„Nigerias reiche Ressourcen im Interesse der Menschen nutzen“
[Druckversion] Thema: Afrika, veröffentlicht: 27.01.2010
Gespräch mit Dagga Tolar von der Democratic Socialist Movement (DSM)
Gespräch mit Dagga Tolar von der Democratic Socialist Movement (DSM),
CWI-Sektion in Nigeria. Dagga Tolar nahm Anfang Dezember 2009 an einem
Seminar zum Thema „Konfliktlösung und Menschenrechte in Afrika, Asien
und Lateinamerika“ teil. Das Seminar fand in Berlin statt. Ausgerichtet
wurde es von dem sozialistischen Stadtrat Claus Ludwig und der SAV. Aron
Amm führte am Rande des Treffens dieses Interview.
Es gibt in Europa viele Asylbewerberinnen und Asylbewerber aus
Nigeria. Was kannst du uns über die Situation in Nigeria sagen, die dazu
führt?
Zuerst möchte ich betonen, dass in Nigera und Afrika insgesamt die
wirtschaftliche Krise seit den 1980er Jahren immer tiefer geworden ist.
Während in Europa die Krise und ihre sozialen Konsequenzen etwas Neues
ist, ist es für Jugendliche und Arbeiter in Afrika der alltägliche
Wahnsinn. Die Regierungen in Nigeria und Afrika werden seit langem von
IWF und Co. gezwungen, neoliberale Kürzungen durchzuführen.
Konkret hat das bedeutet, dass ganz massiv bei den öffentlichen Ausgaben
für u.a. Bildung und Infrastruktur gestrichen worden ist. Darüber hinaus
sind im Öffentlichen Dienst seit langem keine neuen Jobs geschaffen
worden – das sind aber gerade jene Bereiche, die für Jugendliche enorm
wichtig sind.
Wie sehen die Zukunftsaussichten für Jugendliche aus?
Nehmen wir zum Beispiel die Situation an den Universitäten in Nigeria:
Rund eine Million Jugendliche macht jedes Jahr die Aufnahmeprüfung für
die Universitäten. Es gibt für sie aber weniger als 120.000 Plätze zum
Studieren. Dass heißt also, dass über 800.000 Jugendliche – obwohl sie
sich qualifiziert haben -, nicht studieren können. Was sollen sie tun?
Und darüber hinaus gibt es Millionen, die sich die Prüfung gar nicht
leisten können bzw. sie nicht bestehen.
Nigeria ist ja nicht gerade arm auf Grund der Erdölvorkommen, oder?
Es stimmt, dass Nigeria Öl produziert und Milliarden am Öl verdient
werden. Nur haben die Menschen in Nigeria davon gar nichts. Für uns ist
es genauso, als ob es kein Öl gäbe. Der Reichtum des Landes wandert
direkt in die Taschen der herrschende Elite und der Ölfirmen. Man muss
sich das vorstellen: Nigeria ist wohl das einzige Öl fördernde Land der
Welt, das Benzin importiert! Und der Bezinpreis an den Tankstellen
steigt ständig. Das ist ein enormes Problem, weil die Menschen Benzin
für die Stromgeneratoren brauchen. Nigeria hat 165 Millionen Einwohner –
und produziert gerade mal 2.000 Megawatt Strom. D.h., dass so gut wie
nichts funktioniert, was Strom braucht.
Das erklärt die Wut und Unzufriedenheit und legt die Grundlage für die
Situation im Niger Delta. Die Frustration ist so groß, dass viele
Menschen bereit sind, alles zu tun, um der Hölle zu entkommen, die
Nigeria heute geworden ist.
Für Frauen ist die Situation noch schlimmer. Nicht nur, dass sie unter
den selben Missständen leiden wie Männer. Zusätzlich kriegen sie oft den
Frust der Männer ab, die sich an ihnen abreagieren. Die Kombination all
dieser Faktoren führt dazu, dass eine Mehrheit der Jugend auf eine
bessere Zukunft außerhalb Nigerias hofft.
Ist Exil eine Lösung?
Die wirtschaftlichen Probleme haben dazu geführt, dass viele Menschen
sich religiösem Fanatismus zugewendet haben. Was aber letztlich
bedeutet, dass nichts gelöst wird. Für viele Menschen scheint es, als ob
Europa der einzige Ausweg ist. Sie sehen die Rolle und die Kämpfe der
Arbeiterklasse noch nicht. Sie sehen nicht, wie wichtig es ist, die
Kämpfe der Beschäftigten zu fördern und eine politische Kraft
aufzubauen, die Arbeiter und Jugendlichen in ganz Nigeria
zusammenbringen kann. Genau das ist notwendig, um das monströse System
des neoliberalen Kapitalismus überwinden zu können. Ich kann die
Verzweiflung von jenen verstehen, die nach Europa flüchten, aber wir
brauchen hier in Nigeria eine Regierung der Arbeiter und Jugendlichen,
die die Ressourcen des Landes im Interesse der Menschen nutzt.
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