Nigeria: Krise forciert neoliberalen Kurs
[Druckversion] Thema: Afrika, veröffentlicht: 25.01.2010
Gespräch mit Segun Sango vom Democratic Socialist Movement (DSM)
Segun Sango Aderemi, Generalsekretär der Democratic Socialist Movement
(DSM), CWI-Sektion in Nigeria, nahm Anfang Dezember in Berlin an einem
Seminar zu „Konfliktlösung und Menschenrecht in Afrika, Asien und
Lateinamerika“ teil. Das Seminar wurde von dem sozialistischen Stadtrat
Claus Ludwig und der SAV ausgerichtet. Aron Amm führte ein Gespräch mit
ihm.
Welche Folgen hat die globale Rezession für Nigeria?
Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise sind für ganz Afrika verheerend.
Vor allem wird die jahrelange neokoloniale Politik dadurch noch weiter
verschärft.
So erleben wir in Nigeria nicht nur eine Intensivierung des
Privatisierungsprozesses, sondern auch eine immer vollständigere
Kontrolle der führenden Industriestaaten und ihrer Unternehmen über den
Ölsektor des Landes. Da die Ölproduktion besonders kapitalintensiv ist,
gerieten die einheimischen Kapitalbesitzer längst ins Hintertreffen.
Die multinationalen Konzerne sind immer stärker auf dem Vormarsch. Sie
setzten das nigerianische Parlament inzwischen sogar erfolgreich unter
Druck, ein neues Gesetz auf den Weg zu bringen. Dieses erleichtert es
privaten Multis wie Shell oder Total, sich in den nigerianischen
Ölsektor einzukaufen und die bisherige Stellung der Nationalen
Ölgesellschaft Nigerias, die sich in öffentlicher Hand befindet,
zurückzudrängen.
Ähnliches vollzieht sich zur Zeit im Bankgewerbe. Ende der siebziger
Jahre hatte der nigerianische Staat Mehrheitsanteile an den
Finanzhäusern des Landes erworben. Im Zuge von Deregulierungsmaßnahmen
und Gesetzesänderungen können ausländische Banken nunmehr nicht nur
Minderheitsanteile erhalten, sondern die Banken mehrheitlich übernehmen.
Gleiches gilt für den Erwerb von Land. Bis weit in die Siebziger hinein
gehörte das Land so gut wie komplett dem Staat. Mittlerweile ermöglichte
das Parlament es jedem Privaten, sich so viel Land anzueignen, wie er
möchte.
Summa summarum: Während die führenden kapitalistischen Staaten auf die
größte Krise seit 1929 mit Teilverstaatlichungen und öffentlichen
Rettungsaktionen reagieren, werden in Afrika die Prozesse von
Deregulierung und Privatisierung noch forciert.
Allerdings wurden auch in Nigeria 620 Milliarden Naira [knapp drei
Milliarden Euro] in den Bankensektor gepumpt, um acht Banken vor dem Aus
zu bewahren. Wie anderswo auch geht das seitens der Regierung mit
Kürzungen bei Bildung und Sozialausgaben einher.
Wie begegnete die arbeitende Bevölkerung den Krisenfolgen?
In der letzten Zeit kam es zu Großprotesten für einen Mindestlohn und
gegen die Deregulierung der Ölindustrie. Durch Druck von unten sahen
sich die Gewerkschaften gezwungen, entsprechende Aktivitäten
durchzuführen.
Wobei ins Auge springt, dass diese Proteste weit hinter dem
zurückbleiben, was die nigerianische Arbeiterbewegung in den vergangenen
Jahren auf die Beine stellte. So kam es im letzten Jahrzehnt zu sieben
Generalstreiks. Dass der Druck auf die Gewerkschaftsspitze, einen
neuerlichen Generalstreik zu organisieren, derzeit noch begrenzt ist,
hängt auch damit zusammen, dass die Führung der Gewerkschaften den
Protest immer abwürgte, bevor er erfolgreich seine Wirkung entfalten
konnte. Zudem verstehen immer mehr Lohnabhängige, dass Streiks und
Generalstreiks für sich genommen nicht ausreichen. Darum machen wir uns
seitens der Democratic Socialist Movement auch für den Aufbau einer
neuen politischen Interessenvertretung für Arbeiter und Jugendliche
stark.
Was hat es mit der nigerianischen Labour Party auf sich? Ist diese
der Anfang einer solchen Arbeiterpartei?
Gegründet wurde die Labour Party aus den Gewerkschaften, dem Nigerian
Labour Congress, heraus. Allerdings steckt diese Formation noch in den
Kinderschuhen. Wie sie sich weiter entwickeln wird, ist noch offen.
Wichtig ist es unserer Ansicht nach, dass sie bei den nächsten
nationalen Parlamentswahlen 2011 antritt. Dafür setzt sich die DSM
innerhalb der Labour Party ein. Wobei die Labour Party nicht nur ein
Wahlapparat sein darf, sondern eine klassenkämpferische Kraft werden
muss. Die anderen, bürgerlichen Parteien im Land sind durch und durch
undemokratisch, haben kein Parteileben und keine aktive Mitgliedschaft.
Das muss im Fall der Labour Party – die nichts mit der kapitalistischen
Labour Party in Großbritannien zu tun hat – anders werden, wenn sie eine
Zukunft haben soll.
Du bist aktiv in der Campaign for Democratic and Workers Rights
(CDWR). Was ist das für eine Organisation?
Ziel der CDWR ist es, Arbeiterrechte zu verteidigen und den
Lebensstandard der unterdrückten Massen zu erhöhen.
In der jüngsten Zeit haben wir uns wesentlich um den Fall der 27
inhaftierten Soldaten gekümmert. Diese gehörten zu einer sogenannten
UN-Friedensmission in Liberia. Die nigerianischen Offiziere zahlten
ihnen nur einen Bruchteil des Solds aus, der ihnen eigentlich zustand.
Daraufhin starteten die Soldaten Proteste, für Nigeria ein bislang
einmaliger Vorgang. 27 von ihnen kam dann 2008 vors Militärgericht. Die
Offiziere wurden in dieser Angelegenheit zwar schuldig gesprochen
wurden, ihre Strafe beschränkte sich jedoch darauf, ein Rangabzeichen
aberkannt zu bekommen. Mehr nicht. Das war alles. Währenddessen
erhielten die protestierenden Soldaten lebenslänglich. Daraufhin traten
wir gemeinsam mit anderen unsere Kampagne los. Mit enormen Erfolg! Die
lebenslängliche Haftstrafe wurde auf sieben Jahre Gefängnis reduziert.
Jetzt sind wir dabei, die Solidaritätsarbeit noch zu verstärken, um für
die sofortige Freilassung zu kämpfen.
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