Pro und Contra: Soll DIE LINKE Ypsilanti tolerieren?
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 66, Februar 08, Debatte, "DIE LINKE.", veröffentlicht: 29.01.2008
DIE LINKE: Tolerierung von Rot-Grün? Warum Fritz Schmalzbauer dafür und
die SAV dagegen ist.
Nach den hessischen Landtagswahlen haben weder Schwarz-Gelb noch
Rot-Grün zusammen eine Mehrheit der Sitze im Parlament.
Vor diesem Hintergrund wird in der LINKEN verstärkt die Frage
diskutiert, ob die Linkspartei SPD und Grünen eine Zusammenarbeit
anbieten soll: Entweder als Juniorpartner in einer rot-grünen
Landesregierung oder durch die Tolerierung von Rot-Grün. Letzteres hatte
die PDS acht Jahre lang in Sachsen-Anhalt praktiziert. Am Tag nach der
Wahl in Hessen wollte Lothar Bisky, Vorsitzender der Linkspartei,
gegenüber stern.de die Tolerierung einer SPD-geführten Regierung unter
einer Ministerpräsidentin Andrea Ypsilanti nicht ausschließen: „Was
Tolerierung angeht, das hängt von Inhalten ab.“
Pro
Fritz Schmalzbauer, Mitglied im Parteivorstand der Partei Die Linke.
Um mit Hessen zu beginnen: Ich halte es für schwierig, unseren Kollegen
von der LINKEN vor Ort Ratschläge zu erteilen. Wie sie sich gegenüber
Andrea Ypsilanti verhalten sollen, ist ihre eigene Entscheidung. Die
Position von Ronald Koch ist glücklicherweise so geschwächt, dass er
kaum mehrheitsfähig sein wird. Auch wenn der Rassismus nicht abgewählt
wurde, so ist er doch beschädigt worden. Was unsere Leute betrifft,
werden sie gut daran tun, sich die SPD erstmal genauer anzuschauen. Und
damit meine ich nicht nur Frau Ypsilanti, sondern die SPD in ihrer
Gesamtheit in Hessen und auf Bundesebene. Momentan sieht es nicht danach
aus, als würde es die Möglichkeit für eine Tolerierung durch DIE LINKE
geben, weil Andrea Ypsilanti dies ausgeschlossen hat. Sollte es dennoch
die Möglichkeit geben, dass wir dazu beitragen können, Koch zu
verhindern, dann wäre ich in Hessen dafür, eine solche rot-grüne
Koalition politisch zu tolerieren.
Dazu müssten aber folgende Voraussetzungen erfüllt sein: Zum einen
bundespolitische Voraussetzungen – Die SPD müsste im Bund ein Zeichen
gegen Hartz IV setzen über eine Initiative im Bundesrat. Zudem müsste
sie andere politische Sozialkahlschläge im Bundesrat thematisieren. Die
SPD müsste von der Agenda 2010 abrücken. Kurzfristig glaube ich nicht,
dass das wahrscheinlich ist, aber andererseits ist Andrea Ypsilanti
nicht bekannt als große Unterstützerin von Hartz IV.
Zum anderen sollten für die hessische Ebene folgende
Mindestvoraussetzungen erfüllt sein:
1. Keine Privatisierung. Mit uns wird es keine Privatisierungen geben.
Es muss einen Vorrang für öffentliche Einrichtungen geben.
2. Der Kurs, den Andrea Ypsilanti im Bildungsbereich eingeschlagen hat,
muss konsequent umgesetzt werden – vom Zugang zur Allgemeinbildung bis
zur beruflichen Bildung. Die SPD hat im Bildungsbereich ein völlig
anderes Konzept als das, was die CDU verfolgt.
3. Auf Landesebene müssen Mindestlöhne eingeführt werden, zum Beispiel
indem keine öffentlichen Aufträge mehr ohne die Einhaltung eines
Mindestlohns vergeben werden. Wir plädieren für einen Mindestlohn über
acht Euro pro Stunde.
