Debatte: Planwirtschaft als Alternative?
[Druckversion] Thema: Sozialismustage, Solidarität - Sozialistische Zeitung · Nr. 76, Marxismus, Debatte, veröffentlicht: 01.03.2009
Debatte über Planwirtschaft auf den Sozialismus-Tagen 2009
Auf den diesjährigen Sozialismus-Tagen vom 10. bis 12. April in Berlin
wird es auch eine Diskussion über Alternativen zur kapitalistischen
Wirtschaftsordnung geben. Die Veranstaltung findet unter der
Fragestellung „Demokratische Planwirtschaft als Alternative zum
Kapitalismus?“ statt. Mit Elmar Altvater (angefragt) und Lynn Walsh,
Mitglied vom internationalen Vorstand des CWI (Komitee für eine
Arbeiterinternationale).
Elmar Altvater
emeritierter Professor der FU Berlin, Mitglied der
LINKEN-Programmkommission, unter anderem Autor von „Das Ende des
Kapitalismus, wie wir ihn kennen“ (Westfälisches Dampfboot, 2007):
Eine antikapitalistische Ökonomie erfindet man nicht, sie entsteht in
sozialen Kämpfen. Daran sind, sofern sie Erfolge zeitigen sollen, sehr
viele Menschen beteiligt – mit all ihren Utopien, Sehnsüchten,
intellektuellen Streitigkeiten, Hoffnungen und Frustrationen, aber auch
mit ihrer Experimentierfreude. In diesen Auseinandersetzungen zeigt sich
dann, wie alternative Formen der gesellschaftlichen Organisation des
Wirtschaftens und der gesellschaftlichen Kommunikation gefunden werden
können.
Selbstverständlich werden dabei historische Erfahrungen berücksichtigt
werden müssen. Dazu gehören auch die Erfahrungen mit der Planung im
„real existierenden Sozialismus“.
Auch kapitalistische Unternehmen planen. Das ist Planung im Interesse
des Kapitals, nicht zur Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung.
Spätestens die Finanzkrise und die dadurch ausgelöste Wirtschaftskrise
zeigen, wie zerstörerisch und wie ineffizient die kapitalistische
Planung der transnational operierenden Konzerne ist. Denn in der
Marktwirtschaft treten makroökonomische Einheiten in einen
geldvermittelten Austausch. Für das Resultat des Marktmechanismus kann
niemand verantwortlich gemacht werden.
Ein Problem der Planwirtschaft besteht hingegen darin, dass man nur
unzulänglich mit den Bedürfnissen der Menschen kalkulieren kann. Es wäre
viel zu kompliziert, sie zu erheben, viel zu kompliziert, sie abzuwägen
und viel zu autoritär, die Richtungen der Entwicklung zu bestimmen. Ergo
kann die Planung nur eine Rahmenplanung sein. Planung ist also nicht
obligatorisch, sondern indikativ. Sie kann daher auch nicht vollständig
an die Stelle des Marktes treten. Dieser muss weiterhin genutzt werden,
um die individuelle Befriedigung von Bedürfnissen in angemessener Zeit
zu ermöglichen.
Das „Wertgesetz“ der Warenproduktion und zentrale, indikative Planung
sind durchaus verträglich. Das „Wertgesetz“ kann nur aufgehoben werden
in einer Welt der Überschussproduktion. Doch geraten wir an dieser
Stelle sofort in Konflikt mit einem Grundprinzip eines „modernen
Sozialismus des 21. Jahrhunderts“: mit der ökologischen Nachhaltigkeit.
Überschussproduktion darf nicht auf Kosten der Natur und damit auf
Kosten der nachfolgenden Generationen erfolgen.
Apropos Natur: In der Natur gibt es keine zentral geplanten Prozesse,
sondern nur spontane Abläufe. Das wichtigste Prinzip der Evolution ist
das der Redundanz, daher auch der Fehlerfreundlichkeit. Der Blick in die
natürlichen Abläufe öffnet die Perspektive in eine Welt der Vielfalt,
wie sie auch in gesellschaftlichen Prozessen existieren kann.
