Ist Schweden sozialistisch?
[Druckversion] Thema: Europa, Geschichte, veröffentlicht: 07.01.2010
Aufstieg und Fall des „Schwedischen Modells“
In der internationalen Linken wird immer wieder die Frage nach Politik
und Wirtschaft der nordischen Staaten, vor allem Schwedens, aufgeworfen,
und diskutiert, ob diese Gesellschaften eine Art von „Sozialismus“ oder
eine Alternative zum neoliberalen Kapitalismus darstellen.
von Per Olsson, Rättvisepartiet Socialisterna (Schwesterorganisation
der SAV in Schweden)
„Schweden war immer eine Volkswirtschaft mit solidem Markt“, so die
momentane rechts-konservative Regierung auf ihrer Website. Und das ist
sicherlich korrekt. Schweden war nie eine sozialistische Gesellschaft,
die auf öffentlichem Eigentum an den Produktionsmitteln,
Arbeiterkontrolle und -verwaltung, sozialer Gleichheit und einer
demokratischen Produktionsplanung basiert hätte. Genauso wenig handelte
es sich bei Schweden um eine „Mischwirtschaft“ oder um das Beschreiten
eines „Dritten Weges“ - eine Alternative zu Kapitalismus und
Sozialismus, falls so etwas überhaupt möglich sein sollte.
Dennoch wurde dank des weltweiten kapitalistischen Booms und einer vor
Ort vorhandenen Arbeiterbewegung in den 1960er und frühen 1970er Jahren
ein Wohlfahrtssystem eingeführt, das für den Rest der Welt
Modellcharakter annahm. Ein durch öffentliche Maßnahmen (über Steuern)
finanziertes umfassendes System der Daseinsvorsorge stellte ein hoch
entwickeltes Bildungssystem, Gesundheitsversorgung von Weltrang, Renten,
ein System der Kinderbetreuung, das seines Gleichen sucht, und
zahlreiche weitere soziale Fürsorge- und Versicherungseinrichtungen
sicher. Der „Wohlfahrtsstaat“ und die soziale Harmonie, die in jenen
Tagen herrschten, wurden als das „Schwedische Modell“ bekannt,
wenngleich dieser Begriff schon in den 1930er Jahren kursierte.
Dieses Schwedische Modell hat jedoch vor langer Zeit schon aufgehört zu
existieren. „Seit den glücklichen Tagen der 1970er, als das ‘Schwedische
Modell’, in dem es Wohlfahrt für alle von der Wiege bis ans Grab gab,
der Welt als Beispiel für Modernität und Fortschritt präsentiert wurde,
ist viel Zeit vergangen“, berichtete CNN im Jahre 2003 nahezu
triumphierend.
Neues Modell der Privatisierung
Heute sprechen die meisten kapitalistischen KommentatorInnen vom „neuen
Schwedischen Modell“ der Privatisierung, Deregulierung und anderer
marktorientierter „Reformen“. Sie weisen auch darauf hin, wie Schweden
angeblich seine Bankenkrise Anfang der 1990er Jahre gemeistert habe.
Demnach lese sich das Schwedische Modell wie eine kapitalistische
Erfolgsstory, die zeige, dass der Neoliberalismus „funktioniert“.
„Von Schweden heute als sozialistisch zu sprechen, ist ziemlich daneben.
Neoliberale Reformen wurden hier in einigen Bereichen weit umfangreicher
durchgeführt als in den USA. Schweden ist zu einer Art Versuchsfeld der
Privatisierung geworden“, kommentierte Brian Palmer,
Anthropologieprofessor an der schwedischen Universität von Uppsala. Olle
Wästberg, ein Liberaler und ehemaliger Generalkonsul in New York,
rühmte, dass „wir (SchwedInnen) auf vielen Feldern mehr privates
Eigentum vorweisen als andere europäische Staaten und die USA. Um die
achtzig Prozent aller neuen Schulen sind in privater Hand, so auch das
Bahn- und das U-Bahnnetz.“
Das Ende des Nachkriegsaufschwungs Mitte der 1970er Jahre markierte das
Ende des alten Schwedischen Modells. Doch schon einige Jahre vorher war
es zur volkswirtschaftlichen Stagnation gekommen. Dennoch profitierte
der schwedische Kapitalismus enorm von der Tatsache, dass die
Produktivkräfte des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg intakt waren -
Schweden war während des Krieges nicht besetzt und erklärte sich als
neutral. Die Kapitalisten fuhren riesige Kriegsgewinne ein und
verbrüderten sich von Anfang an mit Nazi-Deutschland. Über viele Jahre
hinweg war Deutschland der größte Exportmarkt für Schweden: Eisenerz und
in Schweden hergestellte Kugellager waren für Hitlers Kriegsmaschinerie
von großer Bedeutung. Als aber klar wurde, dass die Nazis besiegt werden
würden, wandte sich der schwedische Kapitalismus den alliierten Staaten
zu, um Waren zu verkaufen und gegen das rasch voran rückende
Stalin-Russland geschützt zu werden.
