Opel – wie weiter?
[Druckversion] Thema: Betrieb und Gewerkschaft, Autoindustrie, Solidarität - Sozialistische Zeitung Nr. 85, veröffentlicht: 30.12.2009
Für den Erhalt aller Werke und Arbeitsplätze!
Nach der Entscheidung des Mutterkonzerns General Motors (GM), Opel zu
behalten, äußerten Betriebsräte und Politiker aller Couleur ihre
Enttäuschung darüber. Doch jetzt brauchen wir keine Worthülsen, sondern
ein internationales Kampfprogramm für den Erhalt aller Werke und
Arbeitsplätze.
von Sönke Schröder, Essen
Viele deutsche Politiker und der Opel-Betriebsrat um Klaus Franz
favorisierten den „Magna-Deal“. Sie hofften, Magna würde keinen der
deutschen Standorte (Rüsselsheim, Kaiserslautern, Eisenach und Bochum)
schließen. Um Magna zu unterstützen, sagte der Betriebsrat dem
Unternehmen den Verzicht auf Löhne, Weihnachts- und Urlaubsgeld in
Milliardenhöhe zu.
Magna – die besseren Kapitalisten?
Bezüglich des Lohns wäre der „Magna-Deal“ für die Beschäftigten also
schon mal ein schlechtes Geschäft gewesen, zumal gleichzeitig eine
Arbeitsverdichtung zu erwarten gewesen wäre. Aber wären wenigstens die
Arbeitsplätze gesichert gewesen? Von wegen. Magna plante die Entlassung
von über 10.000 Beschäftigten in Europa, das sind etwa genauso viele,
wie GM auf die Straße setzen will. Auch an deutschen Standorten wie
Bochum wären Teile der Produktion dicht gemacht worden.
Angesichts der weltweiten Überkapazitäten in der Autoindustrie hätte die
Strategie der Betriebsrats- und Gewerkschaftsbürokraten – Verzicht auf
internationale Solidarität unter Opel-ArbeiterInnen und
Lohnzugeständnisse – über kurz oder lang nicht einen einzigen
Arbeitsplatz gerettet!
Arbeitskampf vorbereiten
Betriebsratschef Klaus Franz erzählt stolz davon, dass er Tag und Nacht
SMS-Kontakt mit Politikern wie Angela Merkel oder dem hessischen
Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) habe, um sich über die Zukunft von
Opel abzustimmen. Aber wo bleibt die Abstimmung mit den Belegschaften?
Jetzt sind Versammlungen in allen Werken notwendig, auf denen
ArbeiterInnen und Angestellte unabhängig von der Konzernleitung über die
Situation an ihrem Arbeitsplatz und die anstehenden Kampfschritte
diskutieren können. Auf solchen Versammlungen sollten aus der Mitte der
Belegschaften Arbeitskampf-Leitungen gewählt werden, die – jederzeit
rechenschaftspflichtig und abwählbar – die Vernetzung mit KollegInnen
aus Werken über Ländergrenzen hinweg koordinieren und einen
internationalen Protesttag vorbereiten. Der Kampf in den Werken des
Weltkonzerns GM muss international sein, damit die Belegschaften nicht
gegeneinander ausgespielt werden.
Kämpfen bei Opel – und überall!
Die Angriffe auf Opel-Beschäftigte sind kein isoliertes Phänomen. Im
Zuge der Weltwirtschaftskrise stehen in allen Bereichen Entlassungen an,
dazu kommen die anstehenden unsozialen Maßnahmen der Regierungen. Ein
erfolgreicher Kampf der Opelaner könnte auf alle von Entlassung und
Sozialabbau betroffenen Menschen ermutigend wirken.
Solidaritätsbündnisse könnten die Kämpfe einer Region zusammenbringen
und die Kampfkraft steigern.
Verstaatlichung und Arbeiterkontrolle
Doch wofür soll gekämpft werden? Die Unternehmer haben in den letzten
Jahrzehnten immer wieder gezeigt, dass sie nicht fähig sind, den
Beschäftigten bei Opel eine sichere Zukunft zu bieten. Darum gehört der
Konzern dauerhaft in Staatshand. Dies darf jedoch nicht heißen, dass
Kanzlerin Merkel und Guido Westerwelle künftig die Kontrolle über
Belegschaft und Produktion haben. Die Betriebe müssen unter der
demokratischen Kontrolle und Verwaltung von Belegschaftsvertretern,
gewählten GewerkschaftsvertreterInnen und der Allgemeinheit stehen.