Auch in einer anderen ökonomischen Ordnung wird es Planung geben, schon
weil global agierende Unternehmen gar nicht anders können (und dürfen),
als gemäß vertretbarer Regeln ihr ökonomisches Handeln zu planen.
Gleichzeitig gibt es viele kleine Einheiten in vielen Weltregionen,
denen man zwar einen gemeinsamen Namen geben kann – etwa den der
„solidarischen Ökonomie“ –, die aber dennoch höchst verschieden sind und
sich in ein System globaler Planung nicht integrieren lassen würden. Zu
Recht, denn dieses würde die solidarisch-genossenschaftlichen und
demokratischen Organisationsformen der Wirtschaft wegen seines zentralen
und zentralisierenden Charakters erschweren oder gar unterbinden.
Man kann es auch anders ausdrücken: Planung war etwas für das
fordistische System der großen Industrie. Planung wird von den großen
transnationalen Konzernen auch heute angewandt, um ihre Macht zu
steigern. Für eine Vielzahl von vernetzten, kleineren und mittleren
Unternehmen in genossenschaftlicher Organisation ist zentrale Planung
ungeeignet, die immer die Gefahr in sich trägt, dass der Staat als das
Subjekt zentraler Planung eine autoritäre Ordnung erzwingt, noch dazu
auf globaler Ebene.
Ein demokratischer Staat im globalen Raum kann nur im Plural existieren.
Zu einer indikativen Rahmenplanung müssen sich die genossenschaftlichen
Einheiten immer wieder kommunikativ verständigen.
Ob eine Planung für die gesamte Weltwirtschaft möglich und sinnvoll ist,
ist also zu bezweifeln. Die Befürchtung ist nicht unrealistisch, dass
internationale Planung einen bürokratischen Staat hervorbringt, der alle
Versuche einer wirtschaftlichen Selbstverwaltung in einer
sozialistischen Ökonomie unterbindet.
Es stellt sich folglich die Frage, ob nicht eine solidarische,
genossenschaftliche Ökonomie, die sich einen politischen Rahmen gibt,
eine aussichtsreichere Variante der gesellschaftlichen Planung in der
globalisierten Wirtschaft sein kann als ein weltwirtschaftlich geplanter
Sozialismus.
Heino Berg
Mitglied im SAV-Bundesvorstand und aktiv in der Partei DIE LINKE:
Schon zu Beginn der aktuellen Krise wird der Markt als einziges
Steuerungsinstrument für die Wirtschaft sogar von den Herrschenden in
Frage gestellt. Die Ära des Neoliberalismus, in dem jeder staatliche
Eingriff verpönt war und die „Selbstheilungskräfte“ alles regeln
sollten, ist im Chaos der sogenannten „Finanzmarktkrise“ bereits
beerdigt worden. Zugleich wächst die Einsicht, dass der Raubbau an den
natürlichen Ressourcen des Planeten ein global koordiniertes Umsteuern
erfordert, zu dem die privatwirtschaftlich organisierten Nationalstaaten
und ihre Institutionen offensichtlich nicht in der Lage sind. Stehen
damit die Marxschen Perspektiven einer globalen, sozialistischen
Planwirtschaft erneut auf der Tagesordnung – oder brauchen wir bessere
Regulierungen und eine Kombination von Markt- und Planwirtschaft?
Jeder arbeitsteilige Produktionsprozess erfordert Planung und
Koordination. Das gilt für den Betrieb ebenso wie für die
Weltwirtschaft. Die heutigen Großkonzerne operieren und planen über
Ländergrenzen hinweg - aber sie tun das im Interesse des nationalen
Stammkapitals an ihrem Hauptsitz. Die Entscheidung, was und wie
produziert wird, wird im Kapitalismus allein von der Frage bestimmt,
welcher Gewinn im Verhältnis zum Konkurrenzunternehmen dabei für die
Eigentümer herausspringt. Das Bedürfnis nach Nahrungsmitteln ist für die
Planung dieser Konzerne dann uninteressant, wenn die hungernde
Bevölkerung der jeweiligen Region diese Produkte nicht kaufen kann. Das
selbe gilt für ökologische Ziele, zu denen sich die Konzerne und ihre
Regierungen zwar bekennen, die sie aber im Konkurrenzkampf um
Absatzmärkte und die billigsten Produktionsmethoden sofort wieder über
Bord werfen.
