Militante Arbeiterkämpfe nehmen zu
[Druckversion] Thema: Asien, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 10.08.2009
Aus Verzweiflung über die Folgen der Weltwirtschaftskrise greifen die
ArbeiterInnen überall in der Welt zu immer härteren Mitteln.
von Ronald Luther, Berlin
Anders als in Europa stehen ArbeiterInnen in der restlichen Welt nach
ihrer Entlassung zum Großteil ohne jede soziale Absicherung da. Werden
Betriebe geschlossen oder ArbeiterInnen entlassen, dann landen die
meisten von ihnen mitsamt ihren Familien in bitterste Armut oder sogar
in Obdachlosigkeit. Für sie gibt es kein Arbeitslosengeld, keine
Kurzarbeiterregelung und keine Auffanggesellschaften. Mit dem Rücken an
der Wand greifen deshalb die ArbeiterInnen zu immer härteren Mitteln.
Hier zwei Beispiele für Kämpfe der Arbeiterklasse.
Arbeiteraufstand erschüttert China
Immer wieder wird China von Unruhen, Streiks und spontanen
Demonstrationen erschüttert. Besonders in den chinesischen
Nordost-Provinzen kam es in der Vergangenheit immer wieder zu sozialen
Unruhen. Unabhängige Interessensvertretungen entstanden, deren Führer
von der chinesischen Regierung allerdings meist sehr schnell ins
Gefängnis gesteckt wurden, so dass bisher eine weitergehende und bessere
Organisierung der chinesischen Arbeiterklasse verhindert werden konnte.
Das erklärt auch die Eskalation, die der jüngste Arbeiteraufstand in der
Nordost-Provinz Jilin erfuhr.
Nachdem der Top-Manager Chen Guojun am 23.Juli auf einer
Belegschaftsversammlung verkündete, im Zuge der Übernahme der
staatlichen Stahlfirma Tonghua durch das private Stahlunternehmen
Jianlong würden 30.000 Arbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren, brach sich
die Wut unter den Stahlarbeitern ungehemmt Bahn. Nach einer kurzen
Verfolgungsjagd wurde der Top-Manager in einem Raum des Stahlbetriebes
von den wütenden Arbeitern gestellt. Anscheinend in Unkenntnis seiner
Lage provozierte der Manager die Stahlarbeiter weiter, als er diese laut
Zeugenaussagen im Hongkonger Magazin Yazhou Zhoukan anschrie: „Auch wenn
ich nur noch einen Atemzug in mir behalte, seid ihr morgen alle
gefeuert“. Daraufhin erschlugen ihn die wütenden Arbeiter kurzerhand.
Anschließend lieferten sich die Stahlarbeiter stundenlange Kämpfe mit
der chinesischen Polizei, die dem Manager zur Hilfe kommen wollte.
Besonders wütend machte die Stahlarbeiter, das ein Rentner nach
jahrzehntelanger Knochenarbeit am Hochofen nur 200 Yuan (etwa 20 Euro)
im Monat erhält, während ein Manager bei Jianlong im Jahre 2008 bis zu
drei Millionen Yuan (300 000 Euro) bekam. Wütend machte die Arbeiter
aber auch das Missmanagment sowie die Mauscheleien und die Korruption
zwischen den Managern und staatlichen Stellen beim
Privatisierungsvorgang. Daraufhin wurde die Privatisierung
sicherheitshalber erst mal „vertagt“.
Da es ArbeiterInnen in China verboten ist, sich unabhängig
gewerkschaftlich und politisch zu organisieren, ist es für sie auch
schwierig oder unmöglich, sich bessere Arbeits- und Lebensbedingungen
oder höhere Löhne zu erkämpfen. Während in China eine Minderheit immer
reicher wird, verschlechtert sich die sowieso schon katastrophale Lage
für die Masse der Arbeiterklasse und BäuerInnen durch die
Weltwirtschaftskrise immer mehr. Viele ArbeiterInnen und BäuerInnen
sehen dann keinen Ausweg mehr und greifen zu Mitteln, die letztendlich
ihre Lage auch nicht verbessern. Sobald der chinesische Staat die
Kontrolle zurückgewonnen und die „Rädelsführer“ verhaftet hat, wird es
einen erneuten Versuch der Privatisierung geben. Auch lässt sich ein
Manager leicht ersetzen. Die chinesische Arbeiterklasse wird nicht umhin
kommen, weiterhin zu versuchen, sich unabhängige Organisationen wie
Gewerkschaften und eine Arbeiterpartei zu schaffen, um darüber den Kampf
gegen das Regime und die eigene Bourgeoisie sowie für eine
sozialistische Demokratie zu organisieren.
