Daimler Bremen: Betriebsrat unterschreibt Wischiwaschi-Papier
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, Autoindustrie, Betrieb und Gewerkschaft, veröffentlicht: 04.02.2010
Arbeitsniederlegungen für Beschäftigungssicherung im Bremer Daimler-Werk.
Mit Arbeitsniederlegungen in allen drei Schichten hat die Belegschaft
des Bremer Daimler-Werks am Montag nach jW-Informationen Verhandlungen
über die Folgen der beschlossenen Umstrukturierungen begleitet. In der
Nacht zum Dienstag beendete der Betriebsrat die Aktion durch seine
Unterschrift unter einen Interessenausgleich, der nichts als vage
Absichtserklärungen und bereits gemachte Zusagen enthält. Der geforderte
Ausschluß betriebsbedingter Kündigungen wurde nicht vereinbart.
von Karl Neumann
Hintergrund der Auseinandersetzung ist der Beschluß der Daimler-Spitze
vom Dezember vergangenen Jahres, die nächste Generation der C-Klasse für
den nordamerikanischen Markt nicht mehr in Bremen, sondern in Tuscaloosa
im US-Bundesstaat Alabama zu fertigen. Die bisher in Sindelfingen
erfolgte Produktion für den europäischen Markt soll nach Bremen gehen.
Im Gegenzug verliert die norddeutsche Fabrik mit ihren zur Zeit rund
12600 Beschäftigten die Fertigung des Sportwagens SL an Sindelfingen.
Als die Pläne bekannt wurden, legte die Sindelfinger Belegschaft
tagelang die Arbeit nieder, bis die Konzernspitze einen Ausschluß von
Entlassungen bis Ende 2019 akzeptierte (jW berichtete).
Eine solche Vereinbarung forderten auch die Beschäftigten des Bremer
Werks. Der Behauptung, der Standort sei Gewinner der Umstrukturierung,
glauben sie offenbar nicht. Bereits am 22. Januar verließen deshalb etwa
1500 Produktionsarbeiter die Bänder und gingen auf die Straße.
Organisiert wurde die Aktion von kritischen IG-Metall-Vertrauensleuten –
ohne offizielle Rückendeckung ihrer Gewerkschaft. Obwohl einzelne
Betriebsräte versuchten, den Protest durch die Einschüchterung von
Kollegen zu sabotieren, war dieser äußerst erfolgreich – so sehr, daß
sich die Vertrauenskörperleitung gezwungen sah, die Verhandlungen vor
der Einigungsstelle am Montag mit weiteren Arbeitsniederlegungen zu
begleiten. Allein in Früh- und Spätschicht beteiligten sich rund 7000
Beschäftigte an Protestdemonstrationen vor dem Werk. Etwa 1000 Fahrzeuge
wurden in dieser Zeit nicht produziert.
In der Nacht zum Dienstag dann die plötzliche Einigung: Der Betriebsrat
unterschrieb eine Vereinbarung, die aus Beschäftigtensicht wenig
Konkretes enthält. In dem jW vorliegenden Papier ist lediglich der
ohnehin bekannte Plan festgeschrieben, die C-Klasse einschließlich aller
Derivate in Bremen zu fertigen. »Aus Sicht des Unternehmens und nach der
vorliegenden (strategischen Planung) SPP 12/09 hat der Standort eine
gute Beschäftigungsperspektive«, heißt es im Vertragstext unverbindlich.
Sollte es »wider Erwarten dennoch zu Personalüberhängen« in Zusammenhang
mit der Umstrukturierung kommen, würden Werkleitung und Betriebsrat
»über Maßnahmen beraten und verhandeln, mit dem Ziel, Personalüberhänge
zu vermeiden und Beschäftigung am Standort Bremen zu sichern«.
»Das ist ein Wischiwaschi-Papier und alles andere als der von uns
geforderte Ausschluß betriebsbedingter Kündigungen«, kritisierte
Betriebsratsmitglied Gerhard Kupfer den Kompromiß am Dienstag gegenüber
junge Welt. Die im Papier enthaltene Erklärung, in Bremen würden durch
die Restrukturierung 500 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, hält der
linke Aktivist für falsch. »Allein durch die Rationalisierung sollen
jedes Jahr drei Prozent, also mehr als 300 Stellen wegfallen«, rechnete
er vor. Und: »Wenn das Unternehmen tatsächlich vorhat, hier keine Jobs
zu vernichten, warum verweigert es dann konsequent den Ausschluß von
Entlassungen?«
Die Beschäftigten seien nach der überraschenden Einigung »stinksauer«,
berichtete Kupfer. Sie seien bereit gewesen, weiter für eine
Vereinbarung wie im Sindelfinger Werk zu kämpfen. »Viele Kollegen wollen
wissen, wer dem im Betriebsrat zugestimmt hat. Sie wollen ihnen die
Quittung bei der nächsten Wahl präsentieren«, sagte Kupfer. Anders als
in vielen anderen Konzernstandorten findet in Bremen üblicherweise eine
Personenwahl zum Betriebsrat statt, voraussichtlich auch bei der
kommenden Abstimmung im März.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Tageszeitung junge Welt am
3.2.2010
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