Gesundheit in einer sozialistischen Gesellschaft
[Druckversion] Thema: Krankenhäuser für alle statt Profitmedizin für wenige, Gesundheit, Warum Sozialismus?, veröffentlicht: 24.07.2008
Was bei nichtkapitalistischen Verhältnissen, was bei einem freien,
kostenlosen Zugang zu medizinischen Einrichtungen möglich wäre
Es wäre leicht, hier über die katastrophalen Entwicklungen im
Gesundheitswesen zu schreiben, aber es soll an dieser Stelle darum
gehen, wie Gesundheitsversorgung im Sozialismus aussehen könnte.
Natürlich kann das im Detail keiner wissen, aber einige Eckpunkte
können sicherlich heute schon schlaglichtartig beleuchtet werden. Denn
vieles für die Gesundheit und zur Vermeidung von Krankheit Notwendige
ist bereits seit über hundert Jahren bekannt, wird aber wegen den
menschenverachtenden „Gesetzmäßigkeiten des Marktes“ erst in einer
sozialistischen Gesellschaft umgesetzt werden.
von Carsten Becker, Vorsitzender der ver.di-Betriebsgruppe am
Berliner Uniklinikum Charité*
Die größten katastrophalen Missstände heutiger Gesundheitspolitik haben
ihre Ursache im Unvermögen, auf der Grundlage der derzeitigen
Gesellschaftsordnung längst gewonnene Erkenntnisse umzusetzen.
Armut macht krank – Die Verhältnisse machen krank
Die meisten Menschen, die auf Grund einer Erkrankung sterben, sterben an
heilbaren Krankheiten. Hunger und Armut sind die Haupttodesursachen auf
unserem Planeten. Der Zugang zu sauberem Wasser und anderen hygienischen
Mindeststandards, ist das, was den meisten Menschen fehlt.
„Die wachsende Kluft zwischen denen, die Zugang und jenen, die keinen
Zugang zu einer Grundversorgung haben, tötet jeden Tag 4.000 Kinder“,
sagt UNICEF-Direktorin Carol Bellamy. Nur ein Drittel der Menschen in
Asien und Afrika haben Zugang zu sanitären Einrichtungen. Die
Verbesserung des Gesundheitszustandes ist in erster Linie einfach eine
Frage der Verbesserung der Lebensbedingungen. Und diese Erkenntnis ist
weder neu noch ausgesprochen sozialistisch.
„Die Bedingungen des Wohlseins sind aber Gesundheit und Bildung, und die
Aufgabe des Staates ist es daher, die Mittel zur Erhaltung und
Vermehrung der Gesundheit und Bildung in möglich größtem Umfange durch
die Herstellung öffentlicher Gesundheitspflege und öffentlichen
Unterrichts zu gewähren. Wenn der Staat es zulässt, dass durch irgend
welche Vorgänge, sei es des Himmels oder des täglichen Lebens, Bürger in
die Lage gebracht werden, verhungern zu müssen, so hört er rechtlich
auf, Staat zu sein, er legalisiert den Diebstahl (die Selbsthülfe) und
beraubt sich jedes sittlichen Grundes, die Sicherheit der Personen oder
des Eigenthums zu wahren. Dasselbe ist der Fall, wenn er zulässt, dass
ein Bürger gezwungen wird, in einer Lage zu beharren, bei der seine
Gesundheit nicht bestehen kann“ (Rudolf Virchow, Arzt, 1848).
Länger leben
Auch vor unserer Haustür haben die gesellschaftlichen Bedingungen sogar
wieder im verstärkten Maße unmittelbare Auswirkung auf die Gesundheit.
In den armen Stadtvierteln Berlins ist die durchschnittliche
Lebenserwartung zehn Jahre kürzer als in den noblen Vierteln im
Südwesten der Stadt. Nicht den Zustand beschreiben war das Ziel des
Artikels, aber dieses macht deutlich, wie schnell Milliarden von
Menschen auf diesem Planeten länger und gesünder Leben könnten, ohne
auch nur eine Pille dafür schlucken zu müssen.
Eben solches gilt auch für die Arbeitsbedingungen. Stress,
Arbeitsverdichtung, zu lange Lebensarbeitszeit, Nachtarbeit und
Schichtdienst (allein das verkürzt die Lebenserwartung statistisch
gesehen um zehn Jahre), Arbeitslosigkeit und in weiten Teilen der Welt
Kinderarbeit – all dieses im Interesse der Beschäftigten konsequent
anzugehen, wäre ein weiterer Meilenstein zur Genesung der Menschheit.
Arbeitspolitik ist Gesundheitspolitik!
Zugang zu medizinischen Einrichtungen
Ein weiterer einfacher, aber ebenso wirksamer Schritt wäre der freie,
kostenlose Zugang zu medizinischen Einrichtungen und Medikamenten. Es
sind allein die gesellschaftlichen Bedingungen und die Profitgier der
Pharmakonzerne, sowie der Industrie für Medizinprodukte beziehungsweise
-geräte, die dieses verhindern und Millionen von Menschen an
heilbaren/behandelbaren Erkrankungen sterben lassen.
Flächendeckende Schwangerenvor- und -nachsorge und ausreichender
Impfschutz für alle Kinder dieser Welt würde die Kindersterblichkeit auf
einen Schlag um ein Vielfaches reduzieren.
