Metalldetektoren am Schultor: Private Wachdienste sollen Neuköllner
Schulen „schützen"
[Druckversion] Thema: Berlin, Bildung, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 60, veröffentlicht: 20.08.2007
Der bundesweit erste Vorstoß für die Einstellung von Security an Schulen
kommt ausgerechnet aus Berlin-Neukölln.
Seitdem der Fall der Neuköllner Rütli-Schule in den Medien für
Aufsehen gesorgt hatte, scheint die Berichterstattung über gewalttätige
SchülerInnen nicht abzubrechen. Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD)
heizt mit seinem Plan erneut die Debatte an.
von Anne Engelhardt, Berlin
Bisher wurden an Schulen, an denen sich gewalttätige Vorkommnisse unter
SchülerInnen häuften, Ein-Euro-Kräfte – die eigentlich Drucker oder
Kraftfahrer gelernt haben - als Aufsichtspersonal eingesetzt. Diese
sollen im kommenden Schuljahr in Neukölln nun durch professionellen
Wachdienst ersetzt werden. Damit ist aber nicht professionell im Sinne
der pädagogischen Ausbildung gemeint, sondern die entsprechende
Ausrüstung wie Schlagstöcke und Metalldetektoren.
Buschkowskys Pläne
Der Lehrer- und Pädagogenmangel wird sich im kommenden Schuljahr weiter
verschärfen. Laut Tagesspiegel vom 5. Juni sollen Berlins Schulen
„erstmals praktisch keine eigenen festen Vertretungslehrer mehr haben“.
Mit Verweis auf weniger SchülerInnen spricht der Senat von SPD und LINKE
zwar von 2,5 Prozent Vertretungsreserve, aber „erfahrungsgemäß fallen
zehn Prozent aller Stunden zur Vertretung an“. Der Berliner Schulsenator
Jürgen Zöllner (SPD) ist dagegen, Wachschutz anzufordern. Er plädiert
für Kooperationsvereinbarungen mit der Polizei.
Buschkowsky will dagegen eine Millionensumme für private Wachdienste
ausgeben. Zur Finanzierung sind – angesichts der Schulden des Bezirks -
weitere Schließungen von Bibliotheken und der Verkauf von Immobilien im
Gepräch.
Dass verschärfte Sicherheitsmaßnahmen nicht die Lösung sind, zeigt die
Lage in den USA. Dort geht jeder zehnte Neuntklässler mindestens einmal
im Jahr mit einer Waffe zur Schule. Amokläufe wie an der Virginia
Highschool 2006 nehmen zu - obwohl private Sicherheitsdienste an Schulen
schon nach den Schießereien 1999 in Littleton eingeführt wurden
(Berliner Zeitung vom 28. Juni).
Ursachen der Gewalt
Nimmt Gewalt an Schulen zu? Der Bundesverband der Unfallkassen (BUK) gab
am 7. Juni 2005 eine Statistik heraus, wonach die physische Gewalt an
Deutschlands Schulen von 1995 bis 2005 nicht gestiegen, sondern sogar
gesunken ist. Fakt ist, dass seit letztem Jahr, seit die Rütli-Schule
Schlagzeilen machte, mehr Schulen als früher gewaltsame Vorfälle melden.
Es gibt auf keinen Fall so einen rapiden Anstieg von Gewalt an Schulen,
wie Medien und Politiker glauben machen wollen. Die Debatte wird
hysterisch geführt. Armen Familien, Erwerbslosen und vor allem
MigrantInnen soll der Stempel „asozial und gewalttätig“ verpasst werden,
um von der sozialen Krise abzulenken.
Abgelenkt werden soll vom Kahlschlag in der Sozial- und Bildungspolitik.
Es sei daran erinnert, dass der Hilferuf der Rütli-Schule in einem
Schreiben an die Schulbehörde bestand, in der mehr LehrerInnen gefordert
wurden.
Laut Statistik sind 70 Prozent der „gewaltbereiten Jugendlichen“
Hauptschüler. Ihre Zukunftsaussichten sind die gleichen, die auch den
Alltag ihrer Familien prägen: Arbeitslosigkeit, Armut und ständige
Existenzangst. Sie sind in erster Linie sozial-, nicht „bildungsschwach“.
Endstation Hauptschule
Die Statistiken über die Gewalt an Schulen drücken eines nachweislich
aus: Das Konzept des dreigliedrigen Schulsystems ist gescheitert. Nicht
zuletzt die PISA-Studie hat bewiesen, dass der Bildungsstand der Kinder
in Deutschland extrem vom Geldbeutel der Eltern abhängt. Politische
Entscheidungen wie die Abschaffung der Lehrmittelfreiheit durch den
Berliner Senat sorgen dafür, dass die Schere zwischen Arm und Reich
immer weiter auseinander klafft.
80 Prozent der Rütli-SchülerInnen sind Migrantenkinder. BILD schimpfte
sie letztes Jahr „Terror-Kids“. An dieser und anderen Schulen ist aber
nicht die mangelnde Integration, sondern die verschärfte soziale Krise
explodiert. Sichtbar wurde die Brutalisierung, die der Kapitalismus zu
verantworten hat. Der Filmemacher Detlef Buck meinte zu Recht: „Das
Recht des Stärkeren wird den Jugendlichen in der Gesellschaft vorgelebt,
so dass man schon die Frage stellen darf, wer eigentlich brutaler ist,
die Jugendlichen in Neukölln oder so mancher Banker oder Manager, wo es
oft gleichzeitig um Aktiengewinne in Millionenhöhe und um die
Vernichtung von Tausenden von Arbeitsplätzen geht“ (Berliner Zeitung vom
3. April 2006).
Die Forderungen der SAV:
Nein zu Security an Schulen. Nein zu Polizeischikanen gegen
Jugendliche
Verkleinerung der Klassen auf maximal 15 SchülerInnen, Neueinstellung
von LehrerInnen
Kostenlose Bildung für alle
Nein zur Privatisierung von Bildungseinrichtungen
Einführung der Gemeinschaftsschule als Regelschule
Weg mit allen Sondergesetzen für MigrantInnen
Kostenlose Deutschkurse und die Möglichkeit muttersprachlichen
Unterrichts
Statt Schließung von Jugendzentren mehr Geld für Aus- und Neubau
Statt Bafög für wenige: Einführung einer elternunabhängigen
Grundsicherung für SchülerInnen und Studierende ab 16 Jahren von 500
Euro plus Warmmiete
Anne Engelhardt ist Bezirksverordnete in Berlin-Mitte für die BASG
(Berliner Alternative für Solidarität und Gegenwehr)
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