"Goldene" Nachkriegsjahre
Nach Kriegsende herrschte weltweit eine enorme Nachfrage nach Waren wie
Stahl, Eisenerz, Bauholz usw. Schwedische Unternehmen konnten daher mit
gutem Profit verkaufen. Anfang der 1950er war Schweden das mit Abstand
reichste Land in Europa.
Während des „goldenen Zeitalters“ des Kapitalismus zwischen 1950-75, als
die weltweite Produktion und die Märkte auf beispiellose Art und Weise
wuchsen, entwickelte sich die schwedische Wirtschaft um jährlich vier
Prozent. Dennoch: lange bevor der weltweite Aufschwung sich in sich
selbst erschöpfte, begann der schwedische Kapitalismus zu stagnieren,
während andere kapitalistische Länder aufholten oder sogar überholen
konnten. Ab 1965 begann der schwedische Anteil am Weltmarkt
zurückzugehen.
Verglichen mit seinen kapitalistischen Hauptwettbewerbern waren die
1970er Jahre für Schweden ein Jahrzehnt relativ langsamen Wachstums. Es
kam zu einer Kette betrieblicher Krisen. Der schwedische Schiffbau, 1975
noch zweitgrößter der Welt, brach in den Folgejahren genauso zusammen
wie die Textilindustrie. Während der ganzen 1970er Jahre erlebte
Schweden zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein niedrigeres Jahreswachstum
als der Rest Westeuropas.
Trotzdem wurde der „Wohlfahrtsstaat“ in den 1970ern zunehmend
ausgeweitet. Dafür gab es viele Gründe: wieder erwachte Arbeitskämpfe,
das Gewicht der Arbeiterbewegung in der Gesellschaft und der Prozess
politischer Radikalisierung, der nach den Ereignissen in Frankreich 1968
einsetzte. Ein großer Zustrom an weiblichen Arbeitskräften hinein in die
Belegschaften belebte und stärkte die Arbeiterbewegung. Und in der Tat
erreichte der „Wohlfahrtsstaat“ in jenen Jahren seinen Höhepunkt. Die
Kapitalisten waren gezwungen, Reformen am Arbeitsplatz zu akzeptieren,
die den Gewerkschaften mehr Rechte einräumten. So zum Beispiel das
Gesetz über das Zustandekommen unternehmerischer Entscheidungen (in
Schweden als MBL bekannt) und das Gesetz über die Bedingungen am
Arbeitsplatz, ein neues Gesetz zur Beschäftigungssicherung etc. Darüber
hinaus wurde ein öffentliches Betreuungssystem für Kinder aufgebaut und
eine fortschrittliche Regelung zur Elternzeit trat in Kraft.
Kapitalistische Offensive
Es gab jedoch schon zu dieser Zeit viele Anzeichen dafür, dass die
kapitalistische Klasse meinte, zu viele Zugeständnisse gemacht zu haben
und dass die Zeit zurückgedreht werden müsse. Die Ära des sozialen
Friedens war vorüber; eine materiell-ökonomische Grundlage für
klassischen Reformismus und Burgfrieden zwischen den gesellschaftlichen
Klassen war nicht mehr gegeben. Und das, obwohl die Arbeiterführer immer
noch dieser Illusion und dem Traum eines „Kapitalismus mit menschlichem
Antlitz“ anhingen. 1980 versuchte die herrschende Klasse eine Grenze zu
ziehen, indem sie eine massive Aussperrung organisierte, der Streiks der
ArbeiterInnen folgten. Jedoch scheiterte diese kapitalistische
Offensive. Nachdem sie auf betrieblicher Ebene geschlagen war, nahm sich
die herrschende Klasse der politischen Ebene an. Kapitalisten und die
Organisationen des Kleinbürgertums eröffneten mit Unterstützung der
etablierten konservativen Parteien eine boshafte Kampagne gegen den
sogenannten Lohnempfänger-Fonds. Diese, in Wirklichkeit harmlose
Einrichtung, war vom Gewerkschaftsbund LO schon 1976 als Versuch
eingebracht worden, durch den Kauf von Anteilen Einfluss auf die
Unternehmensführung nehmen zu können. Das ursprüngliche Vorhaben der LO
war zuvor etliche Male verwässert worden. Doch die schwedischen
Kapitalisten führten keine Kampagne gegen den Lohnempfänger-Fonds an
sich, sondern gegen die Idee des Sozialismus im Allgemeinen. Die
Gegenoffensive der herrschenden Klasse zahlte sich aus: Sozialdemokraten
und LO-Führung kapitulierten und zeigten abermals, dass es nie ihre
Absicht war, den Kapitalismus mit seinem Privateigentum über Produktion
und Handel wirklich herauszufordern.
Ebenso war auch die ab und an so betitelte „Mischwirtschaft“ in Schweden
niemals eine Kombination aus öffentlichem und privatem Eigentum an den
Unternehmen. In Wirklichkeit war der schwedische Staatssektor kleiner
als in vielen anderen Ländern. Und Aufgabe dieses Sektors war es, für
billige Energie, Infrastruktur sowie Forschung und Entwicklung der
großen Monopole zu sorgen, welche die Wirtschaft dominierten.
