Iran: Demokratie durch Sozialismus
[Druckversion] Thema: Protestbewegung im Iran, Asien, veröffentlicht: 08.11.2009
Interview mit einer Studentenführerin
Parisa Nasrabadi ist Mitglied der Sozialistischen StudentInnen im Iran,
einer Gruppe, die tausende von StudentInnen in den Kampf führte. Sie
veröffentlichen eine konspirative Tageszeitung, „Die Straße“. Mit ihr
sprach Kristopher Lundberg (CWI Schweden).
„Die Menschen sind aufgewacht“
„Nach den Präsidentschaftswahlen sah sich das iranische Regime mit
einer Massenbewegung konfrontiert, die es nicht erwartet hatte. In
dieser Bewegung zeigte sich plötzlich die Wut, die während der letzten
dreißig Jahre unter der Oberfläche brodelte. Der „reformistische“ Flügel
des Regimes, der die Wahlen „verlor“, war ebenfalls vom Auftauchen
dieser Bewegung überrascht. Sie fanden sich ungewollt als
Gallionsfiguren einer Bewegung wieder, die sie nicht kontrollieren
konnten.“
Parisa sagte, dass die ersten Menschen, die auf die Straße gingen aus
der Mittelschicht waren. Dennoch wuchsen die Proteste schnell an und
schlossen alle Schichten der Gesellschaft ein.
„StudentInnen, ArbeiterInnen, Frauen, die sozialen Bewegungen und
LGBT-AktivistInnen (LGBT – lesbian, gay, bisexual, transgender,
Bezeichnung der Schwulen- und Lesbenbewegung in größtenteils
englischsprachigen Ländern, Anm. d. Übers.) wurden in die Bewegung
einbezogen. Es entwickelte sich eine rasante Radikalisierung und die
Bewegung wurde viel mehr als ein reiner Aufstand gegen Wahlbetrug. Es
war eine Bewegung gegen das gesamte Regime und seine Diktatur,“ sagte
sie.
„Mussawi und die "Reformisten" wurden in die Mitte der Massenbewegung
gefangen und hatten keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Wir
SozialistInnen distanzierten uns aber zu jeder Zeit von ihnen. Sie boten
keine Alternative, sie sind Teil dieses Regimes. Sie haben keine
Lösungen angesichts der Situation der ArbeiterInnen, Frauen,
StudentInnen und anderer unterdrückter Menschen. Sie haben auch keine
alternativen ökonomischen Konzepte.
Ein Ergebnis der Kämpfe was, dass die Bewegung realisierte, dass sie
weitermachen muss und dass Mussawi und andere "Reformisten" keine Lösung
anbieten, sondern nur als "Symbole" gegen das Regime genutzt wurden.
Der heutige Kampf im Iran ist an einem sensiblen Punkt. Er muss neue
Schritte unternehmen, um vorwärts zu kommen. Heute spielen die
StudentInnen eine wichtige Rolle in der Radikalisierung der Bewegung.
Die Studierendenbewegung hat eine radikale Tradition im Iran und ist ein
Teil der Jugendbewegung, die die Speerspitze der Kämpfe für die Rechte
der Frauen und anderer unterdrückter Menschen ist. Die Mehrheit der
iranischen Bevölkerung ist unter 30 Jahre alt.
Es ist eine gefährliche Situation für alle, aber die Kämpfe sind
notwendig. Ein wichtiger Unterschied zu vorher ist, dass Menschen trotz
der Repressionen ihre Angst vor dem Regime verloren haben. Eines ist
gewiss, sie werden niemals die Möglichkeit haben, die Uhr auf den
Zeitpunkt vor den Wahlen zurück zu drehen. Die Menschen sind aufgewacht.“
Parisa erzählt uns mit großen Selbstvertrauen von der Alternative, die
sie zu der dreißig Jahre währenden Diktatur sieht, unter der sie ihr
ganzes Leben lebte.
„Die Veränderung der Zukunft liegt in der Selbstorganisation der
Arbeiterklasse. ArbeiterInnen haben an der Massenbewegung teilgenommen,
jedoch nicht als eine organisierte Klasse. Wir versuchen, die
Arbeiterklasse dazu zu bringen, eine größere Rolle in der Bewegung zu
spielen.
Es gab Streiks und Proteste der ArbeiterInnen. Dennoch fanden sie in
einer Form von isolierten Aktionen an verschiedenen Arbeitsplätzen
statt. Ein gemeinsamer Kampf ist notwendig.“
Sie erklärt, dass heute ein großer Unterschied zu vorher besteht.
„Als ArbeiterInnen im Iran größtenteils befristete Jobs hatten,
entschieden sie sich in vielen Fällen gegen einen Streik. Nun haben wir
eine völlig andere Situation, in der ArbeiterInnen über einen Zeitraum
von mehreren Monaten nicht bezahlt wurden und deshalb spüren, dass sie
keine andere Wahl haben, als zu kämpfen.
SozialistInnen sind nicht die einzigen, wenn es darum geht, zu
verstehen, dass die Arbeiterklasse diejenige ist, die die Macht hat, die
Gesellschaft grundlegend zu verändern. Das Regime selbst weiß das und
das ist der Grund für die brutalen Repressionen gegen ArbeiterInnen, die
sich im Kampf befinden. Heute mangelt es ArbeiterInnen an einer
selbstständigen Klassenorganisation. Sie haben keine Massenpartei und
keine wirklichen Gewerkschaften. Darum kam die Bewegung nicht weiter
voran."
