Einstein: „Für ein sozialistisches Wirtschaftssystem, um die Übel des
Kapitalismus loszuwerden“
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 67, März 08, Warum Sozialismus?, veröffentlicht: 04.03.2008
Dokumentation eines Artikels von Albert Einstein
Vor 75 Jahren, Anfang 1933 blieb der Physiker und Nobelpreisträger
Albert Einstein, nachdem die Nazis in Deutschland die Macht übernommen
hatten, im Anschluss an eine Reise in den USA. Einstein war allerdings
nicht nur Antifaschist, sondern verstand sich auch, was weniger bekannt
ist, als Sozialist. Im Jahr 1949 verfasste Einstein den folgenden Text
unter dem Titel „Warum Sozialismus“ für die erste Ausgabe der
amerikanischen sozialistischen Zeitschrift Monthly Review. Der Artikel
wurde später ins Deutsche zurück übersetzt. Wir veröffentlichen hier
Auszüge.
Das handschriftliche Original von Einstein kann im Internet
eingesehen werden unter www.alberteinstein.info.
Ist es nun ratsam für jemanden, der kein Experte auf dem Gebiet
ökonomischer und sozialer Fragen ist, sich zum Wesen des Sozialismus zu
äußern? Ich denke aus einer Reihe von Gründen, dass dies der Fall ist.
[...]
Der Mensch ist gleichzeitig ein Einzel- und ein Sozialwesen. Als ein
Einzelwesen versucht er, seine eigene Existenz und die derjenigen
Menschen zu schützen, die ihm am nächsten sind sowie seine Bedürfnisse
zu befriedigen und seine angeborenen Fähigkeiten zu entwickeln. Als ein
Sozialwesen versucht er, die Anerkennung und Zuneigung seiner
Mitmenschen zu gewinnen, ihre Leidenschaften zu teilen, sie in ihren
Sorgen zu trösten und ihre Lebensumstände zu verbessern. Allein die
Existenz dieser vielseitigen, häufig widerstreitenden Bestrebungen macht
den speziellen Charakter des Menschen aus, und die jeweilige Kombination
bestimmt, inwieweit ein Individuum sein inneres Gleichgewicht erreichen
und damit etwas zum Wohl der Gesellschaft beitragen kann. Es ist gut
vorstellbar, dass die relative Kraft dieser beiden Antriebe
hauptsächlich erblich bedingt ist. Aber die Persönlichkeit wird
letztlich weitestgehend von der Umgebung geformt, die ein Mensch
zufällig vorfindet, durch die Gesellschaftsstruktur, in der er
aufwächst, durch die Traditionen dieser Gesellschaft und dadurch, wie
bestimmte Verhaltensweisen beurteilt werden. Der abstrakte Begriff
„Gesellschaft“ bedeutet für den einzelnen Menschen die Gesamtheit seiner
direkten und indirekten Beziehungen zu seinen Zeitgenossen und den
Menschen früherer Generationen. Das Individuum allein ist in der Lage,
zu denken, zu fühlen, zu kämpfen, selbstständig zu arbeiten; aber er ist
in seiner physischen, intellektuellen und emotionalen Existenz derart
abhängig von der Gesellschaft, dass es unmöglich ist, ihn außerhalb des
gesellschaftlichen Rahmens zu betrachten. Es ist die „Gesellschaft“, die
den Menschen Kleidung, Wohnung, Werkzeuge, Sprache, die Formen des
Denkens und die meisten Inhalte dieser Gedanken liefert, sein Leben wird
durch die Arbeit möglich gemacht und durch die Leistungen der vielen
Millionen Menschen früher und heute, die sich hinter dem Wörtchen
„Gesellschaft“ verbergen.
Deshalb ist die Abhängigkeit des Einzelnen von der Gesellschaft ein
Naturgesetz, das – wie im Falle von Ameisen und Bienen – offenbar nicht
einfach so abgeschafft werden kann. Doch während der gesamte
Lebensprozess von Ameisen und Bienen bis hin zum kleinsten Detail an
starre, erbliche Instinkte gebunden ist, sind die sozialen Muster und
die engen sozialen Verbindungen der Menschen sehr empfänglich für
verschiedenste Veränderungen. Das Gedächtnis, die Kapazität, Neues zu
versuchen und die Möglichkeit, mündlich zu kommunizieren, haben für den
Menschen Entwicklungen möglich gemacht, die nicht von biologischen
Gegebenheiten diktiert wurden. Solche Entwicklungen manifestieren sich
in Traditionen, Institutionen und Organisationen, in der Literatur, in
wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, in künstlerischen
Arbeiten. Das erklärt, weshalb der Mensch in einem gewissen Sinne sein
Leben selbst beeinflussen kann und dass in diesem Prozess bewusstes
Denken und Wollen eine Rolle spielt.
[...]
Privates Kapital tendiert dazu, in wenigen Händen konzentriert zu werden
– teils aufgrund der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten und teils,
weil die technologische Entwicklung und die wachsende Arbeitsteilung die
Entstehung von größeren Einheiten auf Kosten der kleineren vorantreiben.
Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist eine Oligarchie von privatem
Kapital, dessen enorme Kraft nicht einmal von einer demokratisch
organisierten politischen Gesellschaft überprüft werden kann. Dies ist
so, da die Mitglieder der gesetzgebenden Organe von politischen Parteien
ausgewählt sind, die im Wesentlichen von Privatkapitalisten finanziert
oder anderweitig beeinflusst werden und in der Praxis die Wähler von der
Legislative trennen. Die Folge ist, dass die „Volksvertreter“ die
Interessen der unterprivilegierten Schicht der Bevölkerung nicht
ausreichend schützen. Außerdem kontrollieren unter den vorhandenen
Bedingungen die Privatkapitalisten zwangsläufig direkt oder indirekt die
Hauptinformationsquellen (Presse, Radio, Bildung). Es ist deshalb
äußerst schwierig und für den einzelnen Bürger in den meisten Fällen
fast unmöglich, objektive Schlüsse zu ziehen und in intelligenter Weise
Gebrauch von seinen politischen Rechten zu machen.
Die Situation in einem Wirtschaftssystem, das auf dem Privateigentum an
Kapital basiert, wird durch zwei Hauptprinzipien charakterisiert:
erstens sind die Produktionsmittel (das Kapital) in privatem Besitz, und
die Eigentümer verfügen darüber, wie es ihnen passt; zweitens ist der
Arbeitsvertrag offen. Natürlich gibt es keine rein kapitalistische
Gesellschaft. Vor allem sollte beachtet werden, dass es den Arbeitern
durch lange und bittere politische Kämpfe gelungen ist, bestimmten
Kategorien von Arbeitern eine ein wenig verbesserte Form des
„nichtorganisierten Arbeitervertrags“ zu sichern. Aber als Ganzes
genommen unterscheidet sich die heutige Wirtschaft nicht sehr von einem
„reinem“ Kapitalismus.
Die Produktion ist für den Profit da – nicht für den Bedarf. Es gibt
keine Vorsorge dafür, dass all jene, die fähig und bereit sind zu
arbeiten, immer Arbeit finden können. Es gibt fast immer ein „Heer von
Arbeitslosen“. Der Arbeiter lebt dauernd in der Angst, seinen Job zu
verlieren. Da arbeitslose und schlecht bezahlte Arbeiter keinen
profitablen Markt darstellen, ist die Warenproduktion beschränkt und
große Not ist die Folge. Technologischer Fortschritt führt häufig zu
mehr Arbeitslosigkeit statt zu einer Milderung der Last der Arbeit für
alle. Das Gewinnmotiv ist in Verbindung mit der Konkurrenz zwischen den
Kapitalisten für Instabilität in der Akkumulation und Verwendung des
Kapitals verantwortlich und dies bedeutet zunehmende Depressionen.
Unbegrenzte Konkurrenz führt zu einer riesigen Verschwendung von Arbeit
und zu dieser Lähmung des sozialen Bewusstseins von Individuen, die ich
zuvor erwähnt habe.
Diese Lähmung der Einzelnen halte ich für das größte Übel des
Kapitalismus. Unser ganzes Bildungssystem leidet darunter. Dem Studenten
wird ein übertriebenes Konkurrenzstreben eingetrichtert und er wird dazu
ausgebildet, raffgierigen Erfolg als Vorbereitung für seine zukünftige
Karriere anzusehen.
Ich bin davon überzeugt, dass es nur einen Weg gibt, dieses Übel
loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu
etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen
Zielsetzungen orientiert. In solch einer Wirtschaft gehören die
Produktionsmittel der Gesellschaft selbst und ihr Gebrauch wird geplant.
Eine Planwirtschaft, die die Produktion auf den Bedarf der Gemeinschaft
einstellt, würde die durchzuführende Arbeit unter all denjenigen
verteilen, die in der Lage sind zu arbeiten, und sie würde jedem Mann,
jeder Frau und jedem Kind einen Lebensunterhalt garantieren. Die Bildung
hätte zum Ziel, dass die Individuen zusätzlich zur Förderung ihrer
eigenen angeborenen Fähigkeiten einen Verantwortungssinn für die
Mitmenschen entwickeln anstelle der Verherrlichung von Macht und Erfolg
in unserer gegenwärtigen Gesellschaft.
Dennoch ist es notwendig festzuhalten, dass eine Planwirtschaft noch
kein Sozialismus ist. Eine Planwirtschaft als solche kann mit der
totalen Versklavung des Individuums einhergehen. Sozialismus erfordert
die Lösung einiger äußerst schwieriger sozio-politischer Probleme: Wie
ist es angesichts weitreichender Zentralisierung politischer und
ökonomischer Kräfte möglich, eine Bürokratie daran zu hindern,
allmächtig und maßlos zu werden? Wie können die Rechte des Einzelnen
geschützt und dadurch ein demokratisches Gegengewicht zur Bürokratie
gesichert werden?
In unserem Zeitalter des Wandels ist Klarheit über die Ziele und
Probleme des Sozialismus von größter Bedeutung. Da unter den
gegenwärtigen Umständen die offene und ungehinderte Diskussion dieser
Probleme einem allgegenwärtigen Tabu unterliegt, halte ich die Gründung
dieser Zeitschrift für ausgesprochen wichtig.
|