Einzelhandel-Streik in Stuttgart: Streikende Verkäuferinnen,
Menschenkette, Chaos in der Schuhabteilung
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 05.02.2008
Bericht vom einwöchigen Streik im Einzelhandel in Stuttgart
von Ursel Beck, Stuttgart
„Wir wolln mehr Kohle sehen, wir wollen mehr Kohle sehn“ sangen
lautstark am Montagmorgen des 28.1. mehr als 1.000 Verkäuferinnen im
Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Die Streikversamlung war der Auftakt für
einen einwöchigen Streik, mit dem der ver.di-Bezirk Stuttgart neue
Maßstäbe in diesem Tarifkonflikt setzte. Für die Beschäftigten von H&M
war dies der Anfang ihrer zehnten Streikwoche. Für andere Belegschaften
war es das erste mal, dass sie eine Woche durchstreikten, auch wenn ihre
Chefs es nicht glauben wollten: „Spätestens am Donnerstag kommt ihr
wieder zurück“.
Täglich haben 800 Beschäftigte bei Kaufhof, Karstadt, Kaufland,
Handelshof, H&M, Real, Schlecker, Zara, in insgesamt 35 Läden die Arbeit
niedergelegt. Am Samstag stieg die Zahl der Streikenden sogar noch mal
an. Es ist die völlig unnachgiebige Haltung der Arbeitgeber verbunden
mit einer entschlossenen Streikführung in Stuttgart, die die
Kampfbereitschaft im Einzelhandel auf ein bisher nicht gekanntes Maß
brachte. Und das darf keine Ausnahme bleiben, weder in Stuttgart noch
bundesweit, sonst endet dieser Streik in einer Niederlage.
Obwohl sich bundesweit seit Sommer letzten Jahres mehr als 150.000
Verkäuferinnen an ein- und mehrtägigen Streiks beteiligten und erstmals
sogar das Weihnachtsgeschäft bestreikt wurde, haben sich die Arbeitgeber
bisher keinen Millimeter bewegt. Sie wollen alle Zuschläge streichen und
den Beschäftigten damit 140 Euro im Monat aus der Tasche ziehen. Der
Hintergrund: die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten hat die Kosten aber
nicht die Umsätze erhöht. Diese Kostensteigerungen sowie höhere
Renditevorgaben und explodierende Managergehälter sollen bei den
Verkäuferinnen reingeholt werden. Werner Wild, ver.di-Verhandlungsführer
in Baden Württemberg erklärte immer wieder bei Kundgebungen, dass die
Arbeitgeber alle Beschäftigten im Einzelhandel da hin kriegen wollen, wo
sie die Tengelmann-Gruppe bei bei Kik und Takko bereits hat: Fünf Euro
Stundenlohn, unbezahlte Überstunden, kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld.
„Wir sehen nicht ein, dass der Metro-Chef Cordes mit vier bis fünf
Millionen nach Hause geht, und die Beschäftigten noch nicht mal einen
Mindestlohn von 1.500 Euro kriegen sollen“, so ver.di-Geschäftsführer
Bernd Riexinger bei einer Streikkundgebung.
„Arm trotz Arbeit“ mit diesem Satz brachten die streikenden
Verkäuferinnen ihre Situation auf den Punkt.
Wie bereits der Streik im öffentlichen Dienst 2006 war der einwöchige
Streik in Stuttgart ein aktiver Streik. Neben den täglichen
Streikversammlungen im Gewerkschaftshaus gab es am Montag eine laute
Demonstration durch die Innenstadt, am Donnerstag eine Kundgebung von
400 Kolleginnen vor der Kaufhof-Filiale in Bad Cannstatt und am Freitag
vor Karstadt auf der Königstraße. Um den Streik auf die Beine zu stellen
kehrten sogar einige streikerprobte pensionierte Funktionäre von ver.di
und der IG Metall, wie Sybille und Jürgen Stamm, eine Woche aus dem
Ruhestand zurück vor die Betriebe. Ohne Unterstützung von Ehrenamtlichen
sind die auf der unteren Ebene ausgedünnten ver.di-Apparate völlig
überfordert den Streik im Einzelhandel effektiv zu organisieren. Nachdem
die Initialzündung gelungen war, bekamen die Streikenden von Tag zu Tag
mehr Selbstbewusstsein und organisierten ihren Streik zunehmend selbst.
