150 Jahre Kommunistisches Manifest – Ist der Marxismus noch aktuell?
[Druckversion] Thema: Marxismus, Rezensionen, veröffentlicht: 14.11.2004
von Georg Kümmel (Januar 2001) Vor 150 Jahren schrieben Friedrich
Engels und Karl Marx das „Manifest der Kommunistischen Partei“.
Den Auftrag dazu hatten sie von einer internationalen Vereinigung
revolutionär gesonnener Arbeiter erhalten, die sich „Bund der
Kommunisten“ nannten. Darin gaben sie eine kurze Zusammenfassung,
wie sich der Kapitalismus aus früheren Gesellschaftsformen
entwickelt hat und wie die Arbeiterklasse durch die Abschaffung des
Kapitalismus und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft
Ausbeutung und Unterdrückung beenden kann.
In den Jahrzehnten danach wurde das
Manifest in fast alle Sprachen der Welt übersetzt, millionenfach
gedruckt und gelesen. Millionen ArbeiterInnen rund um den Erdball
machten sich die im Manifest vertreten Weltanschauung zur eigenen
Überzeugung und wurden zu Anhängern und Kämpfern für
eine sozialistische Zukunft. Knapp siebzig Jahre nach seinem
Erscheinen wurde 1917 in Russland der Kapitalismus durch einen
Aufstand der unterdrückten Arbeiter und Bauern gestürzt. In
den darauffolgenden Jahrzehnten wurde er in weiteren Ländern
abgeschafft. Anfang der 80er Jahre lebte etwa ein Drittel der
Weltbevölkerung in nichtkapitalistischen Staaten.
Heute sind die sogenannten
„kommunistischen“ – in Wirklichkeit stalinistischen – Staaten
Osteuropas zusammengebrochen und wieder zum Kapitalismus
zurückgekehrt. Die Idee des Sozialismus findet heute nur wenige
Unterstützer. Es geht hier nicht darum, dass Teile des Manifest
veraltet sind und dass Marx und Engels sich in einigen Fragen geirrt
haben, insbesondere was die baldige Erwartung einer sozialistischen
Revolution betrifft. Marx und Engels selbst haben dies noch zu ihren
Lebzeiten festgestellt, ihre Ansichten im Lichte der lebendigen
Wirklichkeit über prüft, wo nötig geändert und
ihre Theorie geschärft. Marxismus hat eben nichts mit
Hellseherei oder Dogmatismus zu tun. In den letzten 100 Jahren haben
noch mal gewaltige Veränderungen in der Welt statt gefunden. Die
entscheidende Frage ist, ob die im Manifest dargestellten
grundlegenden Ideen richtig und noch aktuell sind: die Methode zum
Verständnis der Geschichte, die Perspektive vom Niedergang des
Kapitalismus, die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer
sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft.
Geschichtsauffassung
Marx und Engels legten dar, dass die
menschliche Geschichte eine Abfolge verschiedener
Gesellschaftssysteme ist, die entstehen, untergehen und durch neue
ersetzt werden. Und sie erklärten, was diesen Prozess des Werden
und Vergehens antreibt: Die auf jeder Gesellschaftsstufe
fortschreitende Arbeitsergiebigkeit durch Entwicklung von Technik und
Wissenschaft (Produktivkräfte) gerät in wachsenden
Widerspruch zu den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen
(Produktionsverhältnissen). Die Manufaktur, die fabrikmäßige
Produktion großer Mengen Güter mit vielen Arbeitern, stand
im Widerspruch zu den engen Regeln des Zunft wesen. Die Dampfmaschine
konnte ihre Kraft nicht in der Handwerksstube des mittelalterlichen
Zunftmeisters entfalten. Der wachsende Handel, die Fortschritte in
der Schifffahrt, im Straßenbau und später die Eisenbahnen
standen im Widerspruch zu den engen Stadtmauern und der
Kleinstaaterei mit ihren unterschiedlichen Zöllen, Maßsystemen
und Währungen. Die feudalen Verhältnisse standen der
weiteren Entwicklung der modernen Industrie im Wege, sie wurden
mittels der bürgerlichen Revolution beiseite geräumt. Heute
sind die kapitalistischen Produktionsverhältnisse selbst zu
einer Fessel für die weitere Entwicklung der Gesellschaft
geworden. Der technische Fortschritt, den es weiterhin gibt, führt
im Rahmen des Kapitalismus nicht zum Fortschritt für die ganze
Gesellschaft, sondern zu Stillstand und Rückschritt. Jeden Tag
werden neue Erfindungen gemacht, Computerisierung, Telekommunikation,
Automatisierung in der Industrie schreiten immer weiter fort. Aber
was ist das Ergebnis? Die Lage der Masse der Bevölkerung
verschlechtert sich statt sich zu verbessern. Reallohnverlust,
Arbeitslosigkeit, Bildungsnotstand, Gesundheitsdeform, Sozialabbau,
Umweltzerstörung sind der kapitalistische Alltag.