Filmberichte über den Arbeiteraufstand in China bei Youtube (Film
1 und
Film 2)
Heftige Kämpfe zwischen ArbeiterInnen und Polizei in Südkorea
Als im Zuge der Insolvenz der chinesischen Shanghai Automotive Industry
Corporation (SAIC) der von SAIC abhängige südkoreanische Autokonzern
Ssangyong Motor die Entlassung von fast der Hälfte der noch 7.179
Automobilarbeitern ankündigte, traten etwa 1.000 von ihnen am 27.Mai
2009 in den Streik. Wenige Tage später wurde die Fabrik im
südkoreanischen Pyongtaek besetzt. Trotz des Einsatzes von etwa 1.000
Streikbrechern aus der Verwaltung, von hunderten Sicherheitsleuten und
von hunderten Polizisten gelang es dem Unternehmen wochenlang nicht, die
Fabrik wieder unter ihre Kontrolle zu bekommen. Die Fabrikbesetzer
hatten sich in den Fabrikgebäuden effektiv verbarrikadiert, indem sie
zum Beispiel auf den Dächern der Fabrikgebäude Hubschraubersperren
anbrachten. Am 4.August kam es schließlich zum großen Showdown. Etwa
2.500 Polizisten der Aufstandsbekämpfungseinheiten, unterstützt durch
von der Firmenleitung gedungene Schläger, griffen die besetzte Fabrik
mit brutalsten Mitteln zu Lande und aus der Luft an. Tränengas und
neueste Elektroschockwaffen wurden von der Polizei massiv eingesetzt.
ArbeiterInnen, die in die Hände der Polizei fielen, wurden teilweise so
lange geschlagen, bis sie bewusstlos waren. Dabei schlugen die
Polizisten sogar mit Schutzschilden auf die Arbeiter ein. Die
Schlägertrupps wiederum schossen mit Steinschleudern auf die
ArbeiterInnen und überfielen brutal das Unterstützungscamp der Familien
der ArbeiterInnen. Aber auch die ArbeiterInnen wussten sich mit Stühlen,
Tischen, Molotowcocktails und Steinschleudern zu wehren. Erst nach
stundenlangen Kämpfen und nachdem die ArbeiterInnen auf nur noch ein
Fabrikgebäude zurückgedrängt waren, gaben sie nach Verhandlungen
schließlich auf. Zugesichert wurde ihnen nur, dass etwa die Hälfte der
Streikenden in unbezahlten Urlaub gehen dürfen und nach 1 Jahr geprüft
wird, ob die Situation ihre Rückkehr in die Produktion wieder zulässt.
Alle Anderen wurden entlassen.
Auch hier zeigt sich, dass der Kapitalismus der Arbeiterklasse und den
BäuerInnen keine Perspektive mehr anzubieten hat. Vielfach, so aktuell
mit den Bossnapping-Aktionen in Frankreich, kämpfen die ArbeiterInnen
nur noch um eine möglichst hohe Abfindung. Ihren Job, den sie zum
Überleben brauchen, können sie damit aber nicht retten. Es stellt sich
also für die Arbeiterklasse auf der ganzen Welt, nicht nur in China oder
Südkorea, die Aufgabe, neue Massenparteien der ArbeiterInnen zu schaffen
und organisiert den Kampf für eine sozialistische Welt ohne Hunger,
Armut und Krieg zu beginnen.
Bilder zu Südkorea:
von dem Versuch von
Streikbrechern, am 16:Juni das koreanische Werk zu stürmen
(von den koreanisch-sprachigen Webseite der Gewerkschaftsunion KCTU)
diverse Bilder von den
Kämpfen um das Autowerk
Videos zu Südkorea:
Arbeiter bereiten
sich auf die Schlacht vor
Aufstandsbekämpfungseinheiten
stürmen Dach eines Fabrikgebäudes
Aufstandsbekämpfungseinheiten
stürmen Fabrikgelände
Bilder
vom 04.August vom Sturm auf die koreanische Fabrik
Bilder
vom 05.August vom Sturm auf die koreanische Fabrik
Bilder
vom 06.August vom Sturm auf die koreanische Fabrik (incl. Nach dem
Streik)
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