Junge Verkäuferinnen und Verkäufer griffen selbstbewusst zum Megaphon
und heizten mit Kampfparolen, Sprechchören und Streikliedern die
Stimmung an. „Zicke, zacke, zicke, zacke, Streik, Streik, Streik“ oder
„eins, zwei ver.di kommt vorbei - drei, vier, wir stehen vor der Tür -
fünf, sechs gebt her Eure Schecks - sieben, acht, wir machen heute Krach
- neun, zehn wir werden hier nicht gehen“ tönte es immer wieder auf
Streikversammlungen und Kundgebungen vor Kaufhäusern. Auffallend war
auch die große Zahl selbstgemachter Sandwiches mit Aussagen wie: „Hilfe
ich kann meine Familie nicht mehr ernähren mit 1.000 Euro“; „Immer mehr
lächeln für immer weniger Geld“; „H&M – heuchlersich und machtgeil“,
oder „Es stinkt – Millionen für die Vorstände, Hungerlöhne für die
Verkäufer “. Auch ihren Unmut über die verlängerten Ladenöffnungszeiten
brachten die Verkäuferinnen immer wieder zum Ausdruck.
Trotz der guten Streikbeteiligung wurde der Streik in seiner Wirkung
stark untergraben, weil die Arbeitgeber Aushilfs- und LeiharbeiterInnen
als Streikbrecher einsetzten. Deshalb entwickelte die Führung des
ver.di-Bezirks Stuttgart zusammen mit dem Zukunftsforum Stuttgarter
Gewerkschaften den Plan einer Unterstützungsaktion für den Samstag. Am
Ende mobilisierte ver.di, das Zukunftsforum, die „alternative“ von
Daimler, die Linke, SAV, DIDF und andere für eine aufsehenerregende
Protestaktion auf der Einkaufsmeile Königstresse, an der sich über 1.000
Kolleginnen und Kollegen beteiligten. Nach einer Auftaktkundgebung auf
dem Schlossplatz wurde eine Menschenkette entlang der Kaufhäuser auf der
Einkaufsmeile Königstraße gebildet. Kollegen vom Klinikum, vom Jugend-
und Tiefbauamt, der Telekom, von Daimler Mettingen und Mahle standen in
einer geschlossenen Reihe mit den streikenden VerkäuferInnen.
Für die Menschenkette gab es keine Genehmigung. Doch wie Bernd Riexinger
bei der Streikversammlung zuvor erklärte, könne uns niemand verbieten
auf die Königstraße zu gehen und uns die Hand zu reichen. „Alle Leute
auf der Königstraße sollen sehen, was die Arbeitgeber mit ihren
Beschäftigten machen. Sie sollen aber auch sehen, wie sich Beschäftigte
dagegen zur Wehr setzen.“ Nach einer Abschlusskundgebung wurde eine
weitere Kundgebung mit mehreren hundert Teilnehmern vor dem Kaufhaus und
gleichzeitig eine Flashmobaktion im Kaufhof veranstaltet. Um die hundert
Gewerkschafter organisierten Chaos im Kaufhof: produzierten Chaos in
verschiedenen Abteilungen, Schlangen an den Kassen, blockierten
Umkleidekabinen, lösten Alarmsignale aus, brachten Rolltreppen zum
Stillstand und pfiffen zu einer verabredeten Uhrzeit auf Trillerpfeifen.
Die Stuttgarter Zeitung titelte in ihrer Sonntagsausgabe „Streik
verdirbt Kauflaune“.
Der Tag hat vor allem gezeigt, dass ver.di fachbereichsübergreifend
mobilisieren und die Gewerkschaftslinke eine aktive Rolle in der
Bewegung spielen kann. Im Kontrast steht dazu, die Haltung von
Funktionären wie dem DGB-Vorsitzenden der Region Stuttgart, Wolfgang
Brach und des IG-Metall-Bevollmächtigten Uwe Meinhardt, die den
Streikenden in der Streikwoche die solidarische Unterstützung ihrer
Organisationen zusicherten, ihren Worten aber keine Taten folgen lassen.
Hätten IG Metall und der gesamte DGB für die Samstagsaktion mobilisiert,
hätten sich mit Sicherheit einige tausend mehr beteiligt.
Bleibt zu hoffen, dass die Streikwoche in Stuttgart als Signal gewertet
wird, was machbar ist und bundesweit Nachahmung findet.
Die beste Unterstützung für die Beschäftigten im Einzelhandel, wäre ein
baldiger Streik im öffentlichen Dienst. Wenn keine Straßenbahnen mehr
fahren, kommen die Leute nicht mehr in die Innenstädte zum Einkaufen.