Unterdessen sorgten Wohlfahrtssystem und die sozialdemokratischen
Regierungen für die nötige politische und soziale Stabilität zur
kapitalistischen Expansion.
Konzentration und Zentralisation von Kapital wurden in Schweden
vermutlich weiter getrieben als in den meisten anderen entwickelten
kapitalistischen Ländern. „Es sind die Familienunternehmen, die den
betrieblichen Sektor des Staates dominieren. Und davon sind einige die
größten und stabilsten in ganz Europa [...]“, schrieb die Financial
Times(12. Juli 2004) in einem Artikel über die Familie Wallenberg und
ihr Imperium. Weiter heißt es darin: „Keine andere Familie beherrscht so
sehr den Wirtschaftssektor eines entwickelten Landes, wie es die
Wallenbergs in Schweden tun.“ Und: „Der Dominanz der Wallenbergs über
das Unternehmertum in Schweden wurde erfolgreich von
sozialdemokratischen Regierungen beigesprungen.“ Zeitweise kontrollierte
die Familie Wallenberg fast vierzig Prozent der an der Stockholmer Börse
gehandelten Aktien.
Sogar Peter Stein, ein extrem neoliberaler schwedischer Ökonom, räumt
ein: „Obwohl Verstaatlichung eine grundsätzliche Frage im Programm der
Sozialdemokratie war, wurde sie nie durchgeführt. Bis 1970 belief sich
die vom Staat kontrollierte Produktion auf insgesamt fünf Prozent.
Staatliches Eigentum und staatliche Geschäftsführung waren dort, wo sie
existierten, von professioneller Ethik geleitet und nicht behindert
durch politische Überlegungen”. (Peter Stein: Sweden: From capitalist
Success to Welfare - State Sclerosis, 10. September 1991).
Verstaatlichung war nie „das Ziel“. Die Sozialdemokratie hat das Land
fast vierzig Jahre lang durchgehend von den 1930ern bis 1976 regiert.
Und in dieser Zeit wurde kaum ein Industriebetrieb verstaatlicht. Die
wenigen staatlichen Betriebe, die es gibt, sind nur das Spiegelbild der
Privatunternehmen. Das ist es, was Sozialdemokratie und
Gewerkschaftsführer manifestieren wollen.
Die Arbeiterbewegung
Die gewerkschaftlichen Vertreter in den Aufsichtsräten der Unternehmen
treten als Anwälte der Aktionäre auf, nicht der Beschäftigten. Einmal
Mitglied in einem Aufsichtsrat ist die Tür aufgetan zu einem
Extra-Einkommen für Gewerkschaftsfunktionäre. Und ohne jede
demokratische Kontrolle von unten oder eine Alternative zum Kapitalismus
sind die Gewerkschaftsvertreter fast immer auf die Seite der
Konzernchefs übergetreten. Das belegen die jüngsten Beispiele. Olle
Ludvigsson, von der Metallarbeitergewerkschaft, der seit 1998 die
Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat bei Volvo vertritt, stimmte 2009, als
der Konzern gerade tausende ArbeiterInnen entließ, sogar einer
umfangreichen Anhebung der Dividenden zu. Die LO-Vorsitzende Wanja
Lundby-Wedin stimmte einem großzügigen Pensionspaket für den Chef des
„Rentenunternehmens“ AMF zu. Es war dieselbe Firma AMF, die die
Rentenzahlungen aktueller RuheständlerInnen aufgrund großer Verluste
seiner Beteiligungen kürzte. Als dies im Frühjahr 2009 öffentlich
bekannt wurde, zeigte eine Umfrage, dass neunzig Prozent für den
Rücktritt Lundby-Wedins vom LO-Vorsitz waren. Ihre Mitgliedschaft in
mehreren Aufsichtsräten bringt ihr eine halbe Million Kronen pro Jahr
ein.
Was die Mitgliederzahlen, ihren Einfluss und ihr gesellschaftliches
Gewicht angeht, war die schwedische Arbeiterbewegung eine der stärksten
weltweit, vielleicht sogar die stärkste. Bisweilen waren mehr als 85
Prozent aller Beschäftigten organisiert. Den Höhepunkt bildete das Jahr
1986 mit 86 Prozent. Seither fällt der Organisationsgrad, besonders seit
2006. Heute liegt die Zahl bei 71 Prozent und entwickelt sich bis 2025
in Richtung der 61-Prozentmarke, wenn der momentane Trend nicht
umgekehrt werden kann.
Während des „goldenen Zeitalters“ des Kapitalismus konnten die
Gewerkschaften stetig für steigende Löhne sorgen, und es gab Arbeit für
alle. In dieser Periode wurde die Burgfriedenspolitik zur Normalität;
Arbeitgeber, LO-Führung und sozialdemokratische Regierung arbeiteten
Hand in Hand, um Wachstum zu fördern. Die Tarifautonomie war der
Eckpfeiler, der sich „zu einem System zentral koordinierter Lohnrunden
entwickelte. Von den 1950ern bis in die 1980er Jahre hinein waren
Lohnverhandlungen in Schweden die Sache von LO und seinem Gegenpol, dem
SAF (schwedische Arbeitgebervereinigung). Es oblag den landesweiten
Gewerkschaften, den allgemeinen Lohnrahmen ihren jeweiligen Branchen des
Arbeitsmarkts anzupassen“, wie die LO es in einer kurzen Broschüre
beschrieb.
