Iran: Die Diktatur wird fallen
[Druckversion] Thema: Protestbewegung im Iran, Asien, veröffentlicht: 30.12.2009
Bei neuen Unruhen wehren sich Tausende gegen Polizei und Basiji
Die britische „Times“ stellt die richtige Fragen: Wann wird ein Aufruhr
zur Revolution? Kommentator Michael Binyon schreibt am 29. Dezember:
„In der ganzen Geschichte sind bei Demonstrationen, Streiks und
Krawallen die Massen auf die Straße gegangen und stellten eine Bedrohung
für Regierungen dar. In den meisten Ländern reichten zügige repressive
Maßnahmen in Verbindung mit politischen Zugeständnissen, um die Unruhen
unter Kontrolle zu bekommen. Aber wenn die Gewalt extrem wird, die Wut
seit längerem aufgestaut ist und ein Regime die Nerven verliert, dann
wird ein Wendepunkt erreicht und die Revolution erfasst das Land. Hat
der Iran diesen Punkt erreicht?“
von Claus Ludwig, Köln
Zum schiitischen Märtyrerfest Aschura Ende Dezember haben sich die
iranischen Massen eindrucksvoll zurückgemeldet. Zehntausende gingen, das
wird aus Berichten und Videos ersichtlich, in mehreren Städten auf die
Straße. Diesmal waren die Demonstranten nicht nur Opfer. Die ersten
Attacken der Basiji Milizen und der Polizei wurden zurückgeschlagen,
Motorräder und Autos der staatlichen Einheiten gingen in Flammen auf,
Polizeistationen wurden angegriffen Barrikaden gebaut. Augenzeugen
berichten, dass Basiji und Polizei sich aus einigen Teilen Teherans
zurückziehen mussten. Es gab Berichte, nach denen sich vereinzelt
Polizisten mit den Demonstranten solidarisiert haben. Die Meldung einer
oppositionellen Website, dass schon einmal die Funktionsfähigkeit des
Regierungsflugzeuges getestet wurde, mit dem im Notfall Religionsführer
Khamenei außer Landes gebracht werden soll, wurde bisher nicht von
mehreren Seiten bestätigt.
Erst einmal hat das Regime wieder die Oberhand über die Straßen
gewonnen, durch Einsatz von Schusswaffen, gezielten Tötungen und
Massenfestnahmen von Oppositionellen. Doch die Aschura-Unruhen markieren
tatsächlich einen Wendepunkt. Nach dem Juni 2009 stand fest, dass der
Iran nie wieder dasselbe Land sein wird. Jetzt steht fest, dass die
islamistische Diktatur fallen wird und das Ende näher rückt.
Ob „näher“ schon in einigen Wochen ist oder sich der revolutionäre
Prozess über viele Monate hinzieht, lässt sich schwer sagen, zumal von
Europa aus. Das Tempo der iranischen Revolution wird von verschiedenen
Faktoren bestimmt.
Anders als das Regime des Schah, dass sich auf pure Gewalt stützte und
am Ende ohne jede Unterstützung im Volk in der Luft hingt, verfügten
Ahmadinedjad und Khamenei zumindest noch im Juni über eine Massenbasis.
Die islamistischen „Reformer“ um Mussawi hatten vor allem den armen
Massen nichts zu bieten, unter Teilen der Landbevölkerung und der
ärmeren Schichten wirkten noch die vom Regime verteilten Sozial-Almosen
nach. Dazu kommt die tiefsitzende Religiösität von Teilen der
Bevölkerung. Eine linke Bewegung, welche Arbeiter, Bauern und Arme auf
Klassengrundlage vereinen könnte, existiert nur in Ansätzen;
organisierte Arbeiterkämpfe gab es nur vereinzelt, voneinander zeitlich,
räumlich und politisch isoliert. Diese Faktoren deuteten auf einen in
die Länge gezogenen revolutionären Prozess im Iran.
Doch es wirken auch Faktoren, welche zu einer gewaltigen Beschleunigung
des Sturzes der Mullah-Diktatur führen können. Die wirtschaftliche Lage
hat sich rapide verschlechtert. Ahmadinedjads Propaganda, sich als
Beschützer der Armen darzustellen, ist durch die Realität entzaubert
worden. Die Arbeiterkämpfe haben seit dem Sommer zugenommen, sind
politischer geworden. Auch konservativere Schichten der Bevölkerung
haben seit dem Juni gesehen, zu welchen Gewaltmethoden das Regime
greifen muss, um Proteste zu verhindern. Tausende haben Angehörige und
Freunde verloren, viele kennen Menschen, die inhaftiert waren, gefoltert
und vergewaltigt wurden. Nicht einmal der Schah hat am höchsten
schiitischen Fest schießen lassen, das klerikale Regime hat als erstes
in der iranischen Geschichte an Aschura Blut vergossen.
Die Wut ist riesig, die Elite des Landes ist weiter tief gespalten. Die
Massen haben inzwischen gelernt, dass das Regime keine umfassende
Kontrolle mehr hat. Wie ernst das Regime die Lage einschätzt zeigt der
Vorstoß von Parlamentspräsident Laridschani: Er fordert Todesstrafen für
die Demonstranten wegen „Beleidigung der Religion“ und fordert
gleichzeitig die „reformerischen“ islamistischen Kräfte um Mussawi,
Rafsandschani, Khatami und Karroubi auf, sich von den Protesten zu
distanzieren. Das Regime versucht, die Risse in der Elite zu kitten,
vertieft diese aber gleichzeitig durch die repressiven Maßnahmen. Doch
die „Reformer“ haben noch weniger Kontrolle über die Proteste als im
Juni. Die Rufe „Tod dem Diktator“ und „Nieder mit der islamischen
Republik“ scheinen allgegenwärtig.
Mit Massenfestnahmen und der hartem Vorgehen bereitet sich das Regime
auf die kommenden Kämpfe vor. Je länger sich das Ringen hinzieht, desto
entschlossener werden Teile des Regimes und seiner Repressionskräfte
kämpfen. Im Juni vertiefte sich die Spaltung der Elite im Kampf um
Macht, Privilegien und die Aufteilung des Profits. Doch darum geht es
nicht mehr allein. Für die Herrschenden im Iran und ihre Schergen geht
es auch um ihren Kopf.
Die Lage im Iran kann sowohl neue, schlimmere Massaker seitens des
Regimes hervorbringen als auch den schnellen Fall desselben.
Entscheidend in den nächsten Wochen und Monaten ist, dass sich die
linken, sozialistischen Kräfte unabhängig organisieren und die
demokratischen Forderungen mit den sozialen Bedürfnissen der
Arbeiterklasse und der Armen verbinden.
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