Berlin: Eskalation bei Vivantes
[Druckversion] Thema: Krankenhäuser für alle statt Profitmedizin für wenige, "DIE LINKE.", Berlin, veröffentlicht: 20.09.2008
Bei Berlins Krankenhauskonzern steht »rot-rotem« Senat der nächste
Tarifkonflikt ins Haus. »Arbeitgeberangebot« besteht in weiteren
Lohnkürzungen
von Daniel Behruzi, zuerst veröffentlicht in der jungen
Welt, 19.9.08
Berlins »rot-roter« Senat ist mit den Gewerkschaften des öffentlichen
Dienstes im Dauerkonflikt. Nicht nur die rund 60000 Landesbediensteten
demonstrieren mit Arbeitsniederlegungen nach der Sommerpause erneut
gegen das »einseitige Tarifdiktat« und für Einkommenssteigerungen
entsprechend denen in anderen Bundesländern. Auch die Auseinandersetzung
beim städtischen Krankenhauskonzern Vivantes steht vor einer Eskalation.
Die vom Klinikvorstand vorgelegte »Offerte« dürfte von der heute
tagenden ver.di-Tarifkommission zurückgewiesen werden.
»Provokation«
»Dieses Angebot ist eine Unverschämtheit und Provokation«, erklärte
Volker Gernhardt, Betriebsrat im Vivantes-Klinikum Neukölln, am
Donnerstag gegenüber junge Welt. Ganz genauso sieht das die
verantwortliche ver.di-Sekretärin Heike Spies. »Nach dieser Offerte
müßten die Beschäftigten noch stärker verzichten, als im jetzigen
Notlagen-Tarifvertrag – das machen wir nicht mit«, sagte sie auf
jW-Nachfrage. Der im Sommer 2004 vereinbarte »Notlagen-Tarifvertrag«
beinhaltet eine drastische Kürzung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes für
die rund 13000 Beschäftigten. Die Vereinbarung über diesen Verzicht
läuft Ende 2008 aus. Der im Gegenzug festgeschriebene Ausschluß
betriebsbedingter Kündigungen läuft hingegen noch bis Ende 2010. Unter
Zugzwang steht also in erster Linie die Klinikleitung, die mit Verweis
auf die schlechte finanzielle Lage von den Beschäftigten weitere
Zugeständnisse fordert.
Das zuletzt vorgelegte »Angebot« des Vorstands sieht unter anderem vor,
sowohl die Lohnkürzung als auch den Ausschluß von Entlassungen bis Ende
2010 zu verlängern. »Das hieße, die Schutzmaßnahmen werden um ein Jahr,
der Verzicht aber um drei Jahre verlängert – das ist doch kein
Entgegenkommen«, erklärte Spies.
Aber das »Angebot« hat noch weitere Fallstricke. So soll zwar – wie von
ver.di gefordert – der bundesweite Tarifvertrag für den öffentlichen
Dienst (TVÖD) übernommen werden. Dieser gilt bislang nur für die etwa
1000 Arbeiter, nicht jedoch für die Angestellten des Klinikkonzerns. Die
im TVÖD enthaltenen Einkommenssteigerungen sollen jedoch nur zum Teil
und verzögert wirksam werden. Für die Krankenhäuser sieht der
Flächentarif Lohnerhöhungen von 50 Euro plus 1,6 Prozent seit Beginn
dieses Jahres sowie um weitere 4,3 Prozent zum 1. Januar 2009 vor.
Vivantes möchte den Betrag von 50 Euro jedoch erst ab 1. April 2009
zahlen. Ab 1. Oktober sollen die Einkommen dann um ein Prozent, ein Jahr
später um 1,5 Prozent und ab dem 1. Oktober 2010 um weitere 1,9 Prozent
steigen. Das hieße, die Vivantes-Angestellten würden mehr als anderthalb
Jahre nach Auslaufen des TVÖD noch deutlich unter dem darin
festgeschriebenen Gehaltsniveau bleiben. »Es würde eine Tarifmauer
entstehen, die nie wieder überwindbar wäre – das können wir nicht
zulassen«, kommentierte Gernhardt dies.
Weitere Elemente der »Offerte« sind die Kürzung der Jahressonderzahlung
(Weihnachts- und Urlaubsgeld) auf maximal 30 Prozent sowie die
Ausdehnung der Wochenarbeitszeiten in Westberlin um eine auf dann
einheitlich 39,5 Stunden. »Schon diese Arbeitszeitverlängerung würde die
mickrigen Lohnsteigerungen mehr als ausgleichen, so daß die
Beschäftigten am Ende noch schlechter dastehen als jetzt«, rechnete
Gernhardt vor.
Der linke Gewerkschafter verlangt, daß der TVÖD für den gesamten
Konzern, also auch in den diversen Tochterunternehmen von Vivantes,
eingeführt wird. Nach seinen Angaben sind fast ein Drittel der
Mitarbeiter mittlerweile in ausgegliederten Unternehmen tätig, die den
Neueingestellten deutlich weniger zahlen. Oftmals liegen die Einkommen
für diese um rund 30 Prozent unter denen der Stammbelegschaft.
Senat knauserig
Die Argumentation der Vivantes-Spitze gegen diese und andere Forderungen
ist stets dieselbe: Die Kassen sind leer. Das wird von ver.di auch gar
nicht bestritten. Die Ursache der Finanzmisere sei allerdings darin zu
suchen, daß das Land Berlin seiner gesetzlichen Verpflichtung zur
Deckung der Instandhaltungs- und Investitionskosten nicht nachkomme.
»Diese Ausgaben zu tragen ist Sache des Senats, nicht der
Beschäftigten«, betonte Spies, die den aufgelaufenen Investitionsbedarf
des Konzerns auf eine halbe Milliarde Euro schätzt. Rund 40 Millionen
Euro haben die Beschäftigten durch ihren Verzicht laut Gernhardt in den
vergangenen Jahren bereits aufgebracht. »Wir müssen jetzt den Druck
verstärken, damit sich der Arbeitgeber endlich das notwendige Geld dort
holt, wo es nach dem System der Krankenhausfinanzierung auch herkommen
soll: vom Senat«, meinte der Betriebsrat. Die Tarifkommissionsmitglieder
aus Neukölln wollen bei der heutigen Sitzung deshalb den Antrag stellen,
die Urabstimmung für einen Streik einzuleiten. »Bei uns kriegen wir von
den Stationen die Rückmeldung, daß die Kolleginnen und Kollegen bereit
sind, sich mit einem Arbeitskampf zur Wehr zu setzen.«
[Nachtrag: Am 19.9. erklärte die ver.di-Tarifkommission die
Verhandlungen für gescheitert.]
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