Seitdem hat sich die Lohnentwicklung, wie sie in Schweden genannt wird,
verändert. Heute verhandelt jede landesweite Gewerkschaft unmittelbar
mit ihrem jeweiligen Gegenpart auf der Arbeitgeberseite, und was sie
unterzeichnen, garantiert bestenfalls eine minimale Lohnerhöhung für die
betreffenden ArbeiterInnen - was letztlich auf der Lohnabrechnung
erscheint, obliegt dann Entscheidungen für den jeweiligen Arbeitsplatz
oder individuellen „Verhandlungen“. Durch den Abbau kollektiver
Kampfkraft hat diese Dezentralisierung und Individualisierung der Löhne
den Beschäftigten natürlich nichts gebracht.
Dennoch ist die akzeptierte Lohnvereinbarung für alle Beschäftigten
verbindlich. Seit 1928 gilt es als kriminelle Handlung, gegen eine
einmal gefällte, meist für zwei oder drei Jahre gültige Vereinbarung zu
streiken. Umgekehrt bedeutet das, dass die Gewerkschaften mit ihren
Untergliederungen hohe Strafen zahlen müssen (die Summe ist über die
Jahre stark angestiegen), wenn sie in Streik treten oder auch nur verbal
einen Streik unterstützen, der innerhalb des Zeitrahmens stattfindet,
für den eine Lohnvereinbarung gilt. ArbeiterInnen, die sich an einem so
genannten wilden Streik beteiligen, laufen nicht nur Gefahr, Strafen
zahlen zu müssen, sie können sogar entlassen werden. Kurz gefasst heißt
das: ist eine Lohnvereinbarung einmal in Kraft, so sind Streiks verboten.
In den letzten zwanzig Jahren sind die schwedischen Arbeitsgesetze immer
repressiver geworden: höhere Strafen, längere Vorlaufzeiten bei
Streikmaßnahmen, verpflichtende Schlichtungsverhandlungen durch
staatliche Einrichtungen (das nationale Schlichtungsbüro), die die
rechtliche Befugnis haben, betriebliche Aktionen auszusetzen usw. All
diese Maßnahmen wurden von der Sozialdemokratie entweder unterstützt
oder gar eingeführt.
In der rückschrittlichen Phase des Kalten Krieges mit ihrer Hexenjagd
auf KommunistInnen und andere Linke, wurden nahezu alle Elemente von
Arbeiterdemokratie innerhalb der Gewerkschaften abgeschafft. Die Linke
wurde marginalisiert und zum Schweigen gebracht. Die Gewerkschaften
wurden stark bürokratisiert und zentralisiert, geführt von gut bezahlten
hauptamtlichen Funktionären (alle führten das Mitgliedsbuch der
Sozialdemokratischen Partei mit sich) und ohne jede Möglichkeit für
Mitglieder, Einfluss auf Entscheidungen und Gewerkschaftspolitik zu
nehmen. Schon in den 1950er Jahren verloren die Mitglieder das Recht,
über landesweit geltende Lohnvereinbarungen abzustimmen oder
Gewerkschaftsvertreter zu wählen, während die Periode zwischen den
Gewerkschaftstagen immer mehr ausgedehnt wurde.
Lange Zeit waren die schwedischen Sozialdemokraten, neben ihrer
österreichischen Schwesterpartei, die europäische Partei mit dem
höchsten Anteil an Mitgliedern in Bezug auf ihre Wahlergebnisse. Die
Partei konnte sich Mitte der 1980er Jahre damit rühmen, 1,2 Millionen
Mitglieder zu haben. Und das in einem Land mit nur 8,3 Millionen
EinwohnerInnen (1985). Die meisten Mitglieder entstammten den lokalen
Gewerkschaftsgliederungen, da diese kollektiv eingegliedert wurden. Als
die kollektive Eingliederung 1990 jedoch ausgesetzt wurde, da die
sozialdemokratische Führung damit begann, die Gewerkschaften als „eine
von vielen Pressure-Groups“ anzusehen, sank die Mitgliederzahl
dramatisch. Schon 1991 war sie um 260.000 zurück gegangen, und seitdem
verlor die Partei jedes Jahr fast 10.000 Mitglieder. Wenn der momentane
Trend anhält, hat sie in 15 Jahren gar keine Mitglieder mehr!
"Systemwechsel"
Es war die sozialdemokratische Regierung, die in den späten 1980ern
einführte, was in Schweden als der „Systemwechsel“ gilt: das
Zurückdrängen öffentlicher Fürsorge kombiniert mit Deregulierung und
Privatisierung. Diese Wende nach rechts wurde aufgrund verschiedener
internationaler wie innerer Faktoren möglich:
1. Es gab keine linke oder oppositionelle Richtung innerhalb der Partei,
die nach dem Rausschmiss der MarxistInnen (Mitglieder des CWI) in den
frühen 1980ern dem neuen Kurs hätten etwas entgegen setzen können. Nach
den Ausschlüssen verkroch sich die Linke innerhalb der Sozialdemokratie,
wie wir zu jenem Zeitpunkt vorausgesagt hatten, oder entwickelte sich
nach rechts, um auf die Suche nach „neuen Ansätzen“ zu gehen. Zur
gleichen Zeit nahm auch die Zahl linker AktivistInnen innerhalb der
Gewerkschaften ab.
