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150 Jahre Kommunistisches Manifest – Ist der Marxismus noch aktuell?


[Druckversion]
Thema: Marxismus, Rezensionen, veröffentlicht: 14.11.2004

von Georg Kümmel (Januar 2001)

Vor 150 Jahren schrieben Friedrich Engels und Karl Marx das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Den Auftrag dazu hatten sie von einer internationalen Vereinigung revolutionär gesonnener Arbeiter erhalten, die sich „Bund der Kommunisten“ nannten. Darin gaben sie eine kurze Zusammenfassung, wie sich der Kapitalismus aus früheren Gesellschaftsformen entwickelt hat und wie die Arbeiterklasse durch die Abschaffung des Kapitalismus und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft Ausbeutung und Unterdrückung beenden kann.

In den Jahrzehnten danach wurde das Manifest in fast alle Sprachen der Welt übersetzt, millionenfach gedruckt und gelesen. Millionen ArbeiterInnen rund um den Erdball machten sich die im Manifest vertreten Weltanschauung zur eigenen Überzeugung und wurden zu Anhängern und Kämpfern für eine sozialistische Zukunft. Knapp siebzig Jahre nach seinem Erscheinen wurde 1917 in Russland der Kapitalismus durch einen Aufstand der unterdrückten Arbeiter und Bauern gestürzt. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde er in weiteren Ländern abgeschafft. Anfang der 80er Jahre lebte etwa ein Drittel der Weltbevölkerung in nichtkapitalistischen Staaten.

Heute sind die sogenannten „kommunistischen“ – in Wirklichkeit stalinistischen – Staaten Osteuropas zusammengebrochen und wieder zum Kapitalismus zurückgekehrt. Die Idee des Sozialismus findet heute nur wenige Unterstützer. Es geht hier nicht darum, dass Teile des Manifest veraltet sind und dass Marx und Engels sich in einigen Fragen geirrt haben, insbesondere was die baldige Erwartung einer sozialistischen Revolution betrifft. Marx und Engels selbst haben dies noch zu ihren Lebzeiten festgestellt, ihre Ansichten im Lichte der lebendigen Wirklichkeit über prüft, wo nötig geändert und ihre Theorie geschärft. Marxismus hat eben nichts mit Hellseherei oder Dogmatismus zu tun. In den letzten 100 Jahren haben noch mal gewaltige Veränderungen in der Welt statt gefunden. Die entscheidende Frage ist, ob die im Manifest dargestellten grundlegenden Ideen richtig und noch aktuell sind: die Methode zum Verständnis der Geschichte, die Perspektive vom Niedergang des Kapitalismus, die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft.

Geschichtsauffassung

Marx und Engels legten dar, dass die menschliche Geschichte eine Abfolge verschiedener Gesellschaftssysteme ist, die entstehen, untergehen und durch neue ersetzt werden. Und sie erklärten, was diesen Prozess des Werden und Vergehens antreibt: Die auf jeder Gesellschaftsstufe fortschreitende Arbeitsergiebigkeit durch Entwicklung von Technik und Wissenschaft (Produktivkräfte) gerät in wachsenden Widerspruch zu den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen (Produktionsverhältnissen). Die Manufaktur, die fabrikmäßige Produktion großer Mengen Güter mit vielen Arbeitern, stand im Widerspruch zu den engen Regeln des Zunft wesen. Die Dampfmaschine konnte ihre Kraft nicht in der Handwerksstube des mittelalterlichen Zunftmeisters entfalten. Der wachsende Handel, die Fortschritte in der Schifffahrt, im Straßenbau und später die Eisenbahnen standen im Widerspruch zu den engen Stadtmauern und der Kleinstaaterei mit ihren unterschiedlichen Zöllen, Maßsystemen und Währungen. Die feudalen Verhältnisse standen der weiteren Entwicklung der modernen Industrie im Wege, sie wurden mittels der bürgerlichen Revolution beiseite geräumt. Heute sind die kapitalistischen Produktionsverhältnisse selbst zu einer Fessel für die weitere Entwicklung der Gesellschaft geworden. Der technische Fortschritt, den es weiterhin gibt, führt im Rahmen des Kapitalismus nicht zum Fortschritt für die ganze Gesellschaft, sondern zu Stillstand und Rückschritt. Jeden Tag werden neue Erfindungen gemacht, Computerisierung, Telekommunikation, Automatisierung in der Industrie schreiten immer weiter fort. Aber was ist das Ergebnis? Die Lage der Masse der Bevölkerung verschlechtert sich statt sich zu verbessern. Reallohnverlust, Arbeitslosigkeit, Bildungsnotstand, Gesundheitsdeform, Sozialabbau, Umweltzerstörung sind der kapitalistische Alltag.

