Afghanistan – Chronik eines Desasters
[Druckversion] Thema: Krieg, Naher Osten, Solidarität - Sozialistische Zeitung Nr. 82, veröffentlicht: 07.09.2009
US-Aufrüstung von al Qaida jährt sich zum 30. Mal
„Ich sehe keinen Grund, jetzt aufzugeben und zu sagen: Es tut mir leid,
die über 30 deutschen Soldaten sind leider umsonst gestorben“, erklärte
SPD-Fraktionschef Peter Struck, der als Verteidigungsminister die
Bundeswehr nach Afghanistan führte. Mit anderen Worten: Es müssen
weitere Soldaten sterben, weil schon zu viele gestorben sind; es müssen
weitere Soldaten sterben, weil sonst Peter Struck einen Fehler
eingestehen müsste; weil sonst die NATO ihre „Glaubwürdigkeit“ verlieren
würde, weil sonst die größte Militärmacht der Erde „gedemütigt“ würde.
Wie konnte es soweit kommen? Wie konnten die westlichen Mächte in eine
Falle tappen, die sie selbst gestellt haben?
von Philipp Lührs, Düsseldorf
Im August 1978 verfügte der „Revolutionsrat“ von Afghanistan die
Verteilung des Landes der Feudalherren an die Bauern und die Streichung
ihrer Schulden und Hypotheken. Neben jenen Wirtschafts-Reformen wurden
in Afghanistan Ende der siebziger Jahre die Trennung von Staat und
Religion, die allgemeine Schulpflicht und – zumindest auf dem Papier –
die Gleichberechtigung von Mann und Frau beschlossen. Nir-gendwo
verliefen solche gesellschaftlichen Umbrüche ohne Widerstände,
Rückschläge und Gewalt.
Allerdings wurde die afghanische Umgestaltung nur durch eine Clique von
Putschisten getragen, die vollständig von der todkranken bürokratischen
Kaste der Sowjetunion abhing. So waren die Ereignisse 1978 von Beginn an
ein bürokratisches Zerrbild einer Revolution: Ihre Errungenschaften
wurden nicht von der Bevölkerung erkämpft, sie wurden diktiert.
Dr. Frankensteins Monster
Die USA und Pakistan sammelten damals die Anhänger des Mittelalters, die
im zwangsmodernisierten Afghanistan keinen Platz hatten: Die enteigneten
Feudalherren und ihre unzufriedenen Stammeskrieger, antikommunistische
Mullahs und ihre fanatischen Schüler. Sie rüsteten die Mudschaheddin auf
und stellten ihnen 40.000 Söldner aus der gesamten muslimischen Welt zur
Seite. Unter ihnen: Osama bin Laden und seine Söldnertruppe al Qaida.
Im Gegenzug marschierte die Rote Armee vor dreißig Jahren am Hindukusch
ein, um das wankende pro-sowjetische Regime zu stabilisieren. Nach zehn
Jahren Krieg und einer Million Toten zog sie geschlagen ab. Sie
hinterließ 1989 ein zerstörtes Land, in dem ihre Gegner untereinander um
die Macht kämpften, wie Hunde um einen Knochen.
Die westlichen Imperialisten waren zufrieden, die Investition in den
islamischen Terrorismus schien sich ausgezahlt zu haben. CWI-Mitglieder
schrieben in ihrer damaligen britischen Zeitung Militant: „In den
Mudschaheddin hat sich der Imperialismus ein Monster geschaffen.“
Die Tragödie wiederholt sich
Doch erst, nachdem dieses Monster weitere zwölf Jahre lang in
Afghanistan gewütet hatte (die Taliban waren in der Zwischenzeit zur
dominanten Fraktion geworden und hatten 1996 Kabul eingenommen),
dämmerte den bürgerlichen „Politik-Experten“ der New York Times, dass
bei dem Experiment etwas schiefgelaufen war: Das Monster hatte sich
gegen seinen Schöpfer gewendet. Die New York Times nannte als Grund „die
unmoralische, skrupellose und unreligiöse Ausbeutung des Islam als eine
politische Waffe – durch jeden. Der Westen, die USA, arabische und
andere muslimische Tyranneien haben alle diese Waffe des Islam benutzt.
Und alle zahlen nun einen unterschiedlichen Preis dafür.“ Den höchsten
Preis zahlen bis heute die afghanischen Zivilisten, die bei der New York
Times freilich unter den Tisch fallen.
Seit acht Jahren experimentieren nun die NATO-Staaten mit Afghanistan:
In einem Land, dessen einziges Exportprodukt Opium ist, sollen
Demokratie und Menschenrechte auf feudalagrarischer Grundlage gedeihen –
verwaltet durch die als Provinzgouverneure firmierenden Warlords und
eine Marionettenregierung, die keinerlei eigene Einnahmen hat!
Die Tragödie wiederholt sich als blutige Farce. Den vorläufigen
Höhepunkt dieser Farce bildeten die Wahlen im August. Bevor eine einzige
Stimme ausgezählt war, erklärte sich der amtierende
Präsidentendarsteller Hamid Karzai zum Sieger.
|