Parisa bringt ein, dass eine der Schwächen der Bewegung die Tatsache
ist, dass die Arbeiterklasse nicht als gesamte Klasse teilnahm.
„Darum investierten wir StudentInnen eine Menge Zeit darin,
Verbindungen zwischen ArbeiterInnen und StudentInnen herzustellen. Die
ArbeiterInnen müssen nicht nur in die Bewegung integriert werden, sie
müssen an der Spitze stehen.“
Sie ist überzeugt, dass die Arbeiterklasse in der Zukunft in großem Maße
voranschreiten wird. Der jüngste Ölarbeiterstreik war ein
radikalisierender Faktor. Heutzutage gibt es im Iran alle fünf Tage
einen Streik.
Sie erklärt, dass die Arbeiterklasse in den Kampf treten wird, denn sie
wird nicht nur von der staatlichen Repression getroffen, sondern auch
von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Sie stellt die schreckliche
Situation dar, in der sich die ArbeiterInnen befinden.
„ArbeiterInnen leben unter unmenschlichen Bedingungen. Sie sind Armut
ausgesetzt, haben schlechte Arbeitsbedingungen, brauchen zwei oder drei
Jobs – und haben immer noch keine Garantie, dass sie ihren Lohn
bekommen. Die Worte von Karl Marx trafen niemals mehr zu: ,Die
Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten.´
Das iranische Regime benutzt Propaganda gegen den westlichen
Imperialismus, um die Bewegung niederzuschlagen. Trotzdem durchschauen
die Menschen ihre hohlen Phrasen.
Die wirtschaftliche und politische Krise des Iran führte zu einem
Punkt, an dem die Propaganda des Regimes keinen Effekt mehr hat.
Ich habe Schwierigkeiten, zu sehen, wie die USA mit einer Invasion im
Iran Erfolg haben könnte. Es würde nicht so einfach sein, wie in dem
Moment, als sie in Afghanistan oder in den Irak eindrangen. Es sind
nicht die selben Vorbedingungen. Die iranische Bevölkerung hat gesehen,
was es für die Menschen in diesen Ländern bedeutete. Nebenher gibt es
eine Reihe von Verbindungen zwischen beiden Seiten, dem Iran und dem
Westen. Sie haben Handelsbeziehungen zu einander, aber auf Grund der
Propagandaschlacht will das keiner zugeben.“
Parisa ist sich sicher, was die Verzweiflung des iranischen Volkes
beseitigen kann.
„Der Kampf für Demokratie ist ein Kampf für Sozialismus. Ich glaube
nicht, dass wir Demokratie durch sozialdemokratische Führer oder andere
Reformisten bekommen werden. Sie haben uns in unserem Kampf um Freiheit
und soziale Gerechtigkeit nichts anzubieten."
Parisa zeigt ihre Sicht auf die Zukunft, beeinflusst durch die Theorie
der permanenten Revolution des russischen Revolutionärs Leo Trotzki.
„Die Zukunft des Iran ist für den gesamten Mittleren Osten wichtig.
Der Iran ist wie eine imperialistische Macht in dieser Region. Er
unterstützt islamistische Gruppen wie Hisbollah oder Hamas. Aber der
Iran wird in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen. Die ganze
Region würde sich verändern, wenn der Sozialismus siegreich im Iran ist.
Ein Sieg würde schnell auf die anderen Länder dieser Region übergreifen.
Der Mittlere Osten wird sich fundamental auf Grund der Ereignisse im
Iran verändern.“
Parisa sieht einen neuen Iran und eine neue Art der Organisation.
„Die traditionelle Linke ist zerschlagen und hat große Fehler
gemacht. Die stalinistische Tudeh-Partei unterstützt Mussawi und auch
Hisbollah und Hamas. Sie haben ihre Verbindungen zum Volk zerstört.
Andere Gruppen sind sektiererisch und stehen an der Seite der Bewegung,
aber sie sind vollkommen isoliert,“ erklärt Parisa.
„Innerhalb der Jugend befinden sich Diskussionen in einem völlig
anderen Stadium. Sozialistische StudentInnen und die Jugendlichen, die
wir in der Bewegung organisieren, sind nicht sektiererisch. Wir sind
aber auch keine Opportunisten. Wir stehen für Sozialismus ein, geben
aber nicht jeder kleinen Partei, die im Iran existiert, unsere
Unterstützung."
Trotzkistische Ideen sind an den Universitäten und unter
StudentInnengruppen, die sich im Geheimen treffen, bekannt.
„Wir stellen fest, dass das, was notwendig ist, eine sozialistische
Partei ist, eine revolutionäre ArbeiterInnenpartei. Eine
fortschrittliche Partei, die ihre Wurzeln in der Arbeiterklasse, in der
StudentInnenbewegung und den sozialen Bewegungen hat. Das kann nur durch
das Eingreifen von SozialistInnen in die Bewegung und unter ihrer
Führung erreicht werden. Letztendlich kommt es auf die Aktionen der
Arbeiterklasse an. Heute gibt es enorme Möglichkeiten für
SozialistInnen, die Unterstützung auszubauen. Wir wollen eine mächtige
sozialistische Bewegung aufbauen, für einen sozialistischen Iran,
international verbunden mit den Kämpfen für Sozialismus.“
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