Streik in Stuttgart: „Müll stinkt! Das Angebot der Arbeitgeber noch mehr“
[Druckversion] Thema: Öffentlicher Dienst, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 14.03.2008
Bericht vom Warnstreik am 6. März 08 in Stuttgart
von Ursel Beck, Stuttgart
In einer zweiten Warnstreikwelle im öffentlichen Dienst vom 4.3. bis 6.3.
beteiligten sich laut ver.di bundesweit 230.000 Beschäftigte. Mit der
Einbeziehung der Flughäfen in die Warnstreiks bekamen die Warnstreiks eine
neue Dimension. Es wurde deutlich, dass ver.di ein enormes Machtmittel in
der Hand hat. Nach Gewerkschaftsangaben mussten 431 Flüge gestrichen
werden.
Am Hamburger Flughafen ging gar nichts mehr, weil dort die
Flughafenfeuerwehr streikte. 77 Flieger mussten am Boden bleiben. Denn
ohne einsatzbereite Feuerwehr dürfen aus Sicherheitsgründen keine
Flugzeuge starten oder landen.
Laut einer Pressemeldung müsste möglicherweise der gesamte
internationale Flugverkehr über Deutschland eingestellt oder umgeleitet
werden, wenn an den großen deutschen Flughäfen die Feuerwehr streikt.
Die Warnstreiks an den Flughäfen wurden auf wenige Stunden begrenzt. Man
stelle sich vor, ver.di würde die Flughäfen eine ganze Woche bestreiken.
Im Streik des öffentlichen Dienstes 1992 wurde für 24 Stunden der
Frankfurter Flughafen bestreikt. Das verursachte damals einen Schaden
von 40 Millionen DM.
Zweite Warnstreikwelle in Stuttgart
Auch in Stuttgart begann die zweite Warnstreikphase am 5.3. mit einem
mehrstündigen Streik am Echterdinger Flughafen. 184 Kolleginnen und
Kollegen bzw. 90% der Bodenverkehrsdienste beteiligten sich. Sieben
Inlandsflüge mussten gestrichen werden. Viele Maschinen konnten nicht
landen.
„Mit Jubel wird jede Flugabsage quittiert“, berichtete die Stuttgarter
Zeitung über die Stimmung der Streikenden. Und weiter: „Zuerst ziehen
sie pfeifend und trommelnd durch die Terminals, um sich im Anschluss
daran an der Pforte Ost zu positionieren“. Dieses Selbstbewusstsein ist
erstaunlich, denn das Flughafenpersonal hat keine Streikerfahrung. Für
die meisten, wenn nicht sogar für die gesamte Belegschaft, war es der
erste Streik.
Wie bereits am 22.2.08 organisierte ver.di-Stuttgart am 6.3.08 wieder
einen 24-stündigen Warnstreik fast aller Bereiche des öffentlichen
Dienstes. Und wieder war die Beteiligung überdurchschnittlich hoch. Laut
ver.di streikten in ganz Baden-Württemberg am 6.3. 25.000 Beschäftigte
des öffentlichen Dienstes, davon 10.000 im ver.di-Bezirk Stuttgart.
In der Landeshauptstadt fuhr streikbedingt am 6.3. für 24 Stunden kein
Bus und keine Straßenbahn. 250 Kitas in und um Stuttgart blieben
geschlossen. Die Schleusen auf dem Neckar von Stuttgart bis Heidelberg
wurden fast alle bestreikt. Wieder blieben alle städtischen Bäder
geschlossen. Im Klinikum lief nur Notdienst. 150 Kolleginnen der
Bundesagentur für Arbeit und sogar Beschäftigte der Bundesbank waren
unter den Demonstranten. Erstmals warnstreikten Sekretärinnen und
Hausmeister von Stuttgarter Schulen in größerer Zahl. Die Beteiligung
der Müllwerker war höher als beim ersten Warnstreik. Auf einem
Transparent machten sie deutlich, was sie vom Angebot der Arbeitgeber
halten: „Müll stinkt! Das Lohnangebot der Arbeitgeber auch“. Die Liste
der Betriebe, aus denen Streikbeteiligung gemeldet wurde, war noch
länger, als beim ersten Warnstreik und die Stimmung noch
kämpferischerer. Auch die Jugend war wieder auffallend gut vertreten. An
der Spitze des Demozuges machten die Azubis ihrem Unmut über die
Verhältnisse Luft.
