Größte Demo im Gesundheitswesen am 25.9. in Berlin
[Druckversion] Thema: Betrieb und Gewerkschaft, Krankenhäuser für alle statt Profitmedizin für wenige, veröffentlicht: 08.10.2008
Der Deckel muss weg – mehr Personal muss her
80.000, 100.000 und am Ende 130.000 wurde als Teilnehmerzahl von der
Hauptbühne der Krankenhausdemo am Brandenburger Tor am 25.9.08
bekanntgegeben. Krankenschwestern, TherapeutInnen, ArbeiterInnen,
Reinigungskräfte, Verwaltungsangestellte, ÄrztInnen und einige
Krankenhausgeschäftsführer waren an diesem Tag nach Berlin gekommen um
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, der Bundesregierung, den
Abgeordneten und den Landesregierungen in Sachen Krankenhausfinanzierung
einzuheizen. Es war die größte Demonstration in der Geschichte des
Gesundheitswesens. Für viele war es die erste Demo in ihrem Leben. Bis
zu 30 Stunden nahmen die Kolleginnen und Kollegen in Kauf, um für einige
Stunden in Berlin zu demonstrieren. Maximal ein bis eineinhalb
Arbeitstage bekamen sie dafür von ihren Trägern bezahlt. Während einige
Krankenhausmanager es vorzogen bequem im Flugzeug anzureisen, mussten
sich KollegInnenen zwei Nächte um die Ohren schlagen und viel Freizeit
opfern.
Alle gemeinsam
Die Straße des 17. Juni versank für mehrere Stunden in einem
Menschenmeer und in tausenden von Fahnen, Transparenten und Schildern.
Immer wieder ertönte der Sprechchor: „Der Deckel muss weg“. Es war ein
enormer Fortschritt, dass Krankenschwestern und Ärzte, Beschäftigte aus
öffentlichen, kirchlichen und privaten Krankenhäusern gemeinsam auf die
Straße gingen. Die Demo hat gezeigt, dass es möglich ist, gemeinsam zu
kämpfen. Überall leiden die Beschäftigten unter chronischem
Personalmangel und Unterbezahlung. Der nächste Schritt sollte sein, dass
ver.di die Initiative ergreift für eine tarifliche Personalbemessung in
allen Krankenhäusern und Pflegeheimen und dafür einen gemeinsamen Kampf
mit Marburger Bund, dbb Beamtenbund und Pflege-Berufsverband anstrebt.
Papiertiger Aktionsbündnis
Dass ver.di darauf setzt im Bündnis mit den Arbeitgebern eine
ausreichende Finanzierung der Krankenhäuser durchzusetzen, ist ein
Armutszeugnis für eine der größten Gewerkschaften der Welt. Diese
Strategie wird unweigerlich in einer Niederlage enden. Der Gesetzentwurf
von Ulla Schmidt erhöht den Druck auf die Krankenhäuser weiter. Anstatt
dies bewusst zu machen und die nächsten Kampfschritte anzukündigen,
reden ver.di-Funktionäre das Aktionsbündnis mit den Arbeitgebern schön.
Frank Bsirske sprach bei der Demo in Berlin von einem „tollen Bündnis“.
Doch die Beschäftigten auf den Stationen erleben tagtäglich dass die
„tollen Bündnispartner“ bereits die Messer für die nächste Kürzungsrunde
wetzen.
Ver.di-Führung lässt sich vorführen
Die Gewerkschaftsmitglieder, die sich trotz des Bündnisses auf den Weg
nach Berlin machten, hatten zumindest erwartet, dass die
GewerkschaftsrednerInnen am konsequentesten die Wut auf die Politiker in
Berlin zum Ausdruck brächten. Doch weit gefehlt. Es war gerade zu
peinlich, dass die Redner aus dem Arbeitgeberlager radikaler und
empörter auftraten als der ver.di-Vorsitzende Bsirske. So entlarvte der
Präsident des Deutschen Städtetages und Münchner SPD-Oberbürgermeister
Christian Ude den Gesetzentwurf zur Krankenhausfinanzierung als
„Taschenspielertrick“ und forderte „reale Hilfen, nicht Luftbuchungen“.
Ude sprach in seiner Rede davon, dass er jeden Tag Bauklötze staune, wie
viel Geld die kranken Banken erhalten und dass den Krankenhäusern schon
mit einem Bruchteil zufrieden seien. In Bsirskes Redemanuskript war der
Vergleich mit den Banken gar nicht vorgesehen. Erst als er registrierte,
dass er vom Arbeitgeberlager links überholt wurde wich er zumindest in
diesem Punkt von seinem Redemanuskript ab. Bezüglich der
Einnahmenerhöhung der Krankenkassen sprach Bsirske von der
„unumgänglichen Anhebung der Krankenkassenbeitragssätze“. D.h. die
abhängig Beschäftigten sollen für die Defizite der Krankenhäuser
bezahlen. Kein Wort von der Rückkehr zur vollen Parität für die
Arbeitgeber oder höheren staatlichen Zuschüssen für die Krankenkassen.
Kein Wort gegen den Gesundheitsfond. Als einzige Alternative zur
Erhöhung der Krankenkassenbeiträge nannte Bsirske die Anhebung der „viel
zu niedrig angesetzten Krankenkassenbeiträge für die Bezieher von
Arbeitslosengeld II“.