Gegensätze

Im Weltmaßstab betrachtet wird noch deutlicher wie grotesk die Widersprüche inzwischen geworden sind. Niemals zuvor standen der Menschheit so viele Mittel (Produktivkräfte) zur Verfügung, um alles zum Leben Notwendige mit wenig Arbeitsaufwand zu erzeugen und darüber hinaus Zeit und Möglichkeiten zu haben, sich frei zu entfalten.

Unter kapitalistischer Herrschaft verwandeln sich diese Produktivkräfte in gigantische Destruktivkräfte. Die Arbeitskraft von Millionen Menschen liegt brach. Die kapitalistische Produktionsweise führt dazu, dass die natürlichen Lebensgrundlagen im Weltmaßstab zerstört werden. Wasser, Böden, Luft werden vergiftet, das Weltklima wird verändert. Um den kapitalistischen Konkurrenzkampf auch bewaffnet austragen zu können, sind Waffen entwickelt und Arsenale angelegt worden, mit denen die ganze Menschheit ausgelöscht werden kann.

Die entscheidenden Widersprüche im Kapitalismus sind die: An jeder Produktion ist die ganze Gesellschaft beteiligt, aber die Entscheidung über die Produktion liegt in den Händen einer kleinen Minderheit.

Beispiel Autoindustrie: An der Produktion eines Autos muss eine ganze “Gesellschaft” von Menschen mitwirken: ArbeiterInnen in den Rohstoff und Zulieferindustrien in vielen verschiedenen Ländern, tausende ArbeiterInnen in der Automobilfabrik. Doch das sind längst nicht alle: Ohne Bildung, ohne Lehrende, ohne Transportwege, ohne Telekommunikation, also auch ohne die dort jeweils Beschäftigten Mitglieder der Gesellschaft gäbe es überhaupt keine Produktion. Aber über den Bau neuer Fabriken, über den Gegenstand der Produktion, Autos oder Eisenbahnen, entscheidet nicht die Gesellschaft, sondern die Privateigentümer oder deren bezahlte Vertreter. Kapitalismus bedeutet Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit, Kapitalismus bedeutet, Produktion für den Profit Einiger statt für die Bedürfnisse Aller.

Der zweite große Widerspruch ist, dass heute im Weltmaßstab und für den Weltmarkt produziert wird, es gibt weltumspannende Kommunikation und Transport, aber die Nationalstaaten existieren nach wie vor weiter. Mit der Bildung von Handelsblöcken und abkommen versuchen die Kapitalisten, diesen Widerspruch zu lösen. Tatsächlich heben sie das Problem nur auf eine höhere Stufe. Die Lage der Arbeiter klasse in Europa hat sich mit der EU nicht verbessert. Die Krise in Südostasien ist durch die Handelsblöcke nicht verhindert worden.

Die Schlussfolgerung und zentrale Forderung im Manifest ist, die Produktionsmittel gegen den Widerstand der Kapitalisten in gesellschaftliches Eigentum zu überführen und das nicht nur in einem Land sondern international.

Klassenkampf

Aber wie das erreichen? Marx und Engels hatten aus ihrem Studium der Geschichte den Schluss gezogen: “Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.”