2. Die Stagnation des schwedischen Kapitalismus ließ keinen Raum für
eine Ausweitung des
Wohlfahrtsstaates. Stattdessen forderte der Kapitalismus Kürzungen bei
den Staatsausgaben und den Anteilen der Beschäftigten am Volkseinkommen.
3. Die Beschleunigung der Globalisierung und zunehmender, von außen
aufgezwungener, Wettbewerb führten zu einem neuen neoliberalen Regime
weltweit, nachdem der Keynesianismus der 1970er gescheiter war.
4. Der Zusammenbruch der stalinistischen Staaten 1989 bis 1991 gab
diesen Entwicklungen
weiteren Auftrieb. Dazu zählt auch die Rechtswende der Sozialdemokratie,
nicht nur in Schweden. In Westeuropa war ein Sozialwesen auch deshalb
eingeführt worden, um im Wettbewerb mit dem Stalinismus in Russland und
Osteuropa gesellschaftliche Unterstützung für den Kapitalismus zu
erlangen. Als der Stalinismus zusammenbrach, waren die Kapitalisten noch
mehr denn je überzeugt, dass der Sozialstaat unnötig und ein
kostspieliger Luxus sei und dass die Umwandlung öffentlicher Leistungen
in neue private profitable Märkte eröffnen würde.
In Schweden begann die Sozialdemokratie den Systemwechsel mit der
Deregulierung der Kapitalmärkte und des Finanzsektors. Die Deregulierung
der 1980er brachte einen innerschwedischen Geldmarkt wie auch einen
exzessiv raschen Kreditboom hervor, der Spekulation und
Spekulationsblasen wachsen ließ (der Großteil des geliehenen Geldes ging
in die Anhäufung von Grundeigentum). Der somit erzeugten Immobilienblase
folgten Kapitalabschreibungen in großem Ausmaß, Einkommensverluste und
insolvente Banken. Viele Bankhäuser brachen zusammen und der Staat
musste eingreifen.
Ebenfalls in den 1980ern wurde immer weniger zum Beispiel für den
Gesundheitssektor zur Verfügung gestellt. Der Anteil dessen am BIP fiel.
„Eine weitere Folge ist, dass während der 1980er der Prozentsatz des
Bruttosozialprodukts, der für medizinische Versorgung aufgewendet wurde,
in der Tat in Schweden rückläufig war. Schweden war das einzige Land
weltweit, in dem so etwas vor 1996 geschah“, schrieb Andrew C. Twaddle
in seinem Buch „Gesundheitsreformen in Schweden 1980-1994“. Die alte
Bedeutung des Begriffes Reform hatte keine Gültigkeit mehr. Von nun an
waren „Reformen“ zu Gegen-Reformen geworden. Beispielhaft vorgeführt
wurde dies durch die große Steuerreform, die offiziell den Titel
„Steuerreform des Jahrhunderts“ trug und 1991 umgesetzt wurde. Diese
sogenannte Reform, die gemeinsam von Sozialdemokraten in der Regierung
und der bürgerlich-liberalen Volkspartei (Folkpartiet) ausgearbeitet
wurde, beendete, was vom progressiven Steuersystem noch übrig war. Die
„Steuerreform“ senkte die Einkommenssteuern vor allen für die
Besserverdienenden, während die Verbrauchssteuern auf 23 Prozent
angehoben wurden. „Aufgrund der Steuerwende kam es zu Kontroversen, weil
diese als Abkehr vom Ideal der egalitären Gesellschaft betrachtet wurde,
dem viele Schweden anhängen“, kommentierte die New York Times (20.
Februar 1990). Handelte es sich noch um eine moderate Beschreibung des
Ausmaßes an Opposition und wie die DurchschnittsbürgerInnen diese
„Reform“ wahrnahmen.
1990er Jahre
Diese rechtslastige Politik der Sozialdemokratie ebnete den Weg für die
vernichtende Wahlniederlage im September 1991. Sie kam zur gleichen Zeit
wie die schwerste Krise des schwedischen Kapitalismus seit den
1920er/1930er Jahren. Sämtliche weitreichenden Maßnahmen der
konservativen Regierung von 1991 bis 1994 wurden von der
Sozialdemokratischen Partei unterstützt. Darunter auch der beginnende
Verkauf von Staatsbetrieben. Trotzdem verschärfte sich die Krise und im
November 1992 konnte nicht einmal die Anhebung des Leitzinses der
Zentralbank um 500 Prozent den Abzug des spekulativen Kapitals aus dem
Land stoppen. Die Regierung war gezwungen, den festen Wechselkurs
auszusetzen und eine Entwertung durchzuführen. Das war die Diktatur des
Marktes. „Die Bankenkrise kam über uns. Um das System vor dem Kollaps zu
bewahren, war die Zentralregierung gezwungen, rasch und mit einer
allgemeinen, für alle geltenden Blanko-Garantie einzugreifen, die
versprach, dass alle schwedischen Banken ihre momentanen und zukünftigen
Verbindlichkeiten gegenüber den Schuldnern bedienen konnten.“ (Aus einer
Rede des stellv. Vorsitzenden der Zentralbank Lars Nyberg, März 2006).
