Bundesweite Demo im Frühjahr geplant
[Druckversion] Thema: Deutschland: Politik allgemein, veröffentlicht: 21.11.2005
Bericht von der Aktions- und Strategiekonferenz 19. und 20. November in
Frankfurt am Main
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Am Wochenende des 19. und 20. November kamen 330 AktivistInnen aus
sozialen Bewegungen und VertreterInnen verschiedener sozialistischer
Gruppen in Frankfurt zusammen, um über die nächsten gemeinsamen Schritte
zu debattieren. Vereinbart wurde eine Arbeitskonferenz am 17. Dezember
zur Vorbereitung einer bundesweiten Demonstration, die für Frühjahr 2006
terminiert wurde. Im Februar soll eine Folgekonferenz die Mobilisierung
zur Demonstration unterstützen.
Auch der Aufruf zur Demonstration soll beim Dezember-Treffen vereinbart
werden. Verschiedene Redebeiträge plädierten für eine Orientierung am
Frankfurter Appell. Auch der Vorschlag des Arbeitsausschusses der
Gewerkschaftslinken lehnt sich daran an. Eine Diskussion auf der
Konferenz am Wochenende über die inhaltiche Gestaltung des Demo-Aufrufs
wurde allerdings abgelehnt.
Die “APO-Konferenz” in Frankfurt am Main ging vom Treffen des deutschen
Sozialforums in Erfurt aus. Sie stand aber gleichzeitig in der Tradition
der Aktionskonferenzen 2003 und 2004. Diese Aktionskonferenzen hatten
zum Beispiel die Demonstration am 1. November 2003 gegen Sozialabbau mit
über 100.000 Menschen in Berlin auf den Weg gebracht. Dass aus diesen
beiden Richtungen konkurrierende Vorstellungen entstanden, wurde durch
die Moderation, bis Sonntag früh, bis zu ihrer Abwahl, vor allem in den
Händen von Sabine Leidig, Attac, verdeutlicht: Kritik an den
Gewerkschaftsspitzen und eine Ausrichtung auf eine bundesweite, zentrale
Aktion im Frühjahr (die mit der Metalltarifrunde zusammenfallen würde)
sollten mit unterschiedlichsten Mitteln verhindert werden.
Der Arbeitsausschusses der Gewerkschaftslinken brachte einen Vorschlag
zu einer bundesweiten Demo (am 18. März - eine Woche vor den
Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt)
und einer Aktionswoche ein. In die gleiche Richtung gingen die
Vorschläge des Netzwerks für eine kämpferische und demokratische ver.di
sowie die Vorstellungen verschiedener sozialistischer Gruppen. Auch die
TeilnehmerInnen der SAV argumentierten für eine zentrale Aktion (siehe
auch das
Flugblatt der SAV zur Aktionskonferenz).
Wenig betriebliche AktivistInnen, wenig Erwerbslose selbst
Trotz enormer Wut und Unzufriedenheit und einer Zunahme der Streiks in
den Betrieben, sehen sich viele Beschäftigte mit dem Rücken zur Wand:
Die Erpressung der Unternehmer in den Betrieben und der Verzicht der
Gewerkschaftsführungen auf gemeinsame Gegenwehr isolieren kämpferische
Belegschaften. Zur Debatte um zentrale oder dezentrale Aktionen sprach
auch Axel Hopfmann, ver.di-Aktivist vom LBK, Landesbetrieb
Krankenhäuser, Hamburg: “Was wir selber machen ist schon
dezentral: wir protestieren und streiken, Wenn man also bundesweit
zusammen kommt, dann ist es paradox dezentrale Aktionen zentral planen
zu wollen. Was wir aber gut gebrauchen können – und ich kann mir gut
vorstellen, dass das anderen in ähnlichen Konflikten auch hilft – ist,
dass rüber kommt: Wir sind mit unserem dezentralen Konflikt nicht
alleine. So eine bundesweite zentrale Aktion könnte uns Rückenwind
geben.”
Doch die Zusammensetzung der Konferenz war nicht von solchen
AktivistInnen geprägt. Anders als bei vorherigen Aktionskonferenzen
nahmen nur wenige VertreterInnen aus Betrieben und Gewerkschaften teil.
Auch VertreterInnen von Anti-Hartz- und Erwerbslosen-Gruppen waren
weniger zahlenmäßig erschienen. Ihre Wut wurde diesesmal kaum
artikuliert. ImmigrantInnen, Frauen und Jugendliche waren
unterrepräsentiert.