Gegensätze
Im Weltmaßstab betrachtet wird
noch deutlicher wie grotesk die Widersprüche inzwischen geworden
sind. Niemals zuvor standen der Menschheit so viele Mittel
(Produktivkräfte) zur Verfügung, um alles zum Leben
Notwendige mit wenig Arbeitsaufwand zu erzeugen und darüber
hinaus Zeit und Möglichkeiten zu haben, sich frei zu entfalten.
Unter kapitalistischer Herrschaft
verwandeln sich diese Produktivkräfte in gigantische
Destruktivkräfte. Die Arbeitskraft von Millionen Menschen liegt
brach. Die kapitalistische Produktionsweise führt dazu, dass die
natürlichen Lebensgrundlagen im Weltmaßstab zerstört
werden. Wasser, Böden, Luft werden vergiftet, das Weltklima wird
verändert. Um den kapitalistischen Konkurrenzkampf auch
bewaffnet austragen zu können, sind Waffen entwickelt und
Arsenale angelegt worden, mit denen die ganze Menschheit ausgelöscht
werden kann.
Die entscheidenden Widersprüche im
Kapitalismus sind die: An jeder Produktion ist die ganze Gesellschaft
beteiligt, aber die Entscheidung über die Produktion liegt in
den Händen einer kleinen Minderheit.
Beispiel Autoindustrie: An der
Produktion eines Autos muss eine ganze “Gesellschaft” von
Menschen mitwirken: ArbeiterInnen in den Rohstoff und
Zulieferindustrien in vielen verschiedenen Ländern, tausende
ArbeiterInnen in der Automobilfabrik. Doch das sind längst nicht
alle: Ohne Bildung, ohne Lehrende, ohne Transportwege, ohne
Telekommunikation, also auch ohne die dort jeweils Beschäftigten
Mitglieder der Gesellschaft gäbe es überhaupt keine
Produktion. Aber über den Bau neuer Fabriken, über den
Gegenstand der Produktion, Autos oder Eisenbahnen, entscheidet nicht
die Gesellschaft, sondern die Privateigentümer oder deren
bezahlte Vertreter. Kapitalismus bedeutet Herrschaft einer Minderheit
über die Mehrheit, Kapitalismus bedeutet, Produktion für
den Profit Einiger statt für die Bedürfnisse Aller.
Der zweite große Widerspruch ist,
dass heute im Weltmaßstab und für den Weltmarkt produziert
wird, es gibt weltumspannende Kommunikation und Transport, aber die
Nationalstaaten existieren nach wie vor weiter. Mit der Bildung von
Handelsblöcken und abkommen versuchen die Kapitalisten, diesen
Widerspruch zu lösen. Tatsächlich heben sie das Problem nur
auf eine höhere Stufe. Die Lage der Arbeiter klasse in Europa
hat sich mit der EU nicht verbessert. Die Krise in Südostasien
ist durch die Handelsblöcke nicht verhindert worden.
Die Schlussfolgerung und zentrale
Forderung im Manifest ist, die Produktionsmittel gegen den Widerstand
der Kapitalisten in gesellschaftliches Eigentum zu überführen
und das nicht nur in einem Land sondern international.
Klassenkampf
Aber wie das erreichen? Marx und Engels
hatten aus ihrem Studium der Geschichte den Schluss gezogen: “Die
Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von
Klassenkämpfen.”
Auch in früheren
Gesellschaftsformen hatte es verschiedene Klassen mit
unterschiedlichen, ja unversöhnlichen Interessen gegeben. Der
Kampf der Sklaven gegen die Sklavenhalter, des Leibeigenen gegen den
Baron, des Gesellen gegen den Zunftbürger. Sie kämpften
gegeneinander, weil sie gegensätzliche, miteinander
unversöhnliche Interessen hatten. Und über die heutige, die
kapitalistische Gesellschaft schreiben sie: “Die ganze Gesellschaft
spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in
zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen:
Bourgeoisie und Proletariat.”
