Gegen das Mullah-Regime, gegen Imperialismus - für demokratische Rechte
und Sozialismus!
[Druckversion] Thema: Protestbewegung im Iran, Naher Osten, veröffentlicht: 24.07.2009
Revolutionäre Bewegung im Iran geht weiter
Auf dem morgigen internationalen Aktionstag zur Solidarität mit der
Oppositionsbewegung im Iran, wird die SAV unten stehendes Flugblatt
verteilen. Dieses kann hier
als PDF-Datei herunter geladen werden.
Nachdem millionenfach gegen die Wahlfälschung vom 12. Juni protestiert
worden war, ist die revolutionäre Krise Mitte Juli in eine neue Phase
getreten. Am Freitag, den 17. Juli, hielt Rafsandschani das
Freitagsgebet. Während sich der „geistige Führer“ Chamenei öffentlich
auf die Seite von Ahmadinedschad schlug, stärkte Rafsandschani – als
Kopf des „Expertenrates“, der den „geistigen Führer“ bestimmt -
entschiedener als zuvor Mussawi den Rücken.
Beginn einer Revolution
Die Ereignisse um den 17. Juli unterstrichen, dass im Iran ein
revolutionärer Prozess im Gange ist. Durch die herrschende Klasse geht
ein tiefer Riss. Zudem hat sich die Mittelklasse scharenweise vom Regime
abgewendet; Akademiker, Studierende, Selbstständige treten in Aktion.
Darüber hinaus sind Beschäftigte, Erwerbslose, die unterdrückten Massen
zu Hunderttausenden auf den Beinen – und bereit, der Staatsgewalt die
Stirn zu bieten.
Am 22. Juli berichtete Human Rights Watch über die Lage der politischen
Gefangenen im Evin-Gefängnis: Sicherheitskräfte versuchen aus Häftlingen
gewaltsam „Geständnisse“ herauszupressen, viele der über 2.000
Inhaftierten haben seit Wochen keinen Anwalt oder Angehörige zu Gesicht
bekommen. Trotz verschärfter Repression, trotz Hunderten von
Todesopfern, trotz Tausenden von Verletzten demonstrierten im Anschluss
an das Freitagsgebet vor einer Woche in Teheran erneut weit mehr als
100.000 Menschen!
Noch hat die Erhebung im Iran allerdings überwiegend den Charakter eines
Volksaufstands. Die Arbeiterklasse hat der Bewegung bislang nicht ihren
Stempel aufgedrückt. Dabei sind es die Lohnabhängigen, die den Reichtum
des Landes geschaffen haben, nicht zuletzt die Ölmilliarden, auf die
sich die Herrschenden in den letzten Jahren stützen konnten. Welche
Kraft die arbeitende Bevölkerung entfalten kann, bewies sie vor dreißig
Jahren: mehr als die Großdemonstrationen war seinerzeit die Streikwelle
in den Betrieben ausschlaggebend, die Schah-Diktatur aus den Angeln zu
heben.
Mussawi + Rafsandschani = Bündnispartner?
Unter den DemonstrantInnen sind vor allem Jugendliche, darunter viele
Frauen. Sie haben es satt, gegängelt, schikaniert und unterdrückt zu
werden. Dass mit der Ehefrau Mussawis, der Künstlerin Zahra Rahnavard,
eine Frau auf Wahlveranstaltungen ihre Stimme erhob, war für viele junge
Frauen besonders wichtig.
Protestiert wird aber nicht nur gegen die anhaltende Repression. Mit den
Massenprotesten entlädt sich auch die jahrelang aufgestaute Wut über
Ausbeutung und Armut, über eine Arbeitslosenquote von bis zu 20 Prozent
und einer Inflation von 30 Prozent.
Die Beseitigung von Niedriglöhnen und Massenarbeitslosigkeit wird mit
einem Rafsandschani, dem reichsten Mann des Landes, und mit anderen
Kapitalisten aus dem „Reformlager“ nicht zu machen sein. Aber auch für
umfassende demokratische Rechte sind Rafsandschani und Co. keine
Garanten. So sind Rafsandschani, Mussawi und Chatami nicht nur fest
verankert im bestehenden Herrschaftssystem, sondern standen allesamt
schon Regierungen vor – ohne dass wirkliche Meinungs-, Versammlungs-
oder Organisationsfreiheit erreicht wurden. Unter Mussawi kam es während
des irakisch-iranischen Krieges von 1980 bis 1988 zur brutalen
Verfolgung Oppositioneller. Und auch der mit vielen Hoffnungen
verbundene „Reformer“ Chatami schaute weg, als die Studierendenrevolte
vor genau zehn Jahren zusammengeknüppelt wurde.
Wenn sich Teile der islamistisch-kapitalistischen Klasse heute gegen
Ahmadinedschad stellen, dann deshalb, weil sie sich von einem
Kurswechsel bessere Wirtschafts- und Handelsbedingungen international
versprechen und damit auf günstigere Profitaussichten hoffen. Zudem
kalkulieren sie, dass mit der Politik von Ahmadinedschad – der seine
erste Legislaturperiode nutzte, um seinen Einfluss im Staatsapparat
auszuweiten – nur Öl ins Feuer geschüttet wird. Anstatt die Massen
weiter zu provozieren, bauen sie darauf, mittels Zugeständnissen der
Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen und die – auch für sie selber
bedrohliche – Bewegung von unten in den Griff zu bekommen. Mussawi
musste vor einem Monat allerdings die Erfahrung machen, dass sein Ruf,
zu Hause zu bleiben, ungehört verhallte.