Bei einer Streikkundgebung vor dem Katharinenhospital erklärte
Vertrauensmann und Mitglied der ver.di-Verhandlungskommission, Volker
Mörbe, dass bei den Verhandlungen zwei Welten aufeinander treffen und
die Oberbürgermeister und Landräte meilenweit vom Leben der
Beschäftigten entfernt wären. Er machte aber auch deutlich, dass die
Entscheidung in dieser Tarifrunde nicht in Potsdam falle, sondern in den
Betrieben. „Wir werden die Arbeitszeitverlängerung verhindern und die
Zeit- und Bewährungsaufstiege wieder einführen“. Er schloss seine Rede
mit den Worten: „Wir werden immer stärker, jeden Tag ein Stück. Im April
wird es richtig losgehen. Wir zählen auf Euch“.
Kämpferische Demonstrationen
7.000 versammelten sich für eine Demonstration und Kundgebung in der
Stuttgarter Innenstadt. Parallel dazu demonstrierten 1.500 Beschäftigte
des öffentlichen Dienstes in Sindelfingen und 1.000 Waiblingen.
Bei der Abschlusskundgebung machte der ver.di-Vorsitzende Thomas Böhm
deutlich, wie groß der Reichtum in dieser Gesellschaft, wie ungleich er
verteilt ist und wie sich die Reichen ihre Taschen immer dreister voll
stopfen. „Diesem Treiben können wir nicht länger zuschauen“, so Thomas
Böhm. Er konterte auch die Arbeitgeber-Propaganda, wonach die
Warnstreiks „unverhältnismäßig“ seien. Unverhältnismäßig sei, wenn bei
der Müllabfuhr noch mal 5,5 Millionen Euro und 100 Stellen gekürzt
werden sollen und ältere Kollegen, die sich kaputtgeschuftet haben,
rausgehaut werden sollen. Unverhältnismäßig sei es auch, wenn
Kolleginnen jede Minute, die sie rauchen von der Arbeitszeit abgezogen
werde.
Er argumentierte auch gegen Arbeitszeitverlängerung und dafür, dass die
Arbeitszeit verkürzt wird: „Die Arbeit muss auf alle verteilt werden.
Wir wollen uns nicht kaputtarbeiten. Wir wollen mehr Zeit für Freizeit
und unsere Familien“.
Arbeitgeber wollen Arbeitszeitregelung kündigen
Anfang März kündigten die Arbeitgeber an, ihrer Forderung nach der
40-Stunden-Woche mit der Kündigung der Arbeitszeitregelung Nachdruck zu
verleihen. Dadurch gewinnt die Frage der Arbeitszeit in dieser
Tarifrunde zunehmend an Bedeutung. Es geht hier um eine
gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung. Denn der öffentliche Dienst
soll als Speerspitze für die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche in der
gesamten Wirtschaft genutzt werden.
Unter den ver.di-Mitgliedern im Klinikum wurde vor und während des
Warnstreiks eine Diskussion darüber geführt, wie sich ver.di in der
Frage der Arbeitszeit positionieren solle. Einige Vertrauensleute sind
der Meinung, man solle in dieser Tarifrunde nur fordern, dass es keine
Verlängerung der Arbeitszeit geben darf und dies müsse der „erste
Schritt sein zu einer zukünftigen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn-
und Personalausgleich“. Bei der Streikversammlung im Bürgerhospital am
6.3. wurde diese defensive Haltung kritisiert. Nach einer Debatte ergab
ein Meinungsbild, dass von ca. 60 Anwesenden nahezu alle mindestens eine
Gegenforderung von 37 Stunden für richtig halten. 40 waren sogar der
Meinung, man müsse jetzt die Forderung nach der 35-Stunden-Woche in die
Tarifrunde einbringen.
In der Diskussion wurde auch von einigen Beschäftigten noch mal betont,
dass die Lohnforderung eigentlich viel zu niedrig sei. Bei der Demo
selbst wiederspiegelte sich die Diskussion am Klinikum ebenfalls indem
Kolleginnen und Kollegen des Katharinenhospitals, unter ihre „8“, die
sie bei der Demo mit führten einen Pfeil darunterklebten mit der
Aufschrift „Arbeitszeit runter“.
Gemeinsamer Kampf mit Einzelhandel
Der Einzelhandel war diesmal nicht beim Streiktag dabei. Die
Einzelhandelsbelegschaften halten es für sinnvoller das Ostergeschäft zu
bestreiken. Der Streik im öffentlichen Dienst ist jedoch eine enorme
Unterstützung für die Verkäuferinnen. Der Branchenverband HDE ging
Anfang März an die Presse, um sich darüber zu beklagen, dass die Streiks
im Nahverkehr zu erheblichen Umsatzeinbußen an den „Topstandorten“,
sprich den Einkaufsmeilen in den Innenstädten führen. Dies gilt vor
allem für Berlin, wo die BVG seit 5.3. streikt. Aber auch die
Warnstreiks in verschiedenen Städten führten zu leeren Kaufhäusern an
diesen Tagen.
