Berlin: Die Düttmann-Kinder
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 60, Bildung, Berlin, veröffentlicht: 20.08.2007
Gespräch mit einer Sozialarbeiterin der Werner-Düttmann-Siedlung in
Berlin-Kreuzberg
Der Düttmann-Kiez: Die größte Gemeinschaft bilden Menschen arabischer
Herkunft, ebenfalls wohnen Familien türkischer, kurdischer und
bosnischer Herkunft sowie Roma, Polen und andere im Kiez. Isabell
Schreiber und Anne Engelhardt sprachen mit Tanja Kamann (Name von der
Redaktion geändert), die hier als Jugendbetreuerin und Sozialarbeiterin
tätig ist.
Die Lemgo-Grundschule in der Düttmann-Siedlung hat einen geschätzten
Anteil von 90 Prozent SchülerInnen nichtdeutscher Herkunft. „Typisch für
eine Mehrzahl der Kinder“, erzählt Tanja Kamann, „sind mangelnde
Sprachkenntnisse, nicht nur im Deutschen, sondern auch in der
Muttersprache, Konzenstrationsschwächen, Lernprobleme, zudem geringes
Selbstwertgefühl und kaum Erfolgserfahrung.“ Auch die „mangelnde
Gesundheitsvorsorge, schlechte Zähne, beengte Wohnverhältnisse, hoher
Lärmpegel, gewalttätige Konflikte in der Familie und im näheren Umfeld
und fehlende Bewegungsmöglichkeiten“ gehören zu den Problemen, mit denen
die Heranwachsenden konfrontiert sind.
„Diese Kinder kennen es nicht, dass sie von ihren Eltern gefragt werden,
wie der Tag in der Schule war. Viele Eltern kennen nicht einmal den
Namen der Klassenlehrerin. Schon Drittklässler schreiben sich ihre
Entschuldigungen selbst.“
Tanja Kamann schildert uns: „Für viele der Düttmann-Kinder bedeutet die
Einschulung, dass eine Art Doppelleben beginnt, da Elternhaus und Schule
in keiner Verbindung zueinander stehen. Angesichts dessen „ist es umso
erstaunlicher, wie wach, wissens- und erfahrungshungrig sie sind. Wer
apathische oder auch brutale kleine Monster erwartet, wird schnell eines
Besseren belehrt. Diese Kinder wollen lernen, sie wollen sich
ausprobieren und Erfahrungen machen.“
Ob im Kindertreff, Kinderküche, bei Gartenarbeiten, Kinderfesten,
Fußballtunieren, Theater oder Chor - „die Kinder kommen freiwillig und
gern, und nehmen alles mit und an, was es an Angeboten auch immer gibt.
Besonders wichtig ist dabei der persönliche Kontakt zu Erwachsenen, die
bereit sind, die Kinder zunächst so, wie sie kommen, zu akzeptieren.
Wenn man täglich seine Zeit mit den Kindern der Düttmann-Siedlung
verbringt, wird einem schnell klar, dass die Probleme nicht mit mehr
Wachschutz, Überwachungskameras oder Metalldedektoren zu lösen sind.
Zumal acht Millionen Euro, die dafür eingeplant werden sollen, in den
Kiezprojekten besser aufgehoben wären.“
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