„Die Resonanz in der Bevölkerung ist phänomenal“
[Druckversion] Thema: Bildung, Solidarität - Sozialistische Zeitung Nr. 85, veröffentlicht: 04.12.2009
Interview mit Fabian Bennewitz vom Münchener Bündnis Bildungsstreik. Die
Fragen stellte Aron Amm
Wie kam es zur Besetzung des Audimax in der
Ludwig-Maximilians-Universität (LMU)?
Sehr spontan. Zunächst hatten wir eine Besetzung in der Akademie der
Bildenden Künste gestartet. Angefangen hatte das Ganze mit einer
Solidaritätskundgebung für die Besetzung in Wien. Der Aufruf für unsere
Solikundgebung verbreitete sich wie ein Lauffeuer – über SMS, E-Mails,
Twitter, Facebook. Als wir den LMU-Hörsaal hier besetzten und unser
erstes Plenum abhielten, tagte parallel der Konvent der Fachschaften.
Dieser teilte uns dann seine Unterstützung mit. Das sorgte für große
Begeisterung.
Welche Forderungen sind für Euch zentral?
Wir lehnen jegliche Art der Bezahlung von Bildung ab. Außerdem richten
wir uns gegen Zulassungsbeschränkungen und fordern eine umfassende
Reform des Bachelor/Masters-System. Da in München besonders viele
Schüler bei den Bildungsprotesten aktiv sind, haben für uns
Verbesserungen im Schulsystem ebenfalls einen hohen Stellenwert. Das
mehrgliedrige Schulsystem lehnen wir ab. Unser Ziel sind Klassenstärken
von maximal 20 Schülern; heute sind es oft 35, die es mit völlig
überforderten Lehrern zu tun haben. Wichtig ist uns auch eine echte
Demokratisierung der Schulen. In Bayern darf die SMV höchstens
entscheiden, ob eine Wand rot oder weiß gestrichen wird. Aber nicht, ob
sie überhaupt gestrichen wird oder wofür Gelder ansonsten verwendet
werden.
Bislang engagieren sich vor allem Erstsemester bei der Besetzung des
Audimax. Was denkt ihr, wie der Kreis erweitert werden kann?
Begonnen hat der Protest mit 50 Studierenden. Jetzt kommen schon 700 zu
den Plena. Neben dem Bildungsstreiktag wollen wir nun Wissenschafts- und
Kultusminister zu Debatten einladen. Außerdem haben wir eine Reihe AGen
gebildet, um über inhaltliche Arbeit mehr Kommilitonen zu erreichen.
Wie sieht es mit Öffentlichkeitsarbeit aus?
München ist eine Medienstadt, das möchten wir ausnutzen. Uns ist es ganz
wichtig, an die Bevölkerung ranzukommen und hier Unterstützung zu
gewinnen. Als wir in der Innenstadt Plakate für den Bildungsstreik
aufgehängt haben, war die Resonanz phänomenal. Es gab so gut wie keine
negativen Äußerungen. In der U-Bahn meinte zum Beispiel einer: „Wird ja
höchste Zeit. Irgendwann muss sich ja mal was tun.“ Selbst bei
Schulrektoren gibt es Sympathie. Von Opelanern und anderen haben wir
schon Solidaritätsadressen erhalten.
Noch ist es nicht so weit wie in Österreich. In Salzburg kochte zum
Beispiel eine Oma Nudeln für die Streikenden. Ein Bauer wollte sogar
eine Kuh spenden. Aufgrund der vielen Vegetarier wurde das dann dankend
abgelehnt.
Wie kann die Bewegung weiter aufgebaut werden?
Ziel ist für mich eine europaweite Bewegung gegen „Bologna“. Denkbar
wäre eine gemeinsame Bildungskonferenz mit Vertretern aus Deutschland
und Österreich. Die jetzige Dynamik ist bereits unglaublich. Ständig
hören wir von Uniprotesten in weiteren Ländern: in Polen, England,
Italien... Ein Schlüssel für den Erfolg ist für mich die Vernetzung mit
anderen sozialen Kämpfen.
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