Außerdem muss die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich radikal verkürzt
werden, um Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. Dieser Kampf
muss damit einhergehen, auch in anderen Unternehmen und Branchen für die
Überführung in öffentliches Eigentum einzutreten. Nötig ist ein Bruch
mit dem kapitalistischen System, damit nicht mehr die Profite der
Kapitalisten, sondern die Bedürfnisse von Mensch und Natur im
Vordergrund stehen.
Umstellung der Produktion
Die Krise von Opel und die Krise der Weltwirtschaft sind kein Zufall.
Ihre Ursachen liegen im Profitsystem. Aber was ist die Alternative?
von Sönke Schröder, Essen
Seit Jahren werden deutlich mehr Autos hergestellt, als verkauft werden
können. Jeder Konzern versuchte, seine Marktposition zu stärken, riesige
Überkapazitäten wurden geschaffen. Nicht zum ersten Mal. Wie sagte schon
der frühere BMW-Chef Eberhard von Kuenheim: „Es gibt zu viele Autos,
aber es gibt zu wenig BMWs.“
Krise aus Überfluss
Wenn im Mittelalter ein trockener Sommer oder eine Insektenplage die
Ernte ruinierte, kam es zu Hungersnöten, also zu Krisen, die aus Mangel
entstanden. Wenn heute die Bänder stillstehen, dann ist das keine Krise,
die aus Mangel entstanden ist. Die Kapitalisten sind gezwungen, Fabriken
zu schließen, um ihre Profitkrise zu lösen.
Sinnvolle Produktion
Das Krisenchaos hat seine Ursache im Marktchaos mit seinem Profitzwang
und seiner Konkurrenz. Darum gehört die Wirtschaft der Herrschaft der
Kapitalisten entzogen. Eine demokratisch geplante Wirtschaft würde es
ermöglichen, die Produktion radikal umzustellen.
Bei Opel beispielsweise könnten die Maschinen genutzt werden, um
ökologisch sinnvolle öffentliche Verkehrsmittel zu bauen. Busse und
Straßenbahnen, die genügend Platz und Komfort bieten, häufig und in
einem gut ausgebauten Streckennetz fahren, würden das Auto überflüssig
und das Reisen angenehmer machen. Aber auch komplett andere Produkte
könnten hergestellt werden. In der Wochenzeitung vom 26. Februar schrieb
Tom Adler, IG-Metall-Betriebsrat der „Alternative“ im Daimler Werk
Stuttgart-Untertürkheim: „Einen Rohstoff gibt es allerdings, der im
Überfluss vorhanden ist: das Wissen der FacharbeiterInnen im Autobau und
die Kreativität von Zehn-tausenden in den Entwicklungsbereichen.“ n
Der Filmemacher Michael Moore über Konversion
„GM kann man nur retten, indem man GM tötet. Die Rettung unserer
wertvollen industriellen Infrastruktur ist eine andere Geschichte und
hat oberste Priorität.
Wenn wir es zulassen, dass unsere Autofabriken geschlossen und
abgerissen werden, dann werden wir einst innigst wünschen, sie noch zu
haben, wenn wir erkennen, dass diese Fabriken die alternativen
Energiesysteme hätten bauen können, derer wir dringend bedürfen.
Und wenn wir erkennen, dass der beste Weg, uns von A nach B zu
befördern, leichte Schienenfahrzeuge und Schnellzüge und sauberere Busse
sind, wie können wir das bewältigen, wenn wir zuvor zugelassen haben,
dass unsere Industriekapazitäten und die qualifizierte Arbeiterschaft
verschwinden?
Innerhalb weniger Monate stoppte GM in Flint im Jahre 1942 die
Autoherstellung und begann aus dem Stand heraus, an den Fließbändern
Flugzeuge herzustellen, Panzer und Maschinengewehre. (...) Jetzt müssen
wir unsere Autofabriken sofort in Fabriken für Massentransportfahrzeuge
und alternative Energieerzeuger umfunktionieren“ (1. Juni 2009).
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