GDL-Streik: Erfolg durch Entschlossenheit und Kampfbereitschaft der
Lokführer
[Druckversion] Thema: Bahn für alle statt Börsenwahn!, veröffentlicht: 17.01.2008
Im Streik wurde deutlich: es wäre sogar noch mehr drin gewesen
von Angelika Teweleit, Berlin
Es ist kein Zufall, dass Suckale und Mehdorn am Sonntag nicht vor den
Kameras erschienen. Monatelang hatten sie versucht, einen Erfolg für die
GDL zu verhindern – mit dem Einschalten von Gerichten, Einschüchterung
der Beschäftigten und ihren Versuchen, die Bahnreisenden und die
Öffentlichkeit gegen die Lokführer aufzuhetzen. Nichts davon hat
funktioniert.
Für eine genaue Bewertung muss sicher der Tarifvertrag noch in seinen
Einzelheiten untersucht werden. Doch nach dem, was nun als Eckpunkte für
den Tarifvertrag bekannt geworden ist – 11 Prozent ab September,
eineinhalb Jahre Laufzeit und die Zusage von Arbeitszeitverkürzung ab
2009 um eine Stunde – ist der Abschluss als Erfolg zu werten. Wenn nicht
noch entscheidende Fallstricke z.B. bei den neuen Entgeltgruppen oder
Sonderleistungen versteckt sind, ist dieses Ergebnis weitaus höher als
alle Abschlüsse von den DGB-Gewerkschaften in diesem oder den letzten
Jahren. Die Bahn gab bekannt, dass die 12 000 LokführerInnen zusammen 70
Millionen Euro mehr im Jahr bekommen.
Dieses Ergebnis ist ein Schlag ins Gesicht des Bahnmanagements.
Entscheidend war, dass die KollegInnen deutlich gemacht haben, dass sie
bereit sind bis zuletzt zu kämpfen. Viele Mitglieder hätten sich
gewünscht, dass noch schneller und konsequenter zur Waffe des Streiks
gegriffen würde.
Wie wird sich Transnet-Chef Hansen jetzt verhalten? GDBA Chef Hommel
musste bereits dem Druck nachgeben und sagen, dass Streiks möglich sind.
Immerhin dürfte das Ergebnis ungefähr doppelt so hoch sein wie das, was
die Tarifgemeinschaft Transnet und GDBA mit der Bahn abgeschlossen
haben. Noch immer steht die Klausel in diesem Tarifvertrag, dass ein
höherer Abschluss der GDL Neuverhandlungen bedeuten, kann. Das dürfte
den meisten Bahnbeschäftigten bekannt sein – Hansen muss erklären, warum
er darauf verzichten will, etwas besseres für seine Mitglieder
herauszuholen. Die GDL sollte das aufgreifen und Transnet und GDBA
auffordern, die Chance zu nutzen, für die übrigen Beschäftigten was
besseres rauszuholen.
Das Ergebnis der LokführerInnen ist eine wichtige Ermutigung für alle
Beschäftigten in anderen Bereichen und Industrien. Schon bis jetzt hatte
der Arbeitskampf der LokführerInnen Einfluss auf die Aufstellung der
Forderungen zum Beispiel bei ver.di für die anstehende Lohntarifrunde
bei Bund und Kommunen, wie auch bei Verkehrsbetrieben. Noch letztes Jahr
wollte die ver.di Führung die Forderung auf fünf oder vielleicht sechs
Prozent runterkochen. Jetzt sind es mindestens 200 Euro und acht Prozent
für Bund und Kommunen und sogar zwischen acht und zwöf Prozent bei den
Berliner Verkehrsbetrieben.
Die Lokführer werden nun auch als Beispiel dafür gesehen, dass ein
Streik mit Entschlossenheit und Kampfbereitschaft erfolgreich geführt
werden kann. Um diese Tatsache kommt auch DGB-Chef Sommer nicht herum,
selbst wenn er jetzt hilflos versucht, den Erfolg der GDL kleinzureden,
nachdem er ihnen vor Monaten sogar eine Niederlage prophezeit hatte.