Dieses zu erreichen ist Teil der so genannten Millenium Development
Goals der Vereinten Nationen (UN) und der Weltgesundheitsorganisation
(WHO). Beide Institutionen stehen ja nun nicht in dem Ruf,
ausgesprochene Kritiker der herrschenden Gesellschaftsordnung zu sein.
So verbleiben diese Ziele als zynischer und moralinsaurer Fingerzeig auf
Kongressen und Konferenzen. Ihre Durchsetzung aber, zum Wohle der
Menschen, als Aufgabe denjenigen, die eine neue Gesellschaftsordnung
errichten wollen und werden.
Krankheiten und Behinderungen im Sozialismus?
Auch in einer sozialistischen Gesellschaft oder auch später noch, wenn
diese sich weiterentwickelt hat, werden Menschen krank, kommen krank
oder mit Behinderungen oder Fehlbildungen auf die Welt.
Wer geboren wird, muss sterben. „Denn alles, was entsteht ist wert, dass
es zu Grunde geht“ (Goethe, „Faust“). Aus diesem biologischen Grundsatz
schöpft die Natur dieses Planeten ihre Kraft zu Vielfalt, Veränderungen
und Weiterentwicklung, auch die der Gattung Mensch.
Die Verinnerlichung dieses Grundsatzes in der Gestaltung eines
menschenwürdigen Lebens auch in Krankheit und/oder mit Behinderung,
sowie ein menschenwürdiges Sterben werden die Hauptaufgaben der Medizin
der Zukunft sein.
Natürlich wird es weitere Durchbrüche in der Diagnostik und Behandlung
von Leiden und Erkrankungen geben. Insbesondere, wenn die Forschung
nicht mehr behindert wird durch ihre Bezahlbarkeit und die künftige
Profitabilität auf dem Gesundheitsmarkt.
Auch wird es sicherlich Veränderungen in Diagnostik und Behandlungen
geben, wenn die „Schulmedizin“ von der Profitgier des Gesundheitsmarktes
befreit und mit dem verknüpft werden könnte, was von der „alternativen
Medizin“ und der „Naturheilkunde“ übrig bleibt, wenn diese von ihrem
esoterischen und pseudo-religiösen und religiösen Beiwerk befreit werden.
Frage der Ethik
Aber es wird auch ethische Instanzen geben müssen, die entscheiden, was
von dem, was möglich ist, auch gemacht wird oder eben bewusst nicht
gemacht wird. Wollen wir wirklich, zu Forschungszwecken, wie jetzt in
Großbritannien möglich, Chimären (Organismen mit Erbinformationen
verschiedener Lebewesen) züchten, in denen menschliches Erbgut und
tierische Zellen miteinander verknüpft und zur embryonalen Reife
gebracht werden?
Wer entscheidet, was ethisch verwerflich ist oder ob es nicht doch für
die Forschung (Grundlagenforschung) unerlässlich ist? Dies gilt es
sicherlich noch zu diskutieren.
Für demokratische Strukturen im Gesundheitswesen
Gesundheit im Sozialismus bedeutet zunächst also Verbesserung der
Lebensbedingungen und einen freien Zugang zu medizinischen
Einrichtungen. Ergänzt durch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen
würde dieses zur wesentlichen Verbesserung des Gesundheitszustandes der
Menschheit beitragen.
Eine von „Marktzwängen“ befreite Forschung und eine Bildung für alle
werden zu einem enormen Schub in wissenschaftlichen Erkenntnissen
allgemein und damit auch zu verbesserter Diagnostik und Behandlung in
der Medizin führen.
Die Errichtung von demokratischen Strukturen in den
Gesundheitseinrichtungen, in denen Beschäftigte, ExpertInnen,
PatientInnen und Bevölkerung zusammen arbeiten, werden ebenfalls weitere
Veränderungen und Verbesserungen in der Gesundheitspolitik bringen.
Die größten Veränderungen werden aber, in meinen Augen, geschaffen durch
eine neue Sicht auf Gesundheit und Krankheit in einer von Profitgier
sowie Ausgrenzung und Unterdrückung befreiten Gesellschaft.
*Angabe der Funktion dient nur zur Kenntlichmachung der Person
Rudolf Virchow (1821-1902)
Der Arzt Rudolf Virchow setzte sich für eine medizinische
Grundversorgung der Bevölkerung ein. „Die Medizin ist eine soziale
Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen.“
Auf Virchow geht die Einrichtung erster kommunaler Krankenhäuser in
Berlin zurück, wie das in Berlin-Moabit (1875 gegründet, inzwischen
geschlossen). Auch Parks und Kinderspielplätze sollten die Lage der
städtischen Werktätigen und ihrer Familien verbessern.
Ab 1869 war Rudolf Virchow maßgeblich daran beteiligt, dass Berlin um
1870 eine Kanalisation und eine zentrale Trinkwasserversorgung erhielt.
Virchow beteiligte sich an der Märzrevolution 1848. 1861 war er
Gründungsmitglied und Vorsitzender der Deutschen Fortschrittspartei.
Sein Ziel war die „Freiheit mit ihren Töchtern Bildung und Wohlstand“.
Besonders für den Aufbau einer staatlichen Gesundheitsfürsorge setzte er
sich ein. Er forderte eine soziale Medizin, die auf dem Boden
naturwissenschaftlicher Aufklärung stehen sollte.
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