Konsumbedürfnisse der Bevölkerung werden heutzutage ebenso zuverlässig
ermittelt wie ökologische Erfordernisse. Gestützt auf die moderne
Datenverarbeitung könnten sie also die Basis für eine internationale
Rahmenplanung bilden, die dem Menschen ebenso nutzt wie der Natur – wenn
die Schlüsselbetriebe a) nicht mehr privaten, profitorientierten
Eigentümern, sondern der Gesellschaft insgesamt gehören und b) durch
demokratische Vertretungsorgane im Interesse der Beschäftigten und im
Sinne von überbetrieblichen Zielen verwaltet werden können. Dazu könnte
eine „drittelparitätische“ Beteiligung von direkten VertreterInnen der
jeweiligen Betriebe, der Gewerkschaften und der Gebietskörperschaften
sinnvoll sein.
Die Geschichte hat bewiesen, dass Verstaatlichungen allein nicht
ausreichen, um die Produktion und deren Planung an den tatsächlichen
Bedürfnissen der Gesellschaft auszurichten: Wenn die betrieblichen,
kommunalen oder gesamtstaatlichen Organe (beziehungsweise Räte) keiner
demokratischen Kontrolle unterliegen, wenn sie weder direkt gewählt,
noch rechenschaftspflichtig und jederzeit abrufbar sind, wenn die
Produzenten nicht einmal ihre Bedürfnisse frei äußern und sich für ihre
Ziele unabhängig organisieren können – wie das in der Sowjetunion unter
der Herrschaft der Bürokratie der Fall war –, dann sind Misswirtschaft
und Privilegien die zwangsläufige Folge. Die staatliche Planwirtschaft
erlaubte unter diesen Bedingungen zwar die Industrialisierung und
Fortschritte im Bildungs- und Gesundheitsbereich, musste mangels
Demokratie aber scheitern. Die Einführung von Marktmechanismen und mehr
„Eigenverantwortlichkeit“ für die verstaatlichten Betriebe in der
Sowjetunion und in Osteuropa haben ihren Niedergang nicht aufgehalten,
sondern zum Teil noch beschleunigt.
Die Arbeitszeit könnte heute mit einem Schlag stark reduziert und die
Arbeit auf alle aufgeteilt werden. Das ist eine wesentliche
Voraussetzung für eine sozialistische Demokratie. Durch eine
Arbeitszeitverkürzung von mehreren Stunden täglich würde ein enormes
Potenzial freigesetzt; die Möglichkeit wäre gegeben, sich weiterzubilden
und Aufgaben bei der Leitung der Betriebe und der Koordination der
Wirtschaft zu übernehmen.
An einer demokratischen Rahmenplanung der Weltwirtschaft, die auch
übernationale Anforderungen, zum Beispiel die ökologische
Nachhaltigkeit, berücksichtigt und eine gerechte Verteilung der
Ressourcen und Reichtümer erlaubt, müssen sich alle durch demokratisch
gewählte VertreterInnen solidarisch beteiligen können. Die vom Kapital
geschaffenen „internationalen“ Institutionen (wie G8, IWF, NATO, UN oder
EU) sind dafür nicht geeignet und müssen überwunden werden, anstatt die
Illusion zu pflegen, dass man sich ihrem Diktat und den Gesetzen des
kapitalistischen Weltmarktes durch Protektionismus oder regionale
Autonomie entziehen könnte.
Die genaue Form, in der die arbeitende Bevölkerung durch eine
sozialistische Planwirtschaft eine menschenwürdige Zukunft gestalten
wird, kann sie im Kampf gegen die Krise des Kapitalismus nur selbst
bestimmen.
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