Diese Idee vom Klassenkampf, von der
Unversöhnlichkeit der Interessen von Kapitalisten und
Arbeiterklasse steht im völligen Gegensatz zur Politik der
Gewerkschaftsführungen heute. Geht man aber von einem
unversöhnlichen Gegensatz zwischen den Interessen von
Kapitalisten und Arbeiterklasse aus, dann ist klar, dass mit Appellen
an die “soziale Verantwortung” der Unternehmer, mit runden
Tischen und Kanzlerrunden, den abhängig Beschäftigten nur
Sand in die Augen gestreut wird. Und es ist doch in der Tat so, dass
jedes Mal wenn von deutschen Interessen, von Standortinteressen, von
betrieblichen Interessen die Rede ist, es immer um die Forderung nach
Lohnverzicht, Flexibilisierung im Interesse und zugunsten der
Unternehmer, zugunsten der Kapitalbesitzer geht.
Rolle der
Arbeiterklasse
Als Marx und Engels das Manifest
verfassten, war die Arbeiterklasse nur eine Minderheit in der
Gesellschaft. Der größere Teil der Bevölkerung waren
Bauern, Handwerker und kleine Kaufleute. Marx und Engels waren
dennoch überzeugt: “Von allen Klassen, welche heutzutage der
Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine
wirklich revolutionäre Klasse.”
Heute ist die Arbeiterklasse der so
überwiegende Teil der Bevölkerung, dass manche vor lauter
Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Immer wieder wird die Frage
gestellt, ob es die Arbeiterklasse überhaupt noch gibt. Niemand
bestreitet, dass es große Unterschiede innerhalb der abhängig
Beschäftigten gibt, insbesondere beim Einkommen. Noch
vielfältiger sind die Spaltungen und Spaltungsversuche in
Arbeiter und Angestellte, Männer und Frauen, In- und Ausländer,
VorarbeiterIn, GruppenleiterInnen, BandarbeiterInnen usw.. Aber alle
verbindet das Interesse an einem sichern Arbeitsplatz und
ausreichendem Einkommen. Alle verbindet, dass ihnen die Arbeitsmittel
nicht gehören, dem Arbeiter nicht die Drehbank und dem
Angestellten nicht der Schreibtisch. In den letzten Jahren haben
Beschäftigte gestreikt, die sich selbst vielleicht nicht einmal
zu Arbeiterklasse rechnen würden: Bankangestellte, Lehrer,
Computerfachleute.
Aber, wird jede(r) einwenden,
revolutionär ist diese Arbeiterklasse nun wirklich nicht. Marx
und Engels meinten damit zu nächst mal, dass die Arbeiterklasse
ein gemeinsames Interesse an der Abschaffung des Kapitalismus hat und
dass sie die Mittel dazu hat. Welche Macht die Arbeiterklasse hat,
wird in jedem größeren Arbeitskampf deutlich. Gut
organisiert, kann schon der Streik in einer Branche das
Wirtschaftsleben des ganzen Landes lähmen, wie das Beispiel der
französischen Fernfahrer gezeigt hat.
Woran es tatsächlich noch mangelt,
ist das entsprechende Bewusstsein innerhalb der Arbeiterklasse. Das
Sich-bewusst-sein, dass alle ArbeiterInnen die gleichen Interessen
haben: unabhängig von der Nationalität, unabhängig von
der jeweiligen Branche oder Betrieb. Noch schlechter steht es um das
“revolutionäre” oder sozialistische Bewusstsein. Aber
Arbeiter mit sozialistischer Überzeugung waren auch 1848 selten.
Worauf Marx und Engels setzten, war ihre Erkenntnis, dass sich
Bewusstsein verändert: „Bedarf es tieferer Einsicht um zu
begreifen, dass mit den Lebensverhältnissen der Menschen, ...
auch ihr Bewusstsein sich ändert?”
Tatsächlich änderte und
entwickelte sich die Arbeiterklasse und ihr Bewusstsein. Um die
Jahrhundertwende, nur 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung, war
das Manifest zum Programm von Millionen ArbeiterInnen in der ganzen
Welt geworden.