Jetzt sieht er sich gezwungen, angesichts des Abschlusses von einem
„beachtenswerten Startschuss“ für die Tarifrunde 2008 zu reden. Aber
gleichzeitig fährt er mit der Propaganda fort, die GDL spalte die
Gewerkschaftsbewegung. Doch Einheit kann nicht Verzicht, sondern muss
gemeinsamer Kampf für Verbesserungen bedeuten! Dafür muss es einen
grundlegenden Kurswechsel der DGB-Gewerkschaften geben.
Der 62-stündige Streik im Güterverkehr, inklusive des 48-stündigen
Vollstreik im Fern-, Nah- und Güterverkehr, war der entscheidende
Wendepunkt im Arbeitskampf. Das ist die wichtigste Lehre in bezug auf
die Streiktaktik.
Durch den Vollstreik konnten die am Arbeitskampf beteiligten KollegInnen
ihre gemeinsame Stärke erfahren, was für die Motivation und
Mobilisierungskraft von unermesslichem Wert war.
Aber auch der Gegner spürte die volle Wucht des Arbeitskampfes am
stärksten durch den Vollstreik. Engpässe bei der Produktion
beispielsweise bei VW Brüssel zeigten die Anfänge für die möglichen
ökonomischen Auswirkungen, was die Profite der Konzernbosse empfindlich
getroffen hätte. Dadurch wurde von dieser Seite Druck auf das
Bahnmanagement aufgebaut.
Neben den ökonomischen Auswirkungen hatte der Streik aber auch
politische Wirkung. Viele ArbeitnehmerInnen sehen den Kampf der
LokführerInnen als ihren eigenen und viele sagen: nach Jahren von
Reallohnverlusten auf der einen Seite und Rekordgewinnen auf der anderen
muss es endlich eine Kehrtwende geben. Dass dies jetzt Thema in
Talkshows und Zeitungen ist, geht auch auf den beispielhaften Kampf der
LokführerInnen zurück. Allgemein hat diese Stimmung eine
Linksverschiebung in der Gesellschaft begünstigt. Daher war es auch ein
Anliegen der Herrschenden, den Streik währen der Landtagswahlen nicht
wieder zum Kochen zu bringen.
Verschiedene Faktoren zwangen Verkehrsminister Tiefensee dazu, direkt zu
intervenieren, da das Bahnmanagement aus ihren eigenen wirtschaftlichen
Interessen heraus zu diesen Zugeständnissen nicht bereit gewesen wäre.
Tiefensee hat dies nicht aus persönlicher Überzeugung gemacht. Doch der
Regierung war klar – wenn dieses Angebot nicht erfolgt, werden die
LokführerInnen nicht befriedet und der Streik wird weitergehen.
Dies galt es zu verhindern, denn so wären Kämpfe von Beschäftigten in
verschiedenen Bereichen zusammen gefallen, was die Stimmung für Streik
weiter angeheizt hätte. Da jetzt auch die Friedenspflicht im
Öffentlichen Dienst beendet ist, war sicher auch ein Anliegen
Tiefensees, als Vertreter der Regierung, eine mögliche explosive
Mischung von gleichzeitig streikenden LokführerInnen und Beschäftigten
in Bund, Kommunen, Krankenhäusern und Verkehrsbetrieben zu verhindern.