Verschiedene Banken wurden verstaatlicht oder waren genötigt, um
öffentliche Gelder zu bitten, um das Geschäft weiterführen zu können.
Laut New York Times gab die Regierung vier Prozent des BIP oder
mindestens 65 bis 70 Milliarden Kronen (ca. 65 Millionen Euro; Erg. d.
Übers.) aus, um die Banken zu retten. Ein Haushaltsplus des Jahres
1990/91 verwandelte sich in ein Defizit von zehn Prozent des BIP im
Haushaltsjahr 1993/94, und die Staatsverschuldung stieg von 43 Prozent
des BIP 1990 auf 78 Prozent im Jahre 1994. Als die Sozialdemokraten
allerdings 1994 wieder an die Macht kamen, wurde die Verschuldung als
Grund für ein wildes Kürzungsprogramm mit Ausgabekürzungen,
Steuererhöhungen und marktorientierten Reformen genommen. In seinen
Grundzügen wurde dieses Programm von der Linkspartei, der ehemaligen
Kommunistischen Partei, unterstützt.
Für Menschen aus der Arbeiterklasse war die Krise damit freilich nicht
vorüber. Dem Wirtschaftswachstum nach 1994 folgten keine Verbesserungen
bei Lebensbedingungen oder Jobsicherheit. Es führte noch nicht einmal zu
einer Pause neoliberaler Attacken - im Gegenteil.
„Die 1990er können in Schweden als Jahrzehnt der Massenarbeitslosigkeit
beschrieben werden. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung war in
diesem Jahrzehnt zeitweise von Arbeitslosigkeit betroffen. Nicht weniger
als 1,8 Millionen Menschen - nahezu vierzig Prozent aller zwischen 18
und 60 Jahren in den 1990ern - waren zumindest zweitweise als
arbeitssuchend registriert“, gab die Wohlfahrtskomission bekannt.
Die Zahl der ArbeiterInnen, die einen unbefristeten Arbeitsvertrag
hatten, sank während der 1990er von 3,6 Millionen auf nur noch etwas
über drei Millionen, während die Zahl der ZeitarbeiterInnen von 400.000
auf 520.000 (15 Prozent aller Beschäftigten) wuchs. Trotz jahrelangem
ökonomischen Wachstums lag die Arbeitslosigkeit 1999 bei 5,6 Prozent,
verglichen mit 1,7 Prozent 1990. Schweden war plötzlich meilenweit
entfernt vom alten sozialdemokratischen Ziel „Arbeit für alle“. Und in
der Tat wurde dieser Wahlspruch zu jener Zeit auch aufgegeben. Die 1994
gewählte sozialdemokratische Regierung ging sogar noch weiter als ihre
Vorgänger, die etablierten bürgerlichen Parteien.
Kürzungen beim Kinderfreibetrag wurden durchgeführt: Zum ersten Mal
überhaupt wurde der Realwert dieser Sozialleistung gekürzt. Die
Arbeitslosenhilfe wurde 1996 auf 75 Prozent des Einkommens
heruntergefahren, nachdem sie 1993 noch bei 90 Prozent gelegen hatte.
Und trotzdem erhielten immer weniger ArbeiterInnen diese 75 Prozent, da
bei der Arbeitslosenversicherung eine Obergrenze existiert - als maximal
auszahlbare Summe. Wegen dieser Veränderungen fiel die durchschnittliche
Bezugsrate beim Arbeitslosengeld von 81,3 Prozent auf 70,5 Prozent der
Einkommen. (Nach den aktuellen Kürzungen der Regierung bei der
Arbeitslosenunterstützung im Jahr 2006 liegt die durchschnittliche
Bezugsrate bei unter 51 Prozent).
Darüber hinaus wurde auch bei der Krankenversicherung gestrichen, es ist
schwerer geworden, Mietzuschüsse zu erhalten und so weiter. Alle Teile
des sozialen Sicherungssystems waren betroffen. Diese Angriffe lösten
die größte Protestbewegung seit Jahrzehnten aus. Es begann mit Streiks
und Demonstrationen der SchülerInnen. Der Kampf der SchülerInnen wurde
initiiert von „Elevkampanjen”, einer sozialistischen Jugendbewegung, die
1989/90 von jungen Mitgliedern des CWI gegründet wurde. Insgesamt nahmen
45.000 SchülerInnen an den Demonstrationen und dem von „Elevkampanjen”
organisierten Protesttag im Frühjahr 1995 teil. Den Kämpfen der
SchülerInnen folgten die der ArbeiterInnen, Arbeitslosen, Kranken,
Behinderten und weiterer von den Maßnahmen der Regierung betroffener
Gruppen.