Kapitalistischer
Niedergang
Die im Manifest dargelegte
Geschichtsauffassung, die grundlegenden Aussagen bezüglich der
kapitalistischen Gesellschaft sind auch heute, 150 Jahre später,
noch aktuell. Ja, sie sind aktueller als damals. Denn Mitte des
letzten Jahrhunderts befand sich der Kapitalismus gewissermaßen
in seiner jugendlichen Sturm-und Drangphase. Marx und Engels haben
damals durchaus die ihm noch innewohnenden Entwicklungsmöglichkeiten
unterschätzt. Aber spätestens als der Konkurrenzkampf in
das Massenschlachten des ersten Weltkrieges mündete, war
„Sozialismus Notwendigkeit geworden” (Rosa Luxemburg).
Wenn aber die Annahme vom Niedergang
des Kapitalismus und der daraus folgenden Notwendigkeit einer
sozialistischen Gesellschaft richtig war, wieso ist dann das Manifest
immer noch aktuell, sprich der Kapitalismus immer noch da? Wie
bereits gesagt, wurde zu Ende des I. Weltkriegs, nur 70 Jahre nach
Erscheinen des Manifest, in Russland der Kapitalismus gestürzt.
Die Sowjetunion entwickelte sich von einem rückständigen
Agrarland zur Weltmacht. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden in
weiteren Teilen Osteuropas und der exkolonialen Welt die
kapitalistischen Eigentumsverhältnisse abgeschafft. Aber der
russischen Revolution folgte nicht der Sieg des internationalen
Sozialismus sondern der Aufstieg des Stalinismus, die Diktatur einer
Bürokratie über die Gesellschaft. Dieser Aufstieg war
möglich, weil die Revolution in zentralen Industrieländern
scheiterte (insbesondere 1918/19 in Deutschland) und die ökonomisch
rückständige Sowjetunion isoliert blieb. (Zu den Ursachen
des Stalinismus siehe unter anderem VORAN Nr. 194) Durch das
totalitäre System in Osteuropa war die Idee des Sozialismus in
den Augen vieler ArbeiterInnen diskreditiert, zumindest in den vom
Nachkriegsaufschwung geprägten wohlhabenderen kapitalistischen
Staaten. Das gilt heute umso mehr. Durch seinen Zusammenbruch hat der
Stalinismus nämlich gezeigt, dass er nicht nur undemokratisch,
sondern am Ende auch unfähig war, die Wirtschaft und
Gesellschaft weiter zu entwickeln.
Stalinismus
Jahrzehntelang wurde der Stalinismus
von allen Seiten als sozialistisch ausgegeben. Kein Wunder, dass
heute fast jeder meint, “Sozialismus” könne nicht
funktionieren und daher auch keine Alternative zum Kapitalismus
sieht. Deshalb haben wir heute die Situation, dass in einer Zeit, da
der Kapitalismus jeden Tag deutlicher zeigt, dass er die Gesellschaft
international in eine Sackgasse führt, dass zur selben Zeit die
Idee des Sozialismus prozentual vielleicht nicht mehr Anhänger
in der Arbeiterbewegung hat als vor 150 Jahren.
Marx und Engels zeigen sich im Manifest
vollkommen optimistisch über das letztliche Ende der
kapitalistischen Gesellschaft: „Ihr Untergang und der Sieg des
Proletariats sind gleich unvermeidlich”. Sie haben allerdings
keineswegs angenommen, dass das automatisch geschehen wird. Sonst
hätten sie spätestens an dieser Stelle sich bequem
zurückgelehnt und den Sieg abgewartet. Tatsächlich haben
sie Zeit ihres Lebens mit der Arbeiterbewegung für den Sieg des
Sozialismus gekämpft. Die heutige Generation hat den Vorteil,
dass die grundlegenden Ideen des Sozialismus nicht noch mal
erarbeitet werden müssen. Allerdings muss heute wie damals um
Mehrheiten für diese Idee gekämpft und die Überlegenheit
sozialistischer Politik in den alltäglichen Kämpfen
bewiesen werden. Neu hinzugekommen ist der Kampf für die
Einsicht, dass im Osten nicht der Sozialismus sondern der Stalinismus
gescheitert ist. Mit historischen Maßstäben gemessen waren
Stalinismus und Nachkriegsaufschwung Ausnahmesituationen. Der
Kapitalismus ist im Niedergang begriffen. Es wird einen neuen Anlauf
geben um ihn zu stürzen. Es bedarf der bewussten Teilnahme eines
Jeden, um erfolgreich eine Gesellschaft auf zubauen, in der
Wissenschaft, Technik und menschliche Arbeitskraft zum Wohle aller
genutzt werden und in der „die freie Entwicklung eines jeden die
Bedingung für die freie Entwicklung aller ist”.