Um dies durchzusetzen, sind starke Bündnispartner wie die Gewerkschaften
nötig. Wir entfalten ja nicht einfach nur Kraft, indem wir im Parlament
sitzen. Eine vernünftige Verankerung in Gewerkschaften und sozialen
Bewegungen als auch in der Friedensbewegung und anderen lokalen
Bewegungen ist notwendig. Ich kenne die Situation in Hessen nicht so
genau, aber mein Eindruck ist, dass unsere Verbindungen in die
Gewerkschaften hinein gut sind.
Eine sogenannte Tolerierung braucht auch gewisse „Gewalt“, zum Beispiel
auch in der Hochschulpolitik: Ist der Hochschulverband in Hessen stark
genug, um unseren Forderungen Rückendeckung zu verleihen?
Bei einer möglichen Tolerierung geht es aus meiner Sicht darum, im
Interesse großer Bevölkerungsschichten Möglichkeiten zu schaffen, um die
Verhältnisse zu verändern. Damit meine ich die heutigen Arbeits- und
Bildungsverhältnisse, aber auch die Haushaltspolitik. Es geht darum, den
Kapitalismus und das Profitdenken aus diesen Bereichen zurück zu
drängen. Regierungskoalitionen halte ich dagegen für problematisch.
Trotzdem bin ich der Meinung, dass letztendlich die gewählten Leute vor
Ort entscheiden müssen. Wir können denen nichts vorschreiben.
Noch ein paar Gedanken zu Bayern, wo Anfang März die Kommunalwahlen und
im September die Landtagswahlen stattfinden. Durch den Erfolg der LINKEN
in Niedersachsen wurden die Karten neu gemischt. In einem ländlich
konservativ geprägten Flächenland hat die LINKE einen großen Erfolg
erzielt. Übertragen auf Bayern heißt das, dass ein Einzug nicht völlig
ausgeschlossen ist. In Bayern würde es auf Landesebene auch aus
wahlarithmetischen Gründen klar um eine Oppositionsrolle gehen. Aber
auch in Bayern ist ein bestimmtes rebellisches Potenzial vorhanden, was
man links von der SPD bündeln kann.
Im laufenden Kommunalwahlkampf setzen wir auf eigenständige Akzente. Das
trifft zum Beispiel auf den Jugendwahlkampf in München, aber auch auf
die Stimme, die wir mit Orhan Akman, Gewerkschaftssekretär bei ver.di,
im Münchner Stadtrat haben werden. Den Anti-SPD-Wahlkampf von solid
halte ich indes nicht für so sinnvoll. Es gibt Punkte, an denen man die
SPD massiv kritisieren muss, aber einen Anti-SPD-Wahlkampf halte ich
nicht für besonders zielführend. Wir sollten uns vor allem darauf
konzentrieren, die CSU anzugreifen. N
Contra
Georg Kümmel, Mitglied im SAV-Bundesvorstand
Laut Langenscheidts Wörterbuch bedeutet „tolerant“: „verständnisvoll,
aufgeschlossen, duldsam, eine andere, abweichende Meinung, Haltung oder
Lebensart akzeptierend“.
Im Zusammenhang mit der Haltung der LINKEN gegenüber einer SPD-Regierung
oder Rot-Grün ist schon der Begriff „Tolerierung“ irreführend. Teile der
Linkspartei wollen eine rot-grüne Regierung tolerieren, in der Hoffnung,
dass diese ja auch einige positive Veränderungen bringen würde. Aber
wenn Rot-Grün Verbesserungen beabsichtigen sollte, beispielsweise die
Studiengebühren wieder abzuschaffen, dann sollte die Linkspartei das
nicht „duldsam akzeptieren“, sondern unterstützen.
Doch warum spricht man dann nicht offen von Unterstützung für eine
SPD-geführte Regierung? Weil jede und jeder schon vor der Wahl weiß,
dass auch Rot-Grün fortfahren wird, die Hartz-Gesetze umzusetzen,
öffentliches Eigentum zu privatisieren, Gebühren zu erhöhen,
rassistische Ausländergesetze auszuführen, Polizei gegen linke
Demonstranten einzusetzen und so weiter und so fort. Offen zu sagen,
dass DIE LINKE das unterstützen wird, geht natürlich nicht, es „duldsam
akzeptieren“ geht aber auch nicht.