Bislang ist es noch typisch für ver.di, dass Kämpfe nicht gebündelt
werden. In der Stuttgarter Einzelhandelsstreikwoche streikte in Berlin
die BVG, aber nicht der Einzelhandel. Diese Verzettelungsstrategie muss
von unten aufgebrochen werden. Auch hier wird Stuttgart am 22.2. ein
Signal setzen. Das Konzept von unterschiedlichen Warnstreiks der
verschiedenen Betriebe im öffentlichen Dienst wurde hier einhellig
abgelehnt. Es soll einen gemeinsamen Paukenschlag im gesamten
öffentlichen Dienst geben und darüber hinaus alle anderen
ver.di-Bereiche, die außerhalb der Friedenspflicht sind, rausgeholt
werden. Die VerkäuferInnen sind mit Sicherheit wieder dabei. Denn ein
Nachgeben der Arbeitgeber in den nächsten Wochen ist nicht in Sicht.
dokumentiert: Bericht des Zukunftsforums über die Flashmobaktion:
Streikaktionen Einzelhandel Stuttgart: Menschenkette und Flash Mob
Am 2. Februar begannen die Streikaktionen im Einzelhandel in Stuttgart
gegen 12.00 Uhr mit einer Menschenkette. Über 1000 Menschen waren durch
rote und weiße Bänder entlang der gesamten 1,3 km langen Königstraße vom
Bahnhof bis zu dem neuen Streikbetrieb „Zara“ miteinander verbunden –
GewerkschafterInnen vom Einzelhandel, vom Öffentlichen Dienst, aus der
Metallbranche ..., junge AktivistInnen aus den Sozial- und
antifaschistischen Bewegungen und viele andere.
Die anschließende Kundgebung auf dem Schlossplatz war geprägt von der
neuen Streikkultur der vorwiegend jungen Belegschaften der
Einzelhandelsbetriebe: kreativ, fetzig, kämpferisch, phantasievoll,
lebenslustig, voll Schwung und Elan – mit selbst gedichteten
Streikliedern, Sprechchören, umgedichteten Songs … .
Gemeinsam zogen wir zum bestreikten Kaufhof – dort gab es dann 2
Aktionen: eine vor dem Kaufhof – laut und bunt – wie die Kundgebung, um
die KundInnen am reingehen zu hindern. Und im Kaufhof fanden mehrere
Flash Mob-Aktionen mit fast 100 Streikunterstützern statt. Die
Schuhabteilung war danach nur noch Chaos, kaum begehbar, und es wird
sicher noch lange dauern, bis alle passenden Schuhmodelle und
Schuhgrößen wieder richtig sortiert sind. VerkäuferInnen wurden von den
Flashmobbern voll beschäftigt, so dass „echte“ KundInnen keine Chance
hatten. An den Kassen gab es meterlange Schlangen – die Geldscheine
waren groß, die Gespräche lang, die Sucherei nach dem Geldbeutel
dauerte, die Umtauschrate war extrem hoch – schließlich wollten wir doch
keine „Weltmeisterhüte“ mit nach Hause nehmen. In der Mantelabteilung
waren die Lederjacken (so ab 300 Euro aufwärts) die Begehrtesten, alle
wollten sie anprobieren – und nicht nur eine. Ein Dutzend mussten es
schon mindestens sein. Die Sicherheitsüberwachung piepte unüberhörbar
durch die gesamte Abteilung. Die Umkleidekabinen in der Hemdenabteilung
waren auch blockiert, schließlich mussten die sauber mit Nadeln
zusammengesteckten Hemden sorgsam entnadelt und auseinandergefaltet
werden und in den Kabinen kunstvoll angeordnet werden. Das dauert und
die Schlangen wurden auch dort immer länger.
Das Personal wurde in diesen Abteilungen zusammengezogen, so dass in den
anderen Abteilungen jede/r sich frei entfalten und seiner Kreativität
freien Lauf lassen konnte.
Der krönende Abschluss war dann ein gemeinsam verabredeter Abgang über
die Rolltreppen – begleitet von einem gellenden Trillerpfeifenkonzert
(die verdi-Pfeifen haben dafür einfach die richtige Tonlage). Der
Kaufhof dröhnte von oben bis unten. Der Empfang der FlashmobberInnen am
Ausgang durch den Beifall der Streikenden machte deutlich, dass dies
eine erfolgreiche Streikunterstützungsaktion war. Alle waren von der
Aktion begeistert, sie hat viel Spaß gemacht und wird die nächsten
Wochen sicher öfter wiederholt werden.
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