Auch ohne direkte Streikbeteiligung war der Kampf der Verkäuferinnen am
6.3. Teil des Warnstreiks in Stuttgart. Sowohl bei der Streikversammlung
im Bürgerhospital als auch bei der gemeinsamen Streikkundgebung des
Klinikums sprach eine Betriebsratskollegin von Schlecker über den Kampf
in der Drogeriekette zur Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten,
angefangen von der Einhaltung von tariflichen und gesetzlichen Rechten
bis hin zum Kampf um die Sicherheit. Überfälle gehören zum Berufsrisiko
von Schleckerbeschäftigten und obwohl schon viele Kolleginnen davon
betroffen waren, verweigert Schlecker nach wie vor den minimalsten
Schutz dagegen. Eine ver.di-Mitgliederversammlung am Klinikum hatte
bereits eine Solidaritätserklärung für die Kolleginnen und Kollegen im
Einzelhandel verabschiedet und die ver.di-Vertrauensleute am Klinikum
hatten mit zur erfolgreichen Menschenkette der Solidarität mit den
Verkäuferinnen und zur Flash-Mob-Aktion im Kaufhof am 2. Februar
aufgerufen. Ver.di-Mitglieder am Klinikum wollen die
Schlecker-Kolleginnen weiter unterstützen und auch zu einem
Gerichtsprozess zur Wahlanfechtung am Arbeitsgericht Stuttgart am 19.3.
mobilisieren.
Ein baldiger gemeinsamer Streik von Einzelhandel und öffentlichem Dienst
und darüber hinaus ein gemeinsamer Kampf aller Bereiche von ver.di, die
derzeit in Tarifauseinandersetzung stehen, wäre das beste Mittel, für
alle möglichst viel herauszuholen.
Von einer solchen Strategie ist bei der Bundesführung von ver.di nichts
zu spüren. Im Gegenteil. Bei der RWE und bei den T-Punkten der Telekom
wurden trotz der Rekordgewinne Abschlüsse von unter 4% unterschrieben,
die sich bei den T-Punkten aufgrund von 15 Monaten Laufzeit in noch
niedrigere jährliche Erhöhungen reduzieren. Bei einer Inflationsrate von
3% bedeutet das: der Reallohnverlust geht weiter. Die Aktionäre und
Manager bekommen den Spielraum, sich weiter auf Kosten der Belegschaften
zu bereichern.
Streik im öffentlichen Dienst wird wahrscheinlicher
Im öffentlichen Dienst sieht es aber nicht so aus, als ob sich die
Beschäftigten mit einem Billigabschluss abspeisen lassen. Durch die
Warnstreiks ist zudem ein Gefühl von Stärke entstanden, das dazu führt,
dass die Erwartungen steigen. Und so hörte man beim Warnstreik von
vielen Kolleginnen und Kollegen, dass die Lohnforderung eigentlich viel
zu niedrig sei. Beim Streikpostenstehen vor dem Bürgerhospital wies ein
griechischer Kollege darauf hin, dass man in Tarifrunden Forderungen
auch erhöhen könne. Vor Jahren hätte es in Griechenland einen Streik
gegeben, bei dem u.a. die Müllabfuhr beteiligt war. Die Gewerkschaften
forderten anfangs eine 5%ige Lohnerhöhung. Die Regierung dachte sie
könne den Streik aussitzen. Nach sechs Wochen wollte der zuständige
Minister die Armee einsetzen, um die Müllberge zu beseitigen. Die Armee
weigerte sich aber. Daraufhin musste der für den öffentlichen Dienst
zuständige Minister gehen. Die erste Amtshandlung des neuen Ministers
bestand darin, 5% Lohnerhöhung zuzugestehen. Aber die Gewerkschaft sagte
jetzt: „Unsere Forderung von 5% ist von gestern. Jetzt fordern wir 10%.“
Am Ende wurden 8% durchgesetzt.
Alle gemeinsam – mindestens eine Woche
Durch die Schlichtung und die damit verbundene Streikpause sollen
Stimmung und Erwartungen heruntergekocht werden. Da nicht davon
auszugehen ist, dass es einen annehmbaren Schlichterspruch gibt, ist es
das beste die Wochen bis zum Schlichterspruch zu nutzen, um Druck
aufzubauen für Urabstimmung und Vollstreik zur Durchsetzung aller
erhobenen Tarifforderungen.
Unter Aktivisten und Funktionären in Stuttgart ist die Diskussion über
eine erfolgreiche Streikstrategie in vollem Gang. Nach den Erfahrungen
von 2006 und den erfolgreichen gemeinsamen Warnstreiks plädiert man hier
fast durchweg dafür nach einer Urabstimmung von Anfang an die Vollen zu
gehen, d.h.bundesweit eine Woche alle gemeinsam.
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