Marxismus heute: Warum entstehen im Kapitalismus Krisen?
[Druckversion] Thema: Wirtschaft, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 66, Februar 08, Marxismus, veröffentlicht: 10.02.2008
Immer wieder erklären uns selbsternannte Wirtschaftsexperten, dass
Krisen entstehen, weil der Ölpreis mal wieder zu hoch ist oder Manager
irgendwelche Fehler gemacht haben. Alle Krisen werden mit menschlichem
Fehlverhalten oder plötzlichen politischen Ereignissen begründet. So
soll die Krise im Jahr 2001 eine Folge des Anschlags auf das World Trade
Center vom 11. September gewesen sein. Doch schon Monate vor den
Anschlägen befand sich die Wirtschaft im Abschwung. Wie entstehen also
Krisen im Kapitalismus?
Karl Marx schrieb 1865: „Die wahre Schranke der kapitalistischen
Produktion ist das Kapital selbst.“ Im Kapitalismus wird im Gegensatz zu
einer demokratischen Planwirtschaft nicht für die menschlichen
Bedürfnisse, sondern für den Profit produziert.
Nach Marx entstehen Krisen, wenn die Kapitalisten zu wenig Profit
machen. Genauer: Wenn die Kapitalisten mit mehr eingesetztem Kapital
weniger statt mehr Profit machen. Ist das der Fall, fällt die
Profitmasse.
Die Konkurrenz sorgt dafür, dass jeder Unternehmer ein Interesse daran
hat, dass seine Produkte am meisten verkauft werden und am meisten
Profit bringen. Deshalb wird immer mehr in neue Maschinen und Rohstoffe
investiert, um den Konkurrenten voraus zu sein. Für eine kurze Zeit kann
dieser Unternehmer Extraprofite zu Lasten der Konkurrenz erzielen. Das
geht jedoch nur so lange gut, bis die Konkurrenten nachziehen und
ihrerseits in neue Maschinen und Ausrüstung investieren und auf höherem
Niveau produzieren können.
Überkapazitäten
In diesem Prozess passiert zweierlei: Erstens werden beträchliche
Überkapazitäten geschaffen. Das sehen wir heute in der Flugzeug-, Auto-
oder Telekommunikationsindustrie. In der Autobranche könnten mit den
vorhandenen Produktionsmöglichkeiten jährlich 20 Millionen Wagen mehr
produziert werden als die bisher rund 50 Millionen.
Zweitens erhöht sich bei allen Kapitalisten im Durchschnitt der Wert des
eingesetzten konstanten Kapitals (Maschinen, Ausrüstungen und so weiter)
im Vergleich zur eingesetzten menschlichen Arbeitskraft. Marx zeigte
jedoch, dass nur menschliche Arbeit Werte schafft. Es ist ein Anzeichen
des Niedergangs des Kapitalismus, dass die Unternehmen versuchen, durch
niedrigere Löhne, größere Arbeitshetze oder längere Arbeitszeiten die
Ausbeutung zu verschärfen. Wenn die Steigerung der Ausbeutung jedoch an
Grenzen gerät, gibt es nicht genug profitable Anlagemöglichkeiten für
das Kapital. Deshalb versuchten sie jahrelang, durch Privatisierung neue
Anlagemöglichkeiten zu schaffen. Oder sie spekulieren immer mehr an den
Finanzmärkten, statt zu investieren. Aber auch das kann die
durchschnittliche Profitrate nur vorübergehend erhöhen. An einem
bestimmten Punkt muss der Fall der Profitrate auch zu einem Fall der
Profitmasse führen.
In der Folge werden Investitionspläne zusammengestrichen, Aufträge
storniert, Beschäftigte entlassen, Werke geschlossen. So sank die
Industrieproduktion in den kapitalistischen Ländern in der bisher
größten Krise, der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933, im
Durchschnitt um vierzig Prozent. Es setzt ein ruinöser Konkurrenzkampf
ein, Preise verfallen, Kapital wird entwertet, Produktionsanlagen werden
zerstört.
Krisen aus Überfluss
Im Kapitalismus entstehen Krisen nicht aus einem Mangel, sondern aus
einem Überfluss an Gütern. Eine Krise setzt ein, wenn den Kapitalisten
keine ausreichend profitablen Verwertungsmöglichkeiten mehr zur
Verfügung stehen.
Infolge der Weltwirtschaftskrise 1929 wurden beispielsweise in Brasilien
zehn Millionen Sack Kaffee vernichtet. Hunderttausende Schafe in
Argentinien wurden geschlachtet. Der Grund war nicht, dass niemand
Kaffee oder Wolle brauchte. Im Gegenteil: Die Kapitalisten wollten den
Verfall der Preise stoppen, um dann wieder ordentliche Profite zu
scheffeln.
Krisen sind fester Bestandteil des Kapitalismus. Erst mit der Aufhebung
des Privateigentums an Produktionsmitteln und der Einführung einer
demokratisch geplanten Wirtschaftsordnung wird es möglich sein, Krisen
zu verhindern.
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