Hätte die GDL am Punkt des Vollstreiks weiter gestreikt bis das
Bahnmanagement einlenkt, hätte wahrscheinlich sogar ein noch wesentlich
besseres Ergebnis durchgesetzt werden können. In der Öffentlichkeit war
die Sympathie eindeutig auf der Seite der LokführerInnen. Daher wäre
auch ein erneutes Streikverbot nur schwer durchzusetzen gewesen. Hätte
es ein solches gegeben, hätte das zu diesem Zeitpunkt so große
Entrüstung hervorgerufen, dass sogar die DGB-Gewerkschaften gezwungen
gewesen wären, sich für den Erhalt des Streikrechts einzusetzen. Wäre
der Streik an diesem Punkt konsequent fortgesetzt worden, hätte auch das
Gastro- und Zugbegleitpersonal nicht aufgegeben werden müssen.
Was war gefordert worden und was ist erreicht worden?
Arbeitszeitverkürzung: Hier konnte eine allgemeine
Entwicklung von Arbeitszeitverlängerungen in allen Branchen seit langem
zum ersten Mal umgekehrt werden, hin zur Arbeitszeitverkürzung.
Allerdings scheint es bisher eine Zusage außerhalb des bis zum
31.01.2009 geltenden Tarifvertrags zu sein. Es ist wichtig, dass dies
auch dann nicht mit Kompensationen bei den Löhnen verbunden wird.
Fahrpersonaltarifvertrag (FPTV): Die GDL war mit der Forderung
eines Fahrpersonaltarifvertrags in die Auseinandersetzung gegangen. Es
ist ein Erfolg, dass ein eigenständiger Tarifvertrag erreicht wurde,
jedoch handelt es sich nun um einen Tarifvertrag für die LokführerInnen.
Hier ist auch noch nicht klar, ob die RangierlokführerInnen mit dabei
sind.
Lohn und Gehalt: eine der wichtigsten Forderungen war ein
Einstiegsgehalt nach 2500 Euro brutto. Die erreichten Erhöhungen sind
ein Signal, dass man deutliche Erhöhungen erkämpfen kann. Die
Spannbreite liegt zwischen 7 und 15 Prozent. Die Verteilung dieser
Spannbreite wird derzeit noch verhandelt. Es wäre wichtig, hier gerade
die unteren Lohngrupppen prozentual anzuheben.
Insgesamt wäre aber bei der Lohnerhöhung wie auch beim Geltungsbereich
des Tarifvertrags noch wesentlich mehr drin gewesen. Zweimal schreckte
die GDL-Spitze vor der eigenen Kraft der KollegInnen zurück und machte
die Drohung von Streiks - entgegen ihren eigenen Ankündigungen und ohne,
dass der Arbeitgeber eingelenkt hatte - nicht wahr: Einmal nach dem
erfolgreichen Vollstreik, wo wieder verhandelt wurde, und Schell ein
Ultimatum an die Bahn gestellt hatte, dass der Streik wieder aufgenommen
wird, wenn kein verhandlungsfähiges Angebot vorliegt. Die Bahn hatte
daraufhin wieder, wie Schell selbst sagte, eine „Mogelpackung“
vorgelegt. Daraufhin wurde aber der Streik nicht wieder aufgenommen.
Ähnlich verhielt es sich mit dem Ultimatum am 7. Januar. In beiden
Fällen hätte Streik den ohnehin schon hohen Druck auf das Bahnmanagement
verschärft und wären weitere Zugeständnisse möglich gewesen.
Gerade die AktivistInnen, die viel mit den KollegInnen gesprochen haben,
wissen: Hier war deutlich mehr drin. Die Kampfkraft wurde nicht voll
ausgeschöpft. Jedes Kampfangebot wurde begeistert aufgegriffen und
umgesetzt, seien es die letztlich entscheidenden Streiks oder darüber
hinaus gehende Aktionen, Demos und Proteste zum Beispiel in Berlin vor
dem Bahntower oder dem Bundesverkehrsministerium. Doch immer wieder
musste das von unten angestoßen werden. Es fehlten die Informationen.
