich recht natürlich aus dem gemeinsamen Kampf
heraus entwickelt. Aus dem Kampf aller Arbeiterorganisationen gegen die
unmittelbare Bedrohung des Faschismus hätte sich der Kampf um die
Gewinnung der Mehrheit der Arbeiterklasse für
revolutionär-sozialistische Ideen entwickelt, als einzigem Ausweg vor
der kapitalistischen Konterrevolution in Gestalt des Nationalsozialismus
entwickelt.
Statt diese Einheit zu organisieren, vertieften sozialdemokratische und
stalinistische Führer die Spaltung der ArbeiterInnen. Die SPD
beschimpfte die KPD als rot-lackierte Nazis, die KPD antwortete mit der
„Sozialfaschismus-Theorie“. Die Spaltung führte zur Niederlage. Erst in
den KZs fanden sich SozialdemokratInnen, KommunistInnen,
GewerkschafterInnen vereint. Die Vernichtung der AktivistInnen der
Arbeiterbewegung, der Juden, Sinti und Roma, Homosexueller und
unzähliger anderer wurde grausameRealität.
Gründung der Vierten Internationale
Nachdem die kommunistischen Parteien weltweit zu reinen Außenstellen
Moskaus geworden waren und ihre Verräterische Rolle besonders beim Sieg
des Faschismus in Deutschland 1933 deutlich geworden war, zogen Trotzki
und die MitkämpferInnen der Internationalen Linken Opposition die
Schlussfolgerung, dass eine neue Internationale aufgebaut werden müsse,
um der Arbeiterklasse einen Ausweg aus Kapitalismus und Stalinismus
aufzuzeigen und anzubieten. So entstand 1938 die Vierte Internationale,
in deren Tradition das Komitee für eine Arbeiterinternationale (KAI)
steht. Dessen Mitglied in Deutschland ist die Sozialistische Alternative.
Übergangsprogramm
Die Gründung der Vierten Internationale beruhte also auf der Erkenntnis,
dass sowohl sozialdemokratische als auch die „kommunistischen“, in
Wahrheit stalinistischen, Parteien zu Hindernissen im Kampf um eine
sozialistische Revolution geworden waren. Gleichzeitig orientierten sich
aber viele ArbeiterInnen immer noch an ihnen. Während also die
objektiven Bedingungen international längst reif für eine sozialistische
Umgestaltung waren, ja sogar danach drängten – die Widersprüche im
Kapitalismus trieben auf den zweiten Weltkrieg zu – war die
Arbeiterklasse nicht auf der Höhe der Zeit. Genauer: „Die
gegenwärtige Krise der menschlichen Kultur ist eine Krise der
proletarischen Führung“ (Trotzki „Übergangsprogramm“, das
Gründungsdokument der Vierten Internationale, 1938)
Daraus ergab sich die strategische Aufgabe, die sich die Vierte
Internationale setzte: „Die strategische Aufgabe der nächsten Periode
besteht darin, den Widerspruch zwischen der Reife der objektiven
Voraussetzungen für die Revolution und der Unreife des Proletariats und
seiner Vorhut (Ratlosigkeit und Entmutigung der alten Generation,
Unerfahrenheit der jungen) zu überwinden. Man muss den Massen im Verlauf
ihres täglichen Kampfes helfen, die Brücke zwischen ihrer
augenblicklichen Forderungen und dem sozialistischen Programm der
Revolution zu finden. Diese Brücke muss aus einem System von
Übergangsforderungen bestehen, die von den heutigen Bedingungen und dem
heutigen Bewußtsein breiter Schichten der Arbeiterklasse ausgehen und
stets zu ein und demselben Schluss führen: zur Machterorberung des
Proletariats.“ (Trotzki, „Übergangsprogramm“)
Im „Übergangsprogramm“ der Vierten Internationale wird dies bei
wichtigen Fragen aufgezeigt, z.B. dem Kampf gegen Arbeitslosigkeit durch
die Forderung nach Verteilung der vorhanden Arbeit auf alle durch
Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn. Es geht darum, die unmittelbaren
Probleme der Beschäftigten und Jugendlichen aufzugreifen und Forderungen
zu entwickeln, die keine Rücksicht auf die Erfüllbarkeit innerhalb des
kapitalistischen System nehmen, sondern im Gegenteil die Notwendigkeit
der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft deutlich werden lassen.
Für eine sozialistische Alternative
Trotzkis Analysen und sein Kampf für den Aufbau einer
Arbeiter-Internationale und eine sozialistische Demokratie machten ihn
zum Feind sowohl der Kapitalisten als auch der Stalinisten. Er wurde
immer wieder ausgewiesen und landete schließlich nach der Türkei,
Norwegen und Frankreich in Mexico. Die stalinistische Geheimpolizei,
GPU, verfolgte ihn und brachte ihn schließlich um. Doch richtige Ideen
und Überzeugungen können nicht ausgelöscht werden . Kurz vor seiner
Ermordung schrieb Trotzki in seinem politischen Testament:
„Ich sterbe als proletarischer Revolutionär, als Marxist, als
dialektischer Materialist und - folglich - als unversöhnlicher Atheist.
Mein Glaube an die kommunistische Zukunft der Menschheit hat an Glut
nichts eingebüßt.
Dieser Glaube an den Menschen und seine Zukunft gibt mir auch jetzt
eine Widerstandskraft, wie sie keine Religion jemals geben könnte.
Ich sehe den breiten Streifen Grün unter der Mauer, den klaren,
blauen Himmel darüber und das Sonnenlicht überall. Das Leben ist schön.
Mögen es die kommenden Generationen von allem Übel, aller Unterdrückung,
aller Gewalt befreien und es in vollem Maße genießen."
|