Auch in früheren Gesellschaftsformen hatte es verschiedene Klassen mit unterschiedlichen, ja unversöhnlichen Interessen gegeben. Der Kampf der Sklaven gegen die Sklavenhalter, des Leibeigenen gegen den Baron, des Gesellen gegen den Zunftbürger. Sie kämpften gegeneinander, weil sie gegensätzliche, miteinander unversöhnliche Interessen hatten. Und über die heutige, die kapitalistische Gesellschaft schreiben sie: “Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.”

Diese Idee vom Klassenkampf, von der Unversöhnlichkeit der Interessen von Kapitalisten und Arbeiterklasse steht im völligen Gegensatz zur Politik der Gewerkschaftsführungen heute. Geht man aber von einem unversöhnlichen Gegensatz zwischen den Interessen von Kapitalisten und Arbeiterklasse aus, dann ist klar, dass mit Appellen an die “soziale Verantwortung” der Unternehmer, mit runden Tischen und Kanzlerrunden, den abhängig Beschäftigten nur Sand in die Augen gestreut wird. Und es ist doch in der Tat so, dass jedes Mal wenn von deutschen Interessen, von Standortinteressen, von betrieblichen Interessen die Rede ist, es immer um die Forderung nach Lohnverzicht, Flexibilisierung im Interesse und zugunsten der Unternehmer, zugunsten der Kapitalbesitzer geht.

Rolle der Arbeiterklasse

Als Marx und Engels das Manifest verfassten, war die Arbeiterklasse nur eine Minderheit in der Gesellschaft. Der größere Teil der Bevölkerung waren Bauern, Handwerker und kleine Kaufleute. Marx und Engels waren dennoch überzeugt: “Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse.”

Heute ist die Arbeiterklasse der so überwiegende Teil der Bevölkerung, dass manche vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Immer wieder wird die Frage gestellt, ob es die Arbeiterklasse überhaupt noch gibt. Niemand bestreitet, dass es große Unterschiede innerhalb der abhängig Beschäftigten gibt, insbesondere beim Einkommen. Noch vielfältiger sind die Spaltungen und Spaltungsversuche in Arbeiter und Angestellte, Männer und Frauen, In- und Ausländer, VorarbeiterIn, GruppenleiterInnen, BandarbeiterInnen usw.. Aber alle verbindet das Interesse an einem sichern Arbeitsplatz und ausreichendem Einkommen. Alle verbindet, dass ihnen die Arbeitsmittel nicht gehören, dem Arbeiter nicht die Drehbank und dem Angestellten nicht der Schreibtisch. In den letzten Jahren haben Beschäftigte gestreikt, die sich selbst vielleicht nicht einmal zu Arbeiterklasse rechnen würden: Bankangestellte, Lehrer, Computerfachleute.

Aber, wird jede(r) einwenden, revolutionär ist diese Arbeiterklasse nun wirklich nicht. Marx und Engels meinten damit zu nächst mal, dass die Arbeiterklasse ein gemeinsames Interesse an der Abschaffung des Kapitalismus hat und dass sie die Mittel dazu hat. Welche Macht die Arbeiterklasse hat, wird in jedem größeren Arbeitskampf deutlich. Gut organisiert, kann schon der Streik in einer Branche das Wirtschaftsleben des ganzen Landes lähmen, wie das Beispiel der französischen Fernfahrer gezeigt hat.

Woran es tatsächlich noch mangelt, ist das entsprechende Bewusstsein innerhalb der Arbeiterklasse. Das Sich-bewusst-sein, dass alle ArbeiterInnen die gleichen Interessen haben: unabhängig von der Nationalität, unabhängig von der jeweiligen Branche oder Betrieb. Noch schlechter steht es um das “revolutionäre” oder sozialistische Bewusstsein. Aber Arbeiter mit sozialistischer Überzeugung waren auch 1848 selten. Worauf Marx und Engels setzten, war ihre Erkenntnis, dass sich Bewusstsein verändert: „Bedarf es tieferer Einsicht um zu begreifen, dass mit den Lebensverhältnissen der Menschen, ... auch ihr Bewusstsein sich ändert?”