Das Manifest im
Praxistest
Jede Theorie muss sich an der
Wirklichkeit messen. Wir stellen Zitate aus dem Manifest (1848) der
kapitalistischen Praxis (1998) gegenüber. Mann/Frau vergleiche
auch die Aktualität dieser Aussagen aus der Zeit vor 150 Jahren
mit der Haltbarkeitsdauer der Theorien und Prognosen der „Experten“
aus Politik und Wirtschaft von heute.
Internationalismus:
„Proletarier aller Länder,
vereinigt euch!“
Die Notwendigkeit zu gemeinsamen Kampf
der ArbeiterInnen über Ländergrenzen hinweg könnte
augenfälliger nicht sein. Kein Tag vergeht, an dem nicht
ArbeiterInnen aus verschiedenen Ländern gegeneinander
ausgespielt werden. Die Drohung mit Standortverlagerung, Verlust der
Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplatzabbau falls man nicht noch
billiger, flexibler, schneller arbeitet als KollegInnen in anderen
Ländern ist allgegenwärtig. Umgekehrt ist es kein Zufall,
dass wir gerade im letzten Jahr die größten
grenzüberschreitenden den Demonstrationen von ArbeiterInnen
gesehen haben, zum Beispiel als in Amsterdam 50.000 Proletarier aus
verschiedenen europäischen Ländern vereint gegen
Arbeitslosigkeit und Sozialabbau in Europa, gegen das Europa der
Banken und Konzerne demonstrierten.
Globalisierung:
„Die Bourgeoisie hat durch ihre
Exploitation (Ausbeutung) des Weltmarkts die Produktion und
Konsumtion aller Länder kosmopolitisch (weltumspannend, global)
gestaltet. ... Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet
worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt
durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für
alle zivilisierten Nationen wird durch Industrien, die nicht mehr
einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige
Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst,
sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.“
So ganz neu ist die Erkenntnis von der
„Globalisierung“ also nicht. Marx und Engels empfahlen allerdings
nicht, international auf Lohn zu verzichten, sondern gemeinsam für
höhere Löhne und für eine andere Gesellschaft zu
kämpfen.
Wirtschaftskrisen:
„Handelskrisen ... , welche in ihrer
periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen
bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. ... In den Krisen
bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus welche allen früheren
Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der
Überproduktion.“
In den letzten 150 Jahren hat es über
ein Dutzend Wirtschaftskrisen gegeben. „Normale“ Rezessionen
ebenso wie die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Anfang der 30er
Jahre. Geradezu lächerlich wirkt es vor dem Hintergrund dieser
Tatsachen, wenn sogenannte Wirtschaftsexperten die aktuelle Krise in
Südostasien der Unfähigkeit einzelner Machthaber oder dem
Leichtsinn einiger Banker und Investoren zuzuschreiben versuchen. Die
Epidemie der Überproduktion nimmt heute meist die Form der
Überkapazitäten an. In der letzten Rezession lag in
Deutschland die Kapazitätsauslastung in der Industrie bei 75
Prozent. Mittlerweile sind selbst im Aufschwung sind die
Produktionskapazitäten nie voll ausgelastet. Das Nebeneinander
von Überfluss auf der einen, Mangel und Not auf der anderen
Seite sind heute Normalität im Kapitalismus. Luxuswohnungen und
Bürogebäude stehen leer, gleichzeitig gibt es
Wohnungssuchende und Obdachlose. Weltweit gibt es einen Überfluss
an Nahrungsmitteln, Tomaten und Äpfel werden ins Meer gekippt,
gleichzeitig verhungern jeden Tag etwa 35.000 Menschen, 840 Millionen
sind chronisch unterernährt.
„Wodurch überwindet die
Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung
einer Masse von Produktivkräften; andererseits durch die
Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung
alter Märkte.“
In Südostasien haben seit Beginn
der Wirtschaftskrise über drei Millionen Menschen ihren
Arbeitsplatz verloren, Fabriken und Betriebe wurden geschlossen. Da
es, anders als vor 150 Jahren, keine Länder mehr zu erobern
gibt, werden weltweit durch Privatisierung öffentlichen
Eigentums im Lande selbst neue Märkte geschaffen und
ausgebeutet.