„Schweden in Aufruhr“, lautete 1996 die Schlagzeile des Expressen, eine
der größten Tageszeitungen des Landes. Am Ende des Jahres stand Schweden
kurz vor einem politischen Streik gegen die Regierung. Zuvor dachten
viele ArbeiterInnen, dass die Sozialdemokraten möglicherweise vom Weg
abgekommen seien; jetzt realisierten sie, dass die Partei einen
vollkommen neuen, kapitalistischen Weg des Abbaus des Wohlfahrtsstaates
und zuvor erreichter Errungenschaften beschritten hatten.
Der sozialdemokratische Premierminister rühmte sich sogar damit, dass
Schweden den Weltrekord bei Ausgabenkürzungen gebrochen hatte. Vom IWF
beispielsweise wurden die Sozialdemokraten und ihre Politik gelobt, der
1999 schrieb: „Die finanzpolitische Neuausrichtung wurde seit Einführung
des Konsolidierungsprogramms 1994 tiefgreifend. Eine Kombination aus
Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen sorgte, ergänzt durch reduzierte
Zinssätze, für eine strukturelle Verbesserung in Höhe von bis zu zehn
Prozent des BIP und führte zu einem Finanzplus von 2,2 Prozent im Jahre
1998 [....]. Mit Blick in die Zukunft wird die Ausgabenkontrolle durch
eine umfangreiche Reform des Altersrentensystems verstärkt und ergänzt
durch ein im Aufbau begriffenes Programm der Restrukturierung und
Privatisierung von Unternehmungen des öffentlichen Sektors [...]“
(IWF-Bericht über Schweden, 2. September 1999).
Während der 1990er Jahren hat sich der Anteil jener Privatangestellten,
die über privatisierte oder ausgegliederte Bereiche letztlich für die
Kommunen arbeiten verdoppelt und steigt seither weiter an. Auch im
staatlichen Sektor gibt es dieselbe Entwicklung. Die Zahl der
Staatsangestellten hat sich von 400.000 im Jahr 1997 auf 200.000 zwanzig
Jahre später halbiert. Die sozialdemokratischen Regierungen, die
zwischen 1994 und 2006 regierten, haben Staatsvermögen im Wert von 116
Milliarden Kronen (16,4 Milliarden U.S.-Dollar) verkauft. In vielen
Bereichen hat das sozialdemokratisch regierte Schweden bei der
Einführung der "marktwirtschaftlichen Reformen" und der neoliberalen
Agenda der Europäischen Union (EU) die Führung übernommen.
"Öffentliche Einrichtungen", die aber von einem nicht öffentlichen
Akteur "produziert" werden, wurden in Bereichen wie Kinderbetreuung,
Sozialarbeit und Altenbetreuung immer häufiger.1996 hat Schweden seinen
Elektrizitätssektor dereguliert und privaten Wettbewerb bei der
Verteilung zugelassen. Auch die Telekommunikation, die Post und der
öffentliche Transport wurden dereguliert. Und staatliche Betriebe,
inklusive Banken, die während der Krise 1992-93 verstaatlicht worden
waren wurden verkauft nachdem ihre Verluste der öffentlichen Hand
aufgebrummt worden waren.
Rentenreform
„Ein anderes Gebiet, auf dem Schweden den Weg gewiesen hat, ist das der
Rentenreform [...]. Mit der Umsetzung der Rentenreform zur
Beitragsdeckelung wurde 1998 ein System geschaffen, welches in der Tat
nicht dazu führt, dass Einzahlern in die Rentenkassen ein hohes
Altersgeld garantiert wird.“ (Schweden in Europa, Rede des stellv.
Vorsitzenden der Zentralbank Lars Nyberg, 2003). Diese sogenannte
Rentenreform - die Privatisierung und Kürzung der Renten - führte im
restlichen Europa überall dort zu Aufruhr, wo Regierungen planten, sie
zu kopieren.
Die Sozialdemokraten kehrten auch das sogenannte System von der freien
Schulwahl nicht um, das 1992 von ihren politischen Gegnern eingeführt
wurde und Grund dafür war, weshalb es zu einem Anstieg der Zahl an
Privatschulen kam. 1991 lag der Anteil der SchülerInnen an
weiterführenden Schulen, die zu einer Privatschule gingen, bei 1,5
Prozent. Heute liegt die Zahl bei 17 Prozent. In den 1990er Jahren wurde
auch der Gesundheitssektor für private Anbieter geöffnet. Die in
Schweden gezahlten Steuern sollten den BürgerInnen das Recht auf soziale
Sicherheit, Gesundheitsschutz usw. einräumen. Das steht allerdings nur
auf dem Papier. Zu den Steuerforderungen addieren sich noch Gebühren
beim Arztbesuch, für den Krankenhausaufenthalt etc. Das alles sind
Extragebühren, die über die Jahre hinweg zugenommen haben. In Stockholm
kostet ein Arztbesuch jetzt 140 Kronen (ca. 13,- €; Erg. d. Übers.) und
300 Kronen (gut 30,- €; Erg. d. Übers.) macht es, will man einen
Facharzt konsultieren. Der Besuch eines Zahnarztes kostet ein halbes
Vermögen: normaler Weise über 600 Kronen (rund 60,- €; Erg. d. Übers.)
für eine Kontrolluntersuchung, wobei für eine einfache Zahnfüllung noch
mehr verlangt wird. 850.000 SchwedInnen können sich laut einer jüngsten
Studie nicht mehr leisten, einen Zahnarzt aufzusuchen.
