„Die Sozialistische Partei Kosovas ist wie Kaffee ohne Koffein“
[Druckversion] Thema: Europa, veröffentlicht: 30.01.2010
Interview mit Agon Hamza
Wir veröffentlichen hier ein Gespräch mit dem kosovarischen
Studenten und Autor Agon Hamza, das kürzlich in München geführt wurde.
Hamza . Hamza gehört dem „Institut für soziologische und philosophische
Studien“ in Prishtina an. Das Institut will in nächster Zeit wichtige
marxistische Schriften in Albanisch herausbringen. Er publiziert unter
anderem Artikel in der größten Tageszeitung des Landes „Koha Ditore“. In
diesen bekennt er sich offen zum Marxismus, was in Kosova ein Novum
darstellt. Das Gespräch führte Max Brym.
Sie haben kürzlich die „Sozialistische Partei Kosovas“ (SPK) in einem
Artikel für Koha Ditore sehr scharf angegriffen. Die SPK bezeichnet Sie
auf ihrer Homepage als Ideologen der radikalen Linken in Kosova. Was
kritisieren Sie an der SPK
Es gibt viele Gründe die SPK zu kritisieren. Die SPK ist eine
weichgespülte Form von Sozialdemokratie. Die Partei besteht aus einer
Gruppe von Leuten, die alles sind nur keine Sozialisten. Im Programm der
SPK sucht man vergebens die Worte Gleichheit, Solidarität oder Klasse.
Sie wollen den Klassenkampf durch die „europäische Integration“
ersetzen. Es existiert keinerlei Kritik der politischen Ökonomie. Diese
Leute sind wie Kaffee ohne Koffein oder wie Bier ohne Alkohol.
Warum ist die Kritik an der SPK wichtig ?
Die Kritik ist deshalb wichtig weil die SPK den Begriff Sozialismus
diskreditiert. Ihre ideologische Position bewegt sich im Rahmen des
liberal-kapitalistischen Systems. Sie nennen sich Humanisten, ihre
Aufmerksamkeit gilt angeblich dem einzelnen Menschen. Sie operieren mit
dem Begriff „Totalitarismus“ und sind erklärte Antikommunisten. Sie
setzen auf den einzelnen Menschen im liberal-demokratischen Konsens.
Aber bekanntlich macht nicht der einzelne Mensch Geschichte, sondern die
Massen. Der Klassenkampf ist der Motor der Geschichte.
Was hat dies konkret mit der Lage in Kosova zu tun ?
In Kosova liegt die Zahl der Arbeitslosen offiziell zwischen 46 und 48
Prozent.Die Zahl der extrem Armen mit weniger als einem Euro Einkommen
pro Tag liegt bei 18 Prozent. Gegenwärtig wird in Kosova alles was nicht
niet- und nagelfest ist privatisiert. Die Armut wächst permanent. Die
herrschende Ideologie ist der Neoliberalismus. Kosova ist ein Land
welches von Kolonialisten beherrscht wird. Der Liberalismus ist auf
Dauer keine herrschaftsfähige Ideologie. Ohne eine starke marxistische
Kraft existiert die extreme Gefahr des rechtskonservativen Populismus
bzw. des reaktionären Bonapartismus.
Wie konkret ist die rechtspopulistische oder bonapartistische Gefahr in
Kosova ?
Der Liberalismus und die formale liberale Demokratie können auf Dauer in
Kosova nicht existieren. Gegenwärtig tritt besonders Ramush Haradinaj
als Rechtspopulist in Erscheinung. Er betreibt soziale Demagogie und
bezeichnet sich selbst als rechts-konservativ. Ich würde ihn mit
rechtspopulistischen Gestalten aus Italien, Österreich und der Schweiz
vergleichen, wohingegen Hashim Thaci eine schlechten Variante von Putin
darstellt. Wenn in der von mir bereits benannten sozialen
Krisensituation keine marxistische Kraft existiert, wird die Lücke
welche der Liberalismus erzeugt, durch Rechtskonservative oder
Faschisten geschlossen werden. Dagegen muss eine linke Antwort gestellt
werden.