Tatsächlich änderte und entwickelte sich die Arbeiterklasse und ihr Bewusstsein. Um die Jahrhundertwende, nur 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung, war das Manifest zum Programm von Millionen ArbeiterInnen in der ganzen Welt geworden.

Kapitalistischer Niedergang

Die im Manifest dargelegte Geschichtsauffassung, die grundlegenden Aussagen bezüglich der kapitalistischen Gesellschaft sind auch heute, 150 Jahre später, noch aktuell. Ja, sie sind aktueller als damals. Denn Mitte des letzten Jahrhunderts befand sich der Kapitalismus gewissermaßen in seiner jugendlichen Sturm-und Drangphase. Marx und Engels haben damals durchaus die ihm noch innewohnenden Entwicklungsmöglichkeiten unterschätzt. Aber spätestens als der Konkurrenzkampf in das Massenschlachten des ersten Weltkrieges mündete, war „Sozialismus Notwendigkeit geworden” (Rosa Luxemburg).

Wenn aber die Annahme vom Niedergang des Kapitalismus und der daraus folgenden Notwendigkeit einer sozialistischen Gesellschaft richtig war, wieso ist dann das Manifest immer noch aktuell, sprich der Kapitalismus immer noch da? Wie bereits gesagt, wurde zu Ende des I. Weltkriegs, nur 70 Jahre nach Erscheinen des Manifest, in Russland der Kapitalismus gestürzt. Die Sowjetunion entwickelte sich von einem rückständigen Agrarland zur Weltmacht. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden in weiteren Teilen Osteuropas und der exkolonialen Welt die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse abgeschafft. Aber der russischen Revolution folgte nicht der Sieg des internationalen Sozialismus sondern der Aufstieg des Stalinismus, die Diktatur einer Bürokratie über die Gesellschaft. Dieser Aufstieg war möglich, weil die Revolution in zentralen Industrieländern scheiterte (insbesondere 1918/19 in Deutschland) und die ökonomisch rückständige Sowjetunion isoliert blieb. (Zu den Ursachen des Stalinismus siehe unter anderem VORAN Nr. 194) Durch das totalitäre System in Osteuropa war die Idee des Sozialismus in den Augen vieler ArbeiterInnen diskreditiert, zumindest in den vom Nachkriegsaufschwung geprägten wohlhabenderen kapitalistischen Staaten. Das gilt heute umso mehr. Durch seinen Zusammenbruch hat der Stalinismus nämlich gezeigt, dass er nicht nur undemokratisch, sondern am Ende auch unfähig war, die Wirtschaft und Gesellschaft weiter zu entwickeln.

Stalinismus

Jahrzehntelang wurde der Stalinismus von allen Seiten als sozialistisch ausgegeben. Kein Wunder, dass heute fast jeder meint, “Sozialismus” könne nicht funktionieren und daher auch keine Alternative zum Kapitalismus sieht. Deshalb haben wir heute die Situation, dass in einer Zeit, da der Kapitalismus jeden Tag deutlicher zeigt, dass er die Gesellschaft international in eine Sackgasse führt, dass zur selben Zeit die Idee des Sozialismus prozentual vielleicht nicht mehr Anhänger in der Arbeiterbewegung hat als vor 150 Jahren.

Marx und Engels zeigen sich im Manifest vollkommen optimistisch über das letztliche Ende der kapitalistischen Gesellschaft: „Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich”. Sie haben allerdings keineswegs angenommen, dass das automatisch geschehen wird. Sonst hätten sie spätestens an dieser Stelle sich bequem zurückgelehnt und den Sieg abgewartet. Tatsächlich haben sie Zeit ihres Lebens mit der Arbeiterbewegung für den Sieg des Sozialismus gekämpft. Die heutige Generation hat den Vorteil, dass die grundlegenden Ideen des Sozialismus nicht noch mal erarbeitet werden müssen. Allerdings muss heute wie damals um Mehrheiten für diese Idee gekämpft und die Überlegenheit sozialistischer Politik in den alltäglichen Kämpfen bewiesen werden. Neu hinzugekommen ist der Kampf für die Einsicht, dass im Osten nicht der Sozialismus sondern der Stalinismus gescheitert ist. Mit historischen Maßstäben gemessen waren Stalinismus und Nachkriegsaufschwung Ausnahmesituationen. Der Kapitalismus ist im Niedergang begriffen. Es wird einen neuen Anlauf geben um ihn zu stürzen. Es bedarf der bewussten Teilnahme eines Jeden, um erfolgreich eine Gesellschaft auf zubauen, in der Wissenschaft, Technik und menschliche Arbeitskraft zum Wohle aller genutzt werden und in der „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist”.

