Die AKL und der Programmentwurf der LINKEN
[Druckversion] Thema: "DIE LINKE.", veröffentlicht: 02.04.2010
Bericht von der Konferenz der Antikapitalistischen Linke (AKL) in
Neubrandenburg
Während sich der Richtungsstreit in der LINKEN kurz vor ihrem Rostocker
Bundesparteitag immer weiter zuspitzt und ihre Regierungsvertreter in
der Debatte über das neue Grundsatzprogramm das Nein der Partei zu
Sozial- und Stellenabbau offen in Frage stellen, bleibt der linke
Parteiflügel eher blass und defensiv.
von Heino Berg, Göttingen
Auch beim Bundestreffen der Antikapitalistischen Linken, das am 26./27.3
im mecklenburgischen Neubrandenburg mit knapp 80 TeilnehmerInnen
stattfand, prägte zunächst die Suche nach innerparteilichen Kompromissen
das Bild. Nicht nur den Referenten aus anderen Strömungen, darunter
Michael Schlecht und Eva Bulling-Schröter, die im bayrischen
Landesverband durch die Ausgrenzung von Sozialisten bekannt geworden
ist, fehlte der antikapitalistische „Biss“, den die Mitglieder von einer
linken Partei mitten in der Weltwirtschaftskrise eigentlich erwarten
können.
Auch Thies Gleiss, der erst vor wenigen Wochen die AKL-Spitze wegen
ihrer Unterstützung für Gesine Lötzsch und Klaus Ernst als
Parteivorsitzende öffentlich attackiert hatte, überraschte das Publikum
zunächst mit der Aufforderung, den neuen Programmentwurf nicht von links
zu kritisieren. Im Publikum, aber auch bei der Abgeordneten Sevim
Dagdelen sowie den beiden Vertretern der SAV auf der Veranstaltung stieß
diese Taktik auf Widerspruch. Der Programmentwurf enthalte zwar richtige
Aussagen zum Grundwiderspruch zwischen Arbeit und Kapital und zur
Notwendigkeit sozialistischer Alternativen, die man gegen das Sperrfeuer
des rechten Parteiflügels um Ramelow und Barsch verteidigen müsse. Dies
könne aber nicht durch Stillhalten oder gar durch die Zustimmung zu
Halbheiten oder Formelkompromissen erreicht werden. Die Vertreter der
SAV wiesen außerdem darauf hin, dass sich Sozialisten in der LINKEN
nicht auf eine abstrakt-theoretische Debatte über das Grundsatzprogramm
beschränken dürften. Papier sei geduldig – und die Bevölkerung würde
Parteien, gerade nach den Erfahrungen mit der SPD, die sich in ihrem
Hamburger Programm ja auch auf den Sozialismus beruft, nicht in erster
Linie an ihren programmatischen Versprechungen, sondern an ihrer
politischen Praxis in Regierungen, Parlamenten und auf der Straße
beurteilen.
Im Verlauf der Konferenz und in ihren Arbeitsgruppen wurde an vielen
Punkten Änderungsbedarf zum Programmentwurf festgestellt: Die
Abschlusserklärung erwähnt dazu unter anderem das „Verbot der
Geheimdienste, das Verbot von Leiharbeit, die Abschaffung der
Residenzpflicht und das generelle Verbot von Massenentlassungen“.
Außerdem müsse ins Programm aufgenommen werden, dass „deutsches Militär
nicht ins Ausland gehört“ und dass der Austritt Deutschlands aus der
Nato nicht von Bedingungen, also der Schaffung eines kollektiven
Sicherheitssystems unter Einschluss Russlands“ abhängig gemacht werden
dürfe.
In der für gesellschaftliche Änderungen entscheidenden Eigentumsfrage
sei „unbedingt die Klarstellung nötig, dass sich öffentliches Eigentum
auf alle Großbetriebe (und nicht nur auf den Finanzsektor und die
Daseinsvorsorge) erstrecken muss“.
Auch in der Regierungsfrage verlangt die Abschlusserklärung
eine Verschärfung der Haltelinien, ohne die die AKL „einem
Parteiprogramm nicht zustimmen“ könne, weil dies den „politischen
Selbstmord der Partei bedeuten würde“. In der endgültigen Fassung des
Schlussdokuments wird jetzt nicht nur ein programmatisches Bekenntnis zu
diesen Bedingungen, sondern auch deren „Einhaltung“ verlangt – ohne
allerdings die Schlussfolgerung, also den Austritt aus den
Landesregierungen in Berlin und Brandenburg offen auszusprechen.
Ergänzungsvorschläge von SAV-Mitgliedern, in denen dies gefordert wurde,
weil diese Koalitionen mit prokapitalistischen Parteien in
offensichtlichem Widerspruch zum Ausschluss von Personal- und
Sozialabbau stehen, wurden nicht in die Abschlusserklärungen aufgenommen.
Diese mangelnde Konsequenz kennzeichnet auch das taktische Vorgehen der
AKL in der Vorbereitung des Bundesparteitags in Rostock. Dort wird es ja
noch gar nicht um das Parteiprogramm und eventuelle Änderungen daran
gehen. Wenn die AKL und die Sozialistische Linke – im Gegensatz
beispielsweise zum Göttinger Kreisverband – in Rostock auf Anträge zur
Regierungsfrage verzichten, bleibt unklar, wie die LINKE als
Gesamtpartei zum Sozial- und Stellenabbau in diesen Landesregierungen
steht. Dies würde die Glaubwürdigkeit der LINKEN und damit auch ihre
Chancen im NRW-Wahlkampf schwer belasten.
Beim Neubrandenburger AKL-Treffen standen keine Anträge für Rostock auf
der Tagesordnung – obwohl in der Einladung mit Hinweis auf die
Antragsfristen das Gegenteil angekündigt worden ist. Wenn die
Parteilinke den entscheidenden Konflikten ausweicht bzw. keine
demokratische Entscheidung der Delegierten darüber herbeiführen will, um
die (Personal)Kompromisse in der Parteiführung und die Zugeständnisse an
AKL-Vertreter wie Sarah Wagenknecht nicht in Frage zu stellen, dann
droht der Regierungsflügel die Schlacht um die Zukunft der Partei zu
gewinnen, bevor sie wirklich begonnen hat. Auch der Umstand, dass
ausgerechnet die AKL-Vertreterinnen in der Programmkommission, also
Sarah Wagenknecht und Nele Hirsch, ihre Teilnahme an der
Neubrandenburger Tagung abgesagt hatten, wirft die Frage auf, welche
Haltung sie zu den beschlossenen Änderungswünschen für das
Parteiprogramm und zur Regierungsfrage einnehmen werden.
Im öffentlichen Teil der Brandenburger Tagung wurden die
Meinungsverschiedenheiten innerhalb der AKL, die in der Debatte über
ihre Haltung zur neuen Parteiführung zum Ausdruck gekommen sind,
weitgehend ausgeblendet. Um der Parteilinken in den bevorstehenden
Auseinandersetzungen über das Programm und eine eventuelle
Regierungsbeteiligung in NRW wieder mehr Gewicht zu verschaffen, ist –
wie es SAV-Mitglieder in ihrem Offenen
Brief an die AKL vorgeschlagen haben - eine strömungsübergreifende
Vernetzung aller Linken notwendig, die innerhalb und außerhalb der
Partei für sozialistische Perspektiven und eine klare Oppositionspolitik
eintreten.
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