Berichte von KollegInnen aus dem Widerstand gegen
Arbeitsplatzvernichtung blieben isoliert. Kämpferisch wurde der
Widerstand bei Alstom Mannheim eingebracht und ein Bild der gemeinsamen
Aktionen von Studierenden, kommunalen und Landesbeschäftigten in
Stuttgart beziehungsweise Baden-Württemberg gezeichnet; doch weder die
allgemeinen Bedingungen sozialer Bewegungen 2005 noch die Zunahme der
betrieblichen Auseinandersetzungen (Infineon München, AEG Nürnberg,
Samsung Berlin, Telekom, Einzelhandelstarifrunde, ...) wurden
tiefergehend erörtert.
Die VertreterInnen sozialer Bewegungen rückten reale Bewegungen nicht in
den Mittelpunkt ihrer Debatte.
Horst Schmitthenner, IG-Metall-Kontaktmann zu sozialen Bewegungen, nahm
als Vertreter der Gewerkschaftsführungen teil. Er sprach über die
Notwendigkeit der Neuformierung der sozialen Bewegungen parallel zum
Neuformierungsprozess der Linken auf Parteiebene. Er nahm positiven
Bezug auf den Wahlerfolg der Linken und forderte dabei aber eine
Orientierung der Fraktion auf außerparlamentarische Proteste ein. Er
betonte die Macht der Gewerkschaften, die im Vergleich zu anderen
sozialen Bewegungen auch über eine zusätzliche Machtbasis in den
Betrieben verfügen. Wie diese Macht genutzt werden würde, wurde von ihm
nicht geschildert.
Eine Diskussion darüber kam nicht zustande, da am gesamten Samstag nur
60 Minunten zur offenen Debatte eingeplant wurden, während Einleitungen
zur aktuellen Situation – Reichtum besteuern (von Michael Schlecht,
ver.di-WiPo-Abteilung) zur Energiewende, zu Globalisierung – zwar
wichtige Themen anschnitten, aber ohne Diskusion dazu und in der Kürze
der für jedes Thema zur Verfügung stehenden Zeit, nur schwer darüber
hinaus kommen konnte, alt bekanntes zu wiederholen. Die Endlichkeit der
Öl- und Gasvorräte war den allermeisten der 350 TeilnehmerInnen wohl
schon zuvor bekannt. Eine Strategie zur Verhinderung der Angriffe der
Großen Koalition oder eine genauere Einschätzung der Bedeutung der
Angriffe auf den Kündigungsschutz blieben in den “Inputs” wenig
behandelt.
Von der Linksfraktion im Bundestag waren knapp ein Dutzend Abgeordnete
erschienen, ohne aber ein gemeinsames Auftreten, Initiativen oder
Vorschläge zu präsentieren.
Peter Grottian, Professor und Aktivist zum Beispiel gegen den
Bankenskandal in Berlin, forderte ein, dass eine bundesweite
Demonstration nur dann Sinn machen könne, wenn sie den Auftakt zu
weiterem Widerstand bilden würde. Applaus fand sein Vorschlag,
“Demo im März, ziviler Ungehorsam im Mai”, in der
Arbeitsgruppe zu “Arbeit und Sozialem”. Dass eine solche Strategie nötig
ist, die über eine bundesweite Ermutigung durch eine erfolgreiche Demo
hinausgeht, teilten wohl die meisten Anwesenden.
Wie weiter?
Die SAV sieht in den Protestwelle 2003 und 2004 eine Bestätigung dafür,
dass Demonstrieren und Protestieren alleine nicht ausreicht.
Arbeitsniederlegungen und Streiks sind nötig, um die Auftraggeber der
Kahlschlags-Politik, die Banken und Konzerne, ins Visier zu nehmen und
anzugehen. Doch soll die Macht der organisierten Arbeiterbewegung, die
Kraft der Beschäftigten in den Betrieben genutzt werden, dann wird dies
nicht freiwillig von den Gewerkschaftsführungen ausgehen.
Um von einer Strategie- und Aktionskonferenz auch in diesem Bereich von
unten weiter zu kommen, sind gezielte Anstrengungen nötig, Beschäftigte,
Vertrauensleute, Betriebs- und Personalräte von unten zusammen zu
bringen.
Eine Konferenz der AktivistInnen aus Betrieben und Gewerkschaften, mit
dem Ziel, Belegschaften im Kampf gegen Arbeitsplatzvernichtung,
Arbeitszeitverlängerung und Lohnraub zu vernetzen und gemeinsame
Strategien gegen die Offensive der Arbeitgeber und der Regierung zu
vereinbaren ist nötig.
Ein Aufruf zu einer solchen Konferenz, ausgehend vom Arbeitstreffen der
sozialen Bewegungen am 17. Dezember und dem Arbeitsausschuss der
Gewerkschaftslinken wäre ein großer Schritt nach vorn.
von Stephan Kimmerle, Berlin
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