Wie kann eine linke Partei oder Bewegung in Kosova entstehen ?
Es kann keine politische Partei mit emanzipatorischem Charakter
innerhalb der Koordinaten des existierenden politischen Systems im
Kosova funktionieren. Denn alle Parteien in Kosova haben den politischen
Rahmen, der durch den Ahtisaari- Plan geschaffen wurde, zu akzeptieren.
Kosova ist ein kolonialisiertes Land. Alles wird durch koloniale
Strukturen bestimmt. Mit diesem System darf es kein Arrangement und auch
keine Akzeptanz geben. Denn in Kosova hat die KFOR, die Kontrolle über
das Territorium, sie ist die Armee Kosovos, das ICO ( Büro der EU) hat
die höchste Autorität in Fragen der Interpretation des Ahtisaari-Plans.
Es hat die absolute Kontrolle über Politik und Wirtschaft des Landes,
über alles was in Kosova geschieht. Die EULEX kontrolliert das
Justizsystem und die Polizeikräfte Kosovas. Innerhalb dieses Systems
gibt es nur einen sehr geringen Handlungsspielraum, um nicht zu sagen,
es gibt gar keinen. In Anbetracht dieser Verhältnisse besteht die
einzige Möglichkeit, voranzukommen in politischen Bewegungen, die
außerhalb des Staates organisiert sind und gegen das existierende
staatliche System agieren.
Benötigt Kosova eine revolutionäre Arbeiterpartei ?
Selbstverständlich, aber der Weg dorthin ist sehr schwer.
Zurück zur SPK. Woher kommt diese Partei eigentlich?
Die SPK ging aus der LPK (Volksbewegung Kosovas) hervor, deren
ideologische Hauptströmung der Enverismus war. Obwohl die SPK behauptet
über neue Kader zu verfügen und nicht die Nachfolgerin der LPK zu sein,
sind es doch mehr oder weniger die alten Leute. Obwohl sie sich heute
auf die bürgerlich-liberale Demokratie beziehen haben sie doch im
Diskurs und in der Kritik ihre alten Methoden beibehalten. Sie nennen
mich, weil ich sie kritisiert habe, einen Titoisten.
Welche Forderungen sollte eine wirklich linke Kraft in Kosova haben ?
An erster Stelle steht der Widerstand gegen den Kolonialismus. Ein
weiteres Feld ist der Einsatz gegen die Privatisierung. Aber dabei kann
nicht stehen geblieben werden. Eine linke Kraft in Kosova würde die
Re-Vergesellschaftung der bereits privatisierten Betriebe fordern. Die
Menschen benötigen eine kostenlose Gesundheitsversorgung und kostenlose,
emanzipatorische Bildung für alle. Für Pensionäre, Arbeiter,
Kriegsgeschädigte, hinterbliebene Familien und andere muss ein
würdevolles Leben gesichert werden.
Die SPK nennt Sie einen Ideologen der radikalen Linken. Wie gefällt
Ihnen das?
Das ist gut und gefällt mir sehr. Wir brauchen in Kosova keine
Reformisten und Reaktionäre. Ich glaube an radikale Lösungen.
Was können Sie mit Marx, Engels und Lenin anfangen ?
Sehr viel. Sie liefern die Basis für jede linke Politik.
Wie stehen Sie zur Person Leo Trotzki ?
Ich habe ihnen schon gesagt, dass ich kein Reaktionär und kein Reformist
bin. Daher dürfte Ihnen meine Haltung zu Trotzki klar sein. Ich halte
ihn für einen wichtigen Revolutionär und marxistischen Theoretiker. Ein
Freund sagte vor einiger Zeit zu mir: „Der Kommunismus ist viel zu
wichtig, um ihn Personen wie Enver Hoxha und Stalin zu überlassen.“
Vielen Dank für das Gespräch
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