Den Deckel sprengen
Es wäre bitter nötig gewesen, dass Bsirske erklärt, dass die
Beschäftigten in den Krankenhäusern nicht länger bereit sind die
Defizite der Krankenhäuser zu finanzieren. Stattdessen konnte sich
Münchens Oberbürgermeister Ude unwidersprochen mit der Aussage
profilieren, dass die Städte es unerträglich fänden, wenn die
Krankenhäuser durch Finanznot zu Notlagentarifverträgen und Tarifflucht
gezwungen würden. Diese Aussage bedeutet auch, dass es weiter geht mit
Angriffen auf das Personal, wenn das nötige Geld nicht kommt. Und wenn
nach der machtvollen Demo in Berlin keine Steigerung der Kampfmittel
erfolgt, kommt Ulla Schmidt mit ihren Plänen durch. Ihr Gesetzentwurf
bedeutet, dass der Budgetdeckel bleibt und allenfalls vorübergehend ein
bisschen angehoben wird. Von den medienwirksam verbreiteten 3 Milliarden
Budgeterhöhung bleibt nicht mal die Hälfte als zusätzliches Geld übrig.
Bei einem Betriebskostendefizit von fast 7 Milliarden Euro bleiben
demnach mindestens ein 5 Milliarden-Loch, geschweige denn gibt es eine
einzige dauerhaft refinanzierten zusätzliche Stelle. Oberbürgermeister
Ude wies darauf hin, dass die gleichen Politiker, die jetzt die volle
Refinanzierung der Tariferhöhung verweigern, diesen Tarifvertrag mit
unterschrieben hätten.
Wie geht es weiter?
Nicht Frank Bsirske, aber einige andere Redner erklärten, dass der Kampf
weiter gehen werde. Wie, ließen sie offen. Lediglich der Vertreter des
Marburger Bundes, Rudolf Henke, gab eine vage Vorstellung indem er seine
Rede wie folgt beendete:
„Unser Kämpfen hört nicht auf. Wir machen es wie Rudolf Virchow. Wenn es
nötig ist, verlassen wir unseren Arbeitsplatz und kämpfen an anderer
Stelle für unsere PatientInnen und Patienten. Damit hören wir nicht
auf.“ Der ver.di-Kampagnenrat „Der Deckel muss weg“ schlägt für die
Woche vom 13. bis 17. Oktober in allen Bezirken Treffen der Aktiven vor
in denen Bilanz gezogen werden soll von der bisherigen Kampagne und
diskutiert werden soll, wie es weiter geht. Wir sind der Meinung, dass
die Kampagne die Bundesregierung bisher zwar unter Druck gesetzt hat,
aber nicht das erreicht wurde, was nötig ist und dass der Druck durch
einen Arbeitskampf für eine Personalbemessung erhöht werden muss. Anders
werden wir nicht die Stellen bekommen, die wir brauchen. Es darf nicht
sein, dass die 150.000 niedergelassenen Ärzte mit einer Streikdrohung
eine 20% Honorarerhöhung durchgesetzt haben und die
Krankenhausbeschäftigten am Ende wieder leer ausgehen. Es darf nicht
sein dass der Staat mit mehreren zehn Milliarden Euro Banken vor der
Pleite rettet und Krankenhäuser durch weitere Unterfinanzierung in die
Pleite treibt. Die teilweise Zustimmung und weiche Kritik von ver.di zum
Gesetzentwurf zur Krankenhausfinanzierung ist völlig inakzeptabel. Wir
müssen die Abschaffung von Fallpauschalen und die Wiedereinführung der
Selbstkostendeckungs fordern, anstatt die Ausweitung der DRGsauf die
Psychatrie und die Einführung von Bundesbasisfallwerten zu akzeptieren
bzw. nur zu hinterfragen. .
Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di für
Personalbemessung
Das Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di brachte ein
Extrablatt der Krankenhauszeitung „Antiserum“ und ein neue Ausgabe der
Zeitung zur Demo heraus. Darin wird die Fortsetzung des Kampfes für mehr
Stellen unabhängig von den Arbeitgebern und durch einen Tarifvertrag
Personalbemessung gefordert. Das Interesse für unser Material war groß.
Um die 4.500 Flugblätter und ca. 700 Zeitungen waren schnell verteilt.
Fast 40 Krankenhausbeschäftigte gaben an, in den Krankenhausverteiler
des Netzwerks aufgenommen zu werden. 165 Euro Spenden wurden eingenommen.
Für Samstag, den 1.11.08 lädt das Netzwerk
für eine kämpferische und demokratische ver.di zu einem
Krankenhaustreffen nach Kassel ein. Hier sollen die Ideen und Vorschläge
des Netzwerks weiter diskutiert und gemeinsam überlegt werden wie wir
den Krankenhäusern und ver.di-Gliederungen den Kampf dafür führen. Das
Krankenhaustreffen ist offen für alle Interessierten.
Die bei der Demo am 25.9. begonnene Unterschriftensammlung soll bis
20.11. fortgeführt und die gesammelten Unterschriften bei der
ver.di-Fachtagung „Pflege ist mehr wert“ am 27. und 28.11. in Magdeburg
übergeben werden.
Reden vom 25.9.08 im Internet:
http://gesundheit-soziales.verdi.de/++skin++print/branchenpolitik/deckel_weg/rede_von_frank_bsirske
http://www.marburger-und.de/marburgerbund/bundesverband/unsere_themen/gesundheitspolitik/texte2008/rdk_statement_henke_080925.php
http://www.dbb.de/dbb-beamtenbund-2006/3158_3990.php
http://www.staedtetag.de/imperia/md/content/pressedien/2008/13.pdf
Stellungnahme von ver.di zum Gesetzentwurf Krankenhausfinanzierung: http://www.verdi.de/gesundheitspolitik/gesundheit_von_a-z/krankenhaeuser/ver.di_stellungnahme_zur_krankenhausfinanzierung
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