Begleitung des Abbaus
[Druckversion] Thema: Betrieb und Gewerkschaft, Solidarität 86, veröffentlicht: 24.01.2010
Rückblick auf die Gewerkschaftspolitik 2009
„Keine Entlassungen in 2009.“ Mit diesem Motto ging die
Industriegewerkschaft Metall in das Krisenjahr. Die Idee: Mit Kurzarbeit
und Arbeitszeitverkürzung – bei entsprechend gesenkten Einkommen –
sollten die Absatzkrise überbrückt und massenhafte Kündigungen vermieden
werden. In vielen Stammbelegschaften der Großkonzerne hat das – bis
jetzt – „funktioniert“. Bei Leiharbeitern, Befristeten und Hunderten
klein- und mittelgroßen Betrieben nicht.
2008 hatte die Metallergewerkschaft noch eine große Kampagne zur
Organisierung von Leiharbeitern durchgeführt. Doch als es im Folgejahr
zu Massenentlassungen kam – innerhalb weniger Wochen wurden eine
Viertelmillion Leiharbeiter auf die Straße gesetzt –, blieb der
Aufschrei aus. So mancher Betriebsratsfürst dürfte die zuvor so
umworbenen Kollegen gar insgeheim als „Puffer“ gesehen haben, durch den
Entlassungen in der Stammbelegschaft vermieden werden könnten.
Auch in anderen Punkten hat die tiefste Wirtschaftskrise seit 80 Jahren
nicht dazu geführt, die Gewerkschaftsspitzen von ihrem Kurs der
„Sozialpartnerschaft“ abzubringen. Im Gegenteil: In vielen Fällen hat
sich das Co-Management – das Bündnis mit den „eigenen“ Konzernherren zur
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit auf Kosten anderer Belegschaften –
verschärft. Symbolisiert wurde dies durch den öffentlichen
Schulterschluss des IG-Metall-Vorsitzenden Berthold Huber mit der nicht
gerade als Gewerkschaftsfreundin bekannten Elisabeth Schaeffler.
„Sozialverträglicher“ Abbau
Die Möglichkeiten, Widerstand gegen Entlassungen und
Betriebsschließungen zu organisieren, hat die weltweit größte
Einzelgewerkschaft größtenteils verstreichen lassen. In den Streiks bei
den Autozulieferern Continental, Federal Mogul, Mahle, Eberspächer und
anderen – die teilweise mit hierzulande sonst unüblichen radikalen
Aktionsformen verbunden waren – schien es der Gewerkschaftsspitze vor
allem darum zu gehen, die Situa-tion möglichst schnell wieder zu
beruhigen. Gleiches galt für die spontanen Arbeitsniederlegungen im
Daimler-Werk Sindelfingen. Die Chance, die verschiedenen
Auseinandersetzungen zusammenzuführen und der Gewerkschaft damit
insgesamt eine größere Schlagkraft zu verschaffen, blieb ungenutzt.
Stattdessen stand am Ende stets die mehr oder weniger
„sozialverträgliche“ Vernichtung von Arbeitsplätzen.
Auch gegenüber dem Versuch der Konzerne, die von ihnen verursachte Krise
durch Lohnsenkungen auf die Beschäftigten abzuwälzen, zeigte sich die
Gewerkschaftsspitze offen. Bei Daimler – dessen Management anderthalb
Jahre zuvor 6,2 Milliarden Euro durch Aktienrückkaufprogramme verbrannte
und kurz darauf über Liquiditätsprobleme klagte – akzeptierte sie ohne
jeglichen Widerstand Einkommenskürzungen von zwei Milliarden Euro. Und
bei Opel war die IG-Metall-Führung im Zuge der Verhandlungen mit Magna
gar dazu bereit, den Flächentarifvertrag deutlich zu unterschreiten.
Auch für die Zukunft kommen aus der Frankfurter Vorstandsetage der
Metallergewerkschaft alles andere als kämpferische Signale. Bereits fünf
Monate vor Beginn der Tarifrunde in der Branche kündigte Huber an,
Lohnsteigerungen stünden für ihn nicht im Vordergrund.
Vorbild Gebäudereiniger
Mit den Kita-Angestellten hat gerade ein gewerkschaftlich weniger gut
organisierter Bereich wochenlange Streiks durchgehalten. Es wurde zwar
nur ein Teil der Streikziele erreicht. Einer breiten Öffentlichkeit
wurde jedoch bewusst, unter welchen Bedingungen ErzieherInnen täglich
arbeiten müssen.
Von den rund 860.000 Gebäudereinigern waren zu Beginn der
Auseinandersetzung sogar nur 57.000 in der IG BAU organisiert. Mehr als
die Hälfte putzt in Minijobs. Dennoch gelang es der Baugewerkschaft –
unter anderem mit Mitteln des „Organizing“ – Arbeitsniederlegungen und
Aktionen auf die Beine zu stellen, die in der Öffentlichkeit großes
Aufsehen und Unterstützung fanden. Damit erzielte diese Berufsgruppe
mitten in der Krise Gehaltssteigerungen, die sich im Vergleich mit IG
Metall und Co. sehen lassen können.
Programmatische Kehrtwende nötig
2010 wird für die Gewerkschaften ein Jahr der Entscheidungen: Wollen sie
weiter der längst verlorenen „Sozialpartnerschaft“ mit dem Kapital
nachlaufen oder auf kollektive Gegenwehr setzen? Die Kampfbereitschaft
der Belegschaften ist – das hat sich 2009 immer wieder gezeigt – in
vielen Fällen vorhanden. Doch um diese zu nutzen, ist auch eine
programmatische Kehrtwende vonnöten. Wer die Ideologie vertritt, der
„eigene“ Standort müsse gegen die Konkurrenz verteidigt und gestärkt
werden, kann nicht zu ernsthaftem Widerstand mobilisieren. Wer
akzeptiert, dass Wirtschaft und Gesellschaft nach Profitprinzipien
organisiert sind, kann der Arbeitsplatzvernichtung in Krisenzeiten
nichts entgegensetzen. Deshalb wird entscheidend sein, linke und
sozialistische Vorstellungen – die über den bestehenden kapitalistischen
Rahmen hinausweisen – unter den Beschäftigten und in den Gewerkschaften
wieder zu etablieren.
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