Ein Schritt vorwärts … nach vielen Schritten rückwärts
[Druckversion] Thema: "DIE LINKE.", veröffentlicht: 26.03.2010
Ein erster Kommentar zum Entwurf für ein Parteiprogramm der Partei DIE
LINKE
Der Programmentwurf ist da. Und nicht nur die bürgerlichen Medien und
Vertreter der prokapitalistischen Parteien lassen an ihm kein gutes
Haar, auch führende Repräsentanten des rechten Parteiflügels, unter
anderem Bodo Ramelow, Klaus Lederer und Dietmar Bartsch, kritisieren den
Entwurf und betonen, dass er geändert werden müsse.
von Sascha Stanicic, Berlin
Tatsächlich ist der Entwurf im Vergleich zu den programmatischen
Eckpunkten, dem bisherigen Grundsatzdokument der Partei, ein Schritt
nach links. Das bedeutet nicht, dass der Text von sozialistischer und
marxistischer Perspektive nicht zu kritisieren sei. Aber er gibt linke
Antworten auf einige Fragen, die in den Eckpunkten noch offen gehalten
wurden.
Der Programmentwurf bekennt sich eindeutig zum "demokratischen
Sozialismus" als einer Gesellschaftsform. Er benennt den Kapitalismus
als Ursache der derzeitigen größten Wirtschaftskrise seit 1929, fordert
eine Veränderung der Macht- und Eigentumsverhältnisse, distanziert sich
vom Stalinismus (jedoch ohne eine klare Analyse des Begriffs
vorzunehmen) und stellt auch viele wichtige Forderungen auf, wie die
Verstaatlichung der Banken, Überwindung kapitalistischen Eigentums bei
strukturbestimmenden Großbetrieben der Wirtschaft, Arbeitszeitverkürzung
bei vollem Lohnausgleich, Weg mit Hartz IV, Generalstreik – ohne die
eine linke Partei diesen Namen nicht verdienen würde..
Regierungsfrage
Der Text fordert Glaubwürdigkeit der Partei, betont die Bedeutung
außerparlamentarischer Arbeit und stellt Bedingungen für die Beteiligung
an Regierungen auf. Hierzu heißt es: „Regierungsbeteiligungen der LINKEN
sind nur dann sinnvoll, wenn sie reale Verbesserungen und eine Abkehr
vom neoliberalen Politikmodell durchsetzen sowie einen
sozial-ökologischen Richtungswechsel einleiten. (…) DIE LINKE strebt nur
dann eine Regierungsbeteiligung an, wenn wir hierdurch eine Verbesserung
der Lebensbedingungen der Menschen erreichen können. Sie wird sich an
keiner Regierung beteiligen, die Privatisierungen vornimmt, Sozial- oder
Arbeitsplatzabbau betreibt. Darüber hinaus wird sich DIE LINKE auf
Bundesebene nicht an einer Regierung beteiligen, die Krieg führt und
Kampfeinsätze der Bundeswehr im Ausland zulässt, die Aufrüstung und
Militarisierung vorantreibt.“
Wird das Programm mit dieser Positionierung zur Regierungsbeteiligung
angenommen, müssten die Landesverbände Berlin und Brandenburg aus den
Koalitionen mit der SPD austreten oder wegen Bruch des Parteiprogramms
vor die Bundesschiedskommission zitiert werden. Zweifellos wird der
rechte Parteiflügel deshalb Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um das
Programm an dieser und anderen Stellen zu "entschärfen". Das muss
verhindert werden. Der Kampf zur Verteidigung von allen
antikapitalistischen Aussagen im Programmentwurf darf die Linken in der
LINKE aber nicht davon abhalten, den Entwurf einer genauen Kritik von
links und aus marxistischer Perspektive zu unterziehen und auf seine
vielen Unzulänglichkeiten hinzuweisen und Alternativen zu formulieren.
In diesem Sinne sollte eine intensive Programmdebatte geführt werden,
mit dem Ziel die gesamte Mitgliedschaft einzubeziehen und daraus eine
Debatte über die zentrale Fragestellung für eine sozialistische Partei
zu machen: wie kann der Kapitalismus abgeschafft und Sozialismus
erreicht werden?
Welche Produktionsweise?
Diese Frage wird durch das Parteiprogramm nicht beantwortet, weil es
letztlich eine klassische Trennung in ein Minimal- und ein
Maximalprogramm vornimmt. Als Zukunftsziel wird der demokratische
Sozialismus benannt, aber dann werden "linke Reformprojekte"
beschrieben, die nicht als Brücke zur sozialistischen Veränderung der
Gesellschaft verstanden werden, sondern im Rahmen des Kapitalismus
bleiben, statt diesen zu sprengen.
