Verrückter Kapitalismus zur Therapie auf Oskars Couch?
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung · Nr. 75 · Januar 09, "DIE LINKE.", Wirtschaft, veröffentlicht: 07.01.2009
Die Krise, DIE LINKE und die Forderung nach Regulierung der Finanzmärkte
Der Absturz in die Rezession hat kapitalismuskritische Stimmungen
unter vielen Arbeitnehmern und Jugendlichen verstärkt.
Hartgesottene Neoliberale wie George Bush oder Gordon Brown haben mit
Verstaatlichungs- und Stützungsmaßnahmen für marode Banken und Konzerne
selbst die Eigentumsfrage aufgeworfen.
von Claus Ludwig, Köln
Die Frage steht im Raum, wer die Wirtschaft in wessen Interesse
bestimmen und kontrollieren soll. Diese Vorgänge sind eine Steilvorlage
für die Partei DIE LINKE. Auf die Verwandlung der Flanke in einen
Treffer verzichtet die Partei jedoch.
Wie ist die Linkspartei aufgestellt?
Zu Recht besteht die Partei auf einem Investitionsprogramm zur Schaffung
qualifizierter, vollwertiger Jobs, auf der Einführung des Mindestlohns
und der Anhebung der Sozialleistungen. Diese Maßnahmen sind wichtig, um
die Abwälzung der Krisenfolgen auf die arbeitenden Menschen zu bremsen.
Doch damit lässt sich das wirtschaftliche Chaos nicht unter Kontrolle
bekommen.
Eine provokante und zugleich populäre Kampagne zur Verstaatlichung der
Banken und Autokonzerne, vor allem der profitablen Häuser, sowie eine
schonungslose Analyse des „Rettungspaketes“ für die Banken (besser
gesagt, für die Bankvorstände), das wären die Aufgaben der Stunde.
Die Partei bleibt blass, Verstaatlichung taucht zwar auf manchen
Landesparteitagen auf, nicht aber auf der Website der Bundespartei. Dort
findet man vor allem bescheidene, technokratisch anmutende Analysen und
Forderungen, welche das Bild vermitteln, der außer Kontrolle geratene
Kapitalismus könne gezähmt werden, wenn die Deregulierungsmaßnahmen der
letzten Jahre zurückgenommen würden.
In einer Stellungnahme vom 14. Oktober 2008 heißt es: „Nur wenn die
Konjunktur gestärkt und die Finanzbranche zur Realwirtschaft
zurückgebracht ist, erwächst ein berechtigtes Vertrauen und werden
höhere Folgekosten vermieden.“ In einem Flugblatt der Bundestagsfraktion
wird unter anderem gefordert: „Dazu müssen der Wechselkurs stabilisiert,
Kreditverbriefungen und Hedge-Fonds verboten und eine Börsenumsatzsteuer
eingeführt werden. Die Banken sollen der Realwirtschaft dienen, statt
sie kaputt zu spekulieren.“ Auf einer Veranstaltung in Köln Anfang
Dezember sprach Oskar Lafontaine davon, der Neoliberalismus sei eine
„Verrücktheit“, man müsse zurück zur „Normalität“. Als ob der
gemeingefährliche Patient Kapitalismus mit ein wenig psychiatrischer
Behandlung geheilt und als ungefährlich entlassen werden könnte.
Die große Krise musste kommen
Als das globalisierungskritische Netzwerk Attac Anfang dieses Jahrzehnts
die Forderungen nach einer Steuer auf Devisengeschäfte (Tobin Tax) und
für die Re-Regulierung der unkontrollierten Finanzmärkte populär machte,
war das sehr hilfreich. Damals herrschte der Neoliberalismus auch
ideologisch. Attac zeigte, dass die Deregulierung zum Abbau von
Demokratie und politischer Kontrolle führt, die Privatisierung
vorangetrieben und die Beschäftigten auf das jeweils niedrigere Niveau
gedrückt werden können.
Die Analysen und Aktionen von Attac und anderen führten dazu, dass
weltweit viele GewerkschafterInnen, Kleinbauern und Jugendliche erstmals
Argumente gegen den sogenannten „Casino-Kapitalismus“ hatten. Es war
aber schon damals ein Trugschluss, dass die ökonomischen Probleme des
Kapitalismus hauptsächlich auf der Deregulierung beruhen würden. Die
unkontrollierten Finanzmärkte haben zwar aktuell dazu geführt, dass die
Krise sich schneller und chaotischer ausbreitet. Die Globalisierung
wirkt dahin gehend, dass es zu einer zeitgleichen Krise in allen
Sektoren der Welt kommt. Doch die Jahre zuvor wirkte die Finanzblase als
ein Krisen dämpfender beziehungsweise verschiebender Faktor. Die Ursache
der Krise liegt ebenso in der „Realwirtschaft“, in der
Produktionssphäre; tief verwurzelt in den inneren Widersprüchen der
kapitalistischen Ökonomie.
Ende des Nachkriegsaufschwungs 1974/75
Der Neoliberalismus war die Antwort des Kapitals auf die Profitkrise der
siebziger Jahre. Die Profitrate, das Verhältnis des eingesetzten
Kapitals zum späteren Gewinn, sank damals. Der Nachkriegsaufschwung war
– nach der Vernichtungsorgie des Zweiten Weltkriegs – aufgrund mehrerer
Faktoren möglich geworden. So konnten die US-Konzerne, trotz im
Vergleich zur Konkurrenz höherer Löhne, ihre Profite vor allem dank
ihres Produktivitätsvorsprungs steigern. Die kapitalistischen Staaten in
Westeuropa oder Japan dagegen „profitierten“ von Niedriglöhnen. In den
verschiedenen Ländern setzte also ein neuer industrieller Zyklus ein. In
dessen Verlauf verschlechterten sich die Profitbedingungen für die USA,
weil die Kontrahenten ökonomisch aufholten und sich die
„Technologie-Lücke“ schloss. Gleichzeitig ließen sich für die
Kapitalisten in Europa und Japan mit annähernder Vollbeschäftigung in
den sechziger Jahren die besonders niedrigen Löhne und langen
Arbeitszeiten nicht mehr aufrecht erhalten. Die Arbeiterklasse konnte
sich einen größeren Teil am Volkseinkommen erkämpfen. Auf
internationaler Ebene fand ein Ausgleich der Profitraten statt.
Die Weltwirtschaftskrise in den siebziger Jahren konnte der damalige
„regulierte Kapitalismus“ nicht verhindern. Bis Anfang der siebziger
Jahre hatte es zum Beispiel feste Wechselkurse gegeben.
Die neoliberale Krisenlösung sollte aus Sicht der Kapitalisten Folgendes
erreichen:
l Druck auf die Löhne, Steigerung der Arbeitsintensität, um den
kapitalistischen Anteil am Volkseinkommen wieder zu erhöhen
l Schaffung neuer Geschäftsfelder und Anlagemöglichkeiten durch
Privatisierung öffentlicher Dienste und staatlicher Versicherungen und
Fonds
l Neue profitable Anlagemöglichkeiten im spekulativen Bereich, um
Alternativen zu niedrigen Profitraten in der Produktion zu haben.
Dies führte tatsächlich zu Wachstumsschüben und zu höherer
Profitabilität der Banken und Konzerne – allerdings auf Kosten der
arbeitenden Bevölkerung. Durch diese Maßnahmen zur Überwindung einer
Krise bereiteten die Kapitalisten die nächste, tiefere, gewaltigere vor.
Folgen der Deregulierung
Höhepunkt der Deregulierung war die Entwicklung hochspekulativer
Finanzinstrumente wie der Hedge-Fonds, die letztendlich das Finanzwesen
zu einer Art Pyramidenspiel werden ließen.
Doch es greift zu kurz, das als „Verrücktheit“ abzutun. Hedge-Fonds und
andere Instrumente sollten die Risiken verteilen und Finanzen
globalisieren. Die Deregulierung hat tatsächlich zur Verschiebung von
wirtschaftlichen Einbrüchen geführt. Allerdings wurden die
Krisenpotenziale nicht abgebaut, sondern nur aufgetürmt. Dass die
Asien-Krise 1997 und das Platzen der Dotcom-Blase 2000 auf Weltebene
nicht zu langen und tiefen Rezessionen geführt haben, lässt die aktuelle
Krise umso tiefer werden. Am Ende wurde durch die
Spekulationsinstrumente das reale Risiko des Kapitalismus an die ganze
Welt verteilt.
Die Forderungen nach erneuter Regulierung der Finanzmärkte reichen nicht
aus. Vor einem Jahr hatten wir die Affäre um hinterzogene Steuern und
Liechtensteiner Konten. Vor einigen Wochen gab es den
50-Milliarden-Dollar-Betrugsskandal mit dem jahrelang betriebenen
Pyramidensystem von Bernard Madoff. Bis heute hat Helmut Kohl die Namen
von Großspendern nicht genannt, wie es die in seiner eigenen Amtszeit
beschlossenen Vorschriften zur Parteienfinanzierung verlangen.
Kapitalisten und ihre Politiker missachten immer wieder die bestehenden
Regulierungen, wenn es um Profit und Macht geht. Die Großbanken und
-konzerne können nur wirksam kontrolliert werden, wenn sie in
öffentliches Eigentum überführt werden.
In diesem Herbst erklärte die Financial Times Deutschland die
US-Investmentbanken zur „gefährdeten Gattung“. Die Trennung von
Investment- und Geschäftsbanken in den USA 1933 war eine Reaktion auf
die damalige Krise. Diese regulierende Maßnahme verschärft heute die
Krise.
Gerade macht die scheidende Regierung Bush mit Unterstützung des
kommenden Präsidenten Barak Obama deutlich, dass auch ein stärker
regulierter Kapitalismus gegen die Arbeiterklasse gewendet werden kann.
Weitere Kredite für die Autokonzerne sollen nur gewährt werden, wenn die
Löhne als Vorleistung massiv abgesenkt werden.
Eine Beschränkung von Kapitalmacht durch Regulierung ist nur dann ein
Schritt nach vorn, wenn das mit dem Ziel verfolgt wird, die Herrschenden
komplett zu entmachten.
Zentrale Aufgaben der LINKEN
DIE LINKE und vor allem Oskar Lafontaine hielten dagegen, als alle
anderen Parteien das neoliberale „Vater unser“ rauf- und runtergebetet
haben. Die Partei war das einzige Gegengewicht. In der heutigen
komplizierten Weltlage, in der die US-Regierung und Nicolas Sarkozy
Maßnahmen ergreifen, welche allzu brave Linke zuvor nicht zu fordern
wagten – natürlich um ihr System zu retten –, steht DIE LINKE vor neuen
Aufgaben.
Um heute ein Gegengewicht zu sein, muss sich die Partei als klar
antikapitalistische Partei definieren, die ein konkretes –
sozialistisches – Programm zur Abschaffung des krisenhaften, chaotischen
Systems entwickelt. Sonst wird sie weiter stagnieren, vielleicht weiter
gewählt werden, aber nicht die Herzen und Hirne der arbeitenden Menschen
und vor allem nicht der Jugend erobern. n
Claus Ludwig ist Ratsmitglied der Stadt Köln für die Fraktion DIE LINKE
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