Kein Vertrauen in die Kräfte des Imperialismus
Die westlichen Medien äußern sich scheinbar kritisch gegenüber dem
heutigen iranischen Regime. Während sie über die Repressalien von
Polizei, Armee oder Basidsch-Milizen berichten, schweigen sie sich
gegenüber anderen Diktaturen in der Region, wie Saudi-Arabien,
weitgehend aus. Der Grund für diese unterschiedlichen Vorgehensweisen
ist unschwer zu erkennen. Mit dem einen Regime lassen sich gut Geschäfte
machen (dann schaut man auch mal weg, wenn Frauen in Riad gesteinigt
werden), das andere Regime ist ein Unsicherheitsherd und sucht den
Schulterschluss mit den Kontrahenten Russland und China.
Gegenüber dem islamischen Fundamentalismus nimmt der Westen auch keine
prinzipielle, sondern eine taktische Haltung ein. Während für Washington
und andere in den letzten Jahren alles angeblich im Zeichen vom „Krieg
gegen den Terror“ stand, griffen sie Islamisten auch immer wieder mal
unter die Arme. So übertrugen BBC und Deutsche Welle 1979 die Reden von
Khomeini, so flog Air France den Ajatollah aus dem Exil in den Iran ein.
Damals war ihre Angst vor einer sozialistischen Revolution und dem
Aufbau einer Arbeiterdemokratie so groß, dass sie hofften, Khomeini
könnte die Bewegung wieder in geordnete Bahnen lenken und Kapitalismus
und Großgrundbesitz retten. - Wenn sich Merkel und Obama heute besorgt
äußern, dann gilt auch in diesen Wochen ihre Hauptsorge einer Revolution
von unten, die weltweit Ausstrahlungskraft erlangt.
Auch Institutionen wie die UN sind alles andere als neutral; vielmehr
ergibt der Zusammenschluss kapitalistischer Staaten keinen
Wohltätigkeitsverein, sondern ein Gremium, das kapitalistische Ziele
verfolgt – und – wie im US-Krieg gegen den Irak unter Bush senior 1991 –
auch Kriege sanktioniert.
Internationale Solidarität
Um der Bewegung im Iran den Rücken zu stärken, dürfen wir nicht auf
Merkel oder UN setzen. Nötig ist es, die Ursachen für die Proteste und
die eigentlichen Geschehnisse bekannt zu machen. Es gilt, über
Perspektiven und Programm für den Kampf der iranischen Jugendlichen,
ArbeiterInnen und verarmten Bauern zu diskutieren. Außerdem müssen wir
Ansätze von unten, zum Beispiel für unabhängige Gewerkschaften, aktiv
unterstützen. Dafür müssen in Deutschland auch die Gewerkschaften und
die Partei DIE LINKE in die Pflicht genommen werden.
Arbeiterorganisationen und Vernetzung von unten
Vor dreißig Jahren haben die Fedayn (Mehrheit) und die Moskautreue
Kommunistische Partei Tudeh im Iran einen tragischen Fehler begangen.
Sie schlugen sich damals auf die Seite von Khomeini – um kurz darauf,
nach dem sich die Bewegung erschöpft hatte und das Ajatollah-Regime fest
im Sattel saß, selbst Opfer von Repression und Verfolgung im neuen
„Gottesstaat“ zu werden. Die Fedayin und Tudeh hatten eines nicht
verstanden: Um sicherzustellen, dass nicht ein repressives Regime durch
ein anderes abgelöst wird, braucht es Eigeninitiative und
Selbstorganisation von unten.
1979 gab es sogar Rätestrukturen in den Betrieben, die monatelang die
Produktion bestimmten. Heute bedarf es erneut eigener Strukturen –
unabhängig von Staat, Klerus und Kapital; Strukturen zur
Selbstverteidigung und zur Selbstorganisation der Betriebe, der
Stadtteile, der Universitäten etc. Aber anders als vor dreißig Jahren
müssen diese unabhängigen Komitees heute stadt- und landesweit
koordiniert werden. Damit könnte der Grundstein zur Schaffung einer
Arbeiter- und Bauern-Regierung gelegt werden.
In den letzten fünf Jahren hat sich die Arbeiterklasse – mit den Streiks
von LehrerInnen und Textilarbeitern, mit den Arbeitsniederlegungen beim
Autowerk Iran Khodro und beim Teheraner Busbetrieb - verstärkt zu Wort
gemeldet. Der Aufbau von Arbeiterorganisationen wie der Gewerkschaft der
Busfahrer und einer eigenen politischen Interessenvertretung mit einem
antikapitalistischen und sozialistischen Programm ist das Gebot der
Stunde.
Das Ahmadinedschad-Regime hat enorm an Legitimation und
Mobilisierungskraft verloren. Aber es wird nicht von selbst
zusammenbrechen. Und es werden nicht die Mussawis sein, auf die wir
bauen können. Darum müssen die ArbeiterInnen und verarmten Bauern ihr
Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Der Kampf für demokratische
Rechte muss aber mit dem Kampf zum Sturz der Kapitaleigner und
Feudalherren verbunden werden. Auf Basis einer demokratisch geplanten
Wirtschaft können Bildung, Arbeit und gute Einkommen für alle erreicht
werden. Eine sozialistische Demokratie im Iran wäre der Startschuss für
eine radikale Veränderung der Gesellschafts- und Machtverhältnisse
global!
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