Der Verzicht auf die Forderung nach Verstaatlichung aller Konzerne und
auch solcher Unternehmen, die Massenentlassungen ( ob insolvenzbedingt
oder nicht) vornehmen wollen zeigt diese systemimmanente
Selbstbeschränkung des Programms. Selbst das Vetorecht von Belegschaften
gegen Betriebsschließungen soll nur gelten, wenn die Unternehmen nicht
von Insolvenz gefährdet sind – also doch Akzeptanz der Folgen der
kapitalistischen Krise statt Verteidigung aller Arbeitsplätze durch
staatliches Eingreifen und einen daraus resultierenden Umbau der
Wirtschaft. Darin spiegelt sich wider, dass zwar viel von Kapitalismus
und Sozialismus die Rede ist, aber letztlich nicht genau dargelegt wird,
was darunter verstanden wird. Der kapitalistischen Produktionsweise –
auf Privateigentum an Produktionsmitteln und Marktkonkurrenz basierend
und profitgetrieben – wird keine sozialistische Produktionsweise
entgegen gestellt. Stattdessen werden Forderungen nach
Mitarbeiterbeteiligung aufgestellt, die an der profitgesteuerten
Produktionsweise nichts ändern.
Paradoxe Entwicklung der Partei
Jedoch weiß jeder und jede, dass Papier geduldig ist und linke,
reformistische Parteien in der Geschichte der Arbeiterbewegung oftmals
radikale Inhalte in ihre Parteiprogramme geschrieben haben, während die
praktische Politik aber ganz anders aussah. Das ist in der Partei DIE
LINKE schon der Fall, bevor das Programm überhaupt verabschiedet ist.
Genau das lässt die Lage der Partei so paradox erscheinen. Denn der
Programmentwurf, der inhaltlich einen Schritt nach links bedeutet,
korrespondiert nicht mit der realen Entwicklungsrichtung der Partei in
den letzten ein, zwei Jahren. Die Partei ist nicht "sozialistischer",
kämpferischer, außerparlamentarisch orientierter, kritischer geworden.
Im Gegenteil: neben der Regierungskoalition mit der SPD in Brandenburg,
die zum Abbau von tausenden Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst führt
und der Fortsetzung des so genannten rot-roten Senats, der erst kürzlich
wieder die Beschäftigten des Landes Berlin in einen katastrophalen
Tarifabschluss aufdrückte, war die Partei auch in Thüringen und im
Saarland zum Eintritt in Landesregierungen mit pro-kapitalistischen
Sozialabbau-Parteien bereit, stimmt in einer Kommune nach der anderen
Haushalten mit Kürzungscharakter zu und bereitet sich in NRW gerade auf
eine Regierungsbeteiligung mit SPD und Grünen vor. Gleichzeitig ist die
Beteiligung an außerparlamentarischen Bewegungen oftmals alibi-mäßig und
ganz sicher nicht der Schwerpunkt der Parteitätigkeit. Hinzu kommt ein
Vorschlag für eine neue Parteiführung, in der der rechte Parteiflügel
gestärkt würde und mit Gesine Lötzsch und Klaus Ernst zwei Personen die
Parteispitze übernehmen sollen, die gerade nicht für die linkeren
Inhalte des Programmentwurfs stehen. Lötzsch hat als führendes Mitglied
des Berliner Landesverbandes acht Jahre rot-roten Senat
mitzuverantworten, Ernst ist als Bürokrat bekannt, der kritische Linke
ausgrenzt.
Die Gefahr besteht darin, dass die Programmdebatte in einer abstrakten
Form geführt wird und nichts mit der realen Politik und Entwicklung der
Partei zu tun hat. Sie muss deshalb verzahnt werden mit der Debatte um
die aktuelle Ausrichtung der Parteipolitik, ihre praktischen Aktivitäten
und ihr Verhalten in Parlamenten und Regierungen. Die erste Nagelprobe
steht in Nordrhein-Westfalen an. Hier muss verhindert werden, dass sich
DIE LINKE den Hartz IV-Parteien SPD und Grünen anbiedert und eine
Regierungskoalition mit ihnen bildet. Abwahl von Rüttgers und Zustimmung
zu Gesetzesinitiativen im Interesse der Bevölkerungsmehrheit, wie die
Abschaffung von Studiengebühren – ja; Bildung einer Regierungskoalition
oder einer Tolerierung (im Sinne eines Tolerierungsvertrags, der die
Partei an die Unterstützung der Regierung verpflichtet), die
zwangsläufig zu Beteiligung an Maßnahmen zur Verschlechterung der
Lebenssituation der Bevölkerungsmehrheit führen würde – nein!
Eine ausführliche Analyse des Programmentwurfs wird in der nächsten
Ausgabe des Magazins sozialismus.info am 1. Mai erscheinen.
Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV.
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