Seit 57 Tagen befinden sich die Arbeiter von Tekel im Kampf um ihre
Arbeitsplätze.
[Druckversion] Thema: Türkei, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 08.02.2010
Augenzeugenbericht aus Ankara
Zwei SAV-Mitglieder aus Bremen und Berlin sind seit heute in
Ankara, um den Streik der Tekel-Beschäftigten vor Ort zu unterstützen
und aus erster Hand über ihn zu berichten. Hier der erste Bericht:
Arbeit - Brot - Freiheit!
Keine Arbeit - kein Brot - dann wird es keinen Frieden geben!
Teuerung - Unterdrückung - Folter - das ist die AKP!
Dies sind einige der Parolen, die hunderte von Tekel-Arbeitern, die seit
57 Tagen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu gleichen Bedingungen wie
bisher kämpfen bei einer Demonstration bei der Zeltstadt von mehreren
tausend Tekel-Arbeitern vor der Türk-İş Zentrale in Ankara, skandierten.
Nachdem die AKP-Regierung unter Erdoğan Ende letzten Jahres ankündigte,
alle Niederlassungen von Tekel, das vor zwei Jahren an American Tabacco
verkauft wurde, zu Ende Januar zu schließen, traten die betroffenen
Beschäftigten in den Streik.
Solidarität
Der Kampf der Tekel-Arbeiter hat die gesamte Türkei erfasst. Nicht nur,
weil Arbeiter aller möglichen Regionen betroffen sind, sondern auch weil
sich Beschäftigte vieler anderer Branchen mit dem Kampf solidarisch
zeigen. Bisheriger Höhepunkt war der landesweite Generalstreik am 4.
Februar.
Hier vor Ort herrscht eine unbeschreibliche Stimmung von Solidarität. Es
wurde behauptet, dass sich die Ladenbesitzer, deren Läden an der
Einkaufstraße liegen, die in den letzten 57 Tagen zu einer kleinen
Kampfstadt geworden ist, gestört fühlen. Dann aber gab es gemeinsame
Aktionen von diesen Ladenbesitzern und Tekel-Arbeitern. Die Arbeiter
werden von den anliegenden Geschäften mit Essen versorgt. Eine Kneipe,
die direkt an der Zeltstadt der Tekel-Arbeiter liegt hat den Betrieb
eingestellt, gibt Tee und Essen zum Selbstkostenpreis ab und stellt
Schlafplätze zur Verfügung.
Es kann nicht genug betont werden, dass hier türkische und kurdische
Arbeiter Seite an Seite stehen. Nicht wenige der türkischen
Tekel-Arbeiter, die sich auf den Weg nach Ankara gemacht haben, waren
Anhänger der MHP bzw. der Grauen Wölfe und haben nun begonnen mit dem
Nationalismus zu brechen.
Als Antwort auf Erdoğan, der behauptete der Tekel-Kampf sei von der PKK
unterwandert, beschworen die Arbeiter auf der heutigen Demonstration in
lauten Sprechchören die Brüderlichkeit der Völker und riefen die Namen
der Städte der Osttürkei, deren Tekel-Niederlassungen hier durch
Arbeiter repräsentiert werden.
Wie weiter?
Nach den landesweiten Streiks vom 4. Februar steht die Frage, wie es
weiter gehen kann im Raum. Alle, mit denen wir heute geredet haben
antworteten uns auf diese Frage mit der Forderung nach einem
Generalstreik, der noch weitere Kreise der Arbeiterklasse einbeziehen
(die Privatwirtschaft, aber z.b. auch die Lehrer, da am 4. Februar
Winterferien waren) müsse und auch Forderungen, die nicht nur die
Tekel-Arbeiter betreffen stellen müsse.
Die Gewerkschaftsverbände haben angekündigt am 12. Februar über weitere
Schritte zu beraten und streben bis dahin Gespräche mit der Regierung an.
Unser Eindruck ist, dass die Forderungen der Arbeiter an ein
Weiterführen des Kampfes bis zum Erfolg einerseits unerbittlich sind und
auch Skepsis gegenüber der Gewerkschaftsführung besteht, aber auch, dass
die Zuversicht erfolgreich zu sein nach dem 4. Februar bei einigen
abnimmt bzw. in Verzweiflung umschlägt. Die Situation ist umso
komplizierter, als dass die Tekel-Niederlassungen seit Ende Januar
tatsächlich alle dicht sind.
Ein Arbeiter aus Samsun meinte, wie viele hier: „lieber sterben, als
aufgeben“. Die vorher jeweils dreitägigen Hungerstreiks von einigen
Arbeitern sind nun unbegrenzt.
Interessant ist, dass offenbar nicht wenige der Kollegen kurz vor der
Rente standen und teilweise nur Wochen oder Monate vor Renteneintritt
mit dem plötzlichen Verlust ihres Arbeitsplatzes konfrontiert waren, um
nun entschlossen an der Seite ihrer jüngeren Kollegen zu kämpfen.
Hier
geht es zum türkischsprachigen Flugblatt des Komitees für
eine Arbeiterinternationale (CWI - die internationale sozialistische
Organisation, der die SAV angeschlossen ist)
|