Arbeitslosigkeit:
„Diese (modernen) Arbeiter, die sich
stückweise verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder
andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen
Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes
ausgesetzt.“
Marx und Engels stellen hier fest, dass
es keinen Kapitalismus ohne Arbeitslosigkeit geben kann. Wer das
verstanden hat, dem erscheinen alle Appelle an die „Verantwortung“
der Unternehmer Arbeitsplätze zu schaffen, als das was sie sind:
purer Unsinn. Während im letzten Jahrhundert die
Massenarbeitslosigkeit aber nur periodisch mit den Wirtschaftskrisen
auftauchte, ist sie heute zum Dauerzustand geworden.
Arbeitshetze
„Noch mehr, in demselben Maße,
wie Maschinerie und Teilung der Arbeit zunehmen in demselben Maße
nimmt auch die Masse der Arbeit (für den einzelnen Arbeiter) zu,
sei es durch Vermehrung der Arbeitstunden, sei es durch Vermehrung
der in einer gegebenen Zeit geforderten Arbeit, beschleunigten Lauf
der Maschinen usw.“
Zwar wurde auch noch in den letzten
Jahren in Deutschland Arbeitszeitverkürzungen erkämpft,
aber die Versuche und Maßnahmen sie wieder rückgängig
zu machen, sind zahlreich: Arbeitsverdichtung, Flexibilisierung,
Überstunden, unbezahlte Mehrarbeit, der Trend zum Zweitjob und
die Heraufsetzung des Rentenalters erhöhen „die Masse der
Arbeit“ für die Beschäftigten. Statt dass die Einführung
neuer Maschinen und neuer Techniken ein Vorteil wäre, ist das
Gegenteil der Fall.
„Neue Armut“:
Der Arbeiter wird zum Pauper (Armen),
und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller als Bevölkerung
und Reichtum.
Dazu ein Zitat aus dem Jahrbuch
„aktuell ’98": „Trotz eines globalen Wirtschaftswachstums
verdoppelte sich die Kluft zwischen Arm und Reich in den letzten
Jahrzehnten weltweit. Das Entwicklungsprogramm der UNO (UNDP) wies
1996 in seinem Bericht über die menschliche Entwicklung darauf
hin, dass das Vermögen der 358 reichsten Milliardäre dem
Gesamteinkommen der ärmsten 45 Prozent der Bevölkerung (2,3
Milliarden Menschen)entspricht. Mitte der 90er Jahre mussten rund 1,3
Milliarden Menschen (etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung),
vor allem Frauen, Kinder, Alte und Kranke, täglich mit weniger
als einem US-Dollar auskommen. Ihre Zahl wird nach Angaben der UNDP
jährlich um 25 Millionen ansteigen.“ Und zu Armut in
Deutschland heißt es: „Dem Deutschen Institut für
Wirtschaftsforschung (DIW, Berlin) zufolge hielt in der
Bundesrepublik auch 1996 die seit der wirtschaftlichen Rezession 1993
verzeichnete Tendenz zur Armut an. ... Neben kinderreichen Familien,
Alleinerziehenden, Rentnern und Arbeitslosen zählten Mitte der
90er Jahre auch erstmals verstärkt Berufstätige, deren
Nettojahreseinkommen unter dem gesetzlich definierten Exstenzminimum
(1996: 12.095 DM) lag, zu den von Armut Betroffenen.“
Sozialismus
„An die Stelle der alten bürgerlichen
Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine
Assoziation (Vereinigung, Gesellschaft), worin die freie Entwicklung
eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.
Auch wenn sich von Stalin bis Honecker
alle vormals im Ostblock herrschenden Bürokraten auf Marx
berufen haben, so ist dieser Satz alleine Beweis genug, dass Marx und
Engels unter Sozialismus etwas ganz anderes verstanden haben als die
Verhältnisse in den zusammengebrochen Staaten Osteuropas. Deren
Merkmale waren ja gerade die politischer Unfreiheit und die Angst vor
der freien Entfaltung des Individuums.
Worterklärung:
Proletarier – Arbeiter
Proletariat – Arbeiterklasse
Bourgeois – Kapitalist
Bourgeoisie – Kapitalistenklasse
|