Mene Tekel Upharsin
[Druckversion] Thema: Wirtschaft, Solidarität 86, Naher Osten, veröffentlicht: 04.01.2010
Dubais Finanzkrise sendet Schockwellen aus
Laut Bibel sah der babylonische König Belsazar – während er ein
rauschendes Fest feierte – den Schriftzug „Mene Tekel Upharsin“ an der
Wand, der vom nahenden Untergang seines Reichs kündete. Ein paar
Jahrtausende später und ein paar hundert Kilometer südlich ist die Krise
in Dubai ebenfalls ein Menetekel, das auf die Fortsetzung der weltweiten
Krise hinweist.
von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart
Die staatliche Holding Dubai World hat 59 Milliarden Dollar Schulden und
verhandelt über eine Umschuldung von 26 Milliarden Dollar. Ihre
Tochterfirma Nakheel (die weltgrößte private Immobilienfirma) hatte im
ersten Halbjahr 2009 3,65 Milliarden Dollar Verlust. Der Grund waren
geringere Umsätze und Abschreibungen wegen gesunkener Grundstücks- und
Immobilienpreise. Am 25. November bat Dubai World um Zahlungsaufschub.
Das führte zu einer Erschütterung der internationalen Finanzmärkte –
denn die dortigen Probleme sind dieselben wie weltweit.
Gewerbliche Immobilienblase
In Dubai hatten sich zum Beispiel die Immobilienpreise im Sommer
gegenüber dem Höchststand halbiert. Diverse Bauprojekte wurden
unterbrochen. Fertige Hotels versuchen, mit Sondertarifen Kunden zu
locken. Büromieten sind um bis zu 40 Prozent gefallen.
Das selbe Problem ist ein Hauptfaktor der Pleite von über hundert (meist
regionalen) Banken in den USA 2009. In Großbritannien wurden bei 85
Prozent der Immobilienkredite die Auflagen verletzt. Insgesamt gibt es
in den USA und in Europa 4,9 Billionen Dollar gewerbliche
Immobilienkredite. Und die Krise in Dubai weckte die Angst vor einer
ähnlichen, nur viel größeren Krise in China, wo es einen ähnlichen
Bauboom gibt.
Angst vor Staatsbankrotten
Da Dubai World ein Staatskonzern von Dubai ist, kamen auch Zweifel an
der Zahlungsfähigkeit Dubais auf. An der Börse stiegen die Kurse der
Kreditausfallderivate (Credit Default Swaps) für Staatsanleihen von
Dubai auf 709 (das heißt es kostete 709.000 Dollar, um Staatsanleihen
von zehn Millionen Dollar gegen Zahlungsunfähigkeit zu versichern, bei
deutschen Bundesanleihen kostete das zur gleichen Zeit nur 24.000
Dollar). Demnach galt Dubai als der Staat, in dem das Risiko des
Staatsbankrotts am vierthöchsten war. Als Folge stieg die Angst vor
Staatsbankrotten weltweit, wobei besonders Griechenland ins Visier der
Spekulanten geriet.
Staatliche Notaktionen
Am 14. Dezember wurde ein von Nakheel aufgelegter „islamischer Bond“
(Sukuk) im Volumen von 3,5 Milliarden Dollar fällig. Auf den letzten
Drücker überwies das Emirat Abu Dhabi (das mit Dubai zu den Vereinigten
Arabischen Emiraten gehört und wesentlich mehr Erdöl hat als Dubai) zehn
Milliarden Dollar, um die Märkte zu beruhigen.
Das Eingreifen Abu Dhabis widerlegt die Beteuerungen diverser
Regierungen, dass in Zukunft der Staat bei Finanzkrisen nicht mehr
eingreifen werde.
Die Krise geht weiter
Es ist irreführend, den Beginn der Finanzkrise mit der Pleite von Lehman
Brothers im September 2008 zu datieren. Seit der IKB-Krise ein gutes
Jahr zuvor gab es alle paar Monate Erschütterungen der Finanzmärkte. Ab
September 2008 wurde das über Monate hinweg zum Dauerzustand. Durch die
Bankenrettungspakete, Konjunkturprogramme und Ausweitungen der Geldmenge
wurde diese chronische Krise erst einmal beendet.
Da die Banken mit billigen Krediten überschüttet wurden, aber wenige
Kredite an die „Realwirtschaft“ geben (im Euro-Raum sind die Kredite an
nichtfinanzielle Firmen seit Jahresbeginn um drei Prozent gefallen, in
den USA seit Oktober um 7,3 Prozent), entstanden neue
Spekulationsblasen. Die Dubai-Krise ist der plastische Beweis, dass die
Krise nicht überwunden ist, sondern dass wir wieder wie zwischen Sommer
2007 und Herbst 2008 Krisenschübe haben – die früher oder später zu
einer neuen Dauerkrise wie nach der Lehman-Pleite führen können.
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