Dank der Idee vom „kleineren Übel“, waren die Sozialdemokraten in der
Lage, nach den Wahlen von 1998 und 2002 im Amt zu bleiben. ArbeiterInnen
votierten vielmehr gegen die etablierten rechts-konservativen Parteien
als für die Sozialdemokratie. Die Partei genießt nicht die Unterstützung
früherer Zeiten und ihr Stimmenanteil geht seit 1994 stark zurück. Bei
den letzten Wahlen 2006 fuhr die Partei ihr schlechtestes Ergebnis seit
1921 ein, dem Jahr, als das Frauenwahlrecht überhaupt erst eingeführt
wurde. Es war ein Wahldesaster, das Parteichef Persson zum Rücktritt
zwang.
Die Partei wechselte ihre Führungsriege aus, doch die Politik blieb
dieselbe. Auf diversen Feldern ist die Sozialdemokratie nach ihrer
Niederlage 2006 weiter nach rechts gerückt. Die neuen Köpfe hoben die
Notwendigkeit hervor, Stimmen der städtischen Mittelschicht zu gewinnen.
Die jetzige konservative Regierung, die 2006 gewählt wurde, begann ihre
Amtszeit mit drastischen Kürzungen bei der Arbeitslosenhilfe und den
Sozialversicherungen mit dem Ziel, einen Niedriglohnsektor zu
etablieren. Als die globale kapitalistische Krise einsetzte, machte dies
die Lage nur noch schlimmer. Nie zuvor in der modernen Geschichte war
Schweden mit so großen Löchern im sozialen Netz in eine Krise geraten.
Diese Regierung will fast alle verbliebenen staatlichen Betriebe
verkaufen, sämtliche öffentlichen Aktivitäten dem „Wettbewerb“ öffnen
und Übernahmen durch Privatunternehmen ermöglichen. Weil schwedische
ArbeiterInnen schlechter abgesichert sind als früher - mehr Menschen als
zuvor fehlt es beispielsweise an einer Arbeitslosenversicherung -
entwickelt sich die momentane Wirtschaftskrise mehr und mehr zu einer
sozialen Krise. In den letzten zwölf Monaten ist die Arbeitslosigkeit
von 5,9 Prozent auf 8,3 Prozent gestiegen und wird 2011 voraussichtlich
die 12-Prozent-Marke erreichen.In Schweden ist es recht einfach,
unbefristet angestellte Beschäftigte zu entlassen. Der Arbeitgeber muss
nur den Mangel an Aufträgen anführen, um Arbeitsverträge auflösen zu
können. Das erklärt, warum die Arbeitslosigkeit in Schweden schneller
zunimmt als in vielen anderen Ländern. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt
bei 30 Prozent und ist damit eine der höchsten in ganz Europa.
Sozialdemokraten, Linkspartei und die Grünen haben jüngst ein Bündnis
gegründet, das sich Rot-Grün nennt. Es ist aber weder rot noch grün.
Sozialdemokraten und die Gewerkschaftsbewegung in Schweden stehen vor
einer historischen Krise. Sie haben ihre Wurzeln, ihren Einfluss und
ihre Unterstützung verloren und keine Aussicht darauf, ihre alten
Grundfesten wieder zu Erlangen, weil ihre Politik und ihre Methoden
weitere Angriffe darauf bedeuten, was vom allgemeinen Wohlfahrtssystem
noch übrig ist. Die sozialdemokratische Partei ist zu einer leeren Hülle
verkommen. Die neue Vorsitzende, Mona Sahlin, sagte vor kurzem: „Ich
habe das Gefühl, das jüngste Parteimitglied zu sein, und ich bin 53.“
Die Aufgabe, die sich für wirkliche SozialistInnen in Schweden, wie auch
in anderen Ländern stellt, ist der Wiederaufbau der Arbeiterbewegung auf
sozialistischer Basis - eine neue sozialistische Massenpartei der
ArbeiterInnen muss aufgebaut und die Gewerkschaften müssen zu
demokratischen und kämpfenden Organisationen gemacht werden. Die
wichtigste Schlussfolgerung, die aufgrund der Erfahrungen in Schweden
gezogen werden muss, ist, dass keine soziale Errungenschaft von Dauer
ist, so lange der Kapitalismus weiter besteht. Dies gilt umso mehr in
einer Krisenperiode, wenn revolutionäre Kämpfe vonnöten sind, um auch
nur die geringsten Zugeständnisse von der Kapitalistenklasse zu
erzwingen und Arbeitsplätze zu retten. Aus diesem Grund, da die Basis
für soziale Reformen innerhalb des Kapitalismus ausgehöhlt ist, besteht
der einzig gangbare Weg darin, den Kampf für Sozialismus und eine
demokratisch geplante Wirtschaftsweise zu führen.
Webseite der Sozialistischen Gerechtigkeitspartei: www.socialisterna.org
|