Arbeitgeber und die dahinter stehende Bundesregierung wussten jederzeit,
was in den Verhandlungen lief. Die betroffenen KollegInnen nicht. Aber
gerade auf ihre Dynamik und Kampfbereitschaft kam und kommt es in den
Tarifverhandlungen an. Mit dieser Kampfbereitschaft ging die GDL-Führung
eher ängstlich um. Dazu passt auch die selbstauferlegte Friedenspflicht
während der Verhandlungen. Sie sollte in zukünftigen Arbeitskämpfen
verworfen werden. Schließlich hielt auch Mehdorn während der
Verhandlungen keinen Frieden. Im Gegenteil: Er reichte neue Klagen gegen
das Streikrecht ein und hetzt gegen die völlig berechtigten Interessen
der Beschäftigten.
Es ist von Vorteil, dass der Abschluss eine relativ kurze Laufzeit hat
und der Tarifvertrag bereits am 31. Januar 2009 ausläuft. Das heißt,
sich schon jetzt auf die nächste Runde vorzubereiten. Hier wird es nötig
sein, eine Verbindung zu den anderen Bahnbeschäftigten zu schlagen und
auch zu diskutieren, wie eine Verbesserung für die Zugbegleiter und das
Gastropersonal in der nächsten Tarifrunde erreicht werden kann. Außerdem
sollte die GDL ein Angebot an die restlichen Bahnbeschäftigten machen,
nun eine gemeinsame Kampagne gegen die Privatisierungspläne zu
organisieren.
Viele KollegInnen haben sich durch den Streik aktiviert und eine
wichtige Rolle gespielt, ihn zum Erfolg zu machen. Besonders Aktivitäten
wie die von Berliner Mitgliedern, während des Vollstreiks eine spontane
Demonstration zu organisieren, waren von Bedeutung. Es gilt, an diesen
Erfahrungen anzuknüpfen, um beim nächsten Arbeitskampf besser
vorbereitet zu sein. Es ist wichtig, dass gerade in wichtigen Phasen des
Arbeitskampfes (wie im Dezember nach dem Vollstreik und am 7. Januar)
die gesamte Mitgliedschaft mit darüber entscheiden kann, ob weiter
gestreikt wird.
Ein häufig angesprochener kritischer Punkt, die Informationspolitik und
Mangel an Transparenz während der Verhandlungen, sollte in der
Gewerkschaft diskutiert und korrigiert werden. Mit Anträgen und
Resolutionen kann Einfluss genommen werden, auch bei der nächsten
Generalversammlung der GDL. Als Bilanz aus dem Arbeitskampf und für
die Vorbereitung auf 2009 wären zum Beispiel wichtige Punkte:
Gläserne Tarifverhandlungen: regelmäßige Mitgliederversammlungen auf
allen Ebenen mit Informationen über den Stand der Verhandlungen
Diskussion und Entscheidung über die Streiktaktik auf
Mitgliederversammlungen
Wahl von örtlichen Streikleitungen
Streik als Mittel auch während der Verhandlungen, um den Druck auf
das Bahnmanagement zu verstärken
Konsequenter Einsatz von Streiks, um das Bahnmanagement zügig zum
Einlenken zu bewegen
Brückenschlag zu anderen Beschäftigten – gemeinsamer Kampf für
gemeinsame Interessen
Am Erfolg des Tarifvertrags für LokführerInnen anknüpfen und bei der
nächsten Runde auch die Zugbegleiter und das Gastropersonal mit in einen
Tarifvertrag einbeziehen
Konsequente Ablehnung jeglicher Privatisierungspläne der Bahn –
Vorbereitung einer Kampagne, um die Privatisierung gemeinsam mit den
anderen Bahnbeschäftigten und Betroffenen zu verhindern
Für die gesamte Gewerkschaftsbewegung sind zwei Signale am
wichtigsten, die die LokführerInnen in den letzten Monaten mit ihren
Aktionen ausgesendet haben:
Erstens: Es muss Schluss sein mit der Bescheidenheit.
Zweitens: Kämpfen lohnt sich!
[Artikel
auch als SAV-Flugblatt]
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