Natürlich kommt jetzt die altbekannte Argumentation vom vermeintlich
kleineren Übel: Schwarz-Gelb wird für 100 Verschlechterungen sorgen,
Rot-Grün für 80 Verschlechterungen und zehn Verbesserungen, macht 70
gegen 100. Das Argument scheint vielen unschlagbar. Diese einfache
Rechnung würde aber nur unter der Voraussetzung stimmen, dass die große
Mehrzahl der Bevölkerung kein anderes Mittel zur Durchsetzung ihrer
Interessen hat, als die parlamentarischen Stimmen einer Handvoll
Abgeordneter der Linkspartei.
Doch vom Wahlrecht bis zum Wohngeld musste jede demokratische und
soziale Errungenschaft erkämpft werden. Das gelang nicht durch
Tolerierung, sondern durch Opposition. In der kurzen Zeit, in der eine
SPD-geführte Regierung jemals Verbesserungen beschlossen hat, Anfang der
siebziger Jahre, geschah dies erstens gestützt auf die Mobilisierung der
arbeitenden Bevölkerung und zweitens vor dem Hintergrund einer
einmaligen, starken wirtschaftlichen Aufschwungphase. Der Charakter der
SPD und die ökonomische Weltlage haben sich mittlerweile grundlegend
gewandelt.
DIE LINKE kann dann etwas erreichen, wenn sie die etablierten Parteien
unter Druck setzt. Dass das möglich ist, sieht man doch aktuell beim
Thema Mindestlohn. SPD und Grüne mussten auch in anderen
sozialpolitischen Fragen Kreide fressen. Erreicht hat DIE LINKE das aber
nicht durch Tolerierung oder Regierungsbeteiligung, sondern als
Opposition, indem sie die Regierungspolitik der SPD attackiert.
Tolerierung von Sozialräubern oder eine Regierungsbeteiligung mit ihnen
führen im Ergebnis nicht zu einer Politik des kleineren, sondern zum
immer größeren Übel, weil man sich dadurch die Möglichkeit nimmt, die
unsoziale Politik der Regierung grundlegend abzulehnen. SPD und Grüne
sind durch die Formierung der LINKEN unter Druck geraten, weil die
Linkspartei deren Sozialabbau-Politik als pure Umverteilungspolitik zu
Gunsten der Reichen kritisiert und entlarvt hat.
Doch welche Position soll die Linkspartei einnehmen, wenn in Hessen
konkret die Wahl im Parlament zwischen Minsterpräsident Koch und
Ministerpräsidentin Ypsilanti ansteht? Die Linkspartei sollte erklären:
Ypsilanti ist nicht bereit, sich mit dem Kapital anzulegen, deshalb wird
sie bei der selben Politik landen wie Koch. Wir wollen aber der Abwahl
von Koch nicht im Wege stehen und stimmen deshalb in der direkten Wahl
für Ypsilanti. Aber wir übernehmen keine Verantwortung für das
zukünftige Tun von Ypsilanti und ihrer Regierung, sondern werden gegen
jede Verschlechterung stimmen.
Das Prinzip linker Politik muss lauten: Zustimmung zu konkreten
Verbesserungen – immer. Als Komplize Schmiere stehen für die
Sozialabbau-Verbrechen der Regierungsparteien – niemals. Das ist der
Weg, mit dem man Druck gegen das Kapital und seine Parteien erzeugt,
Vertrauen bei den abhängig Beschäftigten und Erwerbslosen schafft und so
eine Massenpartei aufbaut, die die Kraft hat, die Gesellschaft zu
verändern.
Mit der kapitalistischen Wirtschaft geht es bergab. Demnächst
wahrscheinlich sogar wieder steiler und schneller. Dann wird auch eine
SPD-geführte Regierung ihre Sozialabbau-Politik wieder verschärfen, um
die Profite der Kapitalisten zu sichern. Wer glaubhaft für eine
Alternative kämpfen will, darf weder Sozialabbau noch den Kapitalismus
tolerieren.
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