Das Manifest im Praxistest

Jede Theorie muss sich an der Wirklichkeit messen. Wir stellen Zitate aus dem Manifest (1848) der kapitalistischen Praxis (1998) gegenüber. Mann/Frau vergleiche auch die Aktualität dieser Aussagen aus der Zeit vor 150 Jahren mit der Haltbarkeitsdauer der Theorien und Prognosen der „Experten“ aus Politik und Wirtschaft von heute.

Internationalismus:

„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Die Notwendigkeit zu gemeinsamen Kampf der ArbeiterInnen über Ländergrenzen hinweg könnte augenfälliger nicht sein. Kein Tag vergeht, an dem nicht ArbeiterInnen aus verschiedenen Ländern gegeneinander ausgespielt werden. Die Drohung mit Standortverlagerung, Verlust der Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplatzabbau falls man nicht noch billiger, flexibler, schneller arbeitet als KollegInnen in anderen Ländern ist allgegenwärtig. Umgekehrt ist es kein Zufall, dass wir gerade im letzten Jahr die größten grenzüberschreitenden den Demonstrationen von ArbeiterInnen gesehen haben, zum Beispiel als in Amsterdam 50.000 Proletarier aus verschiedenen europäischen Ländern vereint gegen Arbeitslosigkeit und Sozialabbau in Europa, gegen das Europa der Banken und Konzerne demonstrierten.

Globalisierung:

„Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation (Ausbeutung) des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch (weltumspannend, global) gestaltet. ... Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.“

So ganz neu ist die Erkenntnis von der „Globalisierung“ also nicht. Marx und Engels empfahlen allerdings nicht, international auf Lohn zu verzichten, sondern gemeinsam für höhere Löhne und für eine andere Gesellschaft zu kämpfen.

Wirtschaftskrisen:

„Handelskrisen ... , welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. ... In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion.“

In den letzten 150 Jahren hat es über ein Dutzend Wirtschaftskrisen gegeben. „Normale“ Rezessionen ebenso wie die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Anfang der 30er Jahre. Geradezu lächerlich wirkt es vor dem Hintergrund dieser Tatsachen, wenn sogenannte Wirtschaftsexperten die aktuelle Krise in Südostasien der Unfähigkeit einzelner Machthaber oder dem Leichtsinn einiger Banker und Investoren zuzuschreiben versuchen. Die Epidemie der Überproduktion nimmt heute meist die Form der Überkapazitäten an. In der letzten Rezession lag in Deutschland die Kapazitätsauslastung in der Industrie bei 75 Prozent. Mittlerweile sind selbst im Aufschwung sind die Produktionskapazitäten nie voll ausgelastet. Das Nebeneinander von Überfluss auf der einen, Mangel und Not auf der anderen Seite sind heute Normalität im Kapitalismus. Luxuswohnungen und Bürogebäude stehen leer, gleichzeitig gibt es Wohnungssuchende und Obdachlose. Weltweit gibt es einen Überfluss an Nahrungsmitteln, Tomaten und Äpfel werden ins Meer gekippt, gleichzeitig verhungern jeden Tag etwa 35.000 Menschen, 840 Millionen sind chronisch unterernährt.

„Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; andererseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte.“

In Südostasien haben seit Beginn der Wirtschaftskrise über drei Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren, Fabriken und Betriebe wurden geschlossen. Da es, anders als vor 150 Jahren, keine Länder mehr zu erobern gibt, werden weltweit durch Privatisierung öffentlichen Eigentums im Lande selbst neue Märkte geschaffen und ausgebeutet.

Arbeitslosigkeit:

„Diese (modernen) Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.“

Marx und Engels stellen hier fest, dass es keinen Kapitalismus ohne Arbeitslosigkeit geben kann. Wer das verstanden hat, dem erscheinen alle Appelle an die „Verantwortung“ der Unternehmer Arbeitsplätze zu schaffen, als das was sie sind: purer Unsinn. Während im letzten Jahrhundert die Massenarbeitslosigkeit aber nur periodisch mit den Wirtschaftskrisen auftauchte, ist sie heute zum Dauerzustand geworden.

Arbeitshetze

„Noch mehr, in demselben Maße, wie Maschinerie und Teilung der Arbeit zunehmen in demselben Maße nimmt auch die Masse der Arbeit (für den einzelnen Arbeiter) zu, sei es durch Vermehrung der Arbeitstunden, sei es durch Vermehrung der in einer gegebenen Zeit geforderten Arbeit, beschleunigten Lauf der Maschinen usw.“

Zwar wurde auch noch in den letzten Jahren in Deutschland Arbeitszeitverkürzungen erkämpft, aber die Versuche und Maßnahmen sie wieder rückgängig zu machen, sind zahlreich: Arbeitsverdichtung, Flexibilisierung, Überstunden, unbezahlte Mehrarbeit, der Trend zum Zweitjob und die Heraufsetzung des Rentenalters erhöhen „die Masse der Arbeit“ für die Beschäftigten. Statt dass die Einführung neuer Maschinen und neuer Techniken ein Vorteil wäre, ist das Gegenteil der Fall.

„Neue Armut“:

Der Arbeiter wird zum Pauper (Armen), und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller als Bevölkerung und Reichtum.

Dazu ein Zitat aus dem Jahrbuch „aktuell ’98": „Trotz eines globalen Wirtschaftswachstums verdoppelte sich die Kluft zwischen Arm und Reich in den letzten Jahrzehnten weltweit. Das Entwicklungsprogramm der UNO (UNDP) wies 1996 in seinem Bericht über die menschliche Entwicklung darauf hin, dass das Vermögen der 358 reichsten Milliardäre dem Gesamteinkommen der ärmsten 45 Prozent der Bevölkerung (2,3 Milliarden Menschen)entspricht. Mitte der 90er Jahre mussten rund 1,3 Milliarden Menschen (etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung), vor allem Frauen, Kinder, Alte und Kranke, täglich mit weniger als einem US-Dollar auskommen. Ihre Zahl wird nach Angaben der UNDP jährlich um 25 Millionen ansteigen.“ Und zu Armut in Deutschland heißt es: „Dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW, Berlin) zufolge hielt in der Bundesrepublik auch 1996 die seit der wirtschaftlichen Rezession 1993 verzeichnete Tendenz zur Armut an. ... Neben kinderreichen Familien, Alleinerziehenden, Rentnern und Arbeitslosen zählten Mitte der 90er Jahre auch erstmals verstärkt Berufstätige, deren Nettojahreseinkommen unter dem gesetzlich definierten Exstenzminimum (1996: 12.095 DM) lag, zu den von Armut Betroffenen.“

Sozialismus

„An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation (Vereinigung, Gesellschaft), worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.

Auch wenn sich von Stalin bis Honecker alle vormals im Ostblock herrschenden Bürokraten auf Marx berufen haben, so ist dieser Satz alleine Beweis genug, dass Marx und Engels unter Sozialismus etwas ganz anderes verstanden haben als die Verhältnisse in den zusammengebrochen Staaten Osteuropas. Deren Merkmale waren ja gerade die politischer Unfreiheit und die Angst vor der freien Entfaltung des Individuums.

Worterklärung:

Proletarier – Arbeiter

Proletariat – Arbeiterklasse

Bourgeois – Kapitalist

Bourgeoisie – Kapitalistenklasse

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