Pro & Contra: Stabilisierung des Bankensektors als Etappenziel?
[Druckversion] Thema: Wirtschaft, Solidarität - Sozialistische Zeitung · Nr. 74 · November 08, Debatte, veröffentlicht: 02.11.2008
Der schwerste Finanzcrash seit 80 Jahren - Wie soll die LINKE reagieren?
Angesichts der schwersten Bankenkrise seit den dreißiger Jahren
und der beginnenden Rezession haben die Regierungen der führenden
kapitalistischen Mächte bis dato unvorstellbare Summen an staatlichen
Bürgschaften und Finanzhilfen mobilisiert, um einen Kollaps des gesamten
Finanzsystems zu verhindern. Sollten diese Gelder fällig werden, würde
so manchem Land der Staatsbankrott drohen. Die Welt scheint Kopf zu
stehen: Die fanatischen Prediger der Privatisierung rufen nach dem
Staat.
In der Arbeiterbewegung und der Linken wird diskutiert, wie mit
dieser Krise umzugehen ist. Die Führung der Partei DIE LINKE stellt
Forderungen nach eine Re-Regulierung des Finanzsystems und zur Stützung
der Konjunktur in den Vordergrund.
Kann durch das Ankurbeln der Konjunktur mit öffentlichen Geldern
eine tiefe Rezession verhindert oder entscheidend abgemildert werden?
Ist ein regulierter, gezähmter Kapitalismus eine reale Alternative zur
neoliberalen Variante? Wie sollte sich die Arbeiterbewegung gegenüber
den Stabilisierungsmaßnahmen der kapitalistischen Regierungen verhalten?
PRO:
Ulla Lötzer, Mitglied des Bundestags, Fraktion DIE LINKE, Sprecherin
für internationale Wirtschaftspolitik
In der letzten Woche hat DIE LINKE im Bundestag ihre Ablehnung des
Bankenrettungspaketes begründet und parallel dazu ihre Forderung nach
einem sofortigen Antikrisenprogramm in die parlamentarischen Beratungen
eingebracht.
Für DIE LINKE im Bundestag gilt: Wir halten eine Stabilisierung des
Bankensektors für notwendig. Die Funktionsfähigkeit des
Finanzkreislaufes, der Zahlungsverkehr und die Finanzierung von
Investitionen ist zu gewährleisten.
Wir haben es in der vorgelegten Fassung aber aus folgenden Gründen
abgelehnt. Es ist zutiefst undemokratisch. Bankmanager wie Ackermann
waren beteiligt. Das Parlament wird demgegenüber kaum beteiligt.
Steinbrück hatte gesagt, man müsse den Brand löschen, bevor man die
Brandstifter bestrafen könne. Er macht stattdessen die Brandstifter zur
Feuerwehr und wir bezahlen das Löschwasser. Das ist inakzeptabel. Dazu
kommt, dass im Paket der Bundesregierung die Banken nicht zur
Finanzierung der Lasten herangezogen werden. Weder ist geklärt,
inwieweit die Banken mögliche Verluste tragen, noch ob der staatliche
Fonds an zukünftigen Gewinnen beteiligt ist. Die Gehaltsbegrenzung für
Manager ist nichts als ein Feigenblatt und auch nur lax geregelt.
Die Forderung nach einer Vergesellschaftung des privaten Bankensektors
drängt sich in diesen Zeiten auf. Aber sie reicht bei weitem nicht aus.
Als Tagesforderung würde sie darauf hinauslaufen, dass die große
Koalition aus SPD und CDU/CSU den Bankensektor der Bundesrepublik
kontrolliert. Verbesserungen in der Geschäftspolitik der Banken sind
davon allein nicht zu erwarten - wie die Skandale um die Praktiken der
Landesbanken von Sachsen, Bayern oder NRW zeigen. Darüber hinaus ist sie
national begrenzt. Die Finanzmärkte sind demgegenüber international
organisiert.
Deshalb muss das weltweite Kasino geschlossen werden. Und dazu braucht
es mehr als die Überführung in öffentliches Eigentum. Wir fordern
Maßnahmen zur Regulierung der Finanzmärkte. Das heißt keine Zulassung
von Hedge Fonds; Verbot spekulativer Elemente und ein
öffentlich-rechtlicher Finanz-TÜV, der darüber wacht;
Transaktionssteuern; Zielzonen im Währungssystem, auch um spekulative
Angriffe auf Währungen zu verhindern; Schließung von Steueroasen; eine
öffentlich-rechtliche Ratingagentur; die Rücknahme der Freistellung von
Veräußerungsgewinnen – um nur einige der wichtigsten Maßnahmen zu
nennen. Ohne diese Maßnahmen wird auch eine Vergesellschaftung, wie auch
eine Teilvergesellschaftung, verpuffen.
Auch hier stellt sich die Frage der Demokratie. Die G8 wollen sich mit
Vertretern der großen Schwellenländer treffen, um über die
internationale Regulierung zu sprechen. Ich fordere, dass die
Entwicklungsländer mit am Tisch sitzen, sie sind schließlich davon
ebenfalls tief betroffen.
Die Lebensbedingungen der Menschen, die direkt von den Folgen der
Bankenkrise, aber vor allem des wirtschaftlichen Abschwungs betroffen
sein werden, sind für uns ein weiterer wichtiger Grund in der Ablehnung
des Gesetzes gewesen. Der Abschwung ist bereits da, die Finanzmarktkrise
wird ihn gewaltig verschärfen. Trotzdem lehnt die Bundesregierung nach
wie vor ein Konjunkturprogramm ab. Deshalb unsere konkreten Forderungen
nach einer Stärkung der Masseneinkommen durch die Anhebung des
Arbeitslosengeldes II auf 435 Euro, die Anhebung der Regelsätze für
BezieherInnen von Sozialhilfe und für AsylbewerberInnen, die Einführung
eines gesetzlichen Mindestlohns in Höhe von 8,71 Euro und die
Wiederherstellung der Rentenformel. Deshalb auch unsere Forderung nach
einem Investitionsprogramm mit einer Ausweitung der öffentlichen
Investitionen des Bundes für Bildung, Infrastruktur, Energiewende und
Gesundheit um 30 Milliarden Euro.
Damit geht es der LINKEN nicht darum, den Kapitalismus zu retten, im
Gegenteil: Die durch die Umverteilung von unten nach oben bewirkte
Überakkumulation von Kapital ist für uns eine zentrale Ursache für die
Finanzkrise und damit Kernelement des finanzmarktgetriebenen
Kapitalismus.
Gegen diese zentralen Stützpfeiler sind unsere Vorschläge für eine
Ausweitung der öffentlichen Investitionen gerichtet, dagegen sind unsere
Forderungen zur Stärkung der Masseneinkommen gerichtet und dagegen ist
unsere Forderung nach einer Millionärssteuer und der Vermögens-
beziehungsweise Erbschaftsteuer gerichtet. Deshalb wollen wir auch an
der zweiten Ursache, den deregulierten Finanzmärkten ansetzen: Wir
wollen Spekulation verbieten und die Kapitalströme Re-Regulieren.
Entwicklungsländer bekommen keine Kredite mehr, um Nahrungsmittel für
Hungernde zu kaufen. Es fehlen international Gelder für
Infrastrukturprojekte und Daseinsvorsorge oder die Kredite werden
teurer. Auch hier muss dringend ein Fonds durch eine Kapitalabgabe
bereitgestellt werden.
CONTRA:
Claus Ludwig, Ratsmitglied der Stadt Köln, Fraktion Die LINKE,
Mitglied des SAV-Bundesvorstandes
Vorstand und Bundestagsfraktion der LINKEN fordern zu Recht die
Rücknahme der Finanzmarkt-Deregulierung, ein Investitionsprogramm zur
Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Erhöhung von Löhnen und
Sozialleistungen sowie die stärkere Besteuerung von Millionären. Sie
liegen allerdings falsch, wenn sie öffentlich vermitteln und selbst
glauben, dass der Kapitalismus durch eine Kontrolle der Finanzmärkte
entschärft oder gezähmt werden könnte.
Aus dieser irrigen Annahme resultieren Schlussfolgerungen, welche Partei
und Arbeiterbewegung desorientieren. Die Bundestagsfraktion hat
korrekterweise das „Rettungspaket“ für den Bankensektor abgelehnt,
allerdings nicht konsequent. In der Debatte sagte Oskar Lafontaine, an
die Regierung Merkel gewandt: „Wir haben doch gar keine andere Wahl, als
das Finanzmarktsystem [ ...] schleunigst wieder in Gang zu bringen.
Insofern ist das, was Sie technisch machen, in der Sache nicht zu
kritisieren.“ Der Berliner Landesverband der Partei hat sich sogar für
das Paket ausgesprochen und im Bundesrat mit „ja“ gestimmt.
Tatsächlich retten die 480 Milliarden nicht die arbeitenden Menschen vor
den Folgen der Finanzkrise oder der Rezession, sondern „stabilisieren“
die Top-Manager, die reichen Anleger und ihre Profite. Die Kosten des
Zusammenbruchs des Finanzsystems werden den öffentlichen Haushalten und
damit den arbeitenden Menschen auferlegt. Es drohen Angriffe auf
öffentliche Dienstleistungen und Arbeitsplätze, deren Ausmaß heute noch
nicht abzusehen ist.
Die dramatischen Ereignisse der letzten Wochen sind keine reine
Finanzkrise, die „auf die Realwirtschaft übergreifen könnte“, wie die
bürgerlichen Medien behaupten. Der Banken-Crash wurzelt tief in den
Widersprüchen der kapitalistischen Ökonomie, er ist sowohl Ergebnis der
gigantischen Umverteilung zu Gunsten der Kapitalbesitzer als auch der
grundlegenden Krise der Profitabilität der Produktion seit den siebziger
Jahren.
Nicht der Neoliberalismus, nicht der finanzmarktgetriebene Kapitalismus,
hat abgewirtschaftet, sondern das System selbst. Der Neoliberalismus war
nicht die „falsche“ Wahl von ideologisch verblendeten Politikern,
sondern die dem Klasseninteresse des Kapitals entsprechende Variante
ihres Wirtschaftssystems. Ein Zurück zum regulierten „Sozialstaat“ der
Sechziger und Siebziger wird es nicht geben.
Zwei Aufgaben ergeben sich daraus für DIE LINKE: Ein Programm gegen die
Abwälzung der Krisenlasten auf die arbeitenden Menschen und die Armen
muss ausgearbeitet werden. Ein Kernpunkt dieses Programms muss die
Ablehnung des „Rettungspaketes“ und die Warnung vor dessen Folgen sowohl
in den Parlamenten als auch in den Betrieben und Stadtteilen sein.
Zweitens muss DIE LINKE die Legitimationskrise des Kapitalismus nutzen,
um für dessen Abschaffung und eine sozialistische Demokratie
einzutreten, nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt.
Wenn schon Vertreter der herrschenden Klasse wie Paulson und Sarkozy
umfassende staatliche Eingriffe befürworten – um den Kapitalismus zu
retten – muss DIE LINKE die Forderung nach einer Verstaatlichung des
gesamten Bankensystems unter demokratischer Kontrolle auf die
Tagesordnung setzen, nicht nur der Pleite-Banken, sondern vor allem der
gewinnbringenden Institute. So kann die Idee einer demokratisch
geplanten Wirtschaft konkretisiert werden. Eine Kontrolle des
Finanzsektors ohne die Verstaatlichung ist illusorisch.
DIE LINKE-Landesparteitage in Hessen und Nordrhein-Westfalen haben diese
Forderung beschlossen. Doch im Bundesvorstand wurde die Entscheidung
vertagt. Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück scheint das Motto
der Parteispitze zu sein.
In einer Phase, in der Millionen Menschen das Scheitern des real
existierenden Kapitalismus beobachten, in der wohl Zehntausende bereit
sind, aktiv zu werden, scheint Die LINKE gelähmt, bekommt die
Parteiführung kalte Füße vor den Konsequenzen einer entschiedenen
antikapitalistischen Haltung.
Jetzt ist die Zeit rauszugehen, Kampagnen zu führen mit den Slogans „Wir
bezahlen eure Krise nicht!“ und „Verstaatlichung aller Banken“. Jetzt
ist die Zeit, in allen Ortsverbänden Lese- und Diskussionszirkel mit den
Werken von Karl Marx anzustoßen. Doch die Parteiführung stellt
Forderungen zur Finanzmarkt-Kontrolle in den Mittelpunkt, wie sie Attac
vor einigen Jahren vorgeschlagen hat.
Es wurden viele gute Vorschläge für ein Investitionsprogramm entwickelt,
um die soziale Infrastruktur zu verbessern und Jobs zu schaffen. Doch
wenn dieses Programm nicht mit einer stimmigen Analyse der Realität und
Forderungen zur Überwindung des Kapitalismus verbunden wird, wird die
Wirkung verpuffen, dann wird es keine Rolle dabei spielen, den
Widerstand gegen die Abwälzung der Krisenlasten